Wiens berühm­tester Bürgermeister

Mit Zitaten aus dem Buch „Karl Lueger“ von DDr.Anna Ehrlich, Amal­thea, Wien 2010, ISBN 978–3‑85002–700‑7

Zu Wiens umstrit­tensten Denk­mä­lern gehört selt­sa­mer­weise das von Karl Lueger (1844–1910), obwohl kein Bürger­meister je mehr für die Stadt getan hat, vor allem auch für die Bedürf­tigen, als er – in den Jahren 1897–1910, obwohl er schon 1906 durch Zucker­krank­heit und ein Nieren­leiden bereits völlig erblindet war, was er geschickt verstand zu verbergen. Er stammte aus ärmli­chen Verhält­nissen. Sein Vater Leopold war Schul­diener an der Tech­ni­schen Hoch­schule. Karl Borro­mäus, wie sein voll­stän­diger Vorname war, ist der volle Name der Karls­kirche neben der Tech­ni­schen Hoch­schule, benannt nach einem berühmten Pest­pa­tron (1538–1584), der im Dom zu Mailand ruht. Mögli­cher­weise war es auch Mutter Julia, die ihn bekannt­machte mit dem beliebten jüdi­schen Kommu­nal­po­li­tiker Ignaz Mandl (1833–1907). Ignaz Mandl stammte aus einer begü­terten unga­ri­schen Familie, studierte Medizin an der Univer­sität Wien und wurde 1859 promo­viert. Er war von 1874 bis 1879 und von 1880 bis 1889 Mitglied des Wiener Gemein­de­rats. Als popu­lärer jüdi­scher Armen­arzt und „Abgott der Kleinen Leute“ war er Vorbild und Mentor des jungen Rechts­an­waltes Karl Lueger. Lueger verdankte ihm seine Karriere und seinen Stil. Lueger fühlte sich in jüdi­schen Kreisen sehr wohl. Seine anti­se­mi­ti­schen Reden hatten einen ganz anderen Grund. Er wollte seinem Wider­sa­cher, dem Erzan­ti­se­miten und Deutsch­na­tio­nalen Georg Ritter von Schö­nerer (1842–1921) seine Wähler ausspannen, was ihm auf diese Weise auch gelang. Lueger war ein Wolf im Schafs­pelz, war er doch in seinem Herzen ein Sozi. Als solcher wäre er im Kaiser­reich nie Bürger­meister geworden. So machte er eben Karriere bei den Christ­li­chen. Da es damals auch eher anti­christ­lich einge­stellte jüdi­sche Parteien gab, war die Christ­liche Partei gezwun­ge­ner­maßen anti­jü­disch einge­stellt. Wie gesagt, Lueger verdankte einem jüdi­schen Poli­tiker seine Karriere und seinen Stil. Die Histo­ri­kerin DDr.Anna Ehrlich publi­zierte das beste Lueger­buch ever im Jubi­lä­ums­jahr 2010. Lueger ruht in „seiner“ Karl Borro­mä­us­kirche am Wiener Zentral­friedhof. Er hat noch ein zweites (leeres) Grab dort, da er recht jung gestorben war, noch bevor „seine“ Kirche, wo er auch in den Fresken abge­bildet wurde, fertig war. Sein Fami­li­en­name kommt nicht von „lügen“, sondern von „luagen“, in West­ös­ter­reich und der Schweiz gebräuch­lich und verwandt mit dem engli­schen „to look“, schauen. Ein Luager war eine Person, die von einem Turm Ausschau hielt vor allem nach Bränden und auch anderen Gefahren. Hitler war in seinen Wiener Jahren (1908–1913) abso­luter Prosemit (s. Brigitte Hamann: Hitlers Wien). Er haßte als Deutsch­na­tio­naler Lueger, der ja kaiser­treu war, bewun­derte aber dessen Rednergabe.

In den einzelnen Klassen saßen 80 oder mehr Schüler, und doch war die Volks­schul­zeit für Karl eine schöne Zeit. Die Kinder mussten zwar gehor­chen, aber die Lehrer waren gerecht, aner­kannten seine Leis­tungen und lobten ihn. Lueger erin­nerte sich daher stets voller Hoch­ach­tung an sie. Ober­lehrer Georg Weis­kirchner unter­rich­tete Karl erst im vierten Schul­jahr. Sein Sohn Richard (1861–1926) sollte von 1912 bis 1919 der zweite Nach­folger Luegers im Bürger­meis­teramt werden. Und auch dessen Nach­folger, der erste sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Bürger­meister Jakob Reumann (1853–1925), lernte in der Tauben­schule Lesen, Schreiben und Rechnen (und betä­tigte sich 1885 sogar als Wahl­helfer Luegers). Leopold Lueger pflegte sonn­tags mit dem Sohn spazieren zu gehen und ihn abzuhören.

