Robert Redeker: „Mögli­cher­weise erleben wir das Ende des Levia­than-Staates, wie Hobbes ihn sich vorstellte“

Bildquelle: Breizh-info (Public Domain)

Das Buch Réseaux sociaux : la guerre des Lévia­thans („Soziale Netz­werke: der Krieg der Levia­thane“) versucht, die poli­ti­schen, kultu­rellen, anthro­po­lo­gi­schen und meta­phy­si­schen Folgen einer Realität aufzu­zeigen und zu analy­sieren, die die Mensch­heit in ein neues Zeit­alter proji­ziert: die sozialen Netzwerke.
 

Ihr Aufstieg zur Macht ist eine Volte de temps. Als neuer Levia­than ziehen sie als Abge­sandte von GAFAM (Die Big Five: Google, Amazon, Face­book, Apple und Micro­soft) gegen den tradi­tio­nellen Levia­than, den Staat, in den Krieg, um die plane­ta­ri­sche Macht auszu­üben. Ihre anthro­po­lo­gi­sche Wirkung besteht in der Entpri­va­ti­sie­rung des Menschen, zu deren Instru­menten die Heim­au­to­ma­ti­sie­rung gehört. Sie bedeuten das Ende der öffent­li­chen Meinung, der Grund­lage der Demo­kratie. Der Autor unter­sucht auch die Ideo­lo­gien, die die sozialen Netze in diesem Krieg begleiten, insbe­son­dere den Mythos der Natur. Als Werk eines Philo­so­phen liefert dieses einzig­ar­tige Buch der Öffent­lich­keit die Analysen und Konzepte, um die Welt der sozialen Netze zu verstehen, zu kriti­sieren und Wider­stand zu leisten.

Zur Diskus­sion über dieses wich­tige Buch haben wir Robert Redeker interviewt.

Können Sie unseren Lesern eine kurze histo­ri­sche und philo­so­phi­sche Erin­ne­rung geben: Was ist der Leviathan?

Robert Redeker: In der Bibel ist der Levia­than ein Seeunge­heuer. In der Philo­so­phie ist es ein von Thomas Hobbes im 17. Jahr­hun­dert geprägter Begriff, der den Staat bezeichnet, den die Menschen durch einen Gesell­schafts­ver­trag errichten, um dem „Krieg aller gegen alle“, dem Natur­zu­stand, in dem „der Mensch dem Menschen ein Wolf ist“, ein Ende zu setzen. Mit anderen Worten: Nur unter der Vormund­schaft des Staates, inso­fern er die Gewalt unter­drückt, kann man wirk­lich zum Mensch werden. Der Levia­than ist die euro­päi­sche Lösung für die Anar­chie der Reli­gi­ons­kriege. Das Konzept von Hobbes ist der Ursprung des modernen Staates.

Sie widmen Ihr Buch Martin Heidegger, „ohne den dieses Buch nicht hätte gedacht werden können“. Warum ist das so?

Robert Redeker: Die Lektüre des größten Philo­so­phen des 20. Jahr­hun­derts, Martin Heidegger, hat mich das Denken gelehrt. Seit 1975 vergeht kein Tag, an dem ich nicht über einige seiner Texte nach­denke, ohne mich auf sie zu beziehen. Aber ich bin kein Sektierer, ich bin ein Schüler, der die Werk­zeuge des Meis­ters benutzt und einige der Wege erkundet, die er eröffnet hat, ohne notwen­di­ger­weise zu den glei­chen Schluss­fol­ge­rungen zu gelangen wie er. Heidegger gab seinem gesamten Werk die Maxime: „Wege, nicht Werke“. Wir können es uns zu Herzen nehmen.

Wie sehen Sie die sozialen Netz­werke als neuen Levia­than und als Bedro­hung für die Menschheit?

Robert Redeker: Sie sind eine neue Form der Macht, die sich als Gegen­macht tarnt. Sie erfinden eine neue Form der Politik, die es Minder­heiten ermög­licht, eine Art Diktatur auszu­üben. In diesem Sinne: den Macht­ha­bern ihren Willen zu diktieren, damit sie sich fügen, und die gesamte Gesell­schaft mit ihnen. Es handelt sich nicht um eine direkte Diktatur, sondern um eine indi­rekte: Sie diktieren den Staaten, welche Maßnahmen sie zu ergreifen haben. Der Wokismus hat in den sozialen Netz­werken nicht nur ein ideales Vehikel gefunden, um Macht auszu­üben, wo immer er kann, sondern er ist auch struk­tu­rell mit den sozialen Netz­werken verbunden, eng mit ihnen verbunden, ja gera­dezu von ihnen erzeugt. Ohne sie wäre es nichts.

