Marion Maré­chal in Warschau: „Der Kampf um Kultur und Bildung ist ein lang­fristiger Kampf“

Marion Maréchal · Foto: Visegrád Post / Ferenc Almássy

Inter­view mit Marion Maré­chal, einer Persön­lich­keit der fran­zö­si­schen konser­va­tiven Rechten und Direk­torin des Insti­tuts für Sozial‑, Wirt­schafts- und Poli­tik­wis­sen­schaften (ISSEP) in Lyon: „Das Colle­gium Inter­ma­rium und das ISSEP wollten eine kleine Insel des Wider­stands schaffen, einen Zufluchtsort, an dem die histo­ri­sche Rolle der Univer­sität wieder­be­lebt wird, die in erster Linie in der Suche nach der Wahr­heit und der Weiter­gabe von Wissen besteht.“

Marion Maré­chal ist eine ehema­lige Abge­ord­nete des Front National, der Partei ihrer Tante Marine Le Pen. Als sie 2012 im Alter von 22 Jahren gewählt wurde, war sie die jüngste Abge­ord­nete in der Geschichte der Fran­zö­si­schen Repu­blik. Sie gilt in Frank­reich als wich­tige Figur der konser­va­tiven Rechten und grün­dete 2018 in Lyon eine Hoch­schul­ein­rich­tung mit dem Ziel, die konser­va­tiven Eliten von morgen auszu­bilden, und das in einem Land, in dem das Hoch­schul­wesen sehr links ausge­richtet ist.

Marion Maré­chal nahm am 1. Oktober in Warschau an einer Podi­ums­dis­kus­sion über die Zukunft der Univer­sität im Rahmen einer Konfe­renz mit dem Titel „Der Platz der Wahr­heit im Zeit­alter der Cancel Culture“ teil. Die Konfe­renz wurde vom Colle­gium Inter­ma­rium orga­ni­siert, einer neuen privaten Univer­sität, die mit dem Ziel gegründet wurde, die konser­va­tiven Eliten Mittel- und Osteu­ropas auszu­bilden.

Anläss­lich des Besuchs der ISSEP-Direk­torin in Polen auf Einla­dung des Colle­gium Inter­ma­rium unter­zeich­neten die beiden Hoch­schul­ein­rich­tungen ein Part­ner­schafts­ab­kommen über die Veröf­fent­li­chung von Gutachten, die Orga­ni­sa­tion von Veran­stal­tungen und den Austausch von Studierenden.

Das Inter­view der Visegrád Post mit Marion Maré­chal fand am 1. Oktober in Warschau statt.

Von links nach rechts: Jerzy Kwaś­niewski, Rechts­an­walt, Vorsit­zender von Ordo Iuris, Chris­tian Machek, Philo­soph, Mitglied des Insi­tuts Reno­vatio und Lehrer am Inter­na­tio­nalen Seminar St. Peter in Wigratzbad, Gladden Pappin, Poli­tik­wis­sen­schaftler an der Univer­sität Dallas, Marion Maré­chal, Direk­torin des ISSEP, Grégor Puppinck, Präsi­dent des Euro­päi­schen Zentrums für Recht und Gerech­tig­keit (ECLJ), Marion Smith, Präsi­dentin der Common Sense Society – Bild: Olivier Bault

Olivier Bault: Sie sagen, dass das Institut für Sozial‑, Wirt­schafts- und Poli­tik­wis­sen­schaften (ISSEP), das Sie in Lyon gegründet haben und leiten, ein Pol des intel­lek­tu­ellen Wider­stands ist, an dem die Meinungs­frei­heit gelebt wird. Dies ist sehr ähnlich wie der Anspruch des Colle­gium Inter­ma­rium, der neuen mittel­eu­ro­päi­schen Univer­sität in Polen, an deren Eröff­nungs­kon­fe­renz zum ersten akade­mi­schen Jahr Sie teil­ge­nommen haben.

Kann man sagen, dass das ISSEP und das Colle­gium Inter­ma­rium zwei Inseln der intel­lek­tu­ellen Frei­heit in Gesell­schaften sind, die in Rich­tung Tota­li­ta­rismus driften?

