Ungarns Staats­se­kretär für verfolgte Christen: Wir haben 340 Millionen Menschen geholfen, in ihrem Heimat­land zu bleiben

Tristan Azbej · Fotoquelle: Visegrád Post

Inter­view mit Tristan Azbej, dem unga­ri­schen Staats­se­kretär für die Hilfe für verfolgte Christen und für das Programm Hungary Helps (Ungarn hilft): „Wir waren die erste Regie­rung, die sich um die Not von 340 Millionen Menschen geküm­mert hat, deren Menschen­rechte verletzt werden.“

Das Amt des Staats­se­kre­tärs für die Hilfe für verfolgte Christen und das Programm Hungary Helps wurden von der unga­ri­schen Regie­rung zwischen 2016 und 2017 einge­richtet. Diese Initia­tiven zielen darauf ab, verfolgten christ­li­chen Gemeinden in der ganzen Welt huma­ni­täre Hilfe zukommen zu lassen.

Sébas­tien Meuwissen hat ihn am 10. September interviewt.

 

Sébas­tien Meuwissen: Sie haben uns vor zwei Jahren ein Inter­view gegeben, in dem Sie betonten, dass das Chris­tentum die am meisten verfolgte Reli­gion der Welt war. Ist das auch heute noch der Fall?

Tristan Azbej: Das inter­na­tio­nale Phänomen der Chris­ten­ver­fol­gung hat sich in den letzten Jahren verschlim­mert. Jüngsten Erhe­bungen inter­na­tio­naler Inter­es­sen­ver­bände zufolge ist die Zahl der Menschen, die aufgrund ihres christ­li­chen Glau­bens verfolgt oder diskri­mi­niert werden, von 250 Millionen im Jahr 2019 auf 340 Millionen im vergan­genen Jahr gestiegen. Sie hat sich also inner­halb eines Jahres um fast 100 Millionen Menschen erhöht. Das bedeutet, dass Chris­ten­ver­fol­gung – die Verlet­zung der Reli­gions- und Glau­bens­frei­heit von Christen – eine der größten Menschen­rechts­ver­let­zungen unserer Zeit darstellt.

Sébas­tien Meuwissen: Vor kurzem haben die Taliban die Macht in Afgha­ni­stan über­nommen. Welche Folgen wird das für die Christen in diesem Land haben?

Tristan Azbej: Nach unseren Infor­ma­tionen gab es vor der Macht­über­nahme durch die Taliban 8 bis 10 Tausend Christen in Afgha­ni­stan. Der Grund, warum die Zahlen nicht genau sind, ist die Tatsache, dass die Christen ihren Glauben schon vor der Macht­über­nahme der Taliban im Unter­grund prak­ti­zieren mussten. Afgha­ni­stan ist ein Land mit strengen „Anti-Konver­sions“- und „Anti-Blasphemie“-Gesetzen. Aus diesem Grund war es bereits eine lebens­ge­fähr­liche Erfah­rung, den christ­li­chen Glauben in Afgha­ni­stan zu praktizieren.

Nach der Macht­über­nahme durch die Taliban hat sich die Situa­tion noch verschlim­mert. Wir erhalten von dort herz­zer­rei­ßende Nach­richten von Christen aus dem Unter­grund. Sie erhalten Nach­richten von isla­mis­ti­schen Extre­misten, die ihnen drohen, sie zu töten. Lassen Sie mich eine dieser Botschaften zitieren. „Wir wissen, wer ihr seid. Wir werden euch finden und euch töten.“

Seitdem die Ameri­kaner ihren Rückzug aus Afgha­ni­stan ange­kün­digt haben, sind viele Christen auf der Flucht und versu­chen, das Land zu verlassen. Sie haben gute Gründe dafür, denn jetzt können die isla­mi­schen Extre­misten ihre Gewalt noch leichter zur Schau stellen. Sie gehen von Haus zu Haus und suchen nach Christen. Wir haben gehört, dass es mehreren tausend Christen gelungen ist, aus dem Land zu fliehen. Es gibt jedoch noch immer Christen in Afgha­ni­stan, die versu­chen, das Land zu verlassen.

