Trianon, Ungarn und Frank­reich – Inter­view mit Nicolas de Lamberterie

Foto : Facebook / Viktor Orban

Anläss­lich des 100. Jahres­tages des Vertrags von Trianon, der immer noch seine Schatten auf die Politik Ungarns und Mittel­eu­ropas wirft, inter­viewte Olivier Bault im Auftrag des fran­zö­si­schen Nach­rich­ten­ma­ga­zins Présent unseren Kollegen Nicolas de Lamber­terie, Schrift­steller und Jour­na­list bei TV Libertés (Paris) und Visegrád Post (Buda­pest).

– Am 4. Juni 1920 wurde durch die Unter­zeich­nung des Vertrags von Trianon in Versailles Ungarn zwei Drittel seines tausend­jäh­rigen Terri­to­riums entrissen und 3,3 Millionen Ungarn zu Minder­heiten im Ausland gemacht. Die Ungarn sollen ihren Gram über diese nach dem Ersten Welt­krieg verhängte Verstüm­me­lung nie verwunden haben. Hat die Mitglied­schaft in der EU das Problem nicht gelöst?

– Sie konnte dieses Problem im Effekt lindern, indem das Reisen erleich­tert wurde. Ungarn in Rumä­nien zum Beispiel sind nicht mehr so ​​einge­sperrt wie zu Ceaușescus Zeiten. Die histo­ri­sche Unge­rech­tig­keit von Trianon ist jedoch nach wie vor verlet­zend. Die Zwischen­kriegs­zeit war der große irre­den­tis­ti­sche Moment unter Admiral Horthy gewesen, als 100% der unga­ri­schen Nation für die Revi­sion der Grenzen waren. All dies hat sich am Ende des Kalten Krieges ein wenig gemil­dert, aber es gibt heute keine güns­tige Strö­mung für eine Revi­sion. Nur sehr wenige Ungarn halten es für realis­tisch und ernst­haft durch­führbar, diese Frage erneut aufs Tapet zu bringen. Nach seiner Rück­kehr an die Macht im Jahr 2010 verlieh Viktor Orbán den im Ausland lebenden Ungarn die Möglich­keit der Annahme der unga­ri­schen Staats­bür­ger­schaft (mit Ausnahme der Ungarn in der Slowakei, nachdem das slowa­ki­sche Parla­ment in einer Dring­lich­keits­ab­stim­mung den Widerruf der slowa­ki­schen Staats­bür­ger­schaft in der Slowakei im Falle des Erwerbs einer anderen Staats­bür­ger­schaft vorge­sehen hatte); ferner wird die Vertei­di­gung der magya­ri­schen Minder­heiten als grund­le­gende Forde­rung ange­sehen, doch in den Kreisen der Regie­rung und des Fidesz wird nie offen davon gespro­chen, dass dies an sich nur durch eine Revi­sion der Grenzen möglich ist. Orbán hat im Gegen­teil viel getan, um gute Bezie­hungen zu den slowa­ki­schen und serbi­schen Nach­barn wieder­her­zu­stellen. Mit Rumä­nien gelang ihm das aller­dings nicht, was auch inso­fern einen Sonder­fall darstellt, als der „tiefe Staat“ in Rumä­nien regel­mäßig jeden Versuch sabo­tiert, eine Eini­gung mit Orbáns „illi­be­ralem“ Ungarn zu erzielen, indem er die Phan­tom­dro­hung eines in Wirk­lich­keit gar nicht vorhan­denen unga­ri­schen Wunsches aufrührt, in Sieben­bürgen einzudringen.

– Vor hundert Jahren prokla­mierte die Entente als Kriegs­ziel das Selbst­be­stim­mungs­recht der Völker. Der Vertrag von Trianon verstieß jedoch gegen dieses Recht gegen­über den Ungarn. Was war der Grund dafür?

