Polen und Ungarn: Mit Muni­tion, Blut und Mut halfen sie sich gegenseitig

Tag der polnisch-ungarischen Freundschaft · Foto: Magyar Nemzet

Von Gábor Hertelendy

Die polnisch-unga­ri­sche Freund­schaft reicht bis ins Mittel­alter zurück, und seit der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts helfen sich die beiden Nationen gegen­seitig. Frei­heits­kämpfe und die schreck­li­chen Ereig­nisse des Zweiten Welt­krieges haben die Annä­he­rung zwischen Polen und Ungarn für immer geprägt. Anläss­lich des polnisch-unga­ri­schen Freund­schafts­tages am 23. März hat Magyar Nemzet eine Liste der gemeinsam geleis­teten Hilfe und Soli­da­rität zusammengestellt.

Eine der wich­tigsten Botschaften des Tages der Polnisch-Unga­ri­schen Freund­schaft, der 2007 zum Feiertag erklärt wurde, ist, dass die Bande, die die beiden Nationen mitein­ander verbinden, ein univer­seller, dauer­hafter Wert sind, der nie seine Bedeu­tung verlieren wird, neue Möglich­keiten schaffen und eine bessere Zukunft für die jüngeren Genera­tionen sichern kann.

„Freund­schaft, Einig­keit, Zusam­men­ar­beit – wir müssen den jungen Menschen von heute zeigen, dass diese Worte nicht nur Plati­tüden sind, sondern einen konkreten Inhalt haben.“

- erklärte die Direk­torin des Polni­schen Insti­tuts in Buda­pest, Joanna Urbańska „Die polnisch-unga­ri­sche Freund­schaft basiert auf einer äußerst reichen histo­ri­schen Tradi­tion, die bis zur Grün­dung unserer Staaten zurück­reicht. – Der Feiertag verleiht der tradi­tio­nellen polnisch-unga­ri­schen Freund­schaft einen offi­zi­ellen Rahmen, bietet eine hervor­ra­gende Kulisse für zwischen­staat­liche Verein­ba­rungen und Treffen auf höchster Ebene sowie eine Gele­gen­heit für die Entwick­lung und Kulti­vie­rung von Basis- und Bürger­initia­tiven“, fügte sie hinzu.

Die polnisch-unga­ri­sche Zusam­men­ar­beit floriert nicht nur auf poli­ti­schem Gebiet, sondern auch in vielen anderen Berei­chen der Kultur, Wirt­schaft, des Tourismus und der bürger­li­chen Aktivitäten

- betonte sie. Joanna Urbańska sprach auch über die Ziele des Polni­schen Insti­tuts: „Eine unserer Prio­ri­täten ist es, dafür zu sorgen, dass die Idee dieser tradi­tio­nellen Freund­schaft von den jüngeren Genera­tionen ange­nommen wird. Fast alle unsere Initia­tiven basieren auf der Freund­schaft zwischen unseren beiden Nationen und dienen der Vertie­fung unserer Bezie­hungen, die auf einem gemein­samen Schicksal und gemein­samen Werten basieren. Wir können daher sagen, dass für uns nicht nur der 23. März, sondern jeder Tag ein Tag der polnisch-unga­ri­schen Freund­schaft ist, was sich dies auch im großen Inter­esse an den Akti­vi­täten des Insti­tuts wider­spie­gelt. Unsere Gäste wissen es zu schätzen, dass wir immer versu­chen, sie mit krea­tiven und witzigen Initia­tiven zu über­ra­schen, wie z.B. mit histo­ri­schen Rekon­struk­tionen, die die polni­sche Kultur und Geschichte auf eine sehr spek­ta­ku­läre und unge­wöhn­liche Weise präsentieren.“

Gegen­sei­tige Hilfe in den Kämpfen des 19. Jahrhunderts

Joanna Urbańska führt fort: „Unsere beiden Nationen haben immer wieder bewiesen, dass sie auch in den drama­tischsten Situa­tionen auf einander zählen können. Im 19. Jahr­hun­dert haben wir uns gegen­seitig in unseren Unab­hän­gig­keits­kriegen unter­stützt, deren berühm­testes Symbol der polni­sche General Joseph Bem war. Zur Zeit der unga­ri­schen Revo­lu­tion vom 15. März 1848 kam Bem nach dem Fall des Wiener Aufstandes nach Buda­pest und bean­tragte bei Lajos Kossuth, die 4.000 polni­schen Jugend­li­chen, die sich bereits in Ungarn befanden, in die unga­ri­sche Armee aufzu­nehmen. Hingegen wollte General Józef Wysocki, der eben­falls in Buda­pest einge­troffen war, aus ihnen unab­hän­gige polni­sche Legionen organisieren.“

Die unga­ri­sche Mili­tär­füh­rung beschloss, dass Pater Bem das Kommando über die unga­ri­sche Armee in Sieben­bürgen über­nehmen und General Wysocki die polni­sche Legion bilden sollte. Letz­tere nahm an allen Schlachten des Früh­jahrs­feld­zuges teil.