Karl sah sich im There­sianum einer neuen Situa­tion gegen­über – es gab fast keine Kinder aus seiner Schicht, und die Lehrer gehörten zu derselben gesell­schaft­li­chen Klasse wie die Profes­soren am Poly­tech­nikum. Was sie mit ihren hohen Zöglingen nicht machen durften, das war bei ihm erlaubt. Wo hätte er sich denn auch beklagen sollen? Der Vater hätte ihn noch zusätz­lich gestraft, war es doch ein uner­hörtes Privileg, dass er über­haupt die Elite-Schule besu­chen durfte. Dafür hatte er dankbar zu sein, unter allen Umständen. Bei der Mutter konnte sich Karl ruhig ausweinen, sie nahm ihn in den Arm. Er sollte der beste Schüler werden – als Selbst­schutz? Sie half ihm rührend dabei, hörte ihn abends mit den Schul­bü­chern in der Hand ab, obwohl sie selbst über keine vergleich­bare Bildung verfügte. »Sie hat mit mir g’lernt, – na, so g’scheit wie Du is sie nit g’west – sie hat ja nit die Erzie­hung g’habt, aba verstand’n hat’s es do, dem Karl Gutes beizu­bringen. – O, mei selig’s Muat­terl!«, erzählte er später. Das Lernen fiel ihm zum Glück nicht schwer. Der Plan ging auf, Karl erhielt die Aner­ken­nung seiner Lehrer und – ganz nebenbei – die seines Vaters. Er hatte nun gelernt: Wissen bringt Anerkennung.

lm Herbst 1862 imma­tri­ku­lierte Karl Lueger an der Univer­sität Wien, um Jura zu studieren. Lueger habe sein Studium mit »ange­streng­testem Ernst« betrieben, er sei einer der flei­ßigsten Besu­cher der Vorle­sungen gewesen. Er hatte aller­dings auch gar keine andere Wahl, bedenkt man die ange­spannte finan­zi­elle Lage, in der sich die Familie Lueger wegen seines Studiums befand. Seine noch erhal­tenen Zeug­nisse beweisen seinen über­durch­schnitt­li­chen Eifer. Mit der Anwalts­prü­fung hatte Lueger nun die Eintritts­karte in eine bessere finan­zi­elle Zukunft für seine ganze Familie in der Hand, doch er verspürte kein Verlangen nach Wohl­stand. Er blieb sparsam und immer unbe­stech­lich, seine persön­liche Bedürf­nis­lo­sig­keit wurde später viel gerühmt und nur mehr vom Kaiser selber über­troffen. Als Stadtrat, Vize­bür­ger­meister und Bürger­meister wird er auf die Hälfte des ihm zuste­henden Gehalts zugunsten der Armen verzichten. Er brauchte es nicht, auch Mutter und Schwes­tern lebten nicht im Luxus. Für Gesel­lig­keit hatte er auch keine Zeit, er ging gele­gent­lich ins Theater, aber nicht in die Oper, wo die vornehme Welt sich vereinte. In intel­lek­tu­ellen Kreisen verkehrte er nicht, da waren ihm die einfa­chen Leute mit ihren Alltags­pro­blemen lieber. Schon zu Beginn seiner Berufs­tä­tig­keit war Lueger zum bril­lanten Anwalt der »kleinen Leute« geworden. Zusammen mit seinen jüdi­schen Konzi­pi­enten Ludwig Vogler trat er – häufig kostenlos – für die Rechte der kleinen Gewer­be­trei­benden ein, sodass ihm viele die Rettung ihrer Exis­tenz verdankten und sich ihm persön­lich verpflichtet fühlten, ihn liebten und sein Selbst­wert­ge­fühl stärkten. Zwar konnte er als Rechts­an­walt vielen Leuten helfen, doch als Poli­tiker würde er noch mehr Möglich­keiten dazu haben. Er wusste genau, was für die Wiener zu tun war und wie die Stadt aussehen sollte. Wäre er nur Bürger­meister, so würde er alles so machen, wie es sich gehörte. Er hatte sein Ziel gefunden. Lueger freun­dete sich mit dem aus Ungarn stam­menden popu­lären jüdi­schen Armen­arzt Ignaz Mandl (1833–1907) an. Am 1. Juni 1875 betrat er in seiner neuen Funk­tion die Gemein­de­stube des Alten Rathauses in der Wipp­lin­ger­straße zum ersten Mal. Auch Mandl saß bereits dort, und zwar von 1874 bis 1879 und später wieder von 1880 bis 1889. Bald sollten die beiden wieder Seite an Seite kämpfen.

Der kleine Aufsteiger Lueger beschloss nun, den Kampf gegen den großen Felder aufzu­nehmen. Ausge­stattet mit uner­müd­li­chem Arbeits­eifer und erst­klas­sigen Rechts­kennt­nissen hatte er sich bereits die Aner­ken­nung vieler Gemein­de­räte erworben, nur Felder war ihm gegen­über stets reser­viert geblieben. Der Bürger­meister und mit ihm ganz Wien sollten nun bald erfahren, mit wem sie es bei dem Heraus­for­derer zu tun hatten. Luegers Chancen standen anfangs gar nicht gut, denn er selber gehörte ja – ebenso wie Mandl – zu Felders »Mittel­partei« und war durch dessen lang­jäh­rigen Freund Kohnn in den Gemein­derat gekommen.

Mit Lueger, Mandl und dem Gemein­derat Josef Huber, einem ehema­ligen Schul­kol­legen, wurde der Bezirks­aus­schuss Land­straße zur Keim­zelle des Wider­stands gegen die Allmacht des Bürger­meis­ters Felder. Mandl war ein erklärter Feind aller kapi­ta­lis­ti­schen Unter­neh­mungen, er forderte als Erster im Gemein­derat die Kommu­na­li­sie­rung der öffent­li­chen Beleuch­tung und des städ­ti­schen Verkehrs. Es ist übri­gens erstaun­lich, dass er nicht den Weg zur Arbei­ter­schaft fand, gingen doch seine Vorstel­lungen weit über dieje­nigen Victor Adlers hinaus. Zu jener Zeit waren die Grenzen zwischen den poli­ti­schen Vereinen jedoch – wie stets betont werden muss – noch keines­wegs fix, die handelnden Personen standen über oder zwischen den einzelnen Ideen und Gruppen und hatten häufig sehr enge Kontakte zuein­ander, koope­rierten abwech­selnd mitein­ander zur Errei­chung gemein­samer Ziele oder bekämpften einander heftig.

