Was folgt der atlan­ti­schen Völker­knecht­schaft? | Teil 2

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Was folgt der atlan­ti­schen Völker­knecht­schaft?
       Serie in fünf Teilen von Fried­rich P. Ost

Teil 2 – Vom Selbst­be­stim­mungs­recht der Völker

  • Zuviel Platz für Siedler – kein Platz für Indianer
  • Vom Selbst­be­stim­mungs­recht der Völker

 Zuviel Platz für Siedler – kein Platz für Indianer

Als Groß­bri­tan­nien die Unab­hän­gig­keit der 13 Kolo­nien im Jahr 1783 aner­kannte, umfasste das neu entstan­dene Staats­ge­biet 2.310.619 Quadrat­ki­lo­meter mit 3.928.328 Einwoh­nern nach einer Volks­zäh­lung aus dem Jahr 1790. Das heutige Terri­to­rium der USA erstreckt sich hingegen auf 9.826.675 Quadrat­ki­lo­meter mit mitt­ler­weile rund 327 Millionen Einwoh­nern. In diesen Zahlen ist die Urbe­völ­ke­rung nicht (mehr) enthalten: Wo waren sie geblieben – die dort schon länger lebten, wie wohl die deut­sche Kanz­lerin sicher fragen würde?

Am 9. September 1850 wurde Kali­for­nien zum 31. Staat der USA erklärt und bis zum Jahr 1869 über eine trans­kon­ti­nen­tale Eisen­bahn mit der Ostküste verbunden. Zuvor tobte der ameri­ka­ni­sche Bürger­krieg (1861–1865). Zar Alex­ander II verwei­gerte Frank­reich und Groß­bri­tan­nien den Wunsch das Russi­sche Reich gegen die Unions­staaten zu wenden. Viel­mehr lief im Jahr 1863 die russi­sche Fregatte Oslabia  mit zwei Korvetten in den Hafen von New York ein, nachdem zuvor schon dem US Gesandten in St. Peters­burg zuge­si­chert worden war, dass Russ­land im Falle eines Angriffs der briti­schen Flotte auf die Union zur Vertei­di­gung der Nord­staaten bereit stünde. Der Jubel in der US-Presse war entspre­chend groß. First Lady Mary Lincoln ließ es sich nicht nehmen, persön­lich an Bord der Oslabia zu eilen und durch ihr Erscheinen das beson­dere russisch-ameri­ka­ni­sche Verhältnis persön­lich zu würdigen. Im Geist eben­sol­cher freund­schaft­li­chen Bezie­hungen wurde am 30. März 1867 das Terri­to­rium von Alaska für Mio. US$ 7.2 vom Zaren­reich an die USA abge­treten.

Doch Verrat sollte der Dank an das Zaren­reich nur 50 Jahre später sein: Die USA entschieden durch Ausschif­fung des künf­tigen Kriegs­kom­mis­sars der Roten Armee, Leon Trotsky von New York nach Russ­land am 3. April 1917  in einer überaus kriti­schen Phase des 1. Welt­kriegs ihren spezi­fi­schen Beitrag zur Okto­ber­re­vo­lu­tion zu leisten. Drei Jahre zuvor im Jahr 1914 hatte Russ­land die Einnahme von Paris bzw. den Zusam­men­bruch Frank­reichs verei­telt, indem es 500.000 russi­sche Truppen im Osten gegen das Deut­sche Reich verheizte. Darüber hatte das Zaren­reich vom April des Jahres 1916 an begonnen mit russi­schen Expe­di­ti­ons­truppen die wankenden Fronten seiner vermeint­lich Verbün­deten in Frank­reich und Grie­chen­land mit rund 20.000 russi­schen Soldaten zu verstärken.

Empfang der russi­schen Expe­di­ti­ons­truppen in Marseille 1916: „Sie werden uns retten!“
Quelle: russkiymir.ru/en/publications/243389/

Uner­freu­liche Erfah­rungen mussten auch die Urein­wohner Amerikas mit den US-Kolo­nia­listen machen. Letz­tere werden im wissen­schaft­li­chen Sprach­ge­brauch als WASP, das heisst White Anglo-Saxon Protes­tants bezeichnet, wobei an oberster Stelle der hier­ar­chi­schen Ordnung gemäß aris­to­kra­ti­schem Vorbild nur protes­tan­ti­sche Engländer, Nord­iren und Schotten stehen. Fran­zosen, Deut­sche, Italiener, Spanier, Indianer oder Gruppen afri­ka­ni­scher Abstam­mung finden sich nur auf den Hier­ar­chie­stufen darunter wieder. Glück­li­cher­weise kann Präsi­dent Donald Trump eine Mutter mit schot­ti­schen Wurzeln nach­weisen, denn nur deut­sche Vorfahren väter­li­cher­seits hätten für seine Kandi­datur zur Präsi­dent­schaft kaum gereicht.