Im Jahr 2020 haben Sie die Griveaux-Affäre und die Figur der Greta Thun­berg als zwei Symbole für diesen Wandel der Zeiten genannt, der, wie Sie sagen, anthro­po­lo­gisch ist und mit sozialen Netz­werken zusam­men­hängt. Können Sie das erklären?

Robert Redeker: Beide sind eine reine Schöp­fung der sozialen Netz­werke. Die Griveaux-Affäre hätte sich niemals außer­halb der sozialen Netze ereignen können. Das war vor zehn Jahren noch undenkbar. Die Technik schafft das Ereignis, das ein Spek­takel ist. So wie die Film­technik den Film schafft. Bei den sozialen Netz­werken hingegen wirken die Zuschauer auf den Film ein, geben ihm eine bestimmte Rich­tung und werden schließ­lich in ihn inte­griert, sind Teil der Maschi­nerie. Wir sind an einem Punkt ange­langt, an dem wir sagen können: Es gibt keine wirk­li­chen sozialen Netz­werke mehr. Wenn er noch leben würde, würde Jean Baudril­lard das sagen, und er hätte nicht unrecht. Die analoge Technik ermög­licht es, dass das Reale außer­halb der Tech­no­logie bleibt, während die digi­tale Technik das Reale absor­biert und auflöst.

Sie erklären, dass sich die GAFAM in einem Krieg mit den Staaten befinden. Aber sind die Staaten nicht letzt­lich die Komplizen, die Instru­mente der GAFAM und umge­kehrt (wir denken an Gesetze, die die Meinungs­frei­heit einschränken, aber auch an die gemein­same Zusam­men­ar­beit mit Jour­na­listen, Regie­rungs­ver­tre­tern usw.)?

Robert Redeker: Es ist möglich, dass wir das Ende des Staates erleben, wie Hobbes ihn sich vorstellte: den Levia­than-Staat. Zwei­fellos werden wir diesen großen Beschützer noch bedauern. In jedem Krieg gibt es jedoch vorüber­ge­hende Kompro­misse mit dem Gegner und Tricks. Die GAFAM wollen nicht die Macht von den Staaten über­nehmen, sondern sie ersetzen, um die Macht der Zukunft zu werden. Sie sind die Pfad­finder des Post­staates. Ihrer Meinung nach ist der Staat über­holt, er wird nicht zerstört, er wird von selbst zusam­men­bre­chen. Sie erin­nern sich an Lenin: Der Staat wird nicht abge­schafft, er verwelkt.

Der Hyper­ka­pi­ta­lismus der sozialen Netze ist dabei, das Programm Lenins zu verwirk­li­chen: die Abschaf­fung des Staates.

In unserer Zeit geht es darum, unser Privat­leben, unsere Sorgen, unsere Freuden, unseren Kummer und unser Selbst in sozialen Netz­werken auszu­pa­cken, die auch Algo­rithmen, Werbung und Kontroll­in­stru­mente einsetzen. Sind es nicht die Indi­vi­duen, die schließ­lich zu den Akteuren ihrer eigenen frei­wil­ligen Knecht­schaft geworden sind, zu dem, was Javier Portella „glück­liche Sklaven der Frei­heit“ nennt?

Robert Redeker: Ich könnte es nicht besser sagen. Wir bewegen uns auf die Gesell­schaft des Menschen ohne geheimen Garten zu, des trans­pa­renten, d.h. abge­flachten Menschen, des gläsernen Menschen.

Sie erklären, dass dieser Levia­than-Krieg zur Abschaf­fung des Menschen führen wird. Was ist das? Ist das nicht sehr pessi­mis­tisch? Ist eine Umkeh­rung Ihrer Meinung nach noch möglich?

Robert Redeker: Leider hat der Pessi­mismus in der Geschichte oft recht. Viele Formen der Mensch­heit sind von der Zukunft verschlungen worden. Michel Foucault sagte dies, als er den „Tod des Menschen“ verkün­dete, wie ihn der Westen seit der Antike konsti­tu­iert hatte. Jede tech­ni­sche Revo­lu­tion ist eine Anthropo­faktur: eine Neuge­stal­tung des Menschen. Die Beson­der­heit des digi­talen Univer­sums liegt in der Auslö­schung der Inner­lich­keit. Der Mensch, den sie hervor­bringt, ist ein Mensch ohne Inner­lich­keit, d.h. ohne Privat­leben, kurz gesagt, ohne Seele. Wie können wir uns dieser Entwick­lung wider­setzen? Indem man dem inneren Leben in Form von Poesie, Gebet, Medi­ta­tion und Philo­so­phie Aufmerk­sam­keit schenkt.

Inter­view geführt von Yves Vallerie.

DIeser Beitrag erschien zuerst bei BREIZH-INFO, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here