Am 31. Mai 1900 wurde erst­mals im vierten Wahl­körper gewählt. Von den 228.500 Personen, die wahl­be­rech­tigt waren, übten nur 136.000 ihr Stimm­recht aus, also knapp 60 Prozent. Die Sozi­al­de­mo­kraten erhielten zwar auf Anhieb 43 Prozent der abge­ge­benen Stimmen – jedoch nur zwei Mandate, da diese in Wien nach dem Mehr­heits­prinzip vergeben wurden. Nur Jakob Reumann und Franz Schuh­meier hatten eine abso­lute Mehr­heit gewonnen: in den Bezirken Favo­riten und Otta­kring. Anläss­lich der Einbe­zie­hung des neuen 21. Bezirks Florids­dorf stieg die Zahl der Gemein­de­räte noch­mals um sieben auf insge­samt 165, ihre Funk­ti­ons­dauer wurde auf sechs Jahre verlän­gert. Bei den Gemein­de­rats­wahlen von 1906 verloren die Libe­ralen ihre letzten vier Mandate, die Sozi­al­de­mo­kraten erhielten sieben, die Christ­lich­so­zialen die rest­li­chen 158 Mandate.

Nach der Einge­mein­dung der Vororte im Jahre 1890 zählte man 1,364.000 Einwohner. 1910, im Todes­jahr Luegers, waren es 2,031.500 Menschen, die in den nun 21 Wiener Bezirken (mit Florids­dorf) wohnten. Dies war in erster Linie auf Zuwan­derer aus länd­li­chen Gebieten zurück­zu­führen, die in der Hoff­nung auf bessere Lebens­be­din­gungen gekommen waren. Die Folgen der Bauern­be­freiung waren für die Betrof­fenen nämlich nicht nur positiv: Das Grund­stück musste dem ehema­ligen Grund­herrn abge­löst werden, und an die Stelle der früheren grund­herr­li­chen Abgaben traten die Steuern des Staates, der Länder und der Gemeinden. Die bäuer­liche Erbfolge wurde 1868 aufge­hoben; durch Erbtei­lungen entstanden viele kleine, kaum lebens­fä­hige Betriebe, sodass die Verschul­dung wuchs und weite Kreise der länd­li­chen Bevöl­ke­rung verarmten. Kleine Wirt­schaften gingen zugrunde, neuer Groß­grund­be­sitz entstand, und zwar oft in Händen land­fremder Personen. Die jüngeren Leute zogen in die Stadt, die ihre Erwar­tungen aber meist enttäuschte. So vergrö­ßerten sie das städ­ti­sche Prole­ta­riat, das den an der Peri­pherie der Städte ange­sie­delten Indus­trien als Arbeits­po­ten­zial diente.

Die arbei­tende Bevöl­ke­rung führte meist ein elendes Leben: Die Arbeits­plätze waren unsi­cher, man musste stets mit Arbeits­lo­sig­keit rechnen, sozialer Schutz war unbe­kannt. Die Arbeit war eintönig und ermü­dend, die Löhne – beson­ders für die weib­li­chen Arbeits­kräfte – gering, sie reichten nicht einmal für die Kosten der winzigen, unge­sunden Wohnungen und eine ausrei­chende Ernäh­rung. Viele der Arbeiter erkrankten oder verfielen aus Verzweif­lung dem Alkohol, die Krimi­na­lität wuchs, viele Frauen glitten in die Prosti­tu­tion ab.

Noch im Jahre 1887 verbün­deten sich Schö­nerer und Lueger noch­mals als »Verei­nigte Christen«, bevor sie sich endgültig trennten. Der Begriff »Christen« muss hier als Gegen­satz zu den Juden verstanden werden und hat mit Reli­gion nichts zu tun. Zur Zeit der Unter­drü­ckung der Sozi­al­de­mo­kraten kam es sogar zu einer Annä­he­rung zwischen diesen und Lueger. Nach 1887 versuchten die Libe­ralen, zusammen mit Schö­nerer und Adler, den Aufstieg der Christ­lich­so­zialen zu verhin­dern. Victor Adlers Nähe zu Schö­nerer war kein Zufall, etliche jüdi­sche Öster­rei­cher verbanden damals ihre demo­kra­ti­schen Forde­rungen mit dem deut­schen Natio­na­lismus, beispiels­weise der Musiker Gustav Mahler (1860–1911) und der Jour­na­list Theodor Herzl (1860–1904). Viele Juden waren weit­ge­hend assi­mi­liert und etliche sogar getauft (abtrünnig: »meschûmed«), sie fühlten sich als Ange­hö­rige und Mitträger der deut­schen Kultur. Für sie sollte eine Welt zusam­men­bre­chen, als die natio­nalen Verei­ni­gungen sie auszu­schließen begannen, beson­ders an der Universität.