Die unga­ri­sche Politik gegen­über der Verfol­gung von Christen und in Bezug auf huma­ni­täre Krisen im Allge­meinen besteht darin, Unter­stüt­zung zu leisten, wo Probleme auftreten, und nicht darin, die Migra­tion zu fördern. Im Falle Afgha­ni­stans versu­chen wir, die Christen mit huma­ni­tärer Hilfe dort zu errei­chen, wo sie leben, oder im nächst­ge­le­genen sicheren Nachbarland.

Sébas­tien Meuwissen: Wie verein­bart die unga­ri­sche Regie­rung ihre Unter­stüt­zung für die arme­ni­schen Christen in Berg-Kara­bach mit ihrer offi­zi­ellen Unter­stüt­zung für Aser­bai­dschan aufgrund der wirt­schaft­li­chen und ener­ge­ti­schen Bezie­hungen, die Ungarn mit diesem Land unterhält?

Tristan Azbej: Die offi­zi­elle Haltung der unga­ri­schen Regie­rung zum Konflikt zwischen Arme­nien und Aser­bai­dschan ist von den Medien stark verzerrt worden. Die unga­ri­sche Posi­tion ist, dass wir die fried­liche Lösung von Konflikten unter­stützen. Im Einklang mit dem Völker­recht legen wir auch großen Wert auf die terri­to­riale Inte­grität eines jeden Landes. Es ist wichtig zu bedenken, dass es sich hier nicht um einen reli­giösen Konflikt handelt.

Dennoch hat Ungarn allen betrof­fenen Zivi­listen vor Ort Hilfe ange­boten und die Flücht­linge in Arme­nien sowie die huma­ni­tären Missionen der arme­ni­schen Kirche unterstützt.

In Zusam­men­ar­beit mit Wohl­fahrts­ver­bänden haben wir die Arme­ni­sche Apos­to­li­sche Kirche bei der Versor­gung mit Lebens­mit­teln in Arme­nien und beim Wieder­aufbau von reli­giösen Einrich­tungen und Kirchen unterstützt.

Ich habe Arme­nien im Juni dieses Jahres einen persön­li­chen Besuch abge­stattet. Gemeinsam mit meinem stell­ver­tre­tenden Minis­ter­prä­si­denten wurden wir vom arme­ni­schen Patri­ar­chen Karekin II. empfangen und erhielten für unsere Bemü­hungen und unsere Soli­da­rität eine Auszeich­nung von einer Univer­sität in Eriwan.

Sébas­tien Meuwissen: Es ist eine Unter­trei­bung zu sagen, dass die unga­ri­sche Regie­rung bei ihren Entschei­dungen im Zusam­men­hang mit der Euro­päi­schen Union oft miss­ver­standen wird. Sollte die Schaf­fung eines Staats­se­kre­tärs für die Hilfe verfolgter Christen als eine Art Provo­ka­tion inter­pre­tiert werden, die darauf abzielt, dass Ihre west­eu­ro­päi­schen Partner etwas Ähnli­ches in ihren eigenen Regie­rungen einrichten?

Tristan Azbej: Unser Ziel war es nicht, zu provo­zieren. Der Einsatz Ungarns für verfolgte Christen hat eine doppelte Bedeu­tung. Die wich­tigste ist, dass wir christ­liche Gemeinden unter­stützen, die in Gefahr sind. Wir tun alles, was wir können, um ihnen zu ermög­li­chen, in ihrer Heimat zu bleiben. In den letzten vier Jahren ist es uns gelungen, mehr als eine Vier­tel­mil­lion verfolgte, diskri­mi­nierte oder bedrohte Christen welt­weit zu errei­chen. Dies ist das wich­tigste Ergebnis unseres Programms.

Aber wir haben auch eine Menschen­recht­sagenda. Hier ist der schwie­rige Aspekt, dass die Welt nicht bereit ist, zu handeln. Wir setzen uns daher für verfolgte Christen ein und haben die feste Absicht, inter­na­tio­nale Orga­ni­sa­tionen auf diese Verfol­gung aufmerksam zu machen, was Diplo­matie erfordert.