Róbert Hermann vom Veritas-Institut für Geschichts­for­schung erklärte, dass die Polen, die an den Kämpfen teil­nahmen, sich wahr­schein­lich frei­willig meldeten, um den unga­ri­schen Frei­heits­kämp­fern zu helfen. Es gab aber auch einige, die seit dem polni­schen Aufstand gegen das Russi­sche Reich 1831 versuchten, ihre Armeen zum Kampf gegen die Russen auf dem Gebiet des König­reichs Ungarn zu organisieren.

Polni­sche Flücht­linge, die vor den Kämpfen flohen, wurden auch im Hoch­land (Oberungarn, heute Slowakei) und in Sieben­bürgen aufge­nommen, und der Landtag von Press­burg, der 1832–36 tagte, bat König Franz I., Schritte zur Befreiung des König­reichs Polen zu unter­nehmen, das vom Russi­schen Reich besetzt worden war.

Die 1934 errich­tete Statue von József Bem in Buda­pest, die im Laufe der Zeit zu einem Symbol der polnisch-unga­ri­schen Einheit und des gemein­samen Kampfes geworden ist – Foto: MTI/Balázs Mohai

Unga­ri­sche Muni­tion in der Schlacht um Warschau

Im November 1918 glaubte Lenin, der Vorsit­zende des Rates der Volks­kom­mis­sare, der die neuge­bil­dete russi­sche Regie­rung bildete, bereits, dass die Nieder­lage eines wieder­ge­bo­renen Polens eine notwen­dige Bedin­gung für die Unter­stüt­zung der geplanten kommu­nis­ti­schen Revo­lu­tionen im Westen Europas sei. Der wich­tigste Meilen­stein des zwei­jäh­rigen sowje­tisch-polni­schen Krieges (1919–1921) war die Schlacht bei Warschau, die zwischen dem 13. und 25. August 1920 statt­fand und das entschei­dende Ereignis für die Ausbrei­tung des Bolsche­wismus war. Polen, das den Frie­dens­ver­trag von Trianon nicht unter­zeichnet hatte, errang unter der Führung von Władysław Sikorski und General Józef Piłsudski Siege an mehreren Fronten, die zum Endsieg führten. Auch hier fehlte es nicht an unga­ri­scher Hilfe, wie Piotr Kardela, Direktor des Insti­tuts für Natio­nales Gedenken in Białystok, betonte.

Die unga­ri­sche Regie­rung half den Polen mit der Bereit­stel­lung von 80 Waggons oder 22 Millionen unga­ri­scher Muni­tion, die von den Stahl- und Metall­werken Manfréd Weiss in Csepel herge­stellt wurde.

Am 15. August erreichte diese Liefe­rung die Stadt Skier­nie­wice, zwischen Warschau und Łódź, wo die Muni­tion auf Fahr­zeuge verladen wurde, die sie an die Front beförderten.

Die Fabrik des unga­ri­schen Magnaten Manfred Weiss rettete 1920 vielen Polen das Leben

Zwischen zwei Feuern: im Griff von Nazismus und Bolschewismus

Nach zehn Jahren wurde die unga­ri­sche und polni­sche Diplo­matie in den 1930er Jahren noch enger. Die Gemein­sam­keit war zunächst der terri­to­riale Anspruch gegen­über der Tsche­cho­slo­wakei. Obwohl das von Marschall Józef Piłsudski und Józef Beck geführte Polen nicht sonder­lich deutsch­feind­lich war, gab ihm die Macht­über­nahme Adolf Hitlers 1933 – die Beset­zung der Tsche­cho­slo­wakei und der Anschluss 1938 – und der sowje­tisch-deut­sche Nicht­an­griffs­pakt von 1939, bekannt als Molotow-Ribben­trop-Pakt, Anlass, sich bedroht zu fühlen. Ungarn hatte in der Zwischen­zeit einen Teil des Hoch­landes (Slowakei) zurück­ge­wonnen und besetzte Trans­kar­pa­tien, was zur Schaf­fung einer gemein­samen unga­risch-polni­schen Grenze führte. Deren Bedeu­tung zeigte sich, als die Deut­schen während des deut­schen Über­falls auf Polen am 1. September 1939 die Nutzung der Bahn­strecke Kassa-Odel­berg beanspruchten.

Die unga­ri­sche Regie­rung unter Graf Pál Teleki verwei­gerte diese Konzes­sion und erklärte die Neutra­lität Ungarns. Nachdem die 1922 gegrün­dete Sowjet­union eine Offen­sive gegen Polen gestartet hatte, wurde die gemein­same Grenze auf Befehl des Minis­ter­prä­si­denten Pál Teleki für polni­sche Flücht­linge geöffnet.

Verschie­dene Schät­zungen gehen von 60.000 bis 80.000 Flücht­lingen aus, die in mehr als 100 Sied­lungen unter­ge­bracht wurden und für die das unga­risch-polni­sche Flücht­lings­ko­mitee gegründet wurde.

