Mittel­eu­ropa und die Goethezeit

Ungarn im 15. Jahrhundert: „Vielleicht ist es auch nicht möglich, eine politische Landkarte zu machen, die der ethnischen Landkarte entspricht.“ (György Konrád) · Bildquelle: Budapester Zeitung

Von Cyril Moog

Beim Kampf gegen den Kommu­nismus war es vor allem Mittel­eu­ropa, wo sich der im Menschen verbor­gene geis­tige Drang zur freien Indi­vi­dua­lität am deut­lichsten manifestierte.

Die eigent­lich christ­lich-abend­län­di­schen Werte, in West­eu­ropa selbst­ver­ständ­lich und kaum noch bemerkt, wurden zur Inspi­ra­tion des Wider­stands­geistes gegen den Tota­li­ta­rismus. Von Mittel­eu­ropa – einer Region, zu der einst auch Deutsch­land kultu­rell gehörte – ging somit eine erste Wieder­ge­burt der abend­län­di­schen Zivi­li­sa­tion aus: die Rekon­struk­tion eines versun­kenen Kontinents.

„Aufbruch nach Mitteleuropa“

Ende der 80er Jahre, als der Westen bemüht war, sich durch eine hedo­nis­ti­sche Lebens­füh­rung von seiner inneren Leere abzu­lenken, veröf­fent­lichten zwei Öster­rei­cher, Erhard Busek und Gerhard Wilfinger, einen Aufsatz­band, der von der Vita­lität des abend­län­di­schen Geistes zeugte.

Gedacht als ein Beitrag des „Club pro Wien“ zur öster­rei­chi­schen Metro­pole, damals noch an einer der bedeu­tendsten Bruch­li­nien des Ost-West-Konfliktes gelegen, zeugt „Aufbruch nach Mittel­eu­ropa“ von einer Besin­nung auf das gemein­same mittel­eu­ro­päi­sche Erbe. Die heraus­ra­gende Reihe der Refe­renten aus der Tsche­cho­slo­wakei, Jugo­sla­wien, Polen, Ungarn, Russ­land, Öster­reich und Deutsch­land – Geis­tes­größen wie Milan Kundera, Manès Sperber oder György Konrád – lässt erahnen, wie in der Mitte Europas etwas in Bewe­gung geraten war, das nur wenige Jahre später maßgeb­lich zum Unter­gang des kommu­nis­ti­schen Terror­re­gimes beitragen sollte.

Während im Westen zuse­hends das post­mo­derne Welt­bild einer kultur­re­la­ti­vis­ti­schen Selbst­ver­leug­nung die Hege­monie eroberte, machte sich unter der harten Ober­fläche des Kalten Krieges jene innere, gegen alle Wider­stände trei­bende Kraft bemerkbar, jenes Streben nach indi­vi­du­eller Selbst­be­stim­mung, das der gesamten geis­tigen und gesell­schaft­li­chen Entwick­lung der euro­päi­schen Völker zugrunde liegt.

Mittel­eu­ro­päi­sche Verschmelzungsprozesse

Die damals verfassten Beiträge sind eine Fund­grube, wenn es um ein tieferes Verständnis dessen geht, was Mittel­eu­ropa bedeutet: am Ostrand des Westens und am West­rand des Ostens gelegen, zeichnet sich Mittel­eu­ropa durch eine atem­be­rau­bende Viel­falt aus. „Wir sind mitein­ander verschmolzen und ausein­ander hervor­ge­gangen, wir sind wech­sel­sei­tige Assi­mi­la­tionen, Dissi­mi­la­tionen und Kombi­na­tionen indi­vi­du­eller Zuge­hö­rig­keit“, schreibt der unga­ri­sche Schrift­steller György Konrád. Dementspre­chend bezeichnet er die Menschen der Region als „Abkömm­linge mittel­eu­ro­päi­scher Verschmelzungsprozesse“.

Inso­fern bedeute die mittel­eu­ro­päi­sche Idee seit über tausend Jahren eine „blühende Viel­falt der Bestand­teile, das Selbst­be­wusst­sein der Diver­sität“, was auch Konse­quenzen auf die Bildung staat­li­cher Insti­tu­tionen hatte: Während in West­eu­ropa die neuzeit­li­chen Staaten große Nationen schaffen, schreibt der öster­rei­chi­sche Jour­na­list Gerhard Wilfinger, „wird es in Deutsch­land und in Mittel­eu­ropa zum Schicksal des Nati­ons­be­griffs, dass er zunächst staa­tenlos wird oder bleibt“. Die kultu­rell über­grei­fenden Gebilde, die sich über­lap­penden Völker und Sprach­fa­mi­lien können zunächst auch keine dauer­haft-trag­fä­higen poli­ti­schen Einheiten, geschweige denn Staats­na­tionen bilden.

