Ruuben Kaalep: „Inter­ma­rium soll ein frei­wil­liges Bündnis sein, nicht wie die EU“

Ruuben Kaalep · Foto: Visegrád Post

Inter­view mit Ruuben Kaalep, Mitglied des estni­schen Parla­ments und Mitglied von EKRE, der Konser­va­tiven Volks­partei Estlands: „Wir müssen in der Lage sein, auf der globalen Bühne zu spielen, und dafür müssen wir unsere Kräfte bündeln und uns gegen­seitig unter­stützen. Doch das Inter­ma­rium soll ein frei­wil­liges Bündnis sein, nicht wie die EU“.

Am Ende des Sommers kam Ruuben Kaalep auf Einla­dung der unga­ri­schen natio­na­lis­ti­schen Partei Mi Hazánk (Unser Heimat­land) nach Ungarn. Ruuben Kaalep ist einer der Haupt­be­für­worter des Inter­ma­rium-Projekts, eines poli­ti­schen und geostra­te­gi­schen Plans, der darauf abzielt, die balti­schen Länder, die Visegrád4-Staaten, die Ukraine, Kroa­tien, Slowe­nien, Weiß­russ­land, Molda­wien und Rumä­nien neu zu grup­pieren und eine Art Dreieck zwischen der Ostsee, dem Schwarzen Meer und der Adria zu bilden. Obwohl sich diese Liste von Zeit zu Zeit ändert und manchmal auch andere Balkan­länder, die skan­di­na­vi­schen Länder oder sogar Öster­reich einschließt, bleibt das Ziel des Inter­ma­riums dasselbe: die Länder Mittel- und Osteu­ropas – mit der bemer­kens­werten Ausnahme Russ­lands – im Rahmen einer Zusam­men­ar­beit zusam­men­zu­führen, um die Inter­essen der Region zu schützen. Für seine Befür­worter ist das Projekt der beste Weg, die Lebens­weise, die Sicher­heit und die Unab­hän­gig­keit der mittel- und osteu­ro­päi­schen Länder zu bewahren, indem „sie von der west­li­chen Vorherr­schaft befreit und vor dem russi­schen Impe­ria­lismus geschützt werden“.

Das Inter­ma­rium-Projekt ist keine neue Idee, auch wenn seine Wieder­be­le­bung nach der Maidan-Revo­lu­tion und dem Konflikt zwischen der Ukraine und Russ­land, den die Adepten des Inter­ma­riums als eine neue russi­sche Aggres­sion empfanden, die eine regio­nale Zusam­men­ar­beit erfor­dert, um Vergleich­bares in Zukunft zu vermeiden, sichtbar wurde. Vor hundert Jahren träumte der nach dem Ersten Welt­krieg wieder­ge­bo­rene polni­sche Staat vom Wieder­aufbau des großen polni­schen Reiches, das die Ostsee mit dem Schwarzen Meer verbindet, bekannt als das polnisch-litaui­sche Common­wealth, das in der Lage ist, Russ­land einzu­dämmen. Dieses Międ­zy­morze – „zwischen den Meeren“ – Projekt der polni­schen Eliten umfasste auch Länder wie Ungarn, Jugo­sla­wien, Finn­land, die Tsche­cho­slo­wakei und Rumä­nien und war damit das erste moderne Projekt, das die MOE-Länder zusam­men­führte. Dieses zwischen Russ­land und dem Westen ange­sie­delte geopo­li­ti­sche Projekt, das den Balkan vom übrigen Europa abschneidet, hatte immer viele Kritiker, in Russ­land ebenso wie im Westen. Heut­zu­tage ist das Inter­ma­rium zwar meist ein wenig bekanntes, pan-natio­na­lis­ti­sches Projekt, das haupt­säch­lich von ukrai­ni­schen, balti­schen, kroa­ti­schen und polni­schen poli­ti­schen Gruppen befür­wortet wird, doch die Drei-Meer-Initia­tive kann als Umset­zung dieser Idee ange­sehen werden. Obwohl das Inter­ma­rium größere Ambi­tionen hat als die ange­kün­digten Ziele der Drei-Meer-Initia­tive (die die balti­schen Länder, die V4, Öster­reich, Slowe­nien, Kroa­tien, Rumä­nien und Bulga­rien umfasst), welche auf einem ener­ge­ti­schen und verkehrs­tech­ni­schen Koope­ra­ti­ons­schema aufbaut, das die ener­ge­ti­sche Unab­hän­gig­keit der MOE-Länder von Russ­land garan­tieren soll und zugleich von den USA finan­ziert wird. Für die Befür­worter des Inter­ma­rium-Projekts sollte die Zukunft der Region in der Ableh­nung von drei Haupt­feinden liegen: Russ­land, der NATO und des Kommunismus.