Marion Maré­chal: Ja, das kann man sagen, und das erklärte Ziel unserer beiden Schulen ist es, eine Antwort und eine Alter­na­tive zu einem Phänomen zu sein, das sich leider immer mehr in der Univer­si­täts­welt durch­setzt, sei es in Polen oder in Frank­reich. Dies äußert sich zum einen in einer intel­lek­tu­ellen Homo­ge­nität, genauer gesagt in einem intel­lek­tu­ellen Konfor­mismus, und zum anderen in einem Sektie­rertum, das manchmal an intel­lek­tu­ellen Terro­rismus grenzt. In der Tat vergeht in Frank­reich kaum eine Woche ohne eine Kontro­verse über die Bedro­hung, Ausgren­zung oder Ächtung von Lehr­kräften, über die Störung oder gar Absage von Konfe­renzen oder über Studen­ten­ver­bände, die Druck auf die Univer­si­täten ausüben, um eine oft sehr radi­kale und mili­tante Agenda durch­zu­setzen. Wir erleben, dass viele Insti­tu­tionen – glück­li­cher­weise nicht alle – zu eifrigen Vermitt­lern verschie­dener Ideo­lo­gien werden. Ich denke dabei insbe­son­dere an LGBT, Neofe­mi­nismus, Cancel Culture, Wokismus und – in Frank­reich – Immi­gra­tio­nismus. Manchmal, wie an der Sciences Po und der Sorbonne, werden sogar Studi­en­gänge einge­richtet, die sich diesen Ideo­lo­gien widmen, insbe­son­dere im Bereich der Gender Studien.

Es gibt eine regel­rechte Geisel­nahme von Schü­lern, die sich meist nicht einmal trauen, einen Wider­spruch zu äußern, weil sie im besten Fall kriti­siert und im schlimmsten Fall bedroht werden könnten. So wurde beispiels­weise an der Univer­sität Lumières Lyon 2 ein Student der Poli­tik­wis­sen­schaften, der in den sozialen Netz­werken die poli­ti­sche Korrekt­heit und die völlige Abwe­sen­heit von Wider­spruch und Meinungs­ver­schie­den­heiten in seinen Kursen ange­pran­gert hatte, belei­digt und körper­lich bedroht, ohne dass die Leitung jemals Stel­lung bezogen oder sich auf seine Seite gestellt hätte.

Ich denke, dass das Colle­gium Inter­ma­rium und das ISSEP ange­sichts dessen und ange­sichts des Rück­gangs des Niveaus – denn beides geht leider Hand in Hand – eine kleine Insel des Wider­stands schaffen wollten, ein Refu­gium, in dem die histo­ri­sche Rolle der Univer­sität, die in erster Linie in der Suche nach der Wahr­heit und der Weiter­gabe von Wissen besteht, wieder­be­lebt werden sollte.

Olivier Bault: In Polen hat das Colle­gium Inter­ma­rium eine private Finan­zie­rung für seine Grün­dung erhalten, es hat die Unter­stüt­zung des Insti­tuts für Rechts­kultur Ordo Iuris, einer in diesem Land sehr bekannten und sehr aktiven Verei­ni­gung von Anwälten und Juristen mit konser­va­tiver Einstel­lung, es hat zumin­dest die mora­li­sche, wenn auch im Moment keine finan­zi­elle Unter­stüt­zung der Regie­rung, und es werden sogar mehrere Staats­se­kre­täre bei der heutigen Eröff­nungs­kon­fe­renz anwe­send sein, von denen einer dem Minis­te­rium für Bildung und Hoch­schul­wesen ange­hört. In Frank­reich hingegen scheint das ISSEP von den öffent­li­chen Behörden und der Hoch­schul­welt eher geächtet zu sein…

Marion Maré­chal: Der erste bemer­kens­werte Unter­schied zwischen unseren beiden Ländern ist, dass die Konser­va­tiven in Frank­reich nicht an der Macht sind. Ich kann mir vorstellen, dass die polni­sche Regie­rung diese Art von Initia­tive wohl­wol­lend betrachtet. Dies wäre umso logi­scher, als der derzei­tige polni­sche Bildungs­mi­nister ursprüng­lich an diesem Projekt teil­nehmen sollte, bevor er in die Regie­rung Mora­wi­ecki berufen wurde. Ich stelle mir also vor, dass es eine gewisse Synergie gibt, die ich ihnen wünsche.