Der moderne »Anti­se­mi­tismus« wurde nicht mehr wie der Anti­ju­da­ismus früherer Zeiten reli­giös, sondern wirt­schaft­lich und dann sogar pseu­do­wis­sen­schaft­lich biolo­gisch begründet, er war somit bestens geeignet, die Gemüter zu erhitzen. Das Wort selbst wurde 1879 in Berlin vom Mitbe­gründer der »Anti­se­miten-Liga«, dem radi­kalen Publi­zisten und Jour­na­listen Wilhelm Marr (1818–1904), wenn schon nicht geprägt, so doch in Umlauf gebracht. Mit seiner Schrift »Der Sieg des Juden­t­hums über das Germa­nenthum« wollte er zwischen Juden und Deut­schen (nicht zwischen Juden und Christen) einen »völki­schen« Gegen­satz konstru­ieren. Der neue Anti­se­mi­tismus war als Reak­tion auf die wirt­schaft­liche Eman­zi­pa­tion der Juden entstanden. Um 1800 besaß Wien ein jüdi­sches Patri­ziat, das in der ganzen Welt ange­sehen war. Einige wenige jüdi­sche Fami­lien spielten beson­ders zur Kongress­zeit eine große Rolle und leis­teten dem öster­rei­chi­schen Staat unge­heure Dienste. Etliche Banken standen im Besitz jüdi­scher Fami­lien mit inter­na­tio­naler Verflech­tung, wie Roth­schild, Reitzes, Hirsch, Königs­warter, Taussig, Springer und Todesco. Ihr Ziel war die Assi­mi­la­tion, mit dem Judentum verband sie wenig, sie sahen es meist als rück­ständig an. Seit der Revo­lu­tion von 1848 war die Nieder­las­sung in Wien problemlos möglich, daher strömten viele weitere Juden aus Böhmen, Ungarn und Polen in die Stadt. Die tsche­chisch-mähri­schen Juden waren der deut­schen Kultur beson­ders verbunden, sie fühlten sich als deren Teil und bildeten bald eine neue jüdisch-deut­sche Mittel­schicht: In manchen freien Berufen waren sie über­pro­por­tional vertreten: 1861 waren 61 Prozent der Wiener Ärzte jüdi­scher Abstam­mung; 1888 kamen auf 631 Wiener Advo­katen 394 Juden; bei den Jour­na­listen waren es 1890 rund 50 Prozent. Der jüdi­sche Anteil an der Wiener Gesamt­be­völ­ke­rung betrug im selben Jahr jedoch nur 8,88 Prozent. Die meisten (auch nicht jüdi­schen) Ange­hö­rigen der eben genannten Berufs­gruppen waren Libe­rale, daher warfen die Anti­li­be­ralen gern Juden und Libe­rale in einen Topf und pran­gerten den Libe­ra­lismus als Produkt jüdi­schen Gedan­ken­gutes an. Luegers Schlag­wort »Juden­li­be­rale« findet damit seine Erklä­rung. Ande­rer­seits waren in einem relativ kurzen Zeit­raum auch Massen von armen, unge­bil­deten, gali­zi­schen Juden nach Wien gekommen, die das in der Stadt herr­schende soziale Problem verschärften und übri­gens von ihren erfolg­rei­chen Wiener Glau­bens­ge­nossen oft genauso wenig geschätzt wurden wie vom Gros der Wiener Bevöl­ke­rung, wozu auch ihre fremd­ar­tige Erschei­nung und die Beibe­hal­tung heimat­li­cher Bräuche beitrugen. Etliche betä­tigten sich als Hausierer, was ihnen von den kleinen Händ­lern sehr übel genommen wurde.

Lueger und der Anti­se­mi­tismus. Als das Thema Juden in Luegers Reden einen zentralen Platz einzu­nehmen begann, hatte er bereits über zehn Jahre harten poli­ti­schen Kampfes hinter sich, aber noch immer den eisernen Willen, die Macht des Libe­ra­lismus im Gemein­derat zu brechen und als Bürger­meister seine Projekte in die Tat umzu­setzen. Dazu benö­tigte er Bundes­ge­nossen. Die Sozi­al­de­mo­kraten hatten seine Annäh­rungs­ver­suche zurück­ge­wiesen, sie kamen nicht in Frage, und bei der anderen großen Gruppe, den Libe­ralen, hatte er längst verspielt. Als er nun merkte, wie stark der Anti­se­mi­tismus in der öffent­li­chen Meinung bereits veran­kert war und welches Kapital er selbst daraus schlagen konnte, setzte er sich über seine eigenen demo­kra­ti­schen Grund­sätze hinweg. Als intel­li­genter Mann beschränkte er sich jedoch auf poli­ti­sche und wirt­schaft­liche Belange und verzich­tete auf primi­tive aber­gläu­bi­sche oder biolo­gi­sche Anspie­lungen. Anti­fe­mi­nismus, Kleri­ka­lismus und Anti­se­mi­tismus ebneten ihm den Weg zur Macht, die er anders nie hätte erringen können – und die er um wirk­lich jeden Preis erringen musste, um seine Pläne für diese Stadt verwirk­li­chen zu können.

Schö­nerer sagte 1897 bei einer Versamm­lung des Bundes deut­scher Land­wirte in Dürn­stein: »Den Anti­se­mi­tismus der Herren. Dr. Lueger und Genossen halte ich nicht für wasch­echt und gebe ihm keine lange Lebens­dauer, denn wenn sich die Juden taufen lassen, so sind sie lieb­werte Partei­ge­nossen im Lager der Christ­lich­so­zialen.« Und damit hatte er recht.

