Polens demo­gra­fi­sches Defizit wächst trotz der pro-nata­lis­ti­schen Politik der PiS

Foto: Visegrád Post

Nach einem Anstieg der Gebur­ten­zahlen in den Jahren 2016 und 2017, den die polni­sche Regie­rung auf die erst­ma­lige Einfüh­rung von Fami­li­en­bei­hilfen im post­kom­mu­nis­ti­schen Polen zurück­führten, begann die Gebur­ten­rate im Jahr 2018 wieder zu sinken. Dieser Trend hat sich 2019 und auch 2020 bestä­tigt, wie die gerade veröf­fent­lichten Zahlen des polni­schen Statis­tik­amtes (GUS) zeigen. Parallel zu einer stei­genden Sterb­lich­keits­rate verlor Polen im Jahr 2020 ohne Berück­sich­ti­gung der Migra­ti­ons­ströme rund 122.000 Einwohner und hatte am Ende des Jahres offi­ziell 38,268 Millionen Einwohner.

Stei­gende Sterb­lich­keit als Folge von Pandemie und Gesundheitspolitik

Die polni­sche Sterb­lich­keit ist 2020 mit rund 477.000 Todes­fällen um etwa 70.000 höher als 2019, was einen abso­luten Rekord seit dem Zweiten Welt­krieg darstellt. Der größte Anstieg der Sterb­lich­keit war im vierten Quartal zu verzeichnen, mit 60 % mehr Todes­fällen im Vergleich zum vierten Quartal 2019. Diesen 477.000 Ster­be­fällen standen 355.000 Lebend­ge­burten gegen­über. Das Bevöl­ke­rungs­wachstum ist daher negativ und erreicht ‑0,3 % im Jahr 2020 gegen­über ‑0,07 % im Jahr 2019 und ‑0,06 % im Jahr 2018.

Was die Morta­lität betrifft, wäre es falsch, den gesamten Anstieg auf das Coro­na­virus SARS-CoV‑2 zu schieben. Bis zum 31. Dezember betrug die kumu­la­tive Zahl der Todes­fälle, die dem Coro­na­virus zuge­schrieben werden, 28.556. Seit der Jahr­hun­dert­wende starben in Polen jähr­lich zwischen 360.000 und 410.000 Menschen, wobei aufgrund der Alte­rung der Bevöl­ke­rung bis 2019 im Durch­schnitt nur 2.500 zusätz­liche Todes­fälle pro Jahr zu erwarten sind. Nach Abzug der Zahl der Todes­fälle, die dem Coro­na­virus zuge­schrieben werden, verbleiben fast 40.000 Todes­fälle, die auf zwei Arten erklärt werden können: Entweder handelt es sich um Opfer von Covid-19, die nicht als solche gezählt wurden, weil sie nicht getestet wurden. Oder, und das betrifft zwei­fellos einen Groß­teil dieser zusätz­li­chen Todes­fälle, sie sind Opfer der Politik der Behörden, die Besuche in medi­zi­ni­schen Einrich­tungen auf ein Minimum zu redu­zieren und „nicht drin­gende“ Eingriffe aufzu­schieben. Wenn dies der Fall ist, ist es wahr­schein­lich, dass der im November beob­ach­tete starke Anstieg der Ster­be­fälle, den einige genau auf den Einfrieren des Gesund­heits­we­sens im Früh­jahr zurück­führen, auch im Jahr 2021 anhalten wird, weil der Zugang zur Versor­gung weiterhin so schwierig ist wie heute.

Gebur­ten­rate trotz „500+“-Programm gesunken

Auf der Seite der Geburten wird das Rekord­jahr 2017 mit 402.000 Lebend­ge­burten gewesen sein. Es war das einzige Jahr mit einem Bevöl­ke­rungs­über­schuss in diesem Jahr­zehnt und das erste Jahr seit 1998, in dem die Zahl der Geburten die 400.000er-Marke über­schritt. Von 369.000 bis 402.000 zwischen 2015 und 2017 gingen die Geburten dann auf 388.000 im Jahr 2018, 375.000 im Jahr 2019 und, wie oben erwähnt, 355.000 im Jahr 2020 zurück, also weniger als vor der Einfüh­rung des Fami­li­en­bei­hil­fe­pro­gramms „500+“.