Das kosmo­po­li­ti­sche Element des jüdi­schen Geistes

„Kein anderer Teil der Welt ist so gezeichnet von dem Einfluss jüdi­schen Geistes“, schreibt Milan Kundera. „Überall fremd und überall zu Hause, erhaben über natio­nale Strei­tig­keiten, waren die Juden im 20. Jahr­hun­dert das führende kosmo­po­li­ti­sche, inte­grie­rende Element in Mittel­eu­ropa: Sie waren sein intel­lek­tu­elles Binde­mittel, eine konden­sierte Version seines Geistes, die Schöpfer seiner geis­tigen Einheit.“

Aus dieser Perspek­tive erscheint der Angriff auf das Judentum wie ein weiterer Angriff auf Mittel­eu­ropa. Kundera schreibt: „In ihrem Schicksal scheint sich das Schicksal Mittel­eu­ropas zu konzen­trieren und zu reflek­tieren und sein symbo­li­sches Bild gefunden zu haben.“

Schrift­steller György Konrád: „Der Größen­wahn­sinn des Deut­schen Reiches hat dazu geführt, dass es heute kein Mittel­eu­ropa mehr gibt und dass sich die Kontakte zwischen den mittel­eu­ro­päi­schen Völkern vermut­lich auf einer nied­ri­geren Stufe bewegen als vor hundert Jahren.“ Foto: BZT / Nóra Halász

„Die natio­nal­staat­liche Lösung von Trianon ist eine ziem­lich grobe und einsei­tige Darstel­lung unserer ethni­schen Verhält­nisse“, stellt wiederum György Konrád fest. Der Frieden sei so zusam­men­ge­bro­chen. Der staat­liche Rahmen und die ethni­sche Wirk­lich­keit deckten sich nicht. „Diese Tatsache trug zum Ausbruch des Zweiten Welt­krieges bei. Viel­leicht ist es auch nicht möglich, eine poli­ti­sche Land­karte zu machen, die der ethni­schen Land­karte entspricht“, resü­miert Konrád weiter.

Deutsch als ursprüng­lich gemein­same Sprache

Für György Konrád sei Mittel­eu­ropa etwas ganz Natür­li­ches, eine Gemein­schaft von Inter­essen, auf die man nicht verzichten könne. Dabei verstehe man kaum die Spra­chen der anderen. Umso schwerer wiege der Verlust des Deut­schen als eins­tiger Lingua franca, in der sich die verschie­denen Völker ausge­tauscht hätten. Also diente auch die deut­sche Sprache und, darüber hinaus, wohl auch die deut­sche Kultur als „mittel­eu­ro­päi­sches Bindemittel“.

Diese Tatsache scheint im heutigen Deutsch­land ebenso vergessen wie die Tatsache, dass man einst selbst, und zwar ganz selbst­ver­ständ­lich, ein inte­graler Bestand­teil Mittel­eu­ropas war. Vor allem war es dies­be­züg­lich jene geis­tige Bewe­gung um die Wende des 18. und 19. Jahr­hun­derts, die einen ganz und gar authen­tisch deut­schen Beitrag zur Kultur Mittel­eu­ropas leis­tete: die groß­ar­tige Blüte­zeit des deut­schen Geisteslebens.

Blüte­zeit des deut­schen Geistes

Wie mit einem Schlag trat damals eine ganze Reihe an bedeu­tenden Persön­lich­keiten auf den Plan, um sich einem Geis­tes­im­puls zur Verfü­gung zu stellen, der weit über die Grenzen des eigenen wirken sollte. Bei Lessing, Goethe und Schiller, in der klas­si­schen deut­schen Philo­so­phie von Fichte bis Hegel, im Wirken der Roman­tiker finden wir das Bestreben, das schöp­fe­ri­sche mensch­liche Ich in sich so zu ergreifen, dass es sich als „Funke des gött­li­chen Feuers“ erkennt – erfüllt vom Bewusst­sein seines in einer höheren Seins­ord­nung behei­ma­teten Wesens­kerns: der „Entel­echie“, wie schon Leibniz sagte, ein „Wanderer zwischen den Sphären“.

