Unga­ri­scher Zick­zack­kurs zwischen dem Amboss der Realität und dem globa­lis­ti­schen Hammer

Foto: Visegrád Post

Von Modeste Schwartz *

Im Früh­jahr griff die unga­ri­sche Regie­rung, als sie die Gefahr spürte, dass ihr ein neuer­li­cher Herz­in­farkt drohen könnte, auf eines ihrer bevor­zugten Legi­ti­ma­ti­ons­in­stru­mente zurück (und das völlig zu Recht für dieje­nigen, die demo­kra­ti­schen Prin­zi­pien verpflichtet sind), indem sie eine natio­nale Konsul­ta­tion über „Antworten auf die Gesund­heits­krise“ anord­nete. Wie bei allen in dieser Welt orga­ni­sierten Umfragen war die Antwort zumin­dest zur Hälfte bereits in der Frage enthalten, da zuerst nach dem Vorliegen einer Epidemie gefragt wurde, obwohl die unga­ri­schen Gesund­heits­be­hörden, wenn sie ihre eigenen Vorschriften befolgt hätten, anstatt vor der WHO nieder­zu­knien, gar nicht berech­tigt gewesen wären, einen Epide­mie­zu­stand zu erklären.

Die unga­ri­schen Bürger haben daher ihre Formu­lare zum Ausfüllen erhalten. Eine erste Frist für die Über­sen­dung der ausge­füllten Formu­lare, die im Sommer fest­ge­legt worden war, wurde kurio­ser­weise auf den 31. August verschoben. Seitdem sind zwei Wochen vergangen, in denen offenbar die gesamte unga­ri­sche Verwal­tung nicht in der Lage ist, die rund 1,7 Millionen zurück­ge­sandten Formu­lare zu bear­beiten.

Es muss gesagt werden, dass die Teil­nahme an diesen natio­nalen Konsul­ta­tionen, die von der „linken Oppo­si­tion“ als „Instru­ment des Popu­lismus“ ange­pran­gert werden, für die regie­rungs­treuen Wähler wahr­schein­lich mehr charak­te­ris­tisch ist als für ihre Gegner. Auch der „Covid-Skep­ti­zismus“ ist eher charak­te­ris­tisch für das Regie­rungs­lager – wie man leicht in den Straßen und in privaten Gesprä­chen, aber auch bei der Beob­ach­tung der Presse sehen kann, in der die „linken“ Titel die Covid-Propa­ganda der Regie­rungs­titel ständig über­bieten (soferne das noch möglich ist): nach dem Geschmack dieser großen „Libe­ralen“ gibt es nämlich nie genug Panik, Einsper­rungen, nie genug Geld­strafen und Quaran­täne.

Tatsäch­lich ist es ganz klar, dass Viktor Orbán schon vor der Frist­ver­län­ge­rung von den Ergeb­nissen der Konsul­ta­tion „Wind bekam“. Seine Entschei­dung, die Grenzen am 1. September zu schließen, rührt wahr­schein­lich daher, dass die Schlie­ßung der Grenzen eine der wenigen Maßnahmen ist, die von den Befragten mehr oder weniger gutge­heißen wurde: para­do­xer­weise schließen die Ungarn gerne Grenzen (und über­schreiten diese auch gerne), obwohl sie von Natur aus sehr gast­freund­lich sind (zumin­dest viel gast­freund­li­cher als ihre nordsla­wi­schen Nach­barn) und in einem Land leben, dessen Geogra­phie es einfach nicht erlaubt, es von seinen karpa­tisch-danu­bi­schen Nach­barn zu isolieren. Wenn die Ungarn also eine früh­zei­tige dras­ti­sche Maßnahme in Form eines Über­an­ge­bots ergreifen, das den Forde­rungen der globa­lis­ti­schen Komman­deure wahr­schein­lich ein Gegen­feuer entlo­cken würde, könnten sie ebenso gut die (in diesem Fall zwar nutz­lose, aber beliebte) Waffe der Grenz­schlie­ßung wählen, die nur dem Tourismus schadet, anstatt zum Wahn­sinn der Einsper­rungen zurück­zu­kehren.

Was die endgül­tige Auszäh­lung betrifft, so bin ich meiner­seits trotz der sehr verdäch­tigen Lang­sam­keit bei der Veröf­fent­li­chung der Ergeb­nisse der festen Über­zeu­gung, dass sie nun vorbei ist und Viktor Orbán die Ergeb­nisse auf seinem Schreib­tisch hat. Man braucht sich nur das schil­lernde Tempo anzu­sehen, mit dem die Haare auf dem Schädel dieses gesunden, sport­li­chen 50-Jährigen weiß werden.