– Das König­reich Ungarn umfasste aus histo­ri­schen Gründen nicht-magya­ri­sche Bevöl­ke­rungs­gruppen: Slawen im Norden, Ruthenen in Trans­kar­pa­tien, Rumänen in Sieben­bürgen, Serben im Süden des Landes und Kroaten, die seit dem 12. Jahr­hun­dert mit der Heiligen Stefans­krone von Ungarn verbunden waren. Dies war so bis ins 19. Jahr­hun­dert, als natio­nale Bestre­bungen unter diesen Bevöl­ke­rungs­gruppen entstanden. Wenn damals das Selbst­be­stim­mungs­recht der Völker geachtet worden wäre, wäre Ungarn unwei­ger­lich dieser Bevöl­ke­rungs­an­teile verlustig geraten. Doch dieses Recht der Völker wurde aus stra­te­gi­schen Gründen völlig miss­achtet. Es wurde beispiels­weise beschlossen, die unga­risch-tsche­cho­slo­wa­ki­sche Grenze an die Donau zu verlegen, wobei die Grenze der heutigen Slowakei weit über die von den Slowaken bevöl­kerten Gebiete hinaus verschoben wurde. Ebenso sollten die Rumänen, um ihnen die Kontrolle über eine Eisen­bahn­linie zu geben, eine Erwei­te­rung ihres Hoheits­ge­biet lukrieren. Es gab also viele Faktoren, die Ungarn während des Vertrags von Trianon zu einem tragi­schen Schicksal verhalfen.

Wir sollten uns auch daran erin­nern, dass die wieder­holten Forde­rungen der Ungarn nach Refe­renden, um die Meinung der betrof­fenen Bevöl­ke­rung zu erfragen, syste­ma­tisch abge­lehnt wurden. Das einzige Refe­rendum, das schließ­lich statt­fand, betraf die Region Ödenburg/Sopron in West­un­garn: in dieser Stadt, die ursprüng­lich von Öster­reich annek­tiert werden sollte, fand eine Erhe­bung unga­ri­scher Soldaten statt, was eine Volks­ab­stim­mung im Dezember 1921 zur Folge hatte, die wiederum zur Rück­kehr des Gebiets an Ungarn führte.

– Der frühere briti­sche Premier­mi­nister Lloyd George hat später gesagt, dass „alle Unter­lagen, die uns einige unserer Verbün­deten während der Frie­dens­ver­hand­lungen zur Verfü­gung gestellt haben, falsch und mani­pu­liert waren. Wir haben uns aufgrund von gefäl­schen Tatsa­chen entschieden“.

– Diese Art der Verhand­lung ist für Lobbying- und Smoke-Screen-Aktionen charak­te­ris­tisch. Als wir zum Beispiel eine „unab­hän­gige“ Kommis­sion entsandten, um zu prüfen, ob die Stadt Kaschau/Kassa (heute Košice) haupt­säch­lich von Ungarn oder Slowaken bevöl­kert ist, stellte sich heraus, dass diese Kommis­sion von Leuten im Sold der Tsche­chen Benesch und Masaryk beschickt wurde. Diese Leute legten einen falschen Bericht vor, in dem behauptet wurde, es sei eine slowa­ki­sche Stadt, und auf der Grund­lage dieser Lüge wurde entschieden. Es gab solche Fälschungen, aber allge­meiner formu­liert erhalten dieje­nigen, die keine Infor­ma­tionen erhalten möchten, auch keine Informationen.

– In seiner hervor­ra­genden Arbeit über den Vertrag von Trianon („Das drama­ti­sche Schicksal Ungarns“) fand der Fran­zose Yves de Daruvar sehr harte Worte zur Verant­wor­tung Frank­reichs. Daruvar spricht von der „erstaun­li­chen Unwis­sen­heit“ Clemen­ceaus. Stimmen Sie dem Autor zu, dass Frank­reich sich mit diesem Vertrag auf seine eigene Nieder­lage im Jahr 1940 vorbe­reitet hat?

– Es ist sicher, dass Frank­reich sein Bünd­nis­spiel in Mittel- und Osteu­ropa, das darauf ausge­richtet war Deutsch­land einzu­dämmen, nicht gut aufge­baut hat. Die Idee war, dass die Kleine Entente – Rumä­nien, Jugo­sla­wien und die Tsche­cho­slo­wakei – so mächtig wie möglich sein sollte und dass sie Ungarn umschließt, um auf diese Weise das ehema­lige Habs­bur­ger­reich ein für alle Mal zu liqui­dieren. Wir führen einen Groß­teil der Umver­tei­lung auf André Tardieu zurück, und danach soll Clemen­ceau die bestim­mende Rolle gespielt haben.