In unserem Fall, um es einfach auszu­drü­cken, sind es die Liberal-Progres­sisten, die an der Macht sind. Unsere Schule wird von den Linken und der derzei­tigen Regie­rung offen­sicht­lich nicht wohl­wol­lend betrachtet. Wir haben keine öffent­li­chen Zuschüsse, aber nach vier Jahren unseres Bestehens umfasst unser Lehr­körper etwa fünfzig Personen, von denen eine beträcht­liche Anzahl an der öffent­li­chen Univer­sität unter­richtet und sich nicht scheut, zu behaupten, dass sie auch am ISSEP tätig sind, was zeigt, dass sich die Dinge ein wenig bewegen. Da wir sowohl in Poli­tik­wis­sen­schaft als auch in Manage­ment ausbilden, gehören zu unseren Lehr­kräften auch Unter­neh­mens­leiter, Jour­na­listen, hohe Beamte, Offi­ziere, Juristen und nicht zuletzt die Mitar­beiter des Centre d’analyse et de prospec­tive, daa unser Forschungs­zen­trum und die Quelle unserer Veröf­fent­li­chungen ist.

Unsere Studenten machen Fort­schritte und wir erlangen allmäh­lich akade­mi­sche Glaub­wür­dig­keit. Am Anfang war es für uns sicher­lich kompli­zierter, aber heute stelle ich fest, dass unsere Studenten alle eine Prak­ti­kums­stelle finden, manchmal sogar in großen fran­zö­si­schen Unter­nehmen, und dass sie alle ohne nennens­werte Schwie­rig­keiten beruf­lich inte­griert werden konnten. Um das ISSEP herum gibt es ein ganzes Ökosystem von Verbänden, Unter­nehmen und lokalen Behörden, die eben­falls Unter­stüt­zung leisten und als vorran­gige Aufnah­me­stellen fungieren. Mit dieser Netz­werk­logik haben wir die Schwie­rig­keiten, die wir hätten haben können, da wir nicht von den Behörden vor Ort nicht unter­stützt werden, weit­ge­hend kompen­siert, und wir bilden nun jedes Jahr etwa hundert Studenten aus, davon etwa dreißig im Master­stu­di­en­gang und etwa siebzig im Rahmen der Weiterbildung.

Olivier Bault: Sie haben eine Schule in Spanien gegründet. Können Sie uns ein paar Worte zu Ihrem spani­schen Projekt sagen? Warum haben Sie sich für Spanien entschieden?

Marion Maré­chal: Letztes Jahr haben wir eine spani­sche Nieder­las­sung eröffnet, die sehr gut funk­tio­niert, mit Programmen, die an Spanien ange­passt sind, in spani­scher Sprache, mit spani­schen Lehrern und einem spani­schen Team. Wir haben den Wunsch, mit dem ISSEP inter­na­tional tätig zu werden. Anfangs träumte ich davon, in der „Latei­ni­schen Allianz“ erfolg­reich zu sein und mich zunächst in Italien, Spanien und viel­leicht sogar Portugal nieder­zu­lassen. Zufällig kam ein spani­sches Team zu uns, ein recht junges Team, zwischen 30 und 40 Jahre alt, einige von ihnen hatten in der Politik gear­beitet, ohne gewählt worden zu sein, andere waren Unter­nehmer – ein biss­chen wie wir bei dem ISSEP, und sie erklärten uns, dass sie das ISSEP-Modell in Spanien gerne über­nehmen möchten. Heute arbeitet diese spani­sche Einrich­tung autonom, aber wir haben eine gemein­same Marken­iden­tität und eine gemein­same pädago­gi­sche Charta sowie admi­nis­tra­tive Verbindungen.