Gefangen in seinem zutiefst liberal-trans­at­lan­ti­schen Staat befindet sich Viktor Orbán in einer „poli­ti­schen Situa­tion“, die auch eine Folter­technik darstellt, die in der Fach­li­te­ratur unter dem Namen „double bind“ weithin beschrieben wird: Wenn er „die zweite Welle orga­ni­siert“, wie von den Komman­deuren gefor­dert (ange­fangen bei seiner direkten Vorge­setzten Angela Merkel, die das ange­sichts der Stim­mung der Deut­schen unbe­dingt braucht, um an der Macht – oder sogar am Leben – zu bleiben, weiß er, dass er die Sympa­thie der unga­ri­schen Volks­mehr­heit befremden wird. Was natür­lich nicht sofort zu einer Neuori­en­tie­rung in Rich­tung anderer Parteien führt (die soge­nannte Zusam­men­ar­beit auf der linken Seite des unga­ri­schen Schach­bretts ist ja noch viel hyste­ri­scher), sondern zwangs­läufig zu einer starken Unzu­frie­den­heit der Wähler und zum Erscheinen einer Lücke führen wird – die der Wähler, wie wir wissen, verab­scheut…

Ober­fläch­lich betrachtet könnte man diese Situa­tion durchaus mit der Situa­tion im Jahr 2015 verglei­chen, als sich derselbe Viktor Orbán zwischen einer unga­ri­schen einwan­de­rungs­feind­li­chen Meinung (zu deren Bildung er weit­ge­hend beigetragen hatte) und einem globa­lis­ti­schen Apparat (UNO, EU, Merkel, Soros) befand, der weit­ge­hend der No-Border-Ideo­logie verpflichtet war. Ja, aber all dies geschah im Jahr 2015, als die popu­lis­ti­sche Krise sich ihrem Höhe­punkt näherte, ange­sichts eines Globa­lismus, der durch die Ereig­nisse jedoch zu kurz kam. Heute erfolgte hingegen eine 180°-Drehung: mit ihrer pseudo-sani­tären Medi­en­technik hat die Welt­re­gie­rung die Popu­listen über­rascht; nach dem kaska­den­ar­tigen Nieder­knien von Johnson vor dem weisen Mann Ferguson, von Trump vor dem guten Arzt Fauci (und, man könnte hinzu­fügen, in gewissem Maße auch von Putin vor Sobjanin und dem libe­ralen Flügel von Einiges Russ­land), kann auch Ungarn nicht mehr das tun (oder traut sich jeden­falls nicht), was es bisher gewohnt war zu tun – so wie es bereits Horthy (gegen die Forde­rungen des Deut­schen Reiches) und dann Kádár (gegen die der UdSSR) getan haben: man schützt Konfor­mität vor und versucht, der Bevöl­ke­rung ein Minimum an Annehm­lich­keiten zu garan­tieren.

Die Vorschüt­zung der Konfor­mität ist natür­lich die Rolle, die hier wie anderswo in erster Linie dem Tragen der berühmten Maske zukommt – und darüber hinaus ihr einziger wissen­schaft­lich beleg­barer Nutzen: dem Bürger/Betrachter das Fest­halten an der neuen covi­dia­ni­schen Reli­gion und an der „Neuen Norma­lität“ zu zeigen, die sie nun am hell­lichten Tag verspricht, so wie auch der „real exis­tie­rende Sozia­lismus“, wie wir uns erin­nern, nur ein (wohl­ge­merkt mit Fallen über­säter) Weg war, der letzt­lich zum Kommu­nismus führte. Die Ungarn, die sich vierzig lange Jahre lang mit diesem Kate­chismus zu Tode getrunken haben, scheinen dies vergessen zu haben oder aber sie haben die erstaun­li­chen struk­tu­rellen Ähnlich­keiten zwischen der alten und der neuen „Neuen Norma­lität“ nicht bemerkt. Bis heute hat die Grippe des Jahres 2020 in Ungarn inner­halb von sechs Monaten offi­ziell das Äqui­va­lent von zwei Tagen normaler statis­ti­scher Morta­lität erzeugt – und bleibt natür­lich, wie in den meisten Ländern, demo­gra­fisch im Jahres­ver­gleich unsichtbar. Die Amne­sieepi­demie hingegen fordert auch in Ungarn eine große Zahl von Opfern. Alle (selt­sa­mer­weise sogar die aufge­regte Oppo­si­tion, die sich so heftig gegen „Rassismus“ und „Homo­phobie“ wendet) scheinen völlig vergessen zu haben, wie Ungarns Stabs­chefin Cecilia Müller im Früh­jahr im Staats­fern­sehen wieder­holt erklärt hat, dass diese chir­ur­gi­schen Masken freund­liche Placebos seien, die „dieje­nigen, die sich durch sie beru­higen lassen, tragen können“ (ich zitiere und über­setze aus dem Gedächtnis, aber ziem­lich wört­lich). In diesem Punkt hatte sie natür­lich völlig Recht, und ihre medi­zi­ni­sche Meinung hat sich in ihrem Herzen gewiss nicht geän­dert; wenn sie jetzt das Gegen­teil behauptet, so liegt das offen­sicht­lich daran, dass sich die einzige wirk­liche Rolle der Maske (ihre poli­ti­sche Rolle) in der Zwischen­zeit geän­dert hat: Von einem Deck­mantel für die mangelnde Bereit­schaft der verschie­denen Regie­rungen (denn dieses Bild vermit­telten die Medien im Früh­jahr) ist es zu einem Symbol des Fest­hal­tens am covi­dia­ni­schen Mythos und der Unter­wer­fung unter die neolo­gi­sche (und diesmal plane­ta­ri­sche) Sowjet­macht geworden, die es zu festigen hilft.

