Poli­ti­sche Geogra­phie: Fall­studie Russ­land – Teil 2

Karte: Russland’s 14 Nachbarländer; Quelle: Stepmap.de

Geogra­phi­sche und demo­gra­phi­sche Faktoren Russlands
Poli­ti­sche Geogra­phie: Fall­studie Russ­land – Teil 2 

Im Verlaufe der Neuzeit und in dem Masse, wie sich Russ­land über die Jahr­hun­derte nach Zentral­asien und Sibi­rien ausdehnte, wurde eben dieses Land zuneh­mend zentral im Verständnis der poli­ti­schen Geogra­phie Eura­siens, also des geopo­li­ti­schen Schlüssel-Konti­nents. Aufgrund seiner massiven terri­to­rialen Ausdeh­nung, seines enormen Reich­tums an Boden­schätzen, sowie seiner stra­te­gisch posi­tio­nierten Lage als natür­liche Land­brücke zwischen Europa und Ostasien erlangte Russ­land im Verlaufe des 19. Jahr­hun­derts nicht nur eine inter­na­tio­nale Bedeu­tung als Groß­macht, sondern es spielte auch eine wich­tige Rolle in der Balance der Welt­mächte insge­samt. Und kein anderer Faktor als die Geogra­phie hat dies mehr mitge­prägt. Was Russ­land betrifft, so bezeichnet die Geogra­phie jeden­falls ein Universum für sich!

Zunächst fällt bei der Betrach­tung der poli­ti­schen Welt­karte auf, dass Russ­land mit Abstand das terri­to­rial größte Land der Erde ist, und dass es mit Ausnahme von Skan­di­na­vien fast den gesamten nörd­li­chen Teil Eura­siens abdeckt. Selbst im Rahmen der nörd­li­chen Hemi­sphäre stellt das russi­sche Terri­to­rium einen heraus­ra­genden Brocken dar. Nicht nur ist Russ­land mit seinen kolos­salen 17,1 Mio. km2! ein regel­rechter terri­to­rialer Gigant, v.a. inner­halb Eura­siens, das selbst auch den größten und geogra­phisch zentralsten Konti­nent der Welt darstellt; das Land erstreckt sich wie ange­deutet gar über zwei Konti­nente hinweg (Europa und Asien), was sonst kein anderes Land der Erde schafft – es sei denn, man argu­men­tiere, dass Russ­land ein von Europa wie Asien ‘sepa­rater Welt­teil’ darstelle, wie es bisweilen in west­li­chen Wissen­schafts­kreisen tenden­ziell und implizit reprä­sen­tiert wird (was hingegen aus dem Blick­winkel der Geogra­phie keinen eigent­li­chen Sinn macht; bzw. das einzige Land, das gleich­zeitig auch einen sepa­raten Konti­nent bildet, ist Austra­lien). Als Vergleich bemisst sich die Landes­fläche von Kanada, also des zweit­größten Landes, auf gerade mal 10 Mio. km2, gefolgt von den USA (9.8 Mio. km2), China (9.6 Mio. km2), und Brasi­lien (8.6 Mio. km2). Man halte sich fest: Russ­lands Luft­linie von West nach Ost misst satte 7’000 km. Dies entspricht jener von Kairo nach Kapstadt, und somit hätte Afrika, beinahe quer gelegen, Platz im russi­schen Terri­to­rium. Und die Luft­linie von Norden nach Süden bemisst sich in Russ­land auf 4.500 km, was wiederum derje­nigen von Los Angeles nach New York entspricht und somit bedeutet, dass man die USA, um 90 Grad gedreht, inner­halb von Russ­lands Terri­to­rium plat­zieren könnte – also von dessen nörd­lichstem Zipfel beim Arkti­schen Meer bis zu seinem südlichsten Pol in Zentral­asien; all jene, die mal die Reise von der Ameri­ka­ni­schen Ost- an die West­küste unter­nommen haben (oder umge­kehrt), egal mit welchen Mitteln, mögen sich bestimmt an solche räum­li­chen wie zeit­li­chen Distanz erinnern!