Olivier Bault: Ich denke, dass die Univer­sität in Spanien und Frank­reich unter den glei­chen Problemen leidet…

Marion Maré­chal: Ja, aber dem ISSEP in Madrid ist es gelungen, sofort einige große Persön­lich­keiten an Bord zu holen, darunter ehema­lige Minister, die sich dem Projekt ange­schlossen haben, und sogar, in einer lustigen Wendung, den Präsi­denten des Fußball­ver­bands, der sich an dem Projekt betei­ligt hat. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass sie sofort sehr erfolg­reich waren, weil sie einige große Namen ins Spiel brachten. Es ist bezeich­nend, dass es in Spanien, obwohl das Land von der Linken regiert wird, eine große Dynamik in konser­va­tiven Kreisen gibt, die zusam­men­halten. In Frank­reich ist dies weniger der Fall.

Olivier Bault: Haben Sie, bevor Sie vom Colle­gium Inter­ma­rium hörten, gedacht, dass auch Polen eine Insel des intel­lek­tu­ellen Wider­stands im Hoch­schul­be­reich braucht? Über­rascht Sie das?

Marion Maré­chal: Nein, das über­rascht mich nicht so sehr, denn wir wissen, dass selbst in Ländern, in denen die Konser­va­tiven an der Macht sind, das Bildungs­wesen im Allge­meinen und die Hoch­schul­bil­dung im Beson­deren eine Domäne der Linken bleiben. Der Kultur­kampf wurde lange Zeit verloren. In unserem Land waren es früher die Trotz­kisten, die das Sagen hatten, aber jetzt ist es überall eine Form des Neomar­xismus, denn der Klas­sen­kampf wurde durch den Kampf der Rassen oder den Kampf der Geschlechter ersetzt. Das Wesen der Herr­schenden und der Beherrschten hat sich verän­dert, aber die Dialektik, die Argu­men­ta­tion und in gewisser Hinsicht auch die Methoden sind dieselben geblieben: Es wird nicht debat­tiert, sondern guillotiniert.

Ange­sichts dieser neomar­xis­ti­schen Linken zeigt die junge Genera­tion der Konser­va­tiven – das Team des Colle­gium Inter­ma­rium ist eben­falls jung, es besteht aus 30- oder 40-Jährigen, wie es auch beim ISSEP der Fall ist – den Wunsch, zusam­men­zu­ar­beiten, indem wir über unsere mögli­chen Unter­schiede hinaus­gehen, um in einer Logik der Verbin­dungen, der Vernet­zung, der gegen­sei­tigen Nutzung von Kräften und Erfah­rungen zu sein. Es ist sehr inter­es­sant, weil es neu ist und wächst. Als ich auf dem CPAC, dem großen Treffen der ameri­ka­ni­schen Konser­va­tiven, war, war ich von der Netz­werk­logik dieser Kreise jenseits des Atlan­tiks in all ihrer Viel­falt beein­druckt. Sie haben diese Logik der Soli­da­rität und diesen Wunsch, in Rudeln zu jagen, wie es die Linke sehr oft tut. In Frank­reich gibt es diese Kultur über­haupt nicht, aber ich habe den Eindruck, dass dies in anderen euro­päi­schen Ländern weniger der Fall ist.

Olivier Bault: Planen Sie nach diesem ersten Besuch, den Austausch mit dem Colle­gium Inter­ma­rium weiter auszubauen?

Marion Maré­chal: Das ist natür­lich das Ziel, und ich hoffe, dass es auch so sein wird, wie beim Mathias Corvinus Colle­gium (MCC), dieser großen Schule, die in Ungarn eine Ausbil­dung mit vielen inter­na­tio­nalen Austau­schen anbietet. Ich habe sie letzte Woche gesehen, als ich auf dem 4. Demo­gra­phie-Gipfel in Buda­pest war. Auch das Colle­gium Inter­ma­rium kennt sie gut. Die Idee ist, Kollo­quien und gemein­same Studien mit Veröf­fent­li­chungen in mehreren Spra­chen zu veran­stalten, Lehr­kräfte auszu­tau­schen und auf lange Sicht den Austausch von Studenten während bestimmter Zeit­räume zu ermöglichen.