Diese Zahlen veran­lassten die Regie­rung von Mateusz Mora­wi­ecki dazu, erst­mals im Jahr 2020 in einem Doku­ment fest­zu­stellen, dass das Ziel des Fami­li­en­bei­hil­fe­pro­gramms „500+“ nicht die Erhö­hung der Gebur­ten­rate sei, sondern die Verrin­ge­rung der Armut und die Abschwä­chung des Gebur­ten­rück­gangs. Im Jahr 2016 erklärte Minis­ter­prä­si­dentin Beata Szydło statt­dessen, dass es das Ziel sei, die Polen zu ermu­tigen, mehr Kinder zu bekommen, und dass es das Ziel sei, ein Wachstum der Gebur­ten­zahl zu errei­chen. Aber es ist auch wahr, dass in dem offi­zi­ellen Doku­ment ihrer Regie­rung über die erwar­teten Folgen des Programms „500+“ ein lang­samer Anstieg der Gebur­ten­zahl auf 380.400 im Jahr 2019, dann eine Stabi­li­sie­rung im Jahr 2020 und dann ein allmäh­li­cher Rück­gang prognos­ti­ziert wurde.

Der Grund war, dass die Zahl der Frauen im gebär­fä­higen Alter in Polen rapide abnahm und die pro-nata­lis­ti­sche Politik der PiS somit zu spät kam. Zwischen 2015 und 2019 ist die Zahl der Frauen im gebär­fä­higen Alter um mehr als 250.000 gesunken. Im Jahr 2019 lag die Zahl der Frauen im gebär­fä­higen Alter bei 8,9 Millionen, laut der 2014 veröf­fent­lichten GUS-Bevöl­ke­rungs­pro­gnose werden es im Jahr 2050 nur noch 5,79 Millionen sein. Das Problem ist, dass die Ferti­li­täts­rate nicht steigt, sondern sinkt. Nachdem sie zwischen 2015 und 2017 von 1,289 auf 1,453 Kinder pro Frau gestiegen war, fiel sie 2018 auf 1,435 und 2019 auf 1,419.

Die Regie­rung und die PiS-Mehr­heit weisen dennoch darauf hin, dass die Gebur­ten­rate im Vergleich zu den 2014 veröf­fent­lichten GUS-Prognosen immer noch höher ist als erwartet und dass dies vor allem auf das Programm „500+“ zurück­zu­führen ist. In jedem Fall bestä­tigt der weitere Rück­gang der Gebur­ten­zahl im Jahr 2020, dass Fami­li­en­bei­hilfen allein nicht ausrei­chen, um den demo­gra­fi­schen Rück­gang in Polen, wie im gesamten ehema­ligen Osteu­ropa, umzukehren.

Quelle: Visegrád Post (Autor: Olivier Bault)


1 Kommentar

  1. Viele machen den Fehler, die Verän­de­rung der Volks­zahl (Geburten minus Ster­be­zahl) zu betrachten, statt die Alters­struktur und die Geburtenrate.
    Ein Gedankenexperiment:
    Wenn die Mitglieder eines Volkes alle steri­li­siert würden (Kaufman-Plan, Hemingway, Roose­velt), dann würde sich zunächst an der Volks­zahl gar nichts ändern; bloß die Gebur­ten­rate fiele auf Null.
    Das Volk wäre im selben Moment schon verloren, aber die Volks­zahl würde im Jahr nur um 1 bis 1,5 % abnehmen.

    ALERSSSTRUKTUR:
    Jedes Kind hat 2 Eltern. Nur Jüngere sind poten­ti­elle Eltern.
    Wenn jede Frau (im Durch­schnitt) in einem Jahr nur 1 Kind in die Welt setzt, halbiert sich die Zahl der 25-Jährigen in 25 Jahre später. Wer heute nicht geboren wird, kann in 25 J. keine Familie gründen.
    Besteht bei diesen pot. j. Eltern der gleiche nied­rige Kinder­wunsch, dann ist die Zahl der 25‑J. in weiteren 25 Jahren nur noch ein Viertel.
    Und so weiter, die Gebur­ten­lücke ist eine geome­trisch wach­sende Größe, wenn die Para­meter sich nicht ändern. In den letzten 2–3 Genera­tionen haben sie sich in der brd ein wenig geän­dert, zum Schlechteren!!
    Die Jungen nehmen geome­trisch ab, die Alten bleiben, zunächst.

    Zur Erhal­tung einer nach­hal­tigen Bevöl­ke­rungs­struktur ist also eine Gebur­ten­rate von 2,2 notwendig. Heute haben wir für die brd eine Gebur­ten­rate um 1,4. Es ist zu vermuten, daß die Rate für die Einhei­mi­schen nicht deut­lich höher liegt als EINS.

    In Polen gibt es den Faktor Kultur­fremde nicht.
    Und Polen tut etwas gegen den Volkstod, gegen das Aussterben des Volkes.
    In der brd gibt es viele Poli­tiker, die das Aussterben der Deut­schen und das straf­lose Umbringen von Kindern vor der Geburt begrüßen, und die Kabi­nette seit Adenauer haben das Aassterben durch eine kinder­feind­liche Sozi­al­po­litik geför­dert und verursacht.

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