Kurz: Russ­land hält geogra­phisch fast alle Rekorde. Seine Landes­grenze ist denn so lange, dass sie sich fast einein­halb Mal um den Äquator spannen ließe (57’000 km), wobei alleine der ans Meer gren­zende Anteil (37’000 km) beinahe so lange ist wie der Erdum­fang! Entspre­chend misst seine konti­nen­tale Landes­grenze entlang des euro­asia­ti­schen Fest­landes sage und schreibe den halben Erdum­fang (20’000 km), was mit Abstand die längste Landes-Innen­grenze der Welt darstellt. Zum Vergleich: Während die längste konti­nen­tale Landes­grenze welt­weit zwischen zwei souve­ränen Staaten, nämlich dieje­nige zwischen den USA und Kanada, 8.900 km beträgt (einschließ­lich der Grenze zwischen Kanada und dem Bundes­staat Alaska, also eines verhält­nis­mäßig großen US-Bundes­staates und der ferner im 19. Jahr­hun­dert von Russ­land an Amerika verkauft wurde!), erstreckt sich Russ­lands gemein­same Grenze alleine mit Kasach­stan auf 7’000 km. Während hingegen Kanada, also das terri­to­rial zweit­größte Land der Erde, eigent­lich nur die USA als direktes Nach­bar­land aufweist, sind es im Fall von Russ­land ganze 14 Nach­bar­länder. Schließ­lich grenzt Russ­land an nicht weniger als 10 Meere, inklu­sive das Schwarze Meer und das Kaspi­sche Meer, den Pazifik noch nicht einmal mitgezählt!

Dabei verläuft Russ­lands Landes­grenze entlang von so unter­schied­li­chen Nach­bar­staaten wie Norwegen und Nord­korea, und während in sämt­li­chen seiner 14 Nach­bar­staaten je eigene natio­nale Spra­chen gespro­chen werden, gilt das Russi­sche im Falle der meisten der ehema­ligen Sowjet­re­pu­bliken, wenn nicht de jure, aber de facto noch immer also die zweite offi­zi­elle Landes­sprache (siehe auch die Karte weiter unten, die die verglei­chende Ausdeh­nung der heutigen russi­schen Föde­ra­tion und der ehema­ligen Sowjet­union darstellt). Somit ist das Russi­sche auch mit Abstand die am weitesten verbrei­tete Sprache im Rahmen einer inte­grierten konti­nen­talen Zone. Andere Euro­päi­sche Spra­chen wie etwa das Engli­sche, aber auch das Spani­sche oder  Fran­zö­si­sche haben sich global z.T. noch weiter ausdehnen können, jedoch nur aufgrund einer mari­timen Auswei­tung nach ‘Über-See’. In diesem Sinne kann man selbst die Verei­nigten Staaten lingu­is­tisch als ein Terri­to­rium betrachten, das histo­risch betrachtet zum Briti­schen Impe­rium und Common­wealth gehörte und im Rahmen dessen bekannt­lich «die Sonne nie unter­ging»; und genau gleich könnte man die Geschichte eben dieser Poli­ti­schen Geogra­phie noch weiter zurück deuten, und entlang der lingu­is­ti­schen Linie, nämlich mit der Ausdeh­nung der engli­schen Sprache ursprüng­lich von England auf die Briti­schen Inseln, bzw. das Verei­nigte Königreich.

Karte: Terri­to­riale Ausdeh­nung von Russ­land im Vergleich zur Sowjetunion.
Quelle: Wikipedia.

Zwischen Russ­lands Angren­zung sowohl an West­eu­ropa als auch Nord­ame­rika (Alaska) liegen seine Nach­bar­länder denn auch entlang poli­tisch, kultu­rell, und klima­tisch bunt zusam­men­ge­wür­felten Regionen wie Skan­di­na­vien, dem Baltikum, Osteu­ropa, Zentral­asien, und Ostasien. Während die Länge von Russ­lands gemein­samen Grenzen auch mit China (4’200 km) sowie der Mongolei (3’500 km) im inter­na­tio­nalen Vergleich weit vorne mithalten und Russ­land histo­risch nicht nur vom Mongo­li­schen Reich, sondern auch von anderen Mächten mehr­fach exis­ten­tiell bedroht wurde, entstand inter­es­san­ter­weise entlang von Russ­lands Landes­grenzen nie so etwas wie eine ‘Chine­si­sche Mauer’. Wiederum in Europa erstreckt sich Russ­lands Landes­grenze selbst mit der heute – von Russ­land unab­hän­gigen! – Ukraine auf beinahe 2’000 km, was der längsten Landes­grenze zwischen zwei souve­ränen Staaten in Europa entspricht. Zum Vergleich ist die Landes­grenze zwischen Norwegen und Schweden 1’600 km lang, und dieje­nige zwischen Deutsch­land und Frank­reich, also der beiden zentralen Eckpfeiler der Euro­päi­schen Union, und die sich im Verlaufe der jüngeren Neuzeit häufig bekriegten, gerade mal 450 km.

Dabei ist Russ­lands gewal­tige terri­to­riale Dimen­sion ein verhält­nis­mäßig altes Phänomen, denn bereits vor Ablauf des 17. Jahr­hun­derts hatte es seine heutige Ausdeh­nung erreicht, also zu einer Zeit, als z.B. die Verei­nigten Staaten noch unter Briti­scher Kolo­nialer Herr­schaft war und der Bären­an­teil Nord­ame­rikas unter Fran­zö­si­scher sowie Spani­scher Herr­schaft lag.