Die Christ­lich­so­ziale Partei defi­nierte den Begriff Jude äußerst unklar, denn weder Lueger noch seine Partei, weder die Konser­va­tiven noch die Kirche konnten es sich leisten, den Anti­se­mi­tismus für mehr zu halten als für ein Mittel zum Zweck. Rassi­scher Anti­se­mi­tismus kam für sie über­haupt nicht in Frage, war doch ein Theodor Kohn (1845–1915) sogar Fürst­erz­bi­schof von Olmütz geworden. Als Sigmund Freud (1856–1939) mit seinem Bruder Alex­ander über Ostern 1898 einen Ausflug nach Aqui­leja und Grado machte, besich­tigte er auf dem Rückweg die Höhlen von St. Canzian. Seine Beschrei­bung schließt er in einem Brief an Felix Salten mit der Bemer­kung: Der Herr von Wien, Herr Dr. Carl Lueger , war mit uns gleich­zeitig in der Höhle, die uns alle nach 1/2 Stunden wieder ans Licht spie. Das ist der ganze Kommentar, offenbar war Freud nicht sehr von Luegers Anti­se­mi­tismus beein­druckt, denn im normalen Alltags­leben merkte man nichts davon. Wie wenig tief dieser ging, zeigte sich, als Lueger auf den Vorwurf, zu häufig die Gast­freund­schaft von Juden anzu­nehmen, erwi­derte: »Wer ein Jude ist, das bestimme ich!« Zum Statt­halter Kiel­man­segg soll er gesagt haben, dass sein Anti­se­mi­tismus nur bis zur Fich­te­gasse reiche, also bis zur Redak­tion der »Neuen Freien Presse«. Lueger erklärte: »Ja, wissen S‘, der Anti­se­mi­tismus is a sehr gutes Agita­ti­ons­mittel, um in der Politik hinauf­zu­kommen, wenn man aber amal oben ist, kann man ihn nimmer brau­chen, denn dös is a Pöbel­sport!« »Ich mag die unga­ri­schen Juden noch weniger als die Ungarn«, sagte er einem der Führer der Wiener Juden­schaft, »aber ich bin kein Feind unserer Wiener Juden; sie sind gar nicht so schlimm, und wir können sie gar nicht entbehren. Meine Wiener haben fort­wäh­rend Lust, sich auszu­ruhen, die Juden sind die einzigen, die immer Lust haben, tätig zu sein.«

Auf Newald folgte bis 1889 der bemühte libe­rale Bürger­meister Eduard Uhl (1813–1892), ein ehema­liger Haupt­mann der Natio­nal­garde, dann Luegers alter Feind, der »eiserne« Johann Nepomuk Prix (1836 bis 1894), unter dem der Lini­en­wall als Grenze für die Verzehr­steuer aufge­hoben wurde, und nach dessen Tod Raimund Grübl (1847 bis 1898). Am 14. Mai war Lueger zum ersten Vize­bür­ger­meister gewählt worden, wobei er übri­gens wiederum auf die Hälfte seines Gehalts verzich­tete. Doch nun trat Grübl nach dem schlechten Abschneiden der Libe­ralen bei der Gemein­de­rats­wahl als Bürger­meister zurück, wodurch Lueger plötz­lich an der Spitze der mehr­heit­lich libe­ralen Stadt­re­gie­rung stand. Nun begann die Groteske um seine Bürger­meis­ter­wahl. Am 20. Mai wurde er mit 67 Stimmen und im nächsten Wahl­gang mit 65 Stimmen zum Bürger­meister gewählt. Da für einen Sieg jedoch mindes­tens 70 Stimmen nötig waren, musste noch­mals gewählt werden. Am 13. November 1895 sollte der nächste Wahl­gang statt­finden. Nachdem Lueger diesmal mit 92 Stimmen wieder gewählt worden war (45 Stimm­zettel waren leer) und die Wahl ange­nommen hatte, erklärte der Regie­rungs­kom­missär Frie­beis den Gemein­derat wiederum für aufge­löst. Ein Aufschrei ging nicht nur durch die Reihen von Luegers Anhän­gern, sondern durch ganz Wien. Das gesamte Wiener Klein­bür­gertum und auch etliche Arbeiter waren auf den Straßen, überall war Polizei ausge­rückt und nahm etliche Verhaf­tungen vor. Lueger war zum Mythos, zum Märtyrer geworden und wurde heiß verehrt. Die Bilder dieses neuen, schönen Stadt­hei­ligen wurden überall verteilt. Die Wiener Frauen schmückten sich mit Lueger ‑Medail­lons und viele Männer ließen sich einen Lueger­bart wachsen. Überall gab es Lueger ‑Pfei­fen­köpfe und Lueger-Häferln (Kaffee­tassen) zu kaufen. Und überall wurde der »Lueger-Marsch« into­niert, der 1893 von Eduard Nerradt kreiert worden war:

Die Massen auf der Straße waren inzwi­schen zu einem Heer ange­wachsen, das die Bekannt­gabe der Wahl und die Nicht­auf­lö­sung des Gemein­de­rates mit Freude aufnahm und »Hoch Lueger «-Rufe anstimmte. Als dann die Gemein­de­räte mit Lueger in ihrer Mitte aus dem Rathause traten, wurde die allge­meine Begeis­te­rung zu ohren­be­täu­bendem Lärm. Zu Ausschrei­tungen kam es nicht, wie der Poli­zei­be­richt ausdrück­lich und leicht erstaunt betonte. Nicht nur Wien, sondern ganz Öster­reich, sogar das Ausland erwar­tete nun mit Span­nung die kaiser­liche Bestä­ti­gung, die Lueger diesmal wohl sicher war. Minis­ter­prä­si­dent Badeni war – nachdem er die Christ­lich­so­zialen zuvor erfolglos um die Aufstel­lung eines anderen Kandi­daten ersucht hatte – auf der Suche nach einem Kompro­miss, um die Bestä­ti­gung Luegers doch noch zu verhindern.