Das Ideal der Huma­nität beruhte somit auf dem Bewusst­sein eines geis­tigen Selbstes, nach dem die dama­ligen Vertreter des deut­schen Kultur­le­bens strebten, das sie kulti­vierten und in sich zur Reife brachten. „Das Gött­liche in unserm Geschlecht ist also Bildung zur Huma­nität“, schrieb dementspre­chend Johann Gott­fried Herder.

So vertraten viele Deut­sche ein über die Natio­na­lität hinaus­wei­sendes Ideal des freien Menschen­tums. „Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deut­sche verge­bens: Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus“, schrieb Fried­rich Schiller. Der tiefere Sinn des deut­schen Werdens zur Nation lag somit auch in der Pflege und Weiter­ent­wick­lung der geis­tigen, nach Selbst­be­wusst­sein stre­benden Indi­vi­dua­lität des Menschen, das sich als Glied der ganzen Mensch­heit erlebt.

Daher das gleich­zei­tige Streben nach Kosmo­po­li­tismus: für das eigene Ich und das eigene Volk dasje­nige von den anderen Völkern in Liebe aufzu­nehmen, was bei ihnen ideal, groß und schön ist. Die Völker selbst betrach­tete Herder als von Gott einge­rich­tete Gemein­schaften und, als solche, leben­dige Spiegel der ganzen Mensch­heit. Für die einzelnen Menschen, die ihnen in einer Schicht ihres Seelen­le­bens ange­hören, seien sie uner­setz­lich, weil sie eine jeweils ganz spezi­fi­sche erzie­he­ri­sche Funk­tion einnehmen.

Es waren insbe­son­dere die in dieser Hoch-Zeit des deut­schen Geistes hervor­ge­brachten Werke, die sich mit der Sprache auch in Ostmit­tel­eu­ropa verbrei­teten und das kultu­relle Leben vieler Ungarn, Tsche­chen und Polen, Serben, Slowaken und Russen prägten.

Exstir­pa­tion des deut­schen Geistes

Die deut­sche Sprache habe man „nicht zuletzt wegen der Deut­schen verloren“, schreibt Konrád und deutet auf den „Größen­wahn­sinn des Deut­schen Reiches“, der dazu geführt habe, „dass es heute kein Mittel­eu­ropa mehr gibt“ und dass sich die Kontakte zwischen den mittel­eu­ro­päi­schen Völkern vermut­lich auf einer nied­ri­geren Stufe bewegen als vor hundert Jahren.

Dass die Ursa­chen des Ersten Welt­krieges bei weitem nicht nur im besagten „Größen­wahn­sinn“ zu suchen sind, kann heute jeder heraus­finden, der sich nicht mit der Histoire convenue abspeisen lässt. Gleich­zeitig kann man nicht gerade behaupten, dass die Deut­schen keinen Beitrag zur „Urka­ta­strophe des 20. Jahr­hun­derts“ geleistet hätten. Die tieferen Ursa­chen liegen aller­dings bereits in den 40er und 50er Jahren des 19. Jahrhunderts.

Es war die Zeit, als die Deut­schen vor dem Ansturm des mecha­nis­tisch-natur­wis­sen­schaft­li­chen Welt­bildes kapi­tu­lierten und sich kultu­rell schon damals regel­recht aufgaben: Die geis­tigen Errun­gen­schaften des Goethe-Zeit­al­ters wurden aufge­geben und prak­tisch vergessen. Der Mensch galt auch in Deutsch­land zuneh­mend als ein Wesen, dessen Natur und Eigen­schaften ausschließ­lich aus der sinnen­fäl­ligen Wahr­neh­mung und der rein physisch gedachten Natur­ord­nung inter­pre­tiert wurden.

Malthus, Marx und Darwin traten inner­halb von einer Genera­tion an die Stelle von Goethe und Schiller, Herder und Hegel. Der welt­of­fene Kosmo­po­li­tismus wurde durch einen groß­deut­schen bzw. völki­schen Natio­na­lismus abge­löst, der das indi­vi­du­elle Streben nach Frei­heit und Selbst­be­stim­mung als eine Nieder­gangs­er­schei­nung des deka­denten Westens wertete. 1871 erfolgte mit der Bismarck’schen Reichs­grün­dung, was Nietz­sche als die „Exstir­pa­tion des deut­schen Geistes zugunsten des deut­schen Reiches“ bezeichnete.