In Warschau und Krakau wurde eine Statue zu Ehren des Grafen Pál Teleki errichtet, und in der polni­schen Haupt­stadt wurde sogar eine Straße nach ihm benannt.

Am 22. Juni 1944 star­tete das sowje­ti­sche Kommando die Opera­tion Bagra­tion, die dazu führte, dass die Rote Armee die deut­sche Wehr­macht und ihre Verbün­deten aus der Sowjet­union vertrieb. Stalin setzte eine polni­sche Mario­net­ten­re­gie­rung ein und die Sowjets rückten in die von den Deut­schen gehal­tenen Gebiete ein. Mitten in diesen Kämpfen wurde das der deut­schen Heeres­gruppe Mitte unter­stellte unga­ri­sche VIII. Korps unter der Führung von Antal Vattay reor­ga­ni­siert und dann, gerade als der Warschauer Aufstand ausbrach, von General Béla Lengyel über­nommen, der zuvor als Mili­tär­at­taché in Warschau tätig war und daher mit den Gene­rälen des polni­schen mili­tä­ri­schen Wider­standes gut bekannt war. Nach dem Ausbruch des Warschauer Aufstandes, unter der Führung von Bela Lengyel

weigerten sich die Ungarn, den deut­schen Befehlen zu gehor­chen und betei­ligten sich nicht an der Nieder­schla­gung. Hingegen über­gaben sie Waffen an die Polen, verrieten deut­sche Pläne und versteckten manchmal die Aufständischen.

Unga­ri­sche Soldaten erlaubten den Aufstän­di­schen, Lebens­mittel und Waffen in die umzin­gelte Stadt zu schmug­geln. Auch Béla Lengyel nahm Verhand­lungen mit der Rebel­len­füh­rung auf: Er erklärte sich bereit, etwa 30.000 Soldaten des II. Reser­ve­korps als König­liche Unga­ri­sche Frei­wil­li­gen­le­gion auf die Seite der Rebellen zu verlegen und den Kampf gegen die Deut­schen sofort aufzu­nehmen. Dazu kam es am Ende nicht, aber Dutzende unga­ri­sche Soldaten meldeten sich frei­willig auf die polni­sche Seite und einige von ihnen starben den Heldentod (ein Doku­men­tar­film über die Heldentat mit dem Titel Der unga­ri­sche Korridor ist HIER zu sehen).

Polni­sche Hilfe im Jahr 1956

Nach einer Rede des dama­ligen sowje­ti­schen Führers Nikita Chruscht­schow Anfang 1956, in der er die stali­nis­ti­sche Politik kriti­sierte, äußerte sich auch sein polni­scher Amts­kol­lege Władysław Gomułka nach dem Ausbruch des Posener Aufstandes im Juni laut­stark gegen das kommu­nis­ti­sche Terror­re­gime. Daraufhin marschierten unga­ri­sche Studenten zur Statue von József Bem, ein Symbol nicht nur für die Soli­da­rität mit Polen, sondern auch für die Forde­rung nach einer ähnli­chen Verän­de­rung wie in Polen. Junge Leute skan­dierten den Slogan „Polen geht mit gutem Beispiel voran, lasst uns in Ungarn diesem Weg folgen“ und schwenkten polni­sche Fahnen. Einige polni­sche Dichter, u.a. Adam Ważyk und Herbert Zbigniew, schrieben Gedichte über die unga­ri­sche Revo­lu­tion am 23. Oktober.

Aus ganz Polen meldeten sich Frei­wil­lige, um den Ungarn in Buda­pest zu helfen.

Große Mengen an polni­schem Blut wurden von unseren Frei­heits­kämp­fern im Jahr 1956 drin­gend benö­tigt · Foto: Fortepan/Gödér Hajnal

Polni­sche Jour­na­listen ermu­tigten ihre Lands­leute ständig zur Hilfe. Sie orga­ni­sierten Sympa­thie­kund­ge­bungen in mehreren polni­schen Städten, Arbeiter in Fabriken in Danzig grün­deten die Polnisch-Unga­ri­sche Freund­schafts­ge­sell­schaft, und die Polen demons­trierten ihre Soli­da­rität sogar durch ihre Blutspende-Aktionen:

Auf einen Aufruf hin meldeten sich etwa vier­tau­send Polen frei­willig, um den unga­ri­schen Frei­heits­kämp­fern Blut zu spenden.

Nach zeit­ge­nös­si­schen Angaben erhielt die unga­ri­sche Bevöl­ke­rung in den Tagen der Revo­lu­tion von den Polen insge­samt 795 Liter Blut, 415 Liter Blut­plasma, 16,5 Tausend Kilo­gramm Blut­ersatz­mittel, Serum, Medi­ka­mente und Verbands­ma­te­rial sowie eine 24 Tonnen schwere Liefe­rung von  Lebensmitteln.

Quelle: Magyar Nemzet


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