Als wir anfingen, über das Problem der Chris­ten­ver­fol­gung zu spre­chen, wurden wir von linken und libe­ralen Kräften und Regie­rungen, für die es ein „Nicht-Thema“ ist, heftig ange­griffen. Ihr Argu­ment war, dass wir das Thema anspre­chen, um eine poli­ti­sche Agenda zu erstellen. Sie haben uns als Provo­ka­teure bezeichnet.

Die Wahr­heit ist, dass wir die erste Regie­rung waren, die sich mit der Not von 340 Millionen Menschen, deren Menschen­rechte verletzt werden, ausein­an­der­ge­setzt hat. Anfangs habe ich mich gegen die Verwen­dung des Begriffs „Provo­ka­tion“ gewehrt. Nach einer Weile beschloss ich, dass, wenn Provo­ka­tion bedeutet, dass wir andere Regie­rungen davon über­zeugen, sich an die Seite von Menschen zu stellen, die wegen ihres Glau­bens verfolgt werden, dann sollten wir es Provo­ka­tion nennen und andere Regie­rungen provo­zieren, ihre eigene Version des Programms Hungary Helps zu starten.

Ich würde mir wünschen, dass die Euro­päi­sche Union und Menschen­rechts­or­ga­ni­sa­tionen für verfolgte Christen eintreten, denen das Marty­rium droht, anstatt ständig eine links­li­be­rale Agenda zu verfolgen.

Wenn es eine Provo­ka­tion für die gute Sache und für die Rettung von Hunderten von Millionen von Menschen­leben ist, dann soll es so sein.

Sébas­tien Meuwissen: Viel­leicht sollten wir es also als „Aufruf zum Handeln“ umfor­mu­lieren. Das klingt besser.

Tristan Azbej: In meinem Sinne ist es ein Aufruf zum Handeln. Manche Leute sehen das anders. Egal, wie wir es nennen, das Wich­tigste ist, dass es sie zum Handeln ermutigt.

Sébas­tien Meuwissen: Inwie­fern hat die Covid-Krise die huma­ni­täre Hilfe beeinflusst?

Tristan Azbej: Die Covid-Krise war eine große Heraus­for­de­rung für unsere Arbeits­me­thodik. Dank der regen Akti­vität mehrerer Kirchen in Asien, dem Nahen Osten und Afrika konnten wir jedoch unsere Tätig­keit und unsere Unter­stüt­zung fort­setzen. In der ersten Phase der Pandemie konzen­trierte sich die unga­ri­sche Regie­rung haupt­säch­lich auf die Hilfe für die unga­ri­sche Bevöl­ke­rung. Wir können niemandem sonst auf der Welt helfen, wenn wir uns nicht selbst schützen.

Aber gleich nachdem unsere Ressourcen wieder auf dem rich­tigen Weg waren und wir bereit waren, das Programm Hungary Helps fort­zu­setzen, wandten wir unsere Soli­da­rität erneut den christ­li­chen Gemeinden zu. Als sich zum Beispiel im August letzten Jahres in Beirut eine doppelte Explo­sion ereig­nete, gelang es uns, inner­halb von 24 Stunden eine sehr umfang­reiche Hilfe an die katho­li­schen Wohl­fahrts­ver­bände im Libanon zu liefern.

Mehrere Kran­ken­häuser wurden durch die Explo­sion zerstört. Die von uns bereit­ge­stellten Mittel wurden jedoch zur Instand­set­zung von Wohnungen und Häusern für dieje­nigen verwendet, die ihre Häuser verloren hatten. So konnten viele Fami­lien wieder in ihre repa­rierten Häuser einziehen.