Es zeigte sich, dass es der deut­schen Geis­tes­kultur nicht gelungen war, auch sozi­al­ge­stal­te­risch auf die allge­meine Kultur einzu­wirken. Die Gedanken der Goethe­zeit hatten sich nicht mit der sozialen Realität verbinden können und drohten statt­dessen ins Träu­me­ri­sche abzu­driften. Dabei stellte sich ange­sichts des mittel­eu­ro­päi­schen Völker­kon­glo­me­rats gera­dezu die Aufgabe, eine äußere soziale Gemein­schafts­form zu schaffen, in der sich alle Völker Mittel­eu­ropas hätten frei entfalten können.

Statt­dessen trium­phierte in Deutsch­land zuse­hends ein ebenso arro­ganter wie natio­na­lis­ti­scher Ungeist der Bruta­lität, der Hohl­heit und Ober­fläch­lich­keit. In das geis­tige Vakuum schoss schließ­lich der Natio­nal­so­zia­lismus mit seiner rassis­ti­schen Absage an das mensch­liche Ich, an die geis­tige Indi­vi­dua­lität des Menschen, an alles, was gerade der wahren deut­schen Kultur als höchster Wert erschienen war.

Das Verschwinden der kultu­rellen Heimat

Jener Mate­ria­lismus, der dazu führte, dass sich die Deut­schen von ihren eigenen kultu­rellen Wurzeln entfremdet haben, führte schließ­lich zu einer ähnli­chen Entwick­lung in ganz Europa.

Zuse­hends geriet in Verges­sen­heit, dass die Wirt­schaft ledig­lich der Siche­rung und dem Komfort der körper­li­chen Exis­tenz zu dienen hat, dass sie nur die Grund­lage bildet für die seelisch-geis­tige Entwick­lung des Menschen, die sich im geistig-kultu­rellen Leben abspielt.

Bereits 1984 stellte Milan Kundera fest, dass man in Europa gerade „seine kultu­relle Iden­tität“ verlieren würde. Europa habe schon damals begonnen, die „Ära der Kultur“, welche die Reli­gion beerbt hatte, hinter sich zu lassen, und war aus diesem Grunde auch – bis heute – nicht in der Lage, in Mittel­eu­ropa etwas anderes zu sehen als „Osteu­ropa“.

Damals noch einzig und allein als Teil des sowje­ti­schen Reiches wahr­ge­nommen, scheint die Region in den Augen der West­eu­ro­päer auch heute nicht viel mehr als ein Ärgernis. Ein Hindernis auf dem Weg zu einem euro­pa­weiten Einheits­staat, der sich von der eigenen Geschichte, der eigenen Kultur, der eigenen Zivi­li­sa­tion abge­wendet hat – ein Staat, der Europa selbst nicht mehr als Wert empfindet.

Schrift­steller Milan Kundera: „Nur in dieser Periode, nur in einer Welt, die eine kultu­relle Dimen­sion hat, kann Mittel­eu­ropa noch seine Iden­tität vertei­digen.“ Foto: wikipedia/ Elisa Cabot

Demge­gen­über betont Kundera den dezi­diert kultu­rellen Charakter Mittel­eu­ropas: „Nur in dieser Periode, nur in einer Welt, die eine kultu­relle Dimen­sion hat, kann Mittel­eu­ropa noch seine Iden­tität vertei­digen, immer noch als das gesehen werden, was es ist.“

Die Einzig­ar­tig­keit eines jeden Menschen

Wie bemer­kens­wert, dass es gerade in Mittel­eu­ropa war, in jenem Teil der Mitte, die dem kommu­nis­ti­schen Tota­li­ta­rismus unter­worfen worden war, wo das Bewusst­sein für die geis­tige Indi­vi­dua­lität wieder erwachte. So war man sich inner­halb der vom Tota­li­ta­rismus beherrschten Gebiete der 1980er Jahre bewusst, dass „die Frei­heit nicht absterben kann“, wie Milan Kundera schreibt.