Umge­kehrt erreichte Russ­land im 20. Jahr­hun­dert und zur Zeit der Sowjet­union eine noch wesent­lich größere Ausdeh­nung, was auf der folgenden Karte veran­schau­licht wird.

Je nach dem könnte in diesem Zusam­men­hang ferner noch auf den Warschauer Pakt (1955–1991) hinge­wiesen werden (siehe auch die folgende Karte), also der Mili­tär­al­lianz der Sowjet­union, die im Kalten Krieg in Europa der NATO gegen­über­stand. Denn hiermit entstand in der zweiten Hälfte des 20. Jahr­hun­derts noch ein größerer Staaten-Block, der nicht nur von Moskau aus orga­ni­siert war, sondern inner­halb dessen sich auch die Russi­sche Sprache weiter ausdehnte bis nach Mittel­eu­ropa, also etwa bis nach Berlin und der ehema­ligen DDR.

Karte: Terri­to­riale Ausdeh­nung des Warschauer Paktes; Quelle: Wikimedia.

Nach dem Zerfall der Sowjet­union und der darauf­fol­genden Auflö­sung des Warschauer Paktes im Jahre 1991 setzte sodann ein in umge­kehrter geogra­phi­scher Ausrich­tung erfol­gender Prozess ein, bei dem sämt­liche jener nun unab­hän­gigen Mittel-Ost-Euro­päi­schen Staaten, die bis zum Ende des Kalten Krieges zum Warschauer Pakt gehörten, bzw. die im Verlaufe des 2. Welt­krieges (Bulga­rien, Molda­wien, Polen, Ost-Deutsch­land, Rumä­nien, Ungarn) und z.T. auch während des Kalten Krieges von der UDSSR besetzt wurden (dama­lige Tsche­cho­slo­wakei, 1968), sowie die drei Balti­schen Staaten, die vormals gar zur Ex-Sowjet­union gehörten, sowohl der NATO als auch der EU beitraten, mit dem Resultat, dass die aktu­ellen östli­chen Außen­grenzen dieser neuen, soge­nannten Euro-Atlan­ti­schen Staa­ten­gruppe, deren Epizen­trum Brüssel ist, gleich bis an Russ­lands Landes­grenze reicht.

Noch während der Verhand­lungen zwischen den Verei­nigten Staaten und der vorma­ligen Sowjet­union zur Wieder­ver­ei­ni­gung des seit dem Ende des 2. Welt­krieges geteilten Deutsch­lands insis­tierten die Ameri­kaner darauf, dass insbe­son­dere das wieder­ver­ei­nigte Deutsch­land der NATO einver­leibt werden solle. Hiermit folgten sie denn auch jener Anglo-Ameri­ka­ni­schen Geostra­tegie in Konti­nental-Europa, die im Ersten Teil ange­spro­chen wurde, deren oberstes Ziel es ist seit gut 200 Jahren, dass die beiden wich­tigsten Konti­nen­tal­mächte in Europa, Deutsch­land und Russ­land, keine stra­te­gi­sche Zusam­men­ar­beit anstreben können. Dabei darf nicht vergessen werden, dass nebst Russ­land eben gerade Deutsch­land seit dem 20. Jahr­hun­dert zur heraus­ra­gendsten Rivalin sowohl von Groß­bri­tan­nien als auch der USA heraus­ge­wachsen war, und dass jenseits der Alli­ierten-Banden auch heute noch starke geo-ökono­mi­sche Span­nungen herr­schen inner­halb des NATO-Bünd­nisses, und ange­sichts der zuneh­menden tech­no­lo­gi­schen und real­wirt­schaft­li­chen Domi­nanz Deutschlands.

Als eine heraus­ra­gende zeit­ge­nös­si­sche Illus­tra­tion hierfür könnte man den Vortag von George Friedman erwähnen, also dem Gründer von StratFor, im Chicago Council anläss­lich des Krisen-Eska­la­tion in der Ukraine (2014), der den provo­ka­tiven Titel trägt «Europe, Destined for Conflict?» (www.youtube.com/watch?v=QeLu_yyz3tc), und im Rahmen dessen der renom­mierte ameri­ka­ni­sche Geostra­tegie-Berater nicht nur versucht, Siemens gegen Google auszu­spielen, sondern implizit darlegt, dass es für die Atlan­ti­sche Gemein­schaft darum geht, eben nicht nur Russ­land sondern vor allem auch Deutsch­land einzu­dämmen. Dass dies jedoch histo­risch gesehen immer schon ein expli­zites Motto war, dies demons­trierte niemand anders als der erste Gene­ral­se­kretär der NATO, General Hastings Ismay, der diese geopo­li­ti­sche Grund­regel der Atlan­ti­schen Seemächte in Europa mit der Grün­dung der NATO selbst in Verbin­dung brachte, bzw. hiermit deren raison d’être markierte: «to keep the Soviet Union out (from Europe), the Ameri­cans in, and the Germans down!»