Olivier Bault: Sie arbeiten immer noch mit einer Hoch­schul­ein­rich­tung im russi­schen St. Peters­burg zusammen, glaube ich.

Marion Maré­chal: Wir haben in der Tat eine Part­ner­schaft mit der Univer­sität St. Peters­burg und insbe­son­dere mit ihrer poli­tik­wis­sen­schaft­li­chen Fakultät geschlossen, auch wenn die Covid-Pandemie alles für eine Weile zum Erliegen brachte. Wir haben auch eine Part­ner­schaft mit einer großen privaten Univer­sität im Libanon, in Kaslik. Es ist die USEK, die Heilig-Geist-Univer­sität von Kaslik [Univer­sité Saint-Esprit de Kaslik]. Diese Art von Part­ner­schaft ist immer eine große Berei­che­rung für die Schüler und auch für uns. In einem Umfeld, das in der Tat globa­li­siert ist, müssen wir auch wissen, wie wir uns der Außen­welt öffnen können, was unser Ziel ist.

Olivier Bault: Letzte Woche haben Sie auf dem Demo­gra­phie-Gipfel in Buda­pest gespro­chen und Viktor Orbán getroffen. Was haben Sie bei Ihrem Austausch erfahren? Was haben Sie ihm gesagt und was hat er Ihnen gesagt?

Marion Maré­chal: Es war eine sehr inter­es­sante Sitzung, die für 30 Minuten ange­setzt war und andert­halb Stunden dauerte. Wir haben zunächst über die Situa­tion bei den Wahlen in Frank­reich und Ungarn gespro­chen und dann über die Geopo­litik. Ich für meinen Teil habe mit ihm über die Türkei, Russ­land, Deutsch­land… gespro­chen. Ich war beein­druckt von seiner Erfah­rung – man spürt, dass er seine Themen beherrscht – und ich war auch beein­druckt von dem unga­ri­schen Prag­ma­tismus. Wir haben es keines­wegs mit Ideo­logen zu tun, die prin­zi­pi­elle Posi­tionen vertreten. Sie sind im Rahmen der inter­na­tio­nalen Bezie­hungen sehr prag­ma­tisch, ohne in irgend­einer Weise dumm zu sein. Ich habe mich sehr in den Kommen­taren wieder­ge­funden, die abge­geben wurden. Viktor Orbán wollte auch wissen, was die Fran­zosen von Deutsch­land hielten, und ich denke, wir waren einer Meinung, dass die Deut­schen für uns Verbün­dete waren, dass wir aber kein deut­sches Europa wollten, und dass Frank­reich, indem es sich dem Trug­bild des deutsch-fran­zö­si­schen Paares hingab, zu diesem deut­schen Europa beitrug, dass es seine Inter­essen nicht wirksam vertei­digte und dass es sich vor allem anderer wich­tiger Bünd­nisse inner­halb der Euro­päi­schen Union beraubte. Bünd­nisse zur Vertei­di­gung einer euro­päi­schen Alter­na­tive, die auch ein Europa der Zivi­li­sa­tion wäre. In dieser Hinsicht sollten die Länder Mittel­eu­ropas privi­le­gierte Verbün­dete sein.

Olivier Bault: Im fort­schritt­li­chen, libe­ralen Europa von heute „geht also die Sonne im Osten auf“?