Die Indianer Nord­ame­rikas waren Jäger und Krieger und bezüg­lich ihrer Nahrungs­be­schaf­fung auf abso­lute Bewe­gungs­frei­heit, das heißt ausrei­chend große Jagd­gründe ange­wiesen. Diese schrumpften stetig, nachdem die rund 4 Millionen Einwohner der 13 neuen Staaten nach Errei­chen ihrer Unab­hän­gig­keit im Jahr 1783 den Wunsch verspürten, zusätz­liche 7.5 Millionen Quadrat­ki­lo­meter neuen Terri­to­riums in Besitz nehmen zu wollen. Mitte des 19. Jahr­hun­derts war die Pazi­fik­küste erreicht. Zugleich war damit den india­ni­schen Urein­woh­nern die letzte Möglich­keit auf eigenes Staats­ge­biet bzw. weiteres Zurück­wei­chen genommen.

In seinem Werk ‚Die Demo­kratie in Amerika‘ geht Alexis de Tocque­ville auch auf die  Entwick­lung des drohenden Geno­zids an den India­nern ein. Er zitiert einen Bericht, wonach im Jahr 1797 große Herden mit jeweils 400 bis 500 Büffeln die Prärien des Staates Illi­nois noch bevöl­kert hatten, die in der Zwischen­zeit jedoch schon ausge­rottet waren. Es zwang die Indianer immer weiter zurück­zu­wei­chen, um ihre Nahrungs­ver­sor­gung sicher­zu­stellen. Dazu pressten US Regie­rungs­ver­treter den Stämmen fort­wäh­rend neues Land ab, um es den nach­rü­ckenden Sied­lern zu über­lassen. Alexis de Tocque­ville schreibt: „… Ich glaube, dass die Indianer Nord­ame­rikas zum Sterben verur­teilt sind. Sobald die Euro­päer es sich an der pazi­fi­schen Küste einge­richtet haben, wird die Rasse der Indianer aufhören zu exis­tieren. Sie haben nur die Wahl zwischen Krieg oder Zivi­li­sie­rung; mit anderen Worten, entweder sie vernichten die Euro­päer oder schließen zu diesen auf.“ Tocque­ville merkt an, dass die Indianer nur ganz zu Beginn eine Chance gehabt hätten, die Siedler gewaltsam zurück­zu­werfen, als diese nur wenige waren. Dafür war es im Jahr 1830 schon zu spät…

Alexis de Tocque­ville zitiert einen Regie­rungs­ver­treter zur Zukunft der Urein­wohner: „Wir erwarten eine zuneh­mende Verrin­ge­rung ihrer Zahl und letzt­lich ihr Aussterben, außer wir hielten an den verein­barten Grenzen fest…“. Doch das stete Brechen von Verträgen und Zusi­che­rungen zählte zum festen Reper­toire der Vertrei­bungs­po­litik. So wurde den Chero­kees im Jahr 1791 vertrag­lich zuge­si­chert: „Die Verei­nigten Staaten garan­tieren an Eides­statt der Cherokee Nation alle abge­tre­tenen Länder.“ Doch schon am 18. April 1829 ließ der US-Kriegs­mi­nister ihnen mitteilen, dass sie ihr Land wieder zu räumen und sich hinter den Missis­sippi zurück­zu­ziehen hätten. Der Indian Removal Act (Indianer Räumungsakt) im Jahr 1830 unter Präsi­dent Andrew Jackson (D) schrieb US-Vertrei­bungs­po­litik sogar gesetz­lich fest.

Alexis de Tocque­ville zieht den Vergleich zwischen Spaniern und Ameri­ka­nern in Bezug auf das Schicksal der Urein­wohner und schreibt: „Die Spanier vermochten trotz unver­gleich­li­chen Grau­sam­keiten, welche sie mit unaus­lösch­li­cher Schande befleckte, die Indianer weder auszu­rotten noch aller ihrer Rechte zu berauben. Aber die Ameri­kaner der Verei­nigten Staaten schafften dies mit einzig­ar­tiger Wort­ge­wandt­heit, ruhig, legal, phil­an­thro­pisch ohne Blut zu vergießen und ohne in den Augen der Welt ein einziges großes Moral­prinzip verletzt zu haben. Es ist unmög­lich, Menschen mit mehr Respekt für die Gesetze der Mensch­lich­keit auszu­lö­schen.“