Im Gegen­satz zu der immer mehr stei­genden Vereh­rung Luegers durch die Wiener war ihre Zunei­gung zum Kaiser nämlich abge­kühlt, was dieser gar nicht über­sehen konnte. Auf seinem tägli­chen Weg von Schön­brunn in die Burg warteten nicht mehr unzäh­lige Menschen darauf, ihn zur gewohnten Stunde zu sehen und ihm zuzu­winken. Wer ihm doch begeg­nete, grüßte stumm. Das war aus Franz Josephs Sicht recht bedenk­lich, hätte es doch der Dynastie mit der Zeit schaden können. Daher hatte der höchste Herr nun dem Kompro­miss zuge­stimmt, bei dem sowohl er als auch Lueger das Gesicht wahren konnten. Beide, Landes­herr und Volks­tribun, sahen der Audienz, die am 27. April 1896 um 11 Uhr statt­finden sollte, mit sehr gemischten Gefühlen entgegen, doch sie verlief zur beider­sei­tigen Zufrie­den­heit. Wie sie zustande gekommen war, wurde selbst­ver­ständ­lich nicht bekannt gegeben, daher glaubte ganz Wien, der Kaiser habe Lueger zu sich rufen lassen. Für diesen bedeu­tete der Empfang den lang ersehnten Höhe­punkt seines Lebens, die Aner­ken­nung seiner Person und seines Wertes durch den Über­vater. Die kaiser­li­chen Worte heilten die Wunden, die Lueger von seinen Gegnern zuge­fügt worden waren, denn der Kaiser lobte Luegers persön­liche Inte­grität, Kaiser- und Vater­land­streue und attes­tierte ihm die für den Bürger­meis­ter­stuhl erfor­der­li­chen Fähig­keiten. Danach gab er seiner Erwar­tung Ausdruck, dass Lueger im Inter­esse der baldigen Wieder­kehr normaler Verhält­nisse frei­willig auf das Bürger­meis­teramt verzichten werde. Lueger dankte für den gnädigen Empfang, als Patriot und stets loyaler Staats­bürger. Bald schätzte Franz Joseph Luegers unbe­dingte Loya­lität und sein großes Verant­wor­tungs­be­wusst­sein, das er sich nach seinem früheren Verhalten nicht hatte erwarten können. Dem neuen Bürger­meister fiel nicht im Entfern­testen ein, die Stel­lung seiner jüdi­schen Bürger auch nur anzu­tasten. Hingegen nahm er sofort und mit unge­heurer Energie und persön­li­cher Risi­ko­be­reit­schaft sein umfang­rei­ches Moder­ni­sie­rungs­pro­gramm in Angriff. Als Begründer des Gemein­de­so­zia­lismus wandte er sich vor allem der Kommu­na­li­sie­rung und dem Ausbau der Infra­struktur zu. Einmal kam der Kaiser wegen seiner offen zur Schau getra­genen Sympa­thie für Lueger sogar in eine recht unan­ge­nehme Situa­tion bei den Ungarn. Anläss­lich des Besu­ches des Balles der Stadt Wien hatte er den Bürger­meister mit den Worten begrüßt: »Wie geht es Ihnen, mein lieber Dr. Lueger ?« Sonder­ba­rer­weise erhob Franz Joseph Lueger nicht in den Adels­stand, obwohl er sonst mit dieser Auszeich­nung nicht zu geizen pflegte.

Der 1883 in Betrieb genom­mene Zentral­vieh­markt in St. Marx galt schon bald als einer der größten Vieh­märkte Europas. Das auf Karren nach Wien gebrachte Obst und Gemüse wurde vor dem riesigen Frei­haus­kom­plex auf der Wieden feil­ge­boten. Die schon in der libe­ralen Ära errich­teten Markt­hallen wurden erwei­tert und ausge­baut. 1897 wurde die Groß­markt­halle beim Stadt­park begonnen. Bei der Stepha­nieb­rücke (heute Salz­tor­brücke) wurde ein Fisch­markt mit Kühl­halle errichtet.