Marion Maré­chal: Ich glaube, dass es überall noch ein wenig Wider­stand gibt. Inner­halb der Euro­päi­schen Union gibt es verschie­dene Frak­turen. Es gibt wirt­schaft­liche, aber auch geopo­li­ti­sche Gräben, denn nicht jeder hat die gleiche Vision von Europa. Die einen wollen ein souve­ränes und unab­hän­giges Europa, wie es in Frank­reich schon immer der Fall war. Andere sehen Europa als eine trans­at­lan­ti­sche Teil­menge. Und es gibt immer noch eine zivi­li­sa­to­ri­sche Kluft. Die einen sehen Europa als eine Art multi­kul­tu­rellen Bahnhof ohne Grenzen, die anderen als ein zivi­li­sa­to­ri­sches Ganzes, das es zu schützen und zu entwi­ckeln gilt. In ganz Europa gibt es Verbün­dete auf allen drei Ebenen. Auf wirt­schaft­li­cher Ebene haben wir in Frank­reich Verbün­dete im Süden, die wie Frank­reich die ersten Opfer der totalen Öffnung der wirt­schaft­li­chen Grenzen sind, insbe­son­dere mit Entwick­lungs- und Schwel­len­län­dern oder Mächten wie China. Wir Konser­va­tiven haben natür­lich zivi­li­sa­to­ri­sche Verbün­dete in den Ländern Mittel- und Osteu­ropas. Wir haben sicher­lich weniger Verbün­dete, wenn es um Europa als Macht geht, aber in dieser Hinsicht leistet auch Deutsch­land seinen Beitrag, nachdem es bei einer Reihe von Themen, insbe­son­dere bei der Gaspipe­line Nord Stream 2, ernüch­tert wurde. Ich denke, dass Frank­reich in der Lage sein muss, seine eigene Stimme zu erheben, indem es weiß, wie es seine Inter­essen vertei­digt und mit all jenen zusam­men­ar­beitet, die seine Visionen zu diesen verschie­denen Themen teilen.

Olivier Bault: Glauben Sie, dass Polen ange­sichts des Aufstiegs dieser von den USA ausge­henden Woke-Ideo­logie in West­eu­ropa eine wich­tige Rolle spielen muss?

Marion Maré­chal: Ja, das ist unbe­streitbar, und ich glaube, dass dies der Wunsch der Polen ist. Ich bin sehr froh, dass es Länder gibt, die es schaffen, sich in dieser Hinsicht gegen Brüssel zu behaupten. Brüssel geht weit über die Verträge hinaus. In den euro­päi­schen Verträgen war von Anfang an nicht vorge­sehen, dass sich die EU mit „gesell­schaft­li­chen“ Fragen befassen würde. Jetzt können wir sehen, dass eine echte ideo­lo­gi­sche Dampf­walze aufge­baut wird. Es ist ein Glück, dass sich einige Länder dagegen wehren und sich nicht einschüch­tern lassen, und wir sollten ihnen dankbar sein, denn im Moment sind es leider nicht die west­li­chen Länder, die diesen Kampf führen.

Olivier Bault: Glauben Sie, dass auch der katho­li­sche Glaube vieler Polen eine Rolle spielt? Leiden die west­eu­ro­päi­schen Länder, darunter auch Frank­reich, nicht vor allem darunter, dass sie ihren Glauben an Gott verloren haben und sich geschwächt, ohne feste Bezugs­punkte und mit schwan­kenden Werten ange­sichts des Anstiegs indi­vi­du­eller und gemein­schaft­li­cher Ansprüche wieder­finden? Ich denke da zum Beispiel an das kürz­lich in Frank­reich verab­schie­dete Bioethik­ge­setz, das einen sehr schlechten Namen trägt…

Marion Maré­chal: Ich denke, dass der Wider­stand der Polen mit vielen Dingen zusam­men­hängt, und der Katho­li­zismus ist in der Tat ein wich­tiger spiri­tu­eller Kitt, der ein inte­graler Bestand­teil ihrer Iden­tität und ihrer Beson­der­heit ist, weil sie ein katho­li­sches Land waren, das an ortho­doxe Länder angrenzte. Wie Frank­reich ist auch Polen ein tausend­jäh­riges Land. In unserem Land herrschte Hugo Capet im 10. Jahr­hun­dert, und um diese Zeit wurde in etwa Polen geboren. Es handelt sich also um ein Land mit echtem Tief­gang, das, wie Frank­reich, Abstürze und Aufschwünge erlebt hat. Es ist ein Land, das mal zerschlagen wurde und viele Inva­sionen erlebt hat und sich daher in gewisser Weise seiner Zerbrech­lich­keit bewusst ist. Es ist ein Land, das weiß, dass es sterben kann und dass es immer kämpfen muss, um sein Über­leben und seine Inte­grität zu vertei­digen, was Frank­reich viel­leicht weniger bewusst ist. Frank­reich hat mehr Inva­sionen durch­ge­führt, als es bedroht wurde, selbst wenn es auch auf seinem Terri­to­rium ange­griffen wurde. Frank­reich wurde nicht wie Polen geteilt. Ich glaube, dass all dies dazu beiträgt, den polni­schen Stand­punkt in der Euro­päi­schen Union mit mehr Nach­druck zu vertreten.