Vom Selbst­be­stim­mungs­recht der Völker

Der Völker­bund der Irokesen – die soge­nannten Sechs Nationen – vermochte sich aufgrund außer­or­dent­li­cher Staats­kunst länger zu behaupten. Ihre Staats­form hatte schon Benjamin Fran­klin beim Entwurf der ameri­ka­ni­sche Verfas­sung ange­regt, nachdem er im Jahr 1744 an den Verhand­lungen in Lancaster, Penn­syl­vania zwischen Briten und den Sechs Nationen persön­lich teil­nahm und Proto­koll führte. Er war, wie er später schrieb,  vom Völker­bund der Irokesen – dem ‚Großen Bund des Frie­dens‘ – außer­or­dent­lich beein­druckt.

Zumal vier der Nationen – Mohawk, Cayuga, Seneca und Oneida – während des ameri­ka­ni­schen Unab­hän­gig­keits­krieges mit den Briten verbündet waren, wurde ihnen nach Been­di­gung des Konflikts im Vertrag vom 25. Oktober 1784 mit dem briti­schen Gouver­neur von Quebec & Terri­to­rien, Frede­rick Haldi­mand, für die briti­sche Krone unter König George III das Land­recht für die soge­nannten Grand River Gebiete – im heutigen Kanada – „für alle Zeiten“  über­tragen. Von den ursprüng­lich vorhan­denen 3.800 Quadrat­ki­lo­meter Land haben die Sechs Nationen bis heute bis auf 5% – das sind 190 Quadrat­ki­lo­meter – alles wieder abtreten müssen. Im Reservat leben heute rund 13.000 Irokesen von insge­samt 40.000 verstreut über ganz Kanada.

Obwohl Kanada seit 1867 als mitt­ler­weile Domi­nium über eine eigene Regie­rung verfügt, verblieben bis 1949 die Ange­le­gen­heiten für das Militär und die Außen­po­litik bei Groß­bri­tan­nien. Die Sechs Nationen mussten erleben, wie die kana­di­sche Regie­rung alles daran setzte, sie ihrer letzten Frei­heiten zu berauben: Man versuchte ihnen kana­di­sche Rechts­normen aufzu­zwingen sowie vertrag­lich zuste­hende Zins­er­träge vorzu­ent­halten. Im Dezember 1922 drangen kana­di­sche Mili­tärs ins Reservat ein, um die oberste Rats­ver­samm­lung der Sechs Nationen aufzu­lösen. Im Jahr darauf verstärkte Kanada seine Repres­sa­lien und ließ Barra­cken der berit­tenen Polizei auf dem Grand River Gebiet errichten. Zugleich verbot man den India­nern – nicht jedoch anderen Sied­lern – Brenn­holz zu schlagen. Zusätz­lich waren Mitglieder der Irokesen will­kür­li­chen Verhaf­tungen ausge­setzt.

Im Jahr 1917 hatten die Sechs Nationen Levi Grand (1873–1925), der unter seinem Kurz­namen Deskaheh bekannt wurde, zu ihrem Häupt­ling ernannt. Es war die Zeit als US Präsi­dent Woodrow Wilson mit seinen Märchen­stunden vom Selbst­be­stim­mungs­recht der Völker neben den Irokesen auch die Völker Mittel­eu­ropas zu täuschen verstand. Deskaheh und sein Rechts­bei­stand George P. Decker entschieden im Jahr 1921 nach London zu reisen, um der Forde­rung nach Souve­rä­nität der Sechs Nationen persön­lich Nach­druck zu verleihen. Ihr Ansinnen wurde von Groß­bri­tan­nien nach Kanada rück­ver­wiesen, sodass man 1923 entschied es über den Völker­bund in Genf zu versu­chen. Anfäng­lich erklärten sich die Nieder­lande, Persien, Irland, Estland und Panama bereit den Plan der Sechs Nationen zu unter­stützen bis sie – von Groß­bri­tan­nien diplo­ma­tisch unter Druck gesetzt – ihre Zusagen wieder zurück­zogen.