Wenn man jeden­falls in Rech­nung stellt, dass die Russi­sche Föde­ra­tion auch nach dem Zerfall der Sowjet­union eine nukleare Super­macht geblieben ist und hier weiterhin mit den USA auf glei­cher Ebene steht und beide Staaten hiermit auch heute noch eine exklusiv hohe Anzahl an Nukle­ar­waffen aufweisen, dann weist es im Vergleich zu den anderen vier führenden Nukle­ar­mächten und perma­nenten Mitglie­dern im UNO-Sicher­heitsrat (USA, Groß­bri­tan­nien, Frank­reich, China) ein verhält­nis­mäßig dezen­tra­li­siertes und hete­ro­genes Verwal­tungs­system auf, einschließ­lich vier Auto­nome Kreise (Awto­n­omnyj Okrug), neun Regionen (Kraj), 46 Gebiete (Oblast’), sowie drei Städte mit Sonder­status (Moskau, Sankt Peters­burg, Sewastopol).

Auch bleibt Russ­land trotz seiner mehr­heit­lich euro­pä­isch geprägten Demo­gra­phie (wie weiter unten vermerkt) ein Viel­völ­ker­staat, und insbe­son­dere Sibi­rien weist eine hohe ethni­schen Diver­sität auf. Auch Zentral­asien und die Kaukasus-Region, wo Russ­land seit längerem als domi­nante Regio­nal­macht Einfluss nahm, war schon immer von diversen ethni­schen Volks­gruppen behei­matet. Im Verlaufe der terri­to­rialen und impe­rialen Ausdeh­nung Russ­lands in Eura­sien gab es hingegen nie einen Völker­mord an lokalen Bevöl­ke­rungs­grup­pie­rungen, jeden­falls nichts was nur annä­he­rungs­weise mit den Zuständen in Nord­ame­rika vergleichbar wäre. Umge­kehrt erhielt Russ­land bis zur Entste­hung der Sowjet­union immer schon einen stetigen Bevöl­ke­rungs­zu­strom insbe­son­dere aus West­eu­ropa, und nur schon seine deutsch­stäm­mige Bevöl­ke­rung (siehe etwa die Wolga-Deut­schen) ist beachtlich.

Die wohl charak­te­ris­tischste Eigen­schaft der physi­schen Geogra­phie Russ­lands steht im Zusam­men­hang mit den spezi­fi­schen klima­ti­schen Bedin­gungen des Landes, ganz beson­ders was das weit­flä­chige Sibi­rien östlich des Urals anbe­langt, wo im Winter arkti­sche Tempe­ra­turen herr­schen. Während das Ther­mo­meter in den nord­öst­li­chen Teilen Sibi­riens auf unter 60 Grad Celsius fallen kann, bleiben in gewissen Teilen die Jahres­durch­schnitt-Tempe­ra­turen unter ‑15 Grad Celsius. Es sind denn auch die Jahres­mit­tel­tem­pe­ra­turen (siehe die folgende Karte), die immer schon dafür sorgten, dass sich der Bären­an­teil von Russ­lands Bevöl­ke­rung auf die in Europa liegende west­liche Zone konzen­trierte. Seit der Aufzeich­nung meteo­ro­lo­gi­scher Daten zu Beginn des 19. Jahr­hun­derts bemisst sich Russ­lands Jahres­durch­schnitts­tem­pe­ratur auf ein Mittel von ‑5,52 Grad Celsius; während im selben Zeit­raum das monat­liche abso­lute Maximum ledig­lich 16,89 Grad Celsius betrug (Juli 2010), sank das abso­lute Minimum auf sage und schreibe ‑30,58 (Januar 1838); hierzu wäre allen­falls beizu­fügen, dass dieser Tief­punkt in die Kleine Eiszeit fiel, die bis Mitte des 19. Jahr­hun­derts andauerte.

Karte: Jähr­liche Durch­schnitts­tem­pe­ratur in Russ­land; Quelle: russian-realestate.com/air-temperature-in-russia%5B/caption%5D