Die größte Heraus­for­de­rung, die durch die Coro­na­virus-Krise verur­sacht wurde, hat die Lage der verfolgten christ­li­chen Gemeinden in der ganzen Welt noch verschlim­mert. Sie wurden bei Hilfs­maß­nahmen oft diskri­mi­niert, vor allem in Ländern, in denen Christen nicht als Bürger erster Klasse ange­sehen werden. Der andere Fall betrifft viele Länder, in denen Christen keinen gleich­be­rech­tigten Zugang zur Beschäf­ti­gung haben. Die durch das Coro­na­virus verur­sachten Einschrän­kungen machten es ihnen unmög­lich, ihren Lebens­un­ter­halt zu verdienen.

Aus Asien und Afrika erreichten uns herz­zer­rei­ßende Nach­richten von christ­li­chen Gemeinden, die aufgrund dieser Krisen­si­tua­tion von Hunger und Tod bedroht sind. Wir taten, was wir konnten, um huma­ni­täre Sofort­hilfe zu leisten und verschie­dene Wohl­fahrts­ver­bände und kirch­liche Einrich­tungen mit Nahrungs­mit­teln zu unterstützen.

Sébas­tien Meuwissen: Im nächsten Früh­jahr stehen in Ungarn Wahlen an. Glauben Sie, dass es dem Fidesz gelingen wird, an der Macht zu bleiben und die begon­nene Arbeit fort­zu­setzen, oder stehen wir am Rande einer wich­tigen Verän­de­rung in der unga­ri­schen poli­ti­schen Landschaft?

Tristan Azbej: Was den Wahl­aus­gang betrifft, so würde ich die Vorher­sagen den Meinungs­for­schern und poli­ti­schen Analysten über­lassen. Wir vertrauen darauf, dass die Bürger aner­kennen, was die unga­ri­sche Regie­rung für die unga­ri­schen Fami­lien getan hat. In Ungarn konnte jeder einen Schritt nach vorne machen, was seinen sozialen Status und Lebens­stan­dard angeht. Wir sind ein opti­mis­ti­sches Land. Es werden immer mehr Kinder geboren, was der beste Indi­kator für unsere erfolg­reiche Regie­rung ist.

Ich hoffe, dass die Mehr­heit der unga­ri­schen Bevöl­ke­rung unsere starke Arbeit und unseren Kampf für die Erhal­tung der natio­nalen Souve­rä­nität Ungarns zu schätzen weiß und dass Ungarn ange­sichts von Bedro­hungen wie der Massen­mi­gra­tion ein Land der christ­li­chen Kultur, Frei­heit und Sicher­heit bleibt.

Das Programm Hungary Helps ist ein Teil davon, denn wir glauben, – wie viele Millionen Ungarn auch –, dass es die mora­li­sche Pflicht des unga­ri­schen Volkes ist, das Chris­tentum und die christ­liche Kultur zu unterstützen.

Die Art und Weise, wie wir zum Wohl­ergehen des unga­ri­schen Volkes beitragen, hat auch einen prak­ti­schen Aspekt. Wir haben den mensch­lichsten und christ­lichsten Weg gefunden, um Migra­tion zu verhin­dern. Unser allge­meiner Grund­satz ist, dass es viel besser ist, Hilfe und Unter­stüt­zung dort zu leisten, wo die Not ist, als die Menschen in Not nach Ungarn und in die Euro­päi­sche Union zu importieren.

Wir sind – ebenso wie die große Mehr­heit der Ungarn – der Meinung, dass die Migra­tion keine Antwort auf die huma­ni­täre Krise ist. Im Rahmen des Programms Hungary Helps ist es uns gelungen, rund 340 Millionen Menschen zu helfen, in ihrer Heimat zu bleiben, anstatt in ein anderes Land zu ziehen. Wir hoffen daher, dass die unga­ri­schen Wähler dies sehen werden und wir die 2010 begon­nene Arbeit fort­setzen können.

Sébas­tien Meuwissen: Herr Staats­se­kretär, ich danke Ihnen für Ihre Zeit.

Tristan Azbej: Ich danke Ihnen.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der VISEGRÁD POST, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


1 Kommentar

  1. Man kann noch viele mehr Menschen helfen, in ihren Heimat­län­dern zu bleiben. Indem man die einfach nicht ins Land lässt 😉

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