Rot: die Staaten des Inter­ma­riums (Estland, Lett­land, Litauen, Polen, Weiß­russ­land, Ukraine, Molda­wien, Tsche­chien, Slowakei, Ungarn, Kroa­tien und Slowenien)

Chef­re­dak­teur Ferenc Almássy von unserem Part­ner­portal Visegrád Post traf sich während seines Ungarn­auf­ent­halts mit Ruuben Kaalep, um vor allem über dessen Befür­wor­tung des Inter­ma­rium-Projekts zu sprechen.

Ferenc Almássy: Sie sind Abge­ord­neter im estni­schen Parla­ment, aber Sie sind, kann man sagen, ein Natio­na­list? Können Sie diesen Beinamen akzeptieren?

Ruuben Kaalep: Auf jeden Fall. Ich bin ein Natio­na­list. Das ist für mich die Hauptsache.

Ferenc Almássy: Es ist also möglich, dass in Estland Natio­na­listen Teil einer Regie­rungs­ko­ali­tion sind?

Ruuben Kaalep: Richtig. Nun, zunächst einmal, wenn Sie dies aus west­eu­ro­päi­scher Perspek­tive fragen, dann sind die Dinge im Moment zwischen West- und Osteu­ropa sehr unter­schied­lich, ideo­lo­gisch anders. Denn was wir in West­eu­ropa sehen, ist, dass die Menschen dort, die domi­nie­rende Kultur, den Sinn für die Heilig­keit der natio­nalen und ethni­schen Iden­tität völlig verloren haben.

Ich denke, in gewisser Weise wird die Tren­nung zwischen Ost- und West­eu­ropa noch immer durch unsere Geschichte entschieden, nämlich durch die Tatsache, dass unsere Länder lange Zeit von der kommu­nis­ti­schen Besat­zung beherrscht und unsere natio­nale Iden­tität gewaltsam unter­drückt wurde. Wir erleben eine starke Gegen­re­ak­tion darauf. Wir haben das Gefühl, dass die globa­lis­ti­sche links­li­be­rale Ideo­logie, die uns vom Westen aufge­zwungen wird, in gewisser Weise dem Kommu­nismus sehr ähnlich ist, weil sie eben­falls tota­litär ist. Sie akzep­tiert keine anderen Stand­punkte, die außer­halb des offi­ziell akzep­tierten Para­digmas liegen. Das ist eine Sache.

Wie kam es nun dazu, dass wir in Estland zunächst eine Partei mit Sitzen im Parla­ment wurden und dann in die Regie­rung eintraten? In der estni­schen Main­stream-Politik brauchte man lange Zeit etwas wirk­lich Natio­na­lis­ti­sches. Daran hat es in den 1990er Jahren und danach gefehlt. Und das war es, was ich als Gymna­siast empfand, der sich für Geschichte, Kultur, Natur und so weiter inter­es­sierte. Ich las über die estni­sche Geschichte: den Unab­hän­gig­keits­krieg, den Zweiten Welt­krieg, die Frei­heits­kämpfer, die Wald­brüder, die noch lange nach dem Ende des Zweiten Welt­kriegs kämpften. Sie führten einen Parti­sa­nen­krieg gegen die Kommu­nisten. Und ich hatte das Gefühl, dass etwas von diesem Geist in der estni­schen Elite, die an der Macht war, wirk­lich fehlte.

Ferenc Almássy: In der poli­ti­schen Repräsentation?

Ruuben Kaalep: Ja, genau. Aber die genuin natio­na­lis­ti­schen Gruppen waren zu dieser Zeit klein und gespalten. Sie kämpften gegen­ein­ander. Sie hatten keine wirk­lich starken poli­ti­schen Perspek­tiven, bis unsere Partei 2012 gegründet wurde. Und sie entstand aus dem Zusam­men­schluss einer kleinen, aber aktiven natio­na­lis­ti­schen Gruppe, der ich vorher ange­hörte, mit einer alten, konser­va­tiven Agrar­partei, die aus dem Parla­ment ausge­schieden war und die alle ihre Führer verloren hatte. Ihre Führer waren in Korrup­ti­ons­skan­dale und solche Dinge invol­viert und flüch­teten zu anderen libe­ralen Parteien. Was blieb, war die Struktur der Partei mit vielen Mitglie­dern, die ganz normale estni­sche Menschen waren, haupt­säch­lich vom Lande, und sie brauchten eine klare Ideo­logie und eine klare Führung, die wir Natio­na­listen lieferten. Auf diese Weise haben wir die Partei aufgebaut.