Die äußerst kalten Winter­mo­nate speziell im sibi­ri­schen Teil haben dazu geführt, dass sich nicht nur die große Mehr­heit der Bevöl­ke­rung, sondern auch der Groß­städte und Indus­trie­zonen auf die west­li­chen und südli­chen Gebiete konzen­trieren. Das Paradox Russ­lands poli­ti­scher Geogra­phie besteht darin, dass es terri­to­rial zwar mehr­heit­lich zu Asien gehört und dort prak­tisch ganz Norda­sien umfasst, ande­rer­seits jedoch die über­wie­gende Mehr­heit der Menschen im Europa zuge­wandten Teil west­lich des Urals ange­sie­delt ist, also jenes Gebirgs­zuges, der geogra­phisch Europa von Asien trennt. Somit ist Russ­land poli­tisch, wirt­schaft­lich, und kultu­rell im Kern ein euro­päi­sches Land. Russ­land wurde schon vor über 1000 Jahren von Byzanz aus chris­tia­ni­siert (siehe: Kiewer Rus) und weist heute die größte ortho­doxe Glau­bens­ge­mein­schaft des Chris­ten­tums auf. Europas Zivi­li­sa­ti­ons­ge­schichte wäre jeden­falls undenkbar ohne den russi­schen Beitrag zur Wissen­schaft, Lite­ratur, bildenden Künste, klas­si­schen Musik, sowie natür­lich das Bolschoi Theater!

Karte: Bevöl­ke­rungs­ver­tei­lung in Russ­land: Quelle: de.maps-russia.com/russland-bev%C3%B6lkerung-dichte-karte%5B/caption%5D

Russ­land ist somit nicht nur mit weitem Abstand das terri­to­rial größte Land Europas (selbst was den Euro­päi­schen Teil west­lich des Urals betrifft), sondern es ist auch heute noch klar demo­gra­phisch Europas größtes Land. Dabei wurde seine Demo­gra­phie im Verlaufe des 20. Jahr­hun­derts in Europa und auch im Welt­maß­stab unver­hält­nis­mäßig stark in Mitlei­den­schaft gezogen, ein demo­gra­phi­scher Einbruch, der, was die abso­luten Opfer­zahlen anbe­langt, allen­falls noch von den Verhält­nissen in der Volks­re­pu­blik China im selben Zeit­raum über­troffen wird (siehe nebst den Folgen von Kolo­ni­sa­tion und mili­tä­ri­scher Beset­zung jene der poli­ti­schen Perse­ku­tionen insbe­son­dere während der Kultur­re­vo­lu­tion sowie der Ein-Kind-Politik, aufgrund derer China statis­tisch bis zu 100 Mio. Zivi­listen, mehr­heit­lich Frauen verlor). Was wiederum Russ­land und die darauf­fol­gende Sowjet­union anbe­trifft, so belaufen sich die kumu­la­tiven Opfer­zahlen aufgrund der beiden Welt­kriege, der Bolsche­wis­ti­schen ‘Revo­lu­tion’ (die ferner mitten im Ersten Welt­krieg begann und von west­li­chen Mächten maßgeb­lich mitfi­nan­ziert wurde), dem darauf­fol­genden Bürger­krieg, sowie von poli­ti­scher Perse­ku­tion auf mindes­tens 30 Millionen Tote kollek­tiver Gewalt, Soldaten wie Zivi­listen. Hinzu kommt eine relativ hohe Zahl mehr­heit­lich ziviler Opfer von Straf- und Arbeits­la­gern (Gulag), Flucht, Vertrei­bung, und Hungers­nöten, welche in Russ­land und der Sowjet­union die poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Kata­stro­phen sowie profunden gesell­schaft­li­chen, wenn nicht ideo­lo­gi­schen Umwäl­zungen des 20. Jahr­hun­derts forderten.

Während es wie auch im Falle Chinas unter­schied­liche Quellen-Infor­ma­tionen gibt und sich die Wissen­schaft bis heute punkto genaue Opfer­zahlen jener histo­ri­schen Ereig­nisse uneinig ist, so wird doch implizit klar, dass eine Hand von Ländern den Bären­an­teil am unge­heu­er­li­chen Gemetzel des 20. Jahr­hun­derts zu verzeichnen hat. Während auch Deutsch­land über 6 Millionen Soldaten auf den Schlacht­fel­dern des 2. Welt­krieges verlor, nachdem es bereits im 1. Welt­krieg stark geblutet hatte, bleiben die Zahlen der zivilen deut­schen Opfer­zahlen rund um den 2. Welt­krieg kontro­vers und jenes der Vertrei­bung deutsch­stäm­miger Bevöl­ke­rungs­teile nach dem Krieg gar weit­ge­hend ein Tabu. Ähnli­ches könnte zu Japan ange­merkt werden, u.a. was wiederum die zivilen Opfer­zahlen aufgrund der flächen­de­ckenden Bombar­die­rungen aller größeren Städte, einschließ­lich mit phos­phor­hal­tigen Feuer­bomben durch die US Navy (und vergleichbar mit der syste­ma­ti­schen Bombar­die­rung deut­scher Städte) auch vor dem Einsatz der Atom­bomben auf Hiro­shima und Naga­saki betrifft.

