Wie in Deutsch­land ein falsches Bild von Ungarn bewusst errzeugt wird

Michael Thumann von der ZEIT will in seinem neuen Buch Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan mit Viktor Orbán gleich­setzen, um ein Feind­bild aufzu­bauen, das eher einer Verschwö­rungs­theorie entspricht.

Von Klaus-Rüdiger Mai

“…Fehler geschehen jedem, doch liest man Lend­vais (Orbans Ungarn, 2018) und Thumanns Buch (Der neue Natio­na­lismus: Die Wieder­kehr einer totge­glaubten Ideo­logie„ 2020), so lässt nichts darauf schließen, dass dieser Fehler dem Außen­po­li­tik­kor­re­spon­denten der ZEIT, Michael Thumann unter­laufen ist. Denn das Ganze hat Methode, und zwar die Methode, die ausge­rechnet Paul Lendvai Viktor Orbán unter­stellt und die er als die “Technik der Verdre­hungen, Verkür­zungen und Klit­te­rungen, die zu raffi­nierter Kunst verfei­nerte Methode der Doppel­sprache“ beschreibt und ihm unter­stellt, „grund­sätz­lich alles, was seinen Vorstel­lungen nicht entsprach, mora­lisch zu verdächtigen…“.

Von linken und links­li­be­ralen Jour­na­listen und Poli­ti­kern, von poli­ti­schen Akti­visten ange­wandt erfreut sich diese Methode längst große Beliebt­heit in Deutschland.

So will Michael Thumann ein Anzei­chen für Orbáns Popu­lismus darin sehen, dass der unga­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent glaubt, dass die „Nation, die in FIDESZ verkör­pert sei, … nicht in der Oppo­si­tion sein“ könne. Tatsäch­lich bemüht Thumann hier ein aus dem Zusam­men­hang geris­senes Orbán-Zitat aus einer Rede, die Viktor Orbán im Mai 2002 auf einer Kund­ge­bung der FIDESZ in Buda­pest auf dem Disz-Platz hielt, nachdem FIDESZ die Wahl an die Post­kom­mu­nisten verloren hatte. Orbán sagte u.a. Folgendes:

„Das Vater­land exis­tiert auch dann, wenn nicht wir die Regie­rungs­ver­ant­wor­tung haben. Das Vater­land ist nicht einfach Politik, sondern unser Leben. Es kann schon passieren, dass unsere Parteien (gemeint sind die mit Fidesz verbün­deten Christ­de­mo­kraten) im Parla­ment in der Oppo­si­tion sind. Aber wir, die uns hier auf diesem Platz versam­melt haben, können und werden nicht in der Oppo­si­tion sein, weil

das Vater­land nicht in der Oppo­si­tion sein kann. Es kann natür­lich sein, dass eine Regie­rung in Oppo­si­tion zum eigenen Volk steht, wenn sie die Ziele der Nation aufgibt.“

Diese Aussage wieder­holte er auch anläss­lich der Sitzungs­er­öff­nung des Parla­ments im Herbst 2019. Anhand derer wird der Aussa­gesinn der Worte von 2002 verständ­li­cher: „Die Ungarn glauben an die Zukunft der Demo­kratie. Wir arbeiten mit allen Bürger­meis­tern und Gemein­de­räten zusammen. Wir müssen unab­hängig von der Partei­zu­ge­hö­rig­keit zusam­men­ar­beiten, denn es ist nach wie vor wahr, dass die Nation nicht in der Oppo­si­tion sein kann.“ (Zitiert nach: Orbán, Viktor: Egy az ország (Eins ist das Land), Buda­pest 2007, S. 14).

Auch hier sagt Viktor Orbán eben nicht, dass die Nation in „FIDESZ verkör­pert“ sei, wie Thumann unter­stellt. Man muss sich schon sehr, sehr bemühen und intel­lek­tuell alle Fünfe gerade sein lassen, um Orbáns Worte so zu inter­pre­tieren, doch müsste man dann zumin­dest deut­lich machen, dass man nicht Orbán zitiert, sondern ledig­lich die eigene Inter­pre­ta­tion zum Besten gibt. Aber Thumann benö­tigt diesen Satz, um zu schluss­fol­gern:

„Damit wurde Orbán zum Muster des auto­ri­tären Popu­lismus in Europa, der entschlossen ist, sich nicht abwählen zu lassen, koste es die Nation, was es wolle.“

Übri­gens wären nach dieser Popu­lismus-Defi­ni­tion auch Helmut Kohl, Barack Obama, Angela Merkel und Emma­nuel Macron „auto­ri­tären Popu­listen“, denn sie waren oder sind entschlossen, sich nicht abwählen zu lassen, sonst hätten sie aus dem Amt heraus keinen Wahl­kampf durch­führen müssen.

Worum es Michael Thumann eigent­lich geht, ist, Wladimir Putin und Recep Tayyip Erdoğan mit Viktor Orbán gleich­zu­setzen, um ein Feind­bild aufzu­bauen, das eher einer Verschwö­rungs­theorie entspricht.