Von 1905 bis 1959 besaß die Gemeinde das »Brau­haus der Stadt Wien« in Ranners­dorf bei Schwe­chat, das im Jahre 1911 265.000 Hekto­liter Bier (»Stadt­bräu«) erzeugte, aber nicht rentabel war. Daneben gab es noch private Braue­reien vor allem im Besitz der Familie Dreher, deren Simme­ringer Brauerei die größte auf dem Konti­nent war. Auch der städ­ti­sche Rathaus­keller sollte durch seine guten und preis­werten nieder­ös­ter­rei­chi­schen Weine die Wiener Wirte erziehen. Er wurde 1899 von Lueger mit einem Hoch auf »Seine K. u. K. Apos­to­li­sche Majestät, Kaiser Franz Joseph I.« feier­lich eröffnet. Die Gemeinde wurde selbst zum größten Arbeit­geber: Während Luegers Amts­zeit stieg die Zahl der städ­ti­schen Arbeit­nehmer von anfangs 5.000 auf mehr als 25.000 – aller­dings wurde auf ihre poli­ti­sche Gesin­nung geachtet. Die Groß­pro­jekte gaben darüber hinaus einer Riesen­menge von Arbei­tern in Wien und Nieder­ös­ter­reich Beschäf­ti­gung und Verdienst für viele Jahre. Lueger war sich jede Minute seiner unge­heuren Verant­wor­tung bewusst. Als er 1902 einen neuen riesigen Kredit von 285 Millionen Kronen für Stra­ßen­bahn, Hoch­quel­len­lei­tung und anderes erhalten hatte, wurde er dazu beglück­wünscht, worauf er antwor­tete: »Ich habe heute meiner festen Über­zeu­gung nach für meine Vater­stadt einen sehr güns­tigen Vertrag abge­schlossen und damit die Möglich­keit zu einer. segens­rei­chen Weiter­ent­wick­lung geschaffen, allein gratu­lieren dürfen Sie mir nicht dazu. Wenn es sich um so kolos­sale Summen und so weit­tra­gende Projekte handelt, dann ist die Verant­wor­tung, die der trägt, der darüber entscheidet, viel zu groß, als dass er sich dazu beglück­wün­schen lassen könnte.« Im Jahre 1908 nahm die Gemeinde noch­mals 260 Millionen Kronen als allge­meine Inves­ti­ti­ons­an­leihe auf. Drei Jahre vor dein Auslaufen des Vertrages mit der briti­schen ICGA musste sich die Gemeinde für dessen Verlän­ge­rung entscheiden oder eine Alter­na­tiv­lö­sung finden, um einen plötz­li­chen Ausfall der Gasver­sor­gung zu vermeiden. Eine sehr unan­ge­nehme Situa­tion, denn einer­seits war man mit den Englän­dern höchst unzu­frieden, ande­rer­seits hatten diese durch ihre Lobby­isten eine mögliche Ablöse der Werke durch die Gemeinde bisher zu boykot­tieren gewusst. Lueger, der weder das eine noch das andere wollte, stellte mit seiner Partei während des Derma­liums den Antrag, ein neues gemein­de­ei­genes Gaswerk mit eigenem Rohr­system zu errichten. Sollten die Engländer das ihre doch entfernen, wie es ein Gerichts­ur­teil von 1890 für den Fall des Vertrags­ab­laufes verlangte! Er war jeden­falls nicht inter­es­siert daran, ihnen für veral­tete Rohre und Gasan­stalten auch noch 16 Millionen Gulden nach­zu­werfen. Jahre­lang hatte er sich über ihr schlechtes Service, über die mindere Gasqua­lität und die hohen Preise aufge­regt – nun kämpfte er vier Tage lang im Gemein­derat mit dem Erfolg, dass der Termin zur Verlän­ge­rung des Vertrages am 31. Oktober 1896 nicht wahr­ge­nommen wurde. Damit stand die Kündi­gung per 1899 fest. Eine Krone könnte man mit etwa 20–25 Euro umrechnen.