Die Ungarn (zumin­dest die im Regie­rungs­lager) scheinen dies zu vermuten und akzep­tieren still­schwei­gend das Prinzip der öffent­li­chen Demü­ti­gung, so dass sie den „Covid-Pass“ erwerben können, der für die Ausübung eines normalen Lebens notwendig ist. Im Lichte dieser Resi­gna­tion (die bereits kultu­rell, wenn nicht gar gene­tisch in ihnen kodiert ist) inter­pre­tiere ich die nied­rige Wahl­be­tei­li­gung bei der von den Rebellen-Ärzten am Freitag, dem 11. September, ausge­ru­fenen Demons­tra­tion. Diese Botschaft vermit­telt auch der (doppelte) Diskurs von Viktor Orbán (einset­zend etwa seit 9/11), der seine Inter­views verviel­facht, um – notfalls zehnmal am Tag – zu bekräf­tigen, dass „Ungarn weiter funk­tio­nieren muss“.

Cécilia Müller, eine viel­leicht behelfs­mä­ßige Viro­login, aber wahre Patriotin, deckt wie üblich ihren Rücken und beschwört eine „Muta­tion des Virus“ herauf, um zu erklären, dass trotz der „Vermeh­rung der Fälle“ (lies: Vermeh­rung der Tests, die sie selbst auf Anord­nung der WHO ange­ordnet hat) das Virus noch weniger „tötet“ (lies: bei Ster­benden belegbar ist) als im Früh­jahr. Der gelernte Ungarn versteht das so, dass es jetzt also möglich ist, seinen Geschäften nach­zu­gehen (Schule, Geschäft, Familie usw.), sich aber dennoch zu verste­cken, um der Idee Glauben zu schenken, dass die Sabo­tage der Wirt­schaft (Korrektur der Forint­preise um jähr­lich +10%, reale Arbeits­lo­sig­keit 2019 immer noch fast null und heute auf eine halbe Million geschätzt…) „einem Zweck gedient haben wird“.

Die Presse der „linken Oppo­si­tion“, die in etwa so konse­quent ist, wie wenn sie gleich­zeitig den Femi­nismus und die Ansied­lung von Millionen von Muslimen fördert, zögert nicht, der Regie­rung die Schuld für dieses wirt­schaft­liche Desaster zu geben, das aus einer Politik resul­tiert, die sie selber mit aller Kraft unter­stützt hat; so titelt die Wochen­zei­tung HVG über den „unkon­trol­lier­baren Anstieg der Lebens­mit­tel­preise“ (übri­gens ein sehr realer Anstieg), während die gleiche Wochen­zei­tung dies nicht tut – mit der ehren­werten Ausnahme eines ihrer Jour­na­listen, András Hont, der seit dem Winter immer an vorderster Front stand und mehr Eindäm­mung, mehr Psychosen, mehr Bußgelder und heute mehr Zwang zum Tragen der Maske forderte (deren weit­ver­brei­tetes Tragen unter poli­zei­li­cher Kontrolle – wie die Toten­tänze des späten Mittel­al­ters – nur Lust auf Kauf und Spaß machen kann). Wie mir ein enger intel­lek­tu­eller Freund der Regie­rung unter dem Siegel der Vertrau­lich­keit erklärte: „Es war falsch, dass die FIDESZ versucht hat, das Spiel der Lügen zu spielen, da dies der einzige Bereich ist, in dem ihre Oppo­si­tion unschlagbar ist“.

Ganz zu schweigen davon (um zu einem jugend­lich-frechen Schluss­satz zu kommen), dass durch das Tragen der Maske die Chads des Illi­be­ra­lismus sofort viel an street-cred (Aner­ken­nung unter ihren Alters­ge­nossen) verlieren.

 

Dieser Artikel wurde zuerst auf der Website der Visegrád Post veröf­fent­licht.


*) Über den Autor: Modeste Schwartz ist ehema­liger Schüler der École Normale Supé­ri­eure – rue d’Ulm, Sprach­wis­sen­schaftler, Über­setzer und Autor. Mit mehr als fünf­zehn Jahren Erfah­rung in Rumä­nien und Ungarn hat er sich auf die Verfol­gung der Politik im Donau­raum spezia­li­siert.

 

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