Norbert Hofer: Leben nach der Quer­schnitts­läh­mung (Auto­bio­grafie, 8. Kapitel)

8. Alte und neue Freunde

Cicero hat einmal gemeint, einen sicheren Freund erkenne man in unsi­cherer Sache. Ich war vor meinem Unfall jahre­lang poli­tisch aktiv und in verschie­denen Vereinen orga­ni­siert. Oft kann man sich als Poli­tiker der Anzahl der auch privaten Einla­dungen kaum erwehren. Da ist die Welt voll von Schul­ter­klop­fern, Unter­stüt­zern und Leuten, die alle behaupten, engs­tens mit dir befreundet zu sein.

Doch die Folgen des Absturzes waren so schwer, dass eigent­lich kaum jemand damit gerechnet hatte, dass ich wieder den Weg zurück in meinen Beruf finden würde. Es schien also so, als wäre ich künftig nicht mehr dazu geeignet, für das Fort­kommen anderer ein wesent­li­cher Faktor zu sein.

So zeigte man zwar anfäng­li­ches Inter­esse an meinem Gesund­heits­zu­stand, der Kontakt wurde aber nach und nach seltener. Ich wusste fortan, wer meine wahren Freunde waren. Sie sind es noch heute.

Beson­ders gefreut habe ich mich über die Besuche jener Personen, die ich schon seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, und die mich trotzdem regel­mäßig am Weißen Hof in Klos­ter­neu­burg besuchten. Ganz beson­ders erwähnen möchte ich in diesem Zusam­men­hang meinen Freund Gerhard, der nahezu jede Woche bei mir war und mit dem ich viele schöne Stunden in Gesprä­chen am Abend in der Kantine der Reha-Einrich­tung oder in meinem Zimmer verbringen durfte.

Diese Form der Aussprache war für mich wichtig und stellte auch den Kontakt zur Welt da draußen her. Ansonsten lebten wir in unserer eigenen kleinen Wirk­lich­keit auf dem kleinen Berg in Klos­ter­neu­burg. Eine Gemein­schaft von Hoffenden, Verzwei­felten und vor allem von Menschen, die auf die Probe gestellt wurden.

Es gab junge Menschen, die bei einem Motor­rad­un­fall ihr Bein verloren hatten, Verbren­nungs­opfer, die einen großen Teil ihrer Haut einge­büßt hatten und eben die vielen quer­schnitts­ge­lähmten Kollegen, die nach und nach lernten, alte Fertig­keiten auf einem anderen Weg umzu­setzen. Die nach und nach verstehen mussten, dass der eigene Wert nicht an der eigenen Unver­sehrt­heit zu ermit­teln ist. Und natür­lich entstanden auch dort neue Freundschaften.

Da waren einmal meine Zimmer­kol­legen Andreas und Bern­hard. Andreas war ein junger Arzt und heraus­ra­gender Sportler. Er hatte als Ruderer an den olym­pi­schen Spielen teil­ge­nommen und verun­glückte im Urlaub beim Sprung in ein Wasser­be­cken. Eigent­lich ein Klas­siker, wie wir diese Art von typi­schem Unfall nannten. Das Becken war zu seicht und so brach sich Andreas seine Hals­wirbel. Er war vom Hals abwärts gelähmt. Doch das Schicksal meinte es gut mit ihm – er konnte nach und nach seine Glied­maßen bewegen und auch das Gefühl in Händen und Beinen kam wieder zurück. Letzt­lich war Andreas so weit, dass er wieder aufstehen und gehen konnte und nach einigen Monaten an Trai­ning erle­digte er alle Wege am Weißen Hof ohne Gehhilfe.

Man kann sich vorstellen, welches Glück dieser Mensch ausstrahlte. Seine Zukunft war für ihn wieder völlig offen und er wusste, dass er eines Tages wieder seinen alten Beruf ausüben, ja sogar wieder Opera­tionen durch­führen konnte. Eines Tages wurde ihm ein recht eigen­ar­tiger Apparat vorbei gebracht, der so etwas wie eine künst­liche Gebär­mutter darstellte und an welchem er seine alten Fertig­keiten wieder eintrai­nierte. Das sorgte natür­lich für Erhei­te­rung unter den Pati­enten. Täglich übte er auch mit einem kleinen Ball, den es galt, immer wieder fest zusammen zu pressen, um auch die Kraft in den Fingern wieder zurück zu erhalten.

Und Andreas liebte das Leben. Immer wieder kam er am Abend mit einer Flasche Rotwein vorbei und wir unter­hielten uns bei einem Glas über unsere Zukunfts­aus­sichten. Ganz beson­ders in Schutz genommen haben wir in all dieser Zeit einen der jüngsten Pati­enten am Weißen Hof und meinen Zimmer­kol­legen Bern­hard. Bern­hard war 13 Jahre alt und am Hof seines Vaters mit dem Fahrrad verun­glückt. Er hatte ganz einfach den Traktor über­sehen und war dagegen gestoßen. Die Folgen auch hier: eine Querschnittslähmung.