Wir haben sofort als eine stark natio­na­lis­ti­sche Partei begonnen. Wir traten für all die Dinge ein, die von anderen Parteien igno­riert wurden. Wir stellten die Fragen über die Zukunft unserer estni­schen Ethnie, die niemand zu stellen wagte.

Ferenc Almássy: Wie zum Beispiel die Demographie?

Ruuben Kaalep: Ja. Demo­grafie, Fami­li­en­werte, all diese Dinge. Das führte dazu, dass wir 2015 eine Parla­ments­frak­tion wurden. Unsere Erfolgs­ge­schichte setzte sich 2019 fort, als wir mit 19 von 101 Abge­ord­neten ins Parla­ment einzogen und damit die dritt­größte Partei Estlands wurden. Das lag an der inneren Kluft zwischen den Libe­ralen in Estland. Die beiden wich­tigsten Parteien in Estland sind liberal, aber sie hassen einander seit langem mehr, als dass sie sich noch um libe­rale Werte scheren. Deshalb wurden wir mit der Zentrums­partei zum Koali­ti­ons­partner gegen eine andere libe­rale Partei, die Reform­partei, die die wich­tigste Oppo­si­ti­ons­partei ist.

Ferenc Almássy: Wir treffen uns in Ungarn, weil Sie gekommen sind, um auf einem Kongress der unga­ri­schen natio­na­lis­ti­schen Partei Mi Hazánk zu spre­chen, und weil Sie mit einem ihrer Abge­ord­neten über das Thema Inter­ma­rium debat­tiert haben. Viele Leute, die die Visegrád Post lesen, wissen über Inter­ma­rium Bescheid. Wir sind eines der wenigen Medien, die darüber berichten. Es ist übri­gens seltsam, dass in den Main­stream-Medien kaum darüber berichtet wurde, aber das ist ein anderes Thema. Kurz gesagt, dieses Inter­ma­rium-Projekt ist norma­ler­weise entweder nicht bekannt oder wird auf zwei verschie­dene Arten gesehen. Die eine ist eine sehr opti­mis­ti­sche Vision eines Phan­tasie-Osteu­ropas als letzte Hoch­burg der euro­päi­schen Kultur. Die andere ist, dass es als ein Werk­zeug der Verei­nigten Staaten gesehen wird, um Russ­land einzu­dämmen. Das hört man gewöhn­lich, wenn man von Inter­ma­rium spricht, zumin­dest in West­eu­ropa, aber auch in Ungarn. Wie würden Sie auf diese beiden Stand­punkte antworten?

Ruuben Kaalep: Zunächst einmal würde ich sagen, dass wir mit Dóra Dúró [diese Parla­ments­ab­ge­or­nete von Mi Hazánk schnitt dieses Thema an, Anm. d. Red.] eine Debatte hatten, denn wir waren uns in so ziem­lich allem einig. Ich bin absolut der Meinung, dass Inter­ma­rium oder ein geopo­li­ti­sches Bündnis zwischen den mittel- und osteu­ro­päi­schen Ländern – den Ländern mit den schwächsten Volks­wirt­schaften und einem starken natio­na­lis­ti­schen Gefühl und Sinn für natio­nale Iden­tität – bereits Verständnis dafür zeigt, was in West­eu­ropa geschieht, wie zum Beispiel die Migra­ti­ons­si­tua­tion, wo sie zulassen, dass ihre eigenen Leute in ihren eigenen Ländern zu Minder­heiten werden. Wir verstehen, dass wir nicht zulassen können, dass dasselbe in unseren Ländern passiert. Das ist es also, was uns verbindet, und wir müssen zusam­men­ar­beiten und zusam­men­halten und uns gegen­seitig helfen, denn das ist die einzige Hoff­nung, die die euro­päi­schen Menschen als Ganzes im Moment haben. Wir halten das Feuer am Leben, während es im Westen tot ist.