„Der Glaube, dass eine Person nie durch ihre Teil­nahme an einem sozialen ‚Ganzen‘ völlig bestimmt und deshalb nie als Eigentum der Gesell­schaft oder des Staates betrachtet werden darf, gehört zum Wesen des Chris­ten­tums und somit des Abend­landes“, so der polni­sche Philo­soph Leszek Kola­kowski. Er bezeugt damit, dass die eigent­li­chen Werte der euro­päi­schen Zivi­li­sa­tion in Mittel­eu­ropa noch mehr sind als reine Wort­hülsen. „Menschen sind nicht austauschbar, jede mensch­liche Person stellt eine einzige unre­du­zier­bare Wirk­lich­keit dar.“

Auf diese Weise erscheint ihm die west­liche Zivi­li­sa­tion nicht mehr als eine zufäl­lige Unter­bre­chung oder ein selt­samer Exzess der Geschichte, sondern „als die Entfal­tung und Selbst­offenbarung einer im Mensch­sein verbor­genen geis­tigen Energie, die jahr­hun­der­te­lang, durch einen leid­vollen, oft wider­sprüch­li­chen, oft indi­rekten Prozess, sich Bahn brach“.

Da ist es also wieder, das Bewusst­sein der geis­tigen Indi­vi­dua­lität, des geis­tigen Wesens­kerns des Menschen, wie es auch in der Zeit der deut­schen Klassik zum Ausdruck kam und zuvor auch während der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion und überall dort, wo der Mensch aus einem Bewusst­sein seines gött­lich-geis­tigen Wesens­kerns nach Frei­heit und indi­vi­du­eller Selbst­be­stim­mung strebt: „Die Idee der Einzig­ar­tig­keit und Uner­setz­lich­keit der Person“, so Kola­kowski, „jene Idee, die das Chris­tentum in Bewe­gung gesetzt und der es ihre Lebens­kraft erteilt hat.“

Ange­sichts des zivi­li­sa­to­ri­schen Nieder­gangs Europas könnte Mittel­eu­ropa die letzte Bastion des Abend­landes sein. Dabei wird es darauf ankommen, dass an die geis­tigen, auf ein höheres Menschentum gerich­teten Orien­tie­rungen und Kultur­im­pulse der Goethe­zeit wieder ange­knüpft wird. Die mensch­heits­ge­schicht­liche Bedeu­tung dieser Kultur­ziele besitzt, in einer unserer Entwick­lungs­si­tua­tion gemäßen Form, auch heute noch ihre volle Gültigkeit.

Sollte es gelingen, aus denselben Quellen der christ­lich fundierten geis­tigen Indi­vi­dua­lität zu schöpfen, könnten Kräfte der inneren Erneue­rung akti­viert werden. Wie es in den 80er Jahren des 20. Jahr­hun­derts bereits zu sehen war, könnte Mittel­eu­ropa Anschluss an die größte Errun­gen­schaft der abend­län­di­schen Zivi­li­sa­tion finden: das sich zum Bewusst­sein seiner selbst und zur Frei­heit durch­rin­gende geis­tige Ich des Menschen.

Davon ausge­hend könnten hier perspek­ti­visch Gesell­schaften entstehen, in denen sich die Wirt­schaft auf die Siche­rung der leib­li­chen Exis­tenz konzen­triert, die Politik den recht­li­chen Rahmen bildet und das Geistes- und Kultur­leben, also auch das Bildungs­wesen, so wie es Alex­ander von Humboldt vorschwebte, auf freien, unab­hän­gigen Insti­tu­tionen beruht.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in der BUDAPESTER ZEITUNG, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


1 Kommentar

  1. Man könnte vieles dagegen halten. Zwei Fakten genügen:

    1. Es gab nie eine christ­lich-abend­län­di­sche Kultur. Diese Kultur war durch die, früher nicht beson­ders und heute über­haupt nicht mehr christ­liche, katho­li­sche Kirche geprägt. Der Anti­semit Luther lag mit seiner Kritik daran richtig, konnte sich aber gegen das „System“ nicht durchsetzen.
    2. Es gab nie eine deut­sche Natio­na­lität. Da mühsame Zusam­men­kitten germa­ni­scher Nord­deut­scher, und slawi­scher Preussen und Bayern, das Bismarck 1871 versuchte, konnte daran nichts ändern.

    Wir haben in Europa unsere Iden­tität verloren, nämlich die natio­nal­staat­liche Viel­falt. Diese war fruchtbar, konnte schaffen. Heute kann die von „Teutsch­land“ geführte EU nur mehr schaden und vernichten.

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