Es waren vor allem die jungen Pati­enten am Weißen Hof, die sich sehr rasch mit der neuen Ausgangs­si­tua­tion in ihrem Leben zurecht gefunden hatten und beson­ders eifrig und ziel­strebig ihr Trai­ning absol­vierten. Bern­hard war da keine Ausnahme. Er trai­nierte jeden Tag von früh bis abends und auch ihm gelang letzt­end­lich der Schritt aus dem Roll­stuhl. Doch eines war unüber­sehbar. Der Unfall hatte diesen jungen Burschen letzt­end­lich zu einem Menschen gemacht, der die Ansichten eines reifen Erwach­senen vertrat. Er wusste, was er von seinem Leben wollte und er wusste auch, was er tun musste, um seine Ziele zu erreichen.

Natür­lich war im Haus sehr bald bekannt, dass ich frei­heit­li­cher Poli­tiker war und es kam auch immer wieder zu Gesprä­chen, deren Inhalt sich um Politik in Öster­reich drehte. Da meine Partei in Fragen der Zuwan­de­rung eine sehr restrik­tive Haltung vertritt, hat man sich ganz beson­ders darüber amüsiert, dass ich einen Groß­teil meiner Zeit mit einem Freund aus Polen und einem weiteren Kollegen mit Wurzeln in der Türkei verbrachte. Wir wurden über die Laut­spre­cher­an­lage immer gemeinsam ausge­rufen, weil der Haus­ver­wal­tung offenbar klar war, dass wir wieder einmal irgendwo zusammen steckten.

Ich konnte in dieser Zeit auch in dieser Hinsicht mensch­lich sehr viel lernen und vertrete strikt die Ansicht, dass nicht das Umfeld oder die Herkunft eines Menschen ausschlag­ge­bend sind, sondern letzt­lich nur der Mensch selbst. Beide Pati­enten, die im Ausland geboren waren, fühlten sich als echte Öster­rei­cher und waren auch nach ihrem Unfall fest dazu entschlossen, hier in ihrer neuen Heimat ihre Leis­tungen zu erbringen und ein neues Leben aufzu­bauen. Welch ein Unter­schied zu jenen Menschen, die völlig frei von persön­li­chen Hürden einer Leis­tungs­min­de­rung ausschließ­lich kommen, um unser Sozi­al­system zu genießen. Ich habe mich sehr gefreut, als ich lange nach meiner Entlas­sung etwas hören sollte. Einer der beiden war nach seiner Entlas­sung aus der Reha-Einrich­tung Mitglied im Öster­rei­chi­schen Natio­nal­team der Basket­baller als Behin­der­ten­sportler und vertrat so unser Land auch nach außen.

Von ganz beson­ders großer Bedeu­tung ist nach einem schweren Unfall auch die Unter­stüt­zung der eigenen Familie. Sowohl meine Frau als auch meine Eltern und meine Geschwister haben von Anfang an klar gemacht, dass sie, ganz egal wie die Sache letzt­end­lich ausgehen würde, immer unter­stüt­zend an meiner Seite sein würden. Das ist auch für eine Gene­sung oder für weitere Fort­schritte auf dem Weg der Reha­bi­li­ta­tion von großer Bedeu­tung. Ich habe leider auch andere Fälle erlebt, wo eine Part­nerin oder ein Partner einen Menschen, der plötz­lich behin­dert war, nur in den ersten Wochen oder Monaten seines langen Weges unter­stützt hat, um dann letzt­end­lich aufzu­geben und das eigene Glück bei einem anderen Partner zu suchen. Man kann sich vorstellen, wie hart man davon getroffen werden kann. Nicht nur, dass der Umgang mit dem eigenen Körper plötz­lich ein völlig anderer ist, nicht nur, dass man oftmals seine eigene Wohnung nicht mehr betreten kann, weil sie nicht barrie­re­frei ist, nicht nur, dass man sich auch Sorgen um seine exis­ten­zi­elle Zukunft oder seinen Beruf macht, nein, auch der eigene Partner oder die eigene Part­nerin lässt dich im Stich.

Daher gilt es dankbar zu sein, wenn man Freunde und Familie hat, die in allen Zeiten bereit sind, einen noch so harten und beschwer­li­chen Weg gemeinsam zu gehen.

Daher gilt es danke zu sagen, danke an alle Ange­hö­rigen, Freunde und Begleiter von behin­derten Menschen, die aufrichtig bereit sind, ihre Lieben weiter zu unter­stützen und Menschen nicht nur an der Zahl oder Funk­ti­ons­tüch­tig­keit von Glied­maßen oder Sinnes­or­ganen beurteilen.

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