Ferenc Almássy: Sie würden also sagen, dass das vorran­gige Ziel dieser Zusam­men­ar­beit darin bestehen wird, die libe­ralen Fehler des Westens zu vermeiden?

Ruuben Kaalep: Ja. Und es wäre in jeder Hinsicht völlig anders als das Wesen der Euro­päi­schen Union, denn die EU baut auf verschie­denen Ländern mit sehr unter­schied­li­chen Werten auf. Sie spre­chen von euro­päi­schen Werten, aber was sie als euro­päi­sche Werte betrachten, ist nur eine univer­sa­lis­ti­sche, kolo­nia­lis­ti­sche Denk­weise aus einer globa­lis­ti­schen Perspek­tive. Sie sehen nicht die Bedeu­tung der Verwur­ze­lung in bestimmten Kulturen oder bestimmten Natio­na­li­täten. Wir haben dieses Gefühl. Das ist eine ganz wesent­liche Sache. Deshalb sind wir in der Lage, die Gefahr für ganz Europa und alle euro­päi­schen Menschen zu sehen, die eine exis­ten­zi­elle Gefahr darstellt. Es ist die Gefahr des Ausster­bens, indem man durch andere Kulturen und andere Rassen ersetzt wird, wie es in West­eu­ropa geschieht. Wir müssen diese Entwick­lung stoppen, und wir können unsere Länder nur retten, wenn wir es gemeinsam tun.

Ferenc Almássy: Auf welche Weise, konkret? Zum Beispiel ist die Visegrád-Gruppe eine infor­melle Gruppe. Es gibt keine recht­liche Struktur. Es ist eine Ad-hoc-Struktur. Woran denken Sie dabei?

Ruuben Kaalep: Ich denke, wir müssen diese recht­li­chen Verein­ba­rungen umsetzen, und wir müssen all dies vereinen. Es gibt viele Formen der Zusam­men­ar­beit, der diplo­ma­ti­schen Zusam­men­ar­beit zwischen diesen Ländern, —

Ferenc Almássy: die bereits existieren.

Ruuben Kaalep: Es gibt bereits eine starke Zusam­men­ar­beit zwischen den balti­schen Ländern, es gibt die Drei-Meer-Initia­tive, verschie­dene Projekte mit der Ukraine und Weißrussland —

Ferenc Almássy: das Slavkov [Austerlitz]-Dreieck und so weiter, ja.

Ruuben Kaalep: Ja. Wir müssen sie vereinen, aber auf einem völlig anderen Funda­ment als die EU. Es wird nicht funk­tio­nieren, wenn es von oben herab erzwungen wird, von irgend­einer Macht­struktur, die versucht, die Unter­schiede zwischen verschie­denen Kulturen und Völkern zu igno­rieren. Die Idee der EU ist, dass man hofft, dass diese Unter­schiede einfach verschwinden. Dies ist eine weiche Form des Globa­lismus. Wenn man versu­chen, Europa zu einem einheit­li­chen Teil dieses globalen Super­marktes zu machen, funk­tio­niert es nicht.

Ihre vorhe­rige Frage bezog sich auf die Geopo­litik. Ich denke, was inzwi­schen ganz klar ist, ist, dass der ameri­ka­ni­sche Einfluss auf die Welt­po­litik schwindet. Er lässt nach. Die Ameri­kaner haben so viele innen­po­li­ti­sche Probleme – Rassen­kon­flikte und poli­ti­sche Konflikte. Sie werden nicht mehr in der Lage sein, diese Rolle der Welt­po­lizei oder des globalen Hegemon, die sie einst hatten, zu spielen.

Ferenc Almássy: Es stimmt auch, dass sie, selbst wenn sie dazu in der Lage wären, es wahr­schein­lich nicht mehr auf dem glei­chen Niveau tun können, zumin­dest nicht in Europa, da sie sich wieder auf den Pazifik und China konzentrieren.

Ruuben Kaalep: Richtig. Ich denke, dass die Inter­ma­rium-Länder in geopo­li­ti­scher Hinsicht seit Jahr­zehnten auf den ameri­ka­ni­schen Schutz ange­wiesen waren. Es gibt also Risiken. Wenn der ameri­ka­ni­sche Einfluss verschwindet und wir nicht zusam­men­halten, wenn wir nicht in der Lage sind, unseren eigenen starken geopo­li­ti­schen Block aufzu­bauen, dann werden wir zur Spiel­wiese für neue Impe­rien wie Russ­land oder China, die nur auf ihre eigenen Inter­essen aus sind und sich nicht um natio­nale Werte oder ethni­schen Natio­na­lismus kümmern, der der wich­tigste verbin­dende ideo­lo­gi­sche Faktor für unsere Länder ist.