Wie er die geplanten neuen Anlagen finan­zieren wollte, wusste Lueger nicht. Als junger Gemein­derat hatte er stets gegen eine Verschul­dung der Stadt in größerem Maßstab gewet­tert, doch ihm war klar, dass die benö­tigten kommu­nalen Groß­pro­jekte aus dem Steu­er­auf­kommen nicht zu finan­zieren waren. Die Schwie­rig­keiten, Geld zu beschaffen, lagen nicht zuletzt darin begründet, dass die Gemeinde bereits während der libe­ralen Ära den beacht­li­chen Schul­den­berg von 150 Millionen Kronen ange­häuft hatte. Die inlän­di­schen Geld­geber waren an einem neuen Geschäft nicht inter­es­siert. 60 Millionen Gold­kronen wurden benö­tigt, um die Gaswerke recht­zeitig bis zum Jahres­ende 1899 fertig zu stellen. Bald nach dem Beginn des Baues der städ­ti­schen Gaswerke schritt Lueger trotz aller Wider­stände, die sich ihm im Gemein­derat und selbst in seiner Partei entge­gen­stellten, an die Durch­füh­rung seines zweiten Projektes, der Errich­tung eines städ­ti­schen Elek­tri­zi­täts­werkes, wofür er in den Inge­nieuren Karel und Sauer wieder geniale Bauleiter fand. Für das nächste große Projekt – die Elek­tri­fi­zie­rung der Stra­ßen­bahn – war Lueger an die Firma Siemens & Halske gebunden, und die Deut­sche Bank würde weiter Kredit geben. So einfach sich das liest, war es jedoch nicht, denn die Stadt Wien hatte ja mit der bereits bestehenden »Wiener Tramway-Gesell­schaft« noch einen Vertrag, der erst 1925 auslaufen würde. Doch Lueger , gut beraten von Stro­bach und Siemens, beschritt wieder einmal einen seiner unkon­ven­tio­nellen Wege. Die Öffent­lich­keit war nach Ende des Tramway-Streikes fest davon über­zeugt, Lueger würde das Unter­nehmen aufkaufen. Der Akti­en­kurs begann deshalb zu steigen, bis er eine schwin­del­erre­gende Höhe erreicht hatte. Nun arbei­tete er eine wohl­durch­dachte Inter­pel­la­tion aus, die er in den christ­lich­so­zialen Klub brachte, und beauf­tragte einige Mitglieder, sie im Gemein­derat einzu­bringen. Bei der Gemein­de­rats­sit­zung wurde der Bürger­meister dann plan­gemäß gefragt, ob es richtig sei, dass er Tram­way­ak­tien kaufen wolle. Lueger erklärte, dass er absolut nicht daran dächte. Die Folge war ein sofor­tiger und heftiger Kurs­sturz der Aktien. Diesen Moment nützte die Deut­sche Bank, um die Aktien als Treu­händer Luegers aufzu­kaufen. Auf einmal hatte die Bank die Mehr­heit, womit die Macht der Reitzes-Gesell­schaft gebro­chen war. Der geniale, damals noch durchaus legale Plan war aufge­gangen. Nun erst war es einfach, und die Firma Siemens & Halske konnte ans Werk gehen. 100 Millionen Kronen sollten zum endgül­tigen Ankauf und Umbau des Stra­ßen­bahn­netzes verwendet werden. Zuerst wurde 1898 eine Bau- und Betriebs­ge­sell­schaft gegründet, welche den Umbau, die Erwei­te­rung und die Elek­tri­fi­zie­rung ausführen sollte. An ihre Spitze stellte Lueger den fähigen Inge­nieur Spängler, der vom ersten Tage der städ­ti­schen Stra­ßen­bahnen an auch deren Betrieb leitete. Die erste elek­tri­sche Stra­ßen­bahn­linie (Trans­ver­sal­linie, heute Linie 5) wurde aller­dings noch von der Reitzes-Gesell­schaft ange­legt und am 28. Jänner 1898 eröffnet, zu mehr hatte ihr Lueger keine Zeit gelassen. Vier Jahre später war die gesamte Elek­tri­fi­zie­rung der Tramway bis auf die mit Dampf betrie­benen Linien fertig. Ab dem 1. Jänner 1900 erfolgte der Betrieb bereits auf Rech­nung der Gemeinde, und am 1. Juli 1903 erfolgte die Über­nahme der Stra­ßen­bahn in deren Eigen­be­trieb. Das Jahr 1903 brachte das Aus für die letzte Pfer­de­tramway. Für Touristen wurden nun sogar eigene Rund­fahrten mit elek­tri­schen »Salon­wagen« einge­richtet. 1908 befand sich auch die letzte Tram­way­linie im Besitz der Gemeinde, und bei Luegers Tod verfügte die Stadt über das längste städ­ti­sche Stra­ßen­bahn­netz der Welt.

Der Bau der Stadt­bahn wurde erst 1892 nach neuen Plänen geneh­migt, die Kosten für die Errich­tung trugen der Staat zu 87,5 Prozent, die Stadt Wien zu 7,5 Prozent und Nieder­ös­ter­reich zu fünf Prozent. Die Bahn wurde für Dampf­be­trieb einge­richtet und ihre künst­le­ri­sche und archi­tek­to­ni­sche Planung Otto Wagner über­tragen. Bis 1901 waren vier der geplanten sechs Stre­cken inklu­sive der Voror­te­linie in Betrieb, auf die Errich­tung der beiden anderen wurde verzichtet, auch der Bau zweier U‑Bahn-Linien unter der Innen­stadt und eines Zentral­bahn­hofs blieben Projekt. Die Dampf­lo­ko­mo­tiven verqualmten und verrußten ihre ganze Umge­bung, bis die Bahn 1924 der Gemeinde verpachtet und in der Folge elek­tri­fi­ziert wurde.

Die Fluss­re­gu­lie­rung war im Wesent­li­chen 1882 abge­schlossen, auch die Brücken waren schon vor Luegers Zeit errichtet worden: Die Nord­west-Brücke wurde 1872 eröffnet, die Kaiser-Franz-Josephs-Brücke 1874, die Nord­bahn­brücke 1874, die Kron­prinz-Rudolf- oder Reichs­brücke 1876, die Brücke der Staats­ei­sen­bahn­ge­sell­schaft 1870. Im Jahre 1878 kam es aber mitten im Winter zu einem Hoch­wasser, das den Salz­gries und die Vorstadt Erdberg über­flu­tete. 1891 wurde eine Kommis­sion für Verkehrs­an­lagen einge­setzt, die Vorsorge gegen solche Kata­stro­phen treffen sollte.

Da nach dem Bau der beiden Haupt­sam­mel­ka­näle entlang des Donau­ka­nals keine Fäka­lien mehr in den Donau­kanal gelangten, war das Wasser sauber genug für die Errich­tung schwim­mender Strom­bäder. Die origi­nellste Schöp­fung war jedoch das Donau-Strandbad »Gänse­häufel«, das der Gemein­derat im Jahre 1907 in der Nähe der Leopold­stadt auf einer 16,3 Hektar großen Insel errich­tete. Zugleich mit dem Bau der Wiental-Linie der Stadt­bahn wurde der Wien­fluss durch­grei­fend regu­liert, was wegen seines roman­ti­schen Anblicks von vielen bedauert wurde, aus hygie­ni­schen und aus Wasser­schutz-Gründen jedoch unver­zichtbar war. In Otto Wagner (1841–1918) hatte Lueger seinen bedeu­tendsten Archi­tekten gefunden. Luegers größtes Werk war jedