Mit offenen Augen in Siebenbürgen

Bilquelle: Ungarnreal

Von Róbert Laczkó-Vass (Kolozsvá­r/­Klau­sen­bur­g/­Cluj-Napoca, Siebenbürgen)
 
Es ist üblich, das multi­eth­ni­sche Sieben­bürgen als Schweiz des Ostens” zu bezeichnen. Die Geogra­phie und die Selbst­ver­wal­tungs­tra­di­tionen der im Karpa­ten­bogen gele­genen Region weisen viele Ähnlich­keiten mit der Alpen­re­pu­blik auf, aber ihre ethni­sche Land­karte wurde im Jahr­hun­dert seit dem Frie­dens­ver­trag von Trianon, der zur Auftei­lung des histo­ri­schen Ungarns führte, so neu gezeichnet, dass das Schweizer Beispiel heute utopisch erscheint.

Nur wenige Menschen wissen, dass hier 1568, 30 Jahre vor dem Edikt von Nantes, zum ersten Mal in der Welt reli­giöse Tole­ranz verkündet wurde.

Natür­lich hat das fried­liche Zusam­men­leben immer seine Wider­sa­cher gehabt, wie überall in Europa. So war der öster­rei­chi­sche Kaiser, der maßgeb­lich an der Nieder­schla­gung der Revo­lu­tion und des Unab­hän­gig­keits­krieges von 1848/49 betei­ligt war, so erfolg­reich darin, die sieben­bür­gi­schen Volks­gruppen gegen­ein­ander auszu­spielen, dass natio­nale Gemein­schaften mit ähnli­chem Schicksal, aber unter­schied­li­cher Kultur zu antago­nis­ti­schen Parteien wurden.

Der Frie­dens­ver­trag von Trianon hatte trau­rige Folgen für die Ungarn in Sieben­bürgen, vor allem durch die Assimilierung.

Die unga­ri­sche Minder­heit begann in Rekord­zeit, ihren eigenen Weg zu suchen, doch es fiel den Menschen schwer, sich selbst zu finden, und ihre Entwick­lungs­mög­lich­keiten waren stark einge­schränkt. Das kommu­nis­ti­sche Staats­system nach dem Zweiten Welt­krieg zielte auf die bewusste Assi­mi­lie­rung verschie­dener ethni­scher Gruppen ab, und die soge­nannte “Homo­ge­ni­sie­rung” diente in erster Linie diesem Zweck.

Die ethni­schen Propor­tionen der sieben­bür­gi­schen Städte wurden durch Massen­um­sied­lungen unter dem Vorwand der Indus­tria­li­sie­rung verän­dert, und die Mehr­heit derje­nigen, die aus anderen histo­ri­schen Regionen kamen, verstand      den Geist und das Wesen des „Tran­syl­va­nismus“ nicht.

Die Folgen von Trianon kann jeder sehen, der Sieben­bürgen mit offenen Augen besucht. Während das Szekler­land  noch ein relativ einheit­lich unga­ri­sches ethni­sches Bild aufweist, gibt es in Königs­boden  kaum noch Sachsen. In den letzten Jahr­zehnten des Kommu­nismus verkaufte das Ceau­sescu-Regime einige von ihnen gegen ein Kopf­geld an die dama­lige Bundes­re­pu­blik Deutsch­land. In der Zwischen­zeit hat sich in anderen sieben­bür­gi­schen Komi­taten, vor allem in Südsie­ben­bürgen, die Assi­mi­lie­rung der unga­ri­schen Gemeinden beschleu­nigt, und wir können hier meist nur in der Vergan­gen­heits­form von den Ungarn reden, die dort früher einmal gelebt haben. Natür­lich ist dies nicht nur das Ergebnis von Trianon, die rasante Zerstö­rung des bauli­chen Erbes erfolgte aller­dings im 20. Jahrhundert.

Die Burg Vajda­hunyad in Sieben­bürgen · Bild­quelle: Maszol

Die Einschrän­kungen aufgrund der Coro­na­virus-Epidemie waren für viele von uns ein Ansporn dazu, in der Heimat zu reisen. Im Komitat Hunyad (Jud.Hunedoara) besu­chen die Touristen vor allem das Fami­li­engut des großen unga­ri­schen Renais­sance­kö­nigs Mátyás (Matthias) Hunyadi, die Burg  Vajda­hunyad (Eisen­markt; Hune­doara). Es ist ein gut erhal­tenes Baudenkmal, so wie auch die Burg im benach­barten Déva (Diem­rich; Deva) vorbild­lich restau­riert wurde, aber die unga­ri­schen Denk­mäler in den umlie­genden Dörfern – mittel­al­ter­liche oder moderne Kirchen, Adels­sitze und Schlösser – geben ein bedau­er­li­ches Bild ab. Die Burg Déva ist das Thema einer der drama­tischsten unga­ri­schen Volks­bal­laden, in der Kőműves Kelemen, der Baumeister und seine elf Gefährten die Frau von Kelemen vergeb­lich an den Burg­mauern bauen, da diese immer wieder einstürzen, und die Aufgabe nur mit einem Blut­opfer voll­zogen werden kann. Diese Geschichte könnte auch ein Symbol für die Bemü­hungen der stark dezi­mierten unga­ri­schen Gemein­schaft in Südsie­ben­bürgen sein.

Die Ruinen einer impo­santen unga­risch-protes­tan­ti­schen Kirche ragen neben der alten ortho­doxen Kirche im Dorf Hunyad, das heute voll­ständig von Rumänen bewohnt wird, in den Himmel. Der freund­liche alte Haus­meister der wunder­schön restau­rierten ortho­doxen Kirche erzählte traurig, wie die protes­tan­ti­sche Kirche ohne Gemeinde und Priester geblieben war und wie ihre riesige Kirche, auf deren Orgel der dama­lige unga­ri­sche Kantor als Junge Psalmen zu spielen pflegte, zerstört worden war. In weniger als fünfzig Jahren stürzte die Decke ein, das Kirchen­schiff wurde von dichtem Gestrüpp über­wu­chert, und die Spitze des Kirch­turms wurde von einem Sturm weggefegt.

Das ist das typi­sche Schicksal von protes­tan­ti­schen oder katho­li­schen Kirchen in Sieben­bürgen, die ohne Gemeinde bleiben: Sobald ein Hänge­schloss am Haupttor ange­bracht wird, ist alles verloren, und oft werden unschätz­bare Werte zerstört.

Man könnte die Geschichten endlos fort­setzen, was alles in den letzten hundert Jahren an den Rand der endgül­tigen Zerstö­rung geraten ist. Ein paar der Beispiele sind beson­ders auffällig. Die Kirchen­burgen der Sachsen sind beson­ders wert­volle Denk­mäler Sieben­bür­gens, mehrere von ihnen sind als Welt­kul­tur­erbe geschützt, doch vor einigen Jahren stürzte aufgrund von Desin­ter­esse und Fahr­läs­sig­keit der 700 Jahre alte Turm der Kirchen­burg in Szászveres­mart Roth­bach (Rotbav, Jud.Brassov) ein. In den Ruinen der säch­sisch-evan­ge­li­schen Kirche in Kiszsolna (Senn­dorf; Jelna) im Land­kreis Besz­terce-Naszód wurde in letzter Minute eine zeit­ge­nös­si­sche sieben­bür­gi­sche Nach­bil­dung von Giottos berühmter römi­scher Navicella gefunden, ähnliche sind nur in Florenz, Pistoia und Straß­burg zu sehen. Trotz der verwor­renen Eigen­tums­ver­hält­nisse und der Büro­kratie ermög­li­chen inter­na­tio­nale Koope­ra­tionen und unga­ri­sche Stif­tungs­gelder den Experten nun, die Reste des Freskos zu reha­bi­li­tieren. Die wert­vollen mittel­al­ter­li­chen Freskos an den Wänden der unga­risch-protes­tan­ti­schen Kirche in Kéménd (Chim­india), Komitat Hunyad, mit ihrer einge­stürzten Decke wurden vor zwei Jahr­zehnten vom Regen prak­tisch wegge­spült. Von Studenten aus Kolozsvár (Klau­sen­burg, Cluj-Napoca) vor der totalen Zerstö­rung gerettet, wurde die Kirche wunder­schön restau­riert und wird bald in den Kreis­lauf des Tourismus eingeschaltet.

Ähnlich spek­ta­kulär, wenn auch aufgrund mangelnder Ressourcen eher zeit­auf­wendig, ist die Sanie­rung des Schlosses Bánffy in Bonchida (Bonis­bruck; Bontida), bekannt als das Versailles Sieben­bür­gens.

Der Zustand des Schlosses Bánffy in Bonchida 2018.