Um es zu verdeut­li­chen, die Gleich­set­zung von Putin, Erdogan und Orbán besitzt so unge­fähr den Wahr­heits­wert, wenn man Angela Merkel mit Xi Jing­ping und Nicolás Maduro gleich­setzen würde.
Doch Michael Thumann ist zu diesem zwei­fel­haften Vorgehen genö­tigt, weil andern­falls die Grund­these seines Buches von der Verschwö­rung der neuen Natio­na­listen von Putin über Erdogan über Trump und Johnson bis zu Orbán in sich sang- und klanglos zusam­men­fallen würde.

Auch Michael Thumanns Bemer­kung, dass Orbán die „meisten Medien“ des Landes gleich­ge­schaltet habe, hält keiner Über­prü­fung stand. Es wundert daher nicht, dass er diese Bemer­kung ohne Beleg lässt, denn das Gegen­teil ist der Fall. So sind die bedeu­tendsten unga­ri­schen Print- und Online­me­dien eher links, wie bspw. Heti Világ­ga­z­daság (HVG), Élet és Irodalom, Magyar Narancs, Néps­zava, 444 (online), 168 Óra.

Verkürzte Darstel­lungen, Framing, aus dem Zusam­men­hang geris­sene und in einen neuen Kontext gestellte Zitate, und sogar unter­ge­scho­bene Zitate bilden das Reper­toire der Ungarn-Bericht­erstat­tung von bestimmter Seite, der es nicht um Infor­ma­tion und Repor­tage geht, sondern um akti­vis­ti­schen Jour­na­lismus, einer Seite, die mit allen Mitteln versucht, die eigene Ideo­logie zu belegen – und alle, die dieser Ideo­logie nicht folgen, zu diskreditieren.

Man muss Viktor Orbáns Politik nicht schätzen, aber was man keines­falls darf, bei niemandem übri­gens, ihm Zitate zu unter­schieben, sondern man hat sich, fair nach den Regeln der Kunst mit dessen Politik ausein­an­der­zu­setzen. Oder man schweigt.

Der voll­stän­dige Beitrag ist bei Tichys Einblick zu lesen: www.tichyseinblick.de/kolumnen/aus-aller-welt/wie-in-deutschland-ein-falsches-bild-von-ungarn-bewusst-erzeugt-wird


7 Kommentare

  1. Schwule und Lesben werden in Deutsch­land gejagt und Diskriminiert,und nicht in Ungarn, und zwar von einer ganz bestimmten Klientel , die seit 2014/15 unteran­derem von der Into­le­ranten Links/Grünen Misch­poke , Millio­nen­fach nach Deutsch­land Illegal Impor­tiert werden! !!Nur trauen sich das die Wenigsten Auszusprechen !!

  2. In der Verleum­dung ist Amerika groß, warum nicht auch in Deutsch­land, da macht man ja fast alles den Staaten nach.

  3. Ein Ungar kniet in 3 Fällen nieder: vor Gott, vor seinem Land und wenn er um die Hand seiner Geliebten anhält. In allen anderen Fällen ist es kultu­rell fremd für uns. Wir erwarten von unseren Natio­nal­mann­schaften nicht, dass sie sich nieder­knien, wir erwarten das Gegen­teil, dass sie gewinnen, dass sie kämpfen und wenn sie schei­tern, dann „stehend sterben“.

  4. Alle, die nicht nach der Pfeife von deep state und Hoch­fi­nanz tanzen, müssen diskre­di­tiert und elimi­niert werden!

  5. Mein Wohnungs­wechsel vor 4 Jahren nach Ungarn hat mir gezeigt, dass die wirk­liche Frei­heit des Indi­vi­duums in Europa derzeit nur noch in Ungarn zu finden ist. So wie ich, empfinden das viele Deut­sche, die ebenso nach Ungarn ausge­wan­dert sind.

  6. Das ist doch klar, ALLE mit anderen Prin­zi­pien Meinungen ALLE die DEREN schmut­ziges Spiel nicht spielen wollen sind unten durch DIE werden zerstört ! Es ist bei Putin so es ist bei Orban so es ist bei Trump so es ist bei Salvini so usw. Viele wurden bereits “ verräumt“ FÜR MICH UND SO EINIGE MEHR STEHEN ORBAN/ PUTIN/ TRUMP/SALVINI / an 1. STELLE !

    18
  7. Diese im Artikel sehr gut heraus­ge­ar­bei­tete Taktik der Desin­for­ma­tion durch Weglassen, subtile Hinzu­fü­gung von Unter­stel­lungen und projek­tiver Verdre­hung hat mich vor zwei Jahren bewogen, mein Abon­ne­ment der ZEIT nach langen Jahren zu kündigen. Gottlob gibt es noch Portale wie Tichys Einblick, JF, unterberger.at, ungarnreal.de, Unser Mittel­eu­ropa und andere, um sich sach­lich zu infor­mieren. Die Frage ist ange­sichts drohender und in Einzel­fällen bereits prak­ti­zierter Zensur durch die Landes­me­di­en­an­stalten in Deutsch­land: Wie lange noch?

    19

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here