Man stelle sich im Falle des 2. Welt­krieges jeden­falls mal folgende Propor­tion, wenn nicht Verhält­nis­mä­ßig­keit vor, zumal deswegen, weil ja nebst der Sowjet­union und anderen Alli­ierten gerade die USA mit Abstand zu den Haupt­ge­win­nern der Krieges zählten, nicht zuletzt  im wirt­schaft­li­chen Sinne (nach dem Krieg umfasste die US Wirt­schaft beinahe die Hälfte des Welt-Brut­to­so­zi­al­pro­duktes und avan­cierte der US-Dollar bald zur domi­nanten Devi­sen­wäh­rung): während man noch ganz am Ende des 2. Welt­krieges in den USA, also auch jener Sieger­macht, deren eigenes Terri­to­rium mit der Ausnahme von Hawaii (Pearl Harbor) selbst auch im Vergleich zu Groß­bri­tan­nien wirk­lich weit entfernt lag von den wich­tigsten Kriegs­schau­plätzen, und deren zivile Bevöl­ke­rung und Infra­struktur somit prak­tisch unver­sehrt blieben, argu­men­tierte, dass der Einsatz der Atom­bombe gegen Japan bis zu einer Million Ameri­ka­ni­scher Soldaten den Tot ersparen würde, verlor alleine die Sowjet­re­pu­blik Kasach­stan im Krieg genauso viele Soldaten wie letzt­lich die USA im Krieg insge­samt, d.h. alle gefal­lenen US-Soldaten an beiden Fronten in Europa und dem Pazifik zusammen genommen (ca. 400’000). Und während die Sowjet­union die histo­ri­sche Rekord­summe von 12 Millionen Soldaten (etwa doppelt so viel wie Deutsch­land) in diesem bisher verhee­rendsten Krieg der Mensch­heits­ge­schichte verlor, hiermit aber umge­kehrt auch entschei­dend zur Aufrei­bung der Wehr­macht und schließ­lich zum Sieg gegen Nazi-Deutsch­land beitrug, verlor sie ebenso viele Zivi­listen, u.a. aufgrund des von den Nazis gegen ost-slawi­sche, mehr­heit­lich ortho­doxe Länder und Völker geführten totalen Vernich­tungs­feld­zuges. Um die apoka­lyp­ti­sche Dimen­sion dieses Kriegs­ver­bre­chens zu illus­trieren: die dama­lige Sowjet­re­pu­blik Weiß­russ­land alleine verlor während dieses Horrors einen Drittel seiner Bevöl­ke­rung! Solch extreme demo­gra­phi­schen Statis­tiken kennt man allen­falls noch von der Schwarzen Pest im Mittel­alter. Jeden­falls wären somit die insge­samt zwölf Millionen gewaltsam zu Tode gekom­menen unbe­waff­neten slawi­schen Zivi­listen doppelt so viel im Vergleich mit der bereits schon horrenden Zahl an Opfern (sechs Millionen), die die jüdi­sche Bevöl­ke­rung Europas durch den ebenso von den Nazis insze­nierten Holo­caust erlitt!

All dies zeigt jeden­falls, dass die geogra­phi­sche Posi­tion eines Landes direkte Auswir­kungen auch auf seine allge­meine demo­gra­phi­sche Entwick­lung hat, und dass dieser Faktor häufig noch weit gewich­tiger in Erschei­nung tritt als wirt­schaft­liche oder poli­ti­sche Faktoren. Hätte Russ­land etwa wie z.B. im Falle der USA sozu­sagen von einem ‘weit entfernten’ Konti­nent aus an den haupt­säch­li­chen krie­ge­ri­schen Ausein­an­der­set­zungen des 20. Jahr­hun­derts teil­nehmen können, wäre seine Bevöl­ke­rung heute unge­fähr doppelt so groß, bzw. beinahe gleich groß wie dieje­nige der heutigen USA (300 Mio.), selbst v.a. dann, wenn man in Rech­nung stellt, dass es wirt­schaft­lich stärker gewachsen wäre im selben Zeit­raum und hiermit auch eine größere demo­gra­phi­sche Zuwan­de­rung erfahren hätte. Dabei bleibt auch Russ­lands heutige Bevöl­ke­rung von 145 Mio. noch immer stark rück­läufig aufgrund der Altlasten der Sowjet­union sowie der direkten Folgen der in den 1990er Jahren durch den Inter­na­tio­nalen Währungs­fonds verhängten ‘Struk­tu­rellen Anpas­sungs­pro­gramme’, die das post-sowje­ti­sche Russ­land beinahe zurück auf den Stand eines Entwick­lungs­landes geworfen hätt. Statis­tisch verlor Russ­land seit dem Ende des Kalten Krieges 1991 ca. eine Million Menschen pro Jahr. Und selbst hiermit ist Russ­land noch so groß wie dieje­nige der beiden demo­gra­phisch größten Länder West­eu­ropas zusam­men­ge­nommen, Deutsch­land (82 Mio.) und das Vereinte König­reich (63 Mio.).