Die Güter und Schlösser der sieben­bür­gisch-unga­ri­schen Aris­to­kratie wurden im Kommu­nismus verstaat­licht, in die impo­santen Gebäude zogen staat­liche Insti­tu­tionen, aber Geld wurde sehr wenig aufge­wendet. Mehrere Besitze konnten in den letzten Jahr­zehnten per Gerichts­ver­fahren zurück­ge­holt werden, aber

ein großer Teil befindet sich in einem Zustand des perma­nenten Verfalls, von einer Reihe von Schlös­sern bleiben nur Ruinen.

Es wäre ein großer beruf­li­cher und gemein­schaft­li­cher Erfolg, wenn eines oder zwei dieser Gebäude wieder in einen nutz­baren Zustand versetzt würden.Touristen, die in Sieben­bürgen unter­wegs sind, können in Verbin­dung mit den verfal­lenden  Baudenk­mä­lern viele Erzäh­lungen über die mensch­li­chen Schick­sale und kommu­nalen Dramen hören, die sich dort zutrugen.

Der mensch­liche Kontext der letzten hundert Jahre sieben­bür­gi­scher Geschichte erschließt sich am ehesten aus den bedau­er­li­chen Geschichten der Einheimischen.

Dieser Beitrag ist nicht geeignet, die tieferen Zusam­men­hänge herzu­stellen, sondern soll ledig­lich zum Nach­denken anregen.

Eines der drama­tischsten Werke der sieben­bür­gisch-unga­ri­schen Lite­ratur des 20. Jahr­hun­derts ist Zoltán Jékelys Gedicht „In der Kirche von Maross­zen­timre“, in dem er parallel zur Zerstö­rung einer mittel­al­ter­li­chen Dorf­kirche den Unter­gang einer Gemein­schaft und einer Kultur voraus­sieht. Aber als ich im Früh­jahr dort war, arbei­teten Archäo­logen, Zimmer­leute und Maurer rund um die Ruinen des histo­ri­schen Gebäudes: Der symbol­träch­tige Ort erwacht wieder zum Leben, und das ist eine posi­tive Entwick­lung sowohl für die Mehr­heits­be­völ­ke­rung als auch für die Minderheiten.

Der Autor, Róbert Laczkó-Vass, ist Schau­spieler aus Kolozsvá­r/­Klau­sen­bur­g/­Cluj-Napoca.

Dieser Beitrag erschien zuerst in deut­scher Über­set­zung von Dr. Gergely Muraközi bei UNGARNREAL, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


4 Kommentare

  1. Der Begründer der deut­schen Welt­raum­for­schung Hermann Oberth war Donauschwabe! 

    Es gab zu Hermann Oberths Zeit nur die Deut­sche Welt­raum­for­schung, inso­fern war er Begründer der gesamten welt­weiten Weltraumforschung!

    austria-forum.org/af/Biographien/Oberth%2C_Hermann

    PS Ist es nicht erbärm­lich, die Karte in anti­deut­scher Sprache darzu­stellen? Schließ­lich wurden die sieben­bürger Städte von Deut­schen, mit Deut­schem Geld nach deut­schem Stadt­recht geplant und fertig gestellt!

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    • Anti­deut­sche Sprache? Welcher Ära entspringt denn dieses Vokabel? Der Autor ist unga­ri­scher Ethnie aus Klau­sen­burg, warum sollte er und sein Beitrag (inkl. Karte) „anti­deutsch“ sein?

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    • Eine gute Gele­gen­heit, sich an das Oberth­sche Gesetz zu erin­nern, das wir täglich verwirk­licht sehen:

      “Im Leben stehen einem anstän­digen Charakter so und so viele Wege offen, um vorwärts­zu­kommen. Einem Schuft stehen bei glei­cher Intel­li­genz und Tatkraft auf dem glei­chen Platz diese Wege auch alle offen, daneben aber auch noch andere, die ein anstän­diger Kerl nicht geht. Er (der Unan­stän­dige) hat daher mehr Chancen, vorwärts­zu­kommen, und infolge dieser nega­tiven charak­ter­li­chen Auslese findet eine Anrei­che­rung der höheren Gesell­schafts­schichten mit Schurken statt. Das ethi­sche Durch­schnitts­ni­veau einer Gesell­schafts­schicht wird umso schlechter, je besser und einfluß­rei­cher sie gestellt ist. Nur dieser Umstand vermag die Tatsache zu erklären, warum die Welt nicht schon seit mindes­tens fünf­tau­send Jahren ein Para­dies ist.“ („Oberth­sches Gesetz“ aus Oberth, H.: Wähler­fibel für ein Welt­par­la­ment, Feucht 1983, S. 52)

      www.siebenbuerger.de/zeitung/artikel/kultur/19948-hermann_oberth_museum-laedt-ein.html

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