Norbert Hofer: Leben nach der Quer­schnitts­läh­mung (Auto­bio­grafie, 15. Kapitel)

15. Nach­be­trach­tung

Ich habe also nun beide Seiten kennen­ge­lernt. Das Leben als Mensch ohne Behin­de­rung und das Leben eines Menschen, der eine Behin­de­rung zu meis­tern hat. Ich war als nicht­be­hin­derter junger und ehrgei­ziger Poli­tiker kaum anders als die vielen Anzug­träger mit ihren gena­gelten Schuhen, die sich bemühen, auf der poli­ti­schen Karrie­re­leiter nach oben zu klet­tern. Ich wollte meine Ziele unbe­dingt errei­chen, bewun­derte jene, die sich ihre Posi­tion bereits erar­beitet hatten und war jedes Mal enttäuscht, wenn ich auf einer Liste für Wahlen nicht dort gereiht wurde, wo ich hätte – aller­dings vor allem nach meinen eigenen Vorstel­lungen – gereiht werden müssen.

Das alles war nach dem großen Fall ganz anders. Politik machte mir mehr Spaß als davor, es war jedoch völlig egal, ob ich noch mehr errei­chen würde als bisher. Ich war mit meiner Tätig­keit im Eisen­städter Land­haus hoch zufrieden und hatte mir fest vorge­nommen, meiner Tätig­keit echten Sinn zu geben, indem ich einfach mein Best­mög­li­ches tue, um meine eigenen Ideale auch umsetzen zu können. Und Dank­bar­keit, Dank­bar­keit ist zu einem wich­tigen Element in meinem Leben geworden.

Immer wieder liest man in Lebens­rat­ge­bern davon, dass man sich im Rahmen seiner Ziele nicht verkrampfen solle, dass man, wie im Zen-Buddhismus, den Pfeil einfach los lassen solle. Das alles sind schöne Worte, doch werden sie wohl mehr als selten umge­setzt. Umso erstaun­li­cher war es für mich, dass es nach diesem erzwun­genen Loslassen von den persön­li­chen Zielen bei mir plötz­lich ganz schnell ging. Ich wurde stell­ver­tre­tender Partei­chef meiner Partei, zog in den Natio­nalrat ein und schon wenige Jahre später wurde ich durch die wohl­wol­lende Unter­stüt­zung vieler Menschen Dritter Nationalratspräsident.

Nun ist das nichts, worauf man sich etwas einbilden müsste. Trotzdem zeigt es mir sehr deut­lich, dass man nur dann erfolg­reich sein kann, wenn man nicht die eigene Posi­tion als Ziel im Auge hat, sondern das, was man inhalt­lich im Rahmen seiner Möglich­keiten umsetzen will. Und da ist es völlig egal, ob man Fach­ar­beiter, Büro­an­ge­stellter, Vertreter im Außen­be­reich, Land­wirt oder eben Poli­tiker ist. Wer seine Aufmerk­sam­keit auf sein Produkt, auf seine Leis­tung für ein Unter­nehmen, auf seine Möglich­keiten der Umset­zung von Verbes­se­rungen für die Menschen lenkt, der wird ganz auto­ma­tisch eine Posi­tion errei­chen, in der er diese Ziele auch tatsäch­lich umsetzen kann. Das ist meine Erfah­rung, die ich an andere weiter­geben möchte.

Ich habe in diesem Teil des Buches meine ganz persön­li­chen Erleb­nisse in einer sehr schwie­rigen Zeit des Lebens nieder­ge­schrieben. Ziel ist es nicht, so etwas wie eine Kurz­form einer Biogra­phie zu verfassen, sondern jenen Menschen Hoff­nung zu geben, die sich selbst in einer ausweg­losen Situa­tion sehen. Mir haben die Bücher von Stephan Kulle oder von Fürstin Schwar­zen­berg in einer scheinbar ausweg­losen Situa­tion sehr viel Hoff­nung gegeben. Ich habe mir daher vorge­nommen, im Rahmen meiner poli­ti­schen Tätig­keit auch Menschen zu besu­chen, die sich derzeit in Kran­ken­häu­sern in Behand­lung befinden und in statio­närer oder häus­li­cher Pflege. Diesen Menschen möchte ich dieses Buch über­geben und damit auch zeigen, dass sich das Leben immer im Fluss befindet und dieser Fluss täglich neue Über­ra­schungen bieten kann, mit denen wir zunächst gar nicht rechnen. Ganz beson­ders bedanken möchte ich mich bei jenen Menschen, die tagtäg­lich dafür im Einsatz sind, um Pati­enten, pfle­ge­be­dürf­tigen oder behin­derten Menschen in Öster­reich die notwen­dige Hilfe und Unter­stüt­zung zu geben. Es sind dies unsere Ärzte, das Pfle­ge­per­sonal, Physio­the­ra­peuten, Heiler aus dem Bereich der alter­na­tiven Medizin, aber vor allem die Fami­lien der Betrof­fenen, die täglich Stütze und Halt geben.

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