Ansonsten aber blieb Russ­land immer schon aufgrund seines immensen Terri­to­riums und v.a. dem Umstand, dass weite Teile prak­tisch unbe­wohnbar sind, ein insge­samt dünn besie­deltes Land. Im krassen Gegen­satz etwa zum dich­testen bevöl­kerten Land der Erde, Bangla­desch, das unge­fähr dieselbe Bevöl­ke­rungs­größe aufweist (155 Mio.) wie Russ­land, jedoch im Vergleich winzig klein erscheint (knapp 150’000 km2), und das mit über 1’000 Bewohner pro Quadrat­ki­lo­meter unver­hält­nis­mäßig dicht besie­delt ist, zählt Russ­land gerade mal neun Bewohner pro Quadrat­ki­lo­meter im Schnitt, vergleichbar mit Kanada, wo durch­schnitt­lich elf Menschen pro Quadrat­ki­lo­meter leben. Auch Argen­ti­niens Bevöl­ke­rungs­dichte von 15 Menschen pro Quadrat­ki­lo­meter wäre noch halb­wegs vergleichbar. Zum weiteren Vergleich zählen die USA 35 Menschen pro Quadrat­ki­lo­meter, China 148, West­eu­ropa 183, und Indien 382. Nur gerade Island und Austra­lien, wo auch schwie­rige meteo­ro­lo­gi­schen Bedin­gungen herr­schen, sind mit je drei Bewoh­nern pro Quadrat­ki­lo­meter noch dünner besie­delt als Russ­land, während die Gesamt­be­völ­ke­rung von Austra­lien (25 Mio.), also eines der entwi­ckeltsten Länder, und das zugleich ein sepa­rater Konti­nent darstellt, unwe­sent­lich grösser ist als Indiens Haupt­stadt, New Delhi (22 Mio.)!

Schließ­lich ist Moskau mit seinen 12,5 Mio. Einwoh­nern (und weiter wach­send) klar Europas größte Stadt, ein Drittel grösser als Europas zweit­größte Stadt, London (9.0 Mio.), gefolgt von Madrid (6.7 Mio.) und Berlin (3.8 Mio.). Und auch Russ­lands zweit­größte Stadt, St. Peters­burg ist mit seinen 5 Mio. Einwoh­nern nicht nur die viert größte Stadt Europas, sondern so groß wie Paris (2.15 Mio.) und Rom (2.85 Mio.) zusam­men­ge­nommen, die Haupt­städte zweier G7 Länder. Dagegen ist Shang­hais Bevöl­ke­rung fast doppelt so groß wie dieje­nige Moskaus und China weist heute über 100 Städte mit einer Bevöl­ke­rung von über einer Mio. Einwoh­nern auf, was doppelt so viel ist wie alle ein Mio.+ Groß­städte Europas zusammengenommen.

Es wundert denn nicht, dass insbe­son­dere west­eu­ro­päi­sche Länder immer schon mit großem Staunen ihren geogra­phisch erha­benen osteu­ro­päi­schen Nach­barn betrach­teten (geschweige denn das, was insbe­son­dere im demo­gra­phi­schen Sinne danach folgt in Rich­tung Asien!), und dass bei jener ‘west­li­chen’ Wahr­neh­mung viel Bewun­de­rung, Faszi­na­tion, und Attrak­tion, aber auch Vorsicht, Skepsis, wenn nicht Miss­trauen herrschte. Auch ist West­eu­ropas Geogra­phie im Vergleich zu anderen Konti­nenten nicht nur terri­to­rial verhält­nis­mäßig klein, macht sie auch einen terri­to­rial zerstü­ckelten und hiermit relativ fragilen Eindruck (es reicht, eine Welt­karte zu betrachten). Hätte sich Russ­land jeden­falls im selben Masse und mit vergleich­barer Effi­zienz wie etwa Deutsch­land oder auch Japan indus­tria­li­sieren können (die beiden Länder mit der größten indus­tri­ellen Produk­ti­vität seit der Wende zum 20. Jahr­hun­dert), so wäre Russ­land wohl zur ulti­ma­tiven Hyper-Macht aufge­stiegen – nicht nur in Europa, sondern im Welt­maß­stab und vermut­lich auch in direktem Vergleich zu den USA. Zwar holte die Sowjet­union unter Stalin gegen­über dem Westen indus­triell in beacht­li­cher Weise auf; ande­rer­seits aber hatte bereits die Russi­sche Konsti­tu­tio­nelle Monar­chie um die Jahr­hun­dert­wende einen maka­blen wirt­schaft­li­chen Aufschwung erfahren und hätte Russ­land damals schon zu einer der führenden Indus­tri­ellen Volks­wirt­schaften avan­cieren können, wenn nicht die krie­ge­ri­schen und geopo­li­ti­schen Ereig­nisse zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts seine wirt­schaft­liche und demo­gra­phi­sche Entwick­lung ausge­bremst hätten.