Deskaheh vor dem Palais de l’Athénée, Genf.  Biblio­t­hèque de Genève (CC BY-NC-ND 4.0)

Deskaheh wurde verboten vor dem Völker­bund in Genf aufzu­treten. Außerdem wurde ihm vom Sekre­ta­riat des Völker­bunds die Zuschau­er­tri­büne verwehrt. Er beschloss sein Anliegen an die Schweizer Öffent­lich­keit zu tragen und bestritt über 18 Monate Vorträge im Land. Er verstand die Zuhörer für seine Sache zu begeis­tern und die Säle zu füllen. Sein Sprach­ta­lent half, nachdem er neben sechs india­ni­schen Dialekten auch Englisch und Fran­zö­sisch sehr gut beherrschte. Deshaheh wies sein Schweizer Publikum gerne darauf hin, dass der Staa­ten­bund und das Zwei­kam­mer­system der Sechs Nationen  nicht nur der US-Verfas­sung aus dem Jahr 1787, sondern auch der Schweizer Verfas­sung von 1848 schon als Vorbild gedient hätten.

Während seiner Anwe­sen­heit in Europa ließ die kana­di­sche Regie­rung im September 1924 gewaltsam den obersten Rat der Sechs Nationen auflösen und wider­recht­lich Belege zu den histo­ri­schen Abkommen entwenden. Damit sollte den Irokesen der Weg über Gerichte künftig unmög­lich gemacht werden. Darauf wollte Deskaheh die Heim­reise antreten, worauf Kanada ihm die Einreise verwei­gerte. Er war gezwungen in Rochester, USA, Zuflucht zu nehmen. Am 10. März 1925 rech­nete Deskaheh in einer Radio­an­sprache über die lokale Rund­funk­sta­tion mit dem anglo-ameri­ka­ni­schen Kolo­ni­al­system zum letzten Mal persön­lich ab:

„… viele (von uns) meldeten sich frei­willig für Euch an die Front (im WW I nach Frank­reich) und ließen ihr Leben (und lösten Eure Probleme). Jetzt will ich Euch unsere Meinung sagen:

Wir haben nur noch wenig Land – gerade genug um zu leben und zu sterben. Glaubt Ihr nicht, dass sich Eure Regie­rung schämen sollte?

Die Regie­rungen von Washington und Ottawa haben eine stille Über­ein­kunft nach ihrer Methode getroffen: Sie zielt darauf ab jeden Stamm zu spalten und jeden Hektar Landes zu beherr­schen. Eure hohen Offi­zi­ellen sind die heutigen Nomaden – nicht der Rote Mann. Eure Offi­zi­ellen bleiben nicht zu Hause.

In Ottawa wird die Methode „India­ni­scher Fort­schritt“ und in Washington „Assi­mi­lie­rung“ genannt. Wir hilf­lose Opfer sagen, es ist Tyrannei. Wenn das bis zum bitteren Ende weiter­gehen soll, würden wir es bevor­zugen, dass Ihr mit Euren Gewehren und Giftgas anrückt und uns auf diese Weise besei­tigt.“

Kurz darauf erkrankte Deskaheh schwer und wollte seinen Medi­zin­mann aus Kanada kommen lassen, dem jetzt die USA die Einreise verwei­gerte. Deskaheh starb am 27. Juni 1925 unter unge­klärten Umständen, getrennt von seinen Stam­mes­ge­nossen und verraten vom Westen.

Zum Autor: Fried­rich P. Ost ist diplo­mierter Wirt­schafts­ex­perte und beschäf­tigt sich mit Fragen der Politik und Zeit­ge­schichte. Er ist Autor zahl­rei­cher Publi­ka­tionen und Analysen über globale Entwick­lungen, Hinter­gründe sowie poli­ti­sche Trends.

Hier eine Über­sicht (mit Links) zu allen Beiträgen dieser Serie:

Teil 1 – Über Vertrags­knecht­schafts- & Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schafte
- Zauber­formel zur Welt­herr­schaft:‚Mani­fest Destiny‚
– Die Stadt auf dem Hügel
– Zivil­re­li­gion made in USA
– Über Vertrags­knecht­schafts- und Skla­ven­hal­ter­ge­sell­schaften

 Teil 2 – Vom Selbst­be­stim­mungs­recht der Völker
- Zuviel Platz für Siedler – kein Platz für Indianer
– Vom Selbst­be­stim­mungs­recht der Völker

 Teil 3 – Griff nach der Welt­macht
- Kleiner Krieg – Großer Genozid
– Brothers in arms – Brothers in crime

Teil 4 – Der Sprung über den Atlantik

- Der Griff nach der Welt­herr­schaft
– 100 Jahre alte Welt­ord­nung vor einem Para­dig­men­wechsel

Teil 5 – Vom Anfang der Geschichte

- Die andere Welt­ord­nung – Perspek­tiven und Alter­na­tiven
– Vom Anfang der Geschichte

Alle Beiträge findet man in der Kate­gorie Studien

 

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