Wir müssen in der Lage sein, auf der globalen Bühne zu spielen, und dazu müssen wir unsere Kräfte bündeln und uns gegen­seitig unter­stützen. Aber es muss ein frei­wil­liges Bündnis sein, nicht so wie die EU.

Ferenc Almássy: Um auf den zweiten Teil meiner vorhe­rigen Frage zurück­zu­kommen: Einige Leute kriti­sieren die Idee von Inter­ma­rium als ein ameri­ka­ni­sches Satel­li­ten­pro­jekt zur Eindäm­mung Russ­lands. Was ist Ihre Antwort darauf?

Ruuben Kaalep: Wie ich bereits sagte, ist Amerika nicht mehr in der Lage, das, was in der Welt vor sich geht, zu kontrol­lieren. Es gibt also keinen Sinn für diese Verschwö­rungs­theo­rien, die davon ausgehen, dass alles ein Werk­zeug der Welt­re­gie­rung oder so ähnlich ist. Wenn wir unsere Kräfte bündeln, ist das die einzige Möglich­keit für unsere Länder, wirk­lich unab­hängig zu bleiben und uns auf die Bewah­rung unserer Kulturen und unserer Länder zu konzen­trieren. Das ist der einzige Weg, wie wir das tun können. Wenn es sich um ein echtes Koope­ra­ti­ons­pro­jekt handelt, kann es kein Werk­zeug oder eine Mario­nette irgend­eines Impe­riums sein. Wir müssen in der Lage sein, für unsere Länder einzu­treten, und das können wir nur gemeinsam tun.

Ferenc Almássy: Wenn Sie die Grund­sätze dieser Zusam­men­ar­beit und die Essenz dieses Inter­ma­rium-Projekts in wenigen Worten zusam­men­fassen müssten, wie würden sie lauten?

Ruuben Kaalep: Es muss auf der Idee der natio­nalen und ethni­schen Selbst­be­stim­mung basieren. Als Natio­na­list bin ich der Meinung, dass man andere Nationen nur respek­tieren kann, wenn man die eigene respek­tiert, und man kann seine eigene Nation nur respek­tieren, wenn man andere respek­tiert. Es gibt diese alte, dumme Idee, dass Natio­na­listen verschie­dener Länder sich immer hassen. Ich denke, das ist völlig falsch.

Ferenc Almássy: Wenn man so über Natio­na­lismus spricht, dann spricht man eigent­lich über Chauvinismus.

Ruuben Kaalep: Ja, genau. Seit fast einem Jahr­zehnt treffe ich nun schon mit Natio­na­listen aus vielen verschie­denen euro­päi­schen Ländern zusammen. Jedes Mal habe ich bei inter­na­tio­nalen Treffen von Natio­na­listen die Erfah­rung gemacht, dass ich glaube, dass dies die beste Chance für die wahre Frei­heit der Nationen und die Akzep­tanz und Wert­schät­zung der wahren Viel­falt ist, die wir haben. Das ist es, wofür wir stehen. Was die Welt schön macht, ist die wirk­liche Viel­falt, die dadurch entsteht, dass jede Nation ihr eigenes Land hat. Ich glaube, das ist das Wich­tigste. Diese Idee sollte den spiri­tu­ellen Kern von Inter­ma­rium bilden.

Nun in prak­ti­scher Hinsicht denke ich, dass wir, solange die EU exis­tiert – ich glaube nicht, dass sie auf lange Sicht ein Faktor sein wird, weil es zu viele tren­nende Fragen inner­halb der EU gibt, die sie früher oder später zu Fall bringen werden -, immer fürein­ander einstehen müssen. Wenn die Globa­listen versu­chen, zum Beispiel Ungarn anzu­greifen, dann brau­chen wir alle Länder von Inter­ma­rium, um uns zu vereinen und Ungarn zu unter­stützen. Und genau so sollte es auch für alle anderen Länder von Inter­ma­rium sein.

Was wir auch brau­chen – und ich denke, länger­fristig ist das entschei­dend -, ist die mili­tä­ri­sche Zusam­men­ar­beit, denn ohne diese werden wir keine starke geopo­li­ti­sche Kraft sein.