Trotz der Altlasten aus der Zeit der Sowjet­union, seiner heute demo­gra­phisch stark rück­läu­figen Entwick­lung, sowie der derzei­tigen harschen west­li­chen Wirt­schafts­sank­tionen durch die USA und die EU, hat Russ­land aufgrund der soge­nannten ‘Straßen- und Gürtel­in­itia­tive’ (Auch ‘Neuen Seiden­straße’ genannt), die China 2013 lancierte, neue Aussichten auf Prospe­rität und Anschluss an die Spitze der führenden Welt­mächte. Gemäß prospek­tiven makro­öko­no­mi­schen Daten wird Russ­lands Wirt­schaft in den kommenden zwei Jahr­zehnten merk­lich wachsen und somit auch im Jahre 2030 noch unter den Top-10 Volks­wirt­schaften verbleiben und von derzeit Platz 6 auf Platz 8 wech­seln, während in West­eu­ropa nur noch Deutsch­land unter den Top-10 verbleiben wird und vom derzei­tigen Platz 5 auf Platz 10 rutschen wird, gleich nach Japan, das vom 4. auf den 9. Platz sinken wird. In diesem Zusam­men­hang wäre inter­es­san­ter­weise noch zu erwähnen, dass die USA bis 2030 nicht nur von China, sondern auch durch Indien über­rundet sein werden. Und selbst ein Land wie die Türkei wird vom derzei­tigen 9. Platz auf Platz 5 avan­cieren und somit nach Indo­ne­sien aber vor Brasi­lien stehen, während zu diesem Phänomen nicht nur die Neue Seiden­straße, sondern eben auch die zentrale geostra­te­gi­sche Posi­tion des Landes im logis­ti­schen Schar­nier zwischen Asien, Europa und Afrika beitragen werden. Im selben Sinne, und aufgrund der Auswei­tung der Neuen Seiden­straße nach West­asien und Afrika wird selbst Ägypten vom bisher 21. auf den 7. Rang vorrü­cken; denn auch hier wird einmal mehr in der Geschichte die exklu­sive Rolle und geogra­phi­sche Posi­tion dieses Landes als Land­brücke zwischen Afrika und Eura­sien zu einem wirt­schaft­li­chen Come­back führen.

Graphik: Die größten Volks­wirt­schaften im Jahre 2030; Quelle: VisualCapitalist.

Der dritte Teil dieser Studie wird denn sein Augen­merk auf die stra­te­gi­schen Aspekte von Russ­lands poli­ti­scher Geogra­phie werfen, ange­fangen bei seinem ausge­spro­chenen Reichtum an Boden­schätzen, seiner einzig­ar­tigen Rolle als Land­brücke zwischen Europa und Asien, sowie den neuen geopo­li­ti­schen Para­me­tern, die in Eura­sien u.a. mit der Neuen Seiden­straße entstanden sind.

Hier sei ledig­lich beigefügt punkto Geogra­phie Russ­lands, dass das Land mit dem Elbrus im Kaukasus (5’642 m ü. M.) und nahe der Grenze zu Geor­gien auch den mit Abstand höchsten Berg in Europa aufweist, beinahe tausend Meter höher als der Mont Blanc, also die höchste Erhe­bung in den in West­eu­ropa posi­tio­nierten Alpen (4’808 m ü. M.). Ein schla­fender Vulkan­berg, ist der Elbrus ferner der höchste Stra­to­vulkan in Eura­sien. Im welt­weiten Vergleich erheben sich nur die alles über­ra­genden Gipfel des Hima­laya in Asien (bis weit über 8000 Meter hoch), einige Gipfel in den südame­ri­ka­ni­schen Anden (die über 7000 Meter reichen), sowie zwei Peaks in den Nord­ame­ri­ka­ni­schen Rocky Moun­tains (Mount Denali, Alaska: 6140 m ü M.; Mount Logan, Canada: 5959 m. ü. M.) und auch der Kili­man­dscharo in Afrika (5’895 m ü. M) noch höher.

Bild: Der Berg Elbrus in Kaukasus-Gebirge;
Quelle: justfunfacts.com/interesting-facts-about-mount-elbrus%5B/caption%5D

Teil III: Stra­te­gi­sche Aspekte Russ­lands poli­ti­scher Geographie

Zum Autor: Dr. Alex­andre Lambert ist Akade­mi­scher Direktor des
Genfer Insti­tuts für Geopo­li­ti­sche Studien (GIGS)

Die Erst­ver­öf­fent­li­chung des Arti­kels erfolgte auf: www.stephanossenkopp.com

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here