Olivier Bault: Sie haben das ISSEP mit einer lang­fris­tigen Perspek­tive gegründet. In Buda­pest haben Sie jedoch Ihre Befürch­tungen über die Massen­ein­wan­de­rung und die Isla­mi­sie­rung Frank­reichs zum Ausdruck gebracht. Befürchten Sie nicht, dass es für Frank­reich bereits zu spät sei, bevor Ihre Schule einen posi­tiven Einfluss auf die Zusam­men­set­zung und den Zustand der fran­zö­si­schen Elite haben könne?

Marion Maré­chal: Es liegt auf der Hand, dass der Kampf um Kultur und Bildung ein lang­fris­tiger ist. Wir befinden uns da nicht unmit­telbar im Fokus der Medien. Das ist der Grund, warum sich viele Menschen davon abwenden: Sie wollen sofort Ergeb­nisse erzielen. Ich halte das für einen Fehler. Die Geschichte wird von den aktiven Minder­heiten geschrieben. Deshalb muss diese Minder­heit geschult werden. Es ist nie zu spät, es zu versu­chen. Die Philo­so­phin Simone Weil sagte, dass die Entwur­ze­lung alles zerstört, außer dem Bedürfnis nach Wurzeln. Schulen wie die unsere reagieren auf dieses Bedürfnis nach Verwur­ze­lung. Und da wir auf einen Bedarf reagieren, denke ich, dass wir sehr schnell wachsen werden. In dieser Hinsicht bin ich recht opti­mis­tisch, auch wenn wir uns noch in einer Phase befinden, in der wir die Saat ausbringen. In ein paar Jahren werden wir die Früchte sehen.

Olivier Bault: Sie haben 2019 vor dem Konvent der Rechten gesagt: „Ich befinde mich jetzt in einem Bildungs- und Kultur­kampf. Mein Universum ist dasje­nige der Ideen und nicht mehr dasje­nige der Wahl­urnen“. Doch in konser­va­tiven fran­zö­si­schen Kreisen sehen manche in Ihnen eine mögliche Jeanne d’Arc. Schließen Sie aus, eines Tages in die Politik zurückzukehren?

Marion Maré­chal: Mich als mögliche Jeanne d’Arc zu sehen, gereicht mir zur Ehre. Aller­dings habe ich eine Rück­kehr in die Politik nie ausge­schlossen, und ich habe immer gesagt, dass ich mir es nicht verwehre, dies zu tun. Um ehrlich zu sein, denke ich, dass ich zur Politik zurück­kehren werde, weil ich sie mag und sie mich antreibt. Aber ich will es nicht über­stürzen. Ich möchte mir die Zeit und die Wahl des rich­tigen Zeit­punkts lassen. Politik ist eine radi­kale Entschei­dung. Das wird dann bedeuten, dass ich eine Pause vom ISSEP einlegen muss. Aber dieses Projekt liegt mir nun sehr am Herzen und ich halte es für sehr wichtig. Deshalb möchte ich diese Entschei­dung erst dann treffen, wenn ich sicher bin, dass alles vorhanden ist, damit diese Schule auch ohne mich leben und sich entwi­ckeln kann, auch wenn ich nur ein Teil eines großen Teams bin. Ich habe also keinen genauen Plan, aber ich werde mich natür­lich nicht davon abhalten, irgend­etwas zu tun.

Olivier Bault ist Franzose und lebt seit dem Anfang der 1990er Jahre in Polen; er ist der Korrespondent in Polen für die Visegrád Post und die französische Tageszeitung Présent. Als freiberuflicher Journalist, der das Geschehen in Polen und Europa aufmerksam verfolgt, veröffentlicht er auch auf Polnisch in der polnischen Wochenzeitung Do Rzeczy und auf Englisch auf dem Portal Remix News.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei VISEGRÁD POST, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION


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