Es ist wahr­schein­lich etwas über­trieben, eine direkte Verbin­dung zwischen dem Vertrag von Trianon und der fran­zö­si­schen Nieder­lage von 1940 herzu­stellen, aber es ist wahr, dass die Staaten der Kleinen Entente neu und fragil waren, während Länder wie Polen und Ungarn über eine tausend­jäh­rige staat­liche Tradi­tion verfühten. In den 1920er Jahren versuchte Ungarn erfolglos, eine Grenz­re­vi­sion durch­zu­setzen und geriet ange­sichts der Ableh­nung der Sieger von 1918 mehr und mehr in Hitlers Abhän­gig­keit, da Deutsch­land das einzige Land war, das die unga­ri­schen Forde­rungen unterstützte.

Mit Deutsch­land im Hinter­grund wäre ein polnisch-unga­ri­sches Bündnis stärker gewesen als die Kleine Entente, zumal sich diese beiden Nationen gegen­seitig schätzten. Als Ungarn Trans­kar­pa­tien wieder­erlangte, hatte es ab März 1939 eine gemein­same Grenze mit Polen. Im September desselben Jahres öffneten die Ungarn jedoch während des Polen­feld­zugs zum großen Zorn der Deut­schen ihre Grenze für polni­sche Flücht­linge, d.h. ihre Freund­schaft mit Polen blieb trotz des sehr mäch­tigen und aggres­siven deut­schen Verbün­deten unver­min­dert stark.

– Wieder­holt Frank­reich heute wirt­schaft­lich nicht die glei­chen Fehler, die es mili­tä­risch mit dem Vertrag von Trianon gemacht hat, während die mittel­eu­ro­päi­schen Staaten eher ein fran­zö­si­sches Gegen­ge­wicht zur deut­schen Wirt­schafts­macht einfordern?

– Auch wenn die deut­schen Eliten die soge­nannten „popu­lis­ti­schen“ Tendenzen in Mittel­eu­ropa nicht sehr mögen, hindert dies sie nicht daran, ihre Spiel­steine aus wirt­schaft­li­cher Sicht weiter zu legen. Sie unter­scheiden somit deut­lich zwischen ihrer mögli­cher­weise ideo­lo­gi­schen Abnei­gung gegen diese oder jene Regie­rung und ihren eigenen wirt­schaft­li­chen Inter­essen. Heute zählt die Stimme Frank­reichs, das mehr ideo­lo­gisch und nicht sehr prag­ma­tisch vorgeht, in Ungarn und Mittel­eu­ropa nicht viel; ande­rer­seits trägt aber auch Frank­reich seiner­seits nicht viel dazu bei, um den Ländern dieser Region, die nach dem Fall der Berliner Mauer zum „Hinter­land“ Deutsch­lands wurden, ein Gegen­ge­wicht zur deut­schen Domi­nanz zu bieten.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in fran­zö­si­scher Sprache bei Visegrád Post

2 Kommentare

  1. Die Aussage am Ende des Arti­kels passt nicht : die nach dem Fall der Berliner Mauer zum „Hinter­land“ Deutsch­lands wurden, ein Gegen­ge­wicht zur deut­schen Domi­nanz zu bieten.

  2. La Grande nation ist in Wirk­lich­keit nur ein bedau­ern­wertes Konglo­merat Nord­af­fri­ka­ni­scher Neger und altfran­zö­si­scher Adeliger. Das Volk hat kein Zusam­men­hö­rig­keits­ge­fühl weil dort nie eins orga­nisch wachsen konnte.
    Das gesamte Land bestand aus zusam­men­ge­stoh­lenen Fremd­eth­nien und deren Provinzen. Als man Teile davon satt hatte ( Saar­land ) hat nman si den Deut­schen an die Backe gehängt. Maas ist ein typi­scher Saar­fran­zose: nix drin, nix dran und in der Birne noch weniger.
    Nuff said.

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