Ferenc Almássy: Sie meinen die Zusam­men­ar­beit unab­hängig von der NATO oder inner­halb der NATO?

Ruuben Kaalep: Nicht alle Länder von Inter­ma­rium, wie zum Beispiel die Ukraine, sind NATO-Mitglieder. Daher wird diese Zusam­men­ar­beit ein anderes Format haben müssen. Die Einbe­zie­hung der Ukraine ist für Inter­ma­rium von entschei­dender Bedeu­tung, denn in der Geopo­litik, in der Wirt­schaft und bei all diesen Faktoren befindet sich die Ukraine in einer sehr entschei­denden Position.

Ferenc Almássy: Sie sind einer der Haupt­be­für­worter von Inter­ma­rium in der inter­na­tio­nalen Szene. In welchen Ländern und von welchen poli­ti­schen Gruppen sehen Sie die größte Unter­stüt­zung und das größte Verständnis für dieses Projekt?

Ruuben Kaalep: Ich denke, die größten Befür­worter sind die balti­schen Natio­na­listen, die eine sehr gute Erfah­rung in der Zusam­men­ar­beit mitein­ander haben, die keine Konflikte mitein­ander haben und die verstehen, dass wir mit den glei­chen Bedro­hungen konfron­tiert sind. Das gilt insbe­son­dere für die ukrai­ni­schen Natio­na­listen, die auch sehr aktive Befür­worter des Inter­ma­riums sind, weil sie in ihrem Kampf gegen die russi­sche Besat­zung sehr allein gelassen wurden. Ich würde mir wünschen, dass die Visegrád-Länder dies in Zukunft stärker unter­stützen, denn ich denke, die Visegrád-Gruppe ist das beste Beispiel für diese Art der Zusam­men­ar­beit, die schließ­lich zu einem starken geopo­li­ti­schen Block wie Inter­ma­rium ausge­baut werden sollte.

Ich bin in dieser Hinsicht opti­mis­tisch. Ich sehe, dass immer mehr Menschen in dieser Region verstehen, dass wir eine gemein­same Vergan­gen­heit haben, aber auch eine gemein­same Zukunft, und dass wir gemein­same Probleme und gemein­same Bedro­hungen haben. Deshalb halte ich dies für das Wichtigste.

Ferenc Almássy: In dieses Inter­ma­rium-Projekt sind die meisten Balkan­länder norma­ler­weise nicht einbe­zogen. Warum sehen Sie nicht auch ein gemein­sames Schicksal mit ihnen?

Ruuben Kaalep: Ich denke, das größte Problem, das die Inte­gra­tion von Inter­ma­rium behin­dert, sind all diese alten Grenz­kon­flikte zwischen vielen dieser Länder, wie zum Beispiel zwischen Polen und Litauen, Ungarn und Rumä­nien und so weiter. Auf dem Balkan ist es viel schlimmer. Nehmen Sie zum Beispiel den Konflikt zwischen Serben und Kroaten. Es gab vor nicht allzu langer Zeit einen echten Krieg, und ich glaube, es ist sehr schwer, diese Erin­ne­rung zu löschen. In den Ländern, die ich erwähnt habe, sollten wir niemals zulassen, dass es so schlimm wird, denn wir sollten nicht vergessen, dass wir, wenn wir anfangen, gegen­ein­ander zu kämpfen, dann ganz Europa verlieren werden.

Alle unsere Länder werden gerade jetzt durch dasselbe Problem bedroht, durch dieselbe Bedro­hung, die von diesem globa­lis­ti­schen Projekt ausgeht, das alle natio­nalen Iden­ti­täten auslöscht. Um dem Einhalt zu gebieten, müssen wir unsere Diffe­renzen beiseite legen, auch vorüber­ge­hend. Wir können nur dann erfolg­reich sein, wenn wir dies tun können. Im Ideal­fall würde ich mir wünschen, dass alle Balkan­länder Teil von Inter­ma­rium werden, aber ich denke, dass es eine Art Versöh­nung zwischen ihnen geben muss, um dies zu ermög­li­chen. Prak­tisch gesehen haben wir vor allem mit den Kroaten gespro­chen, die in Bezug auf das Thema Inter­ma­rium wirk­lich auf derselben Seite stehen.

Quelle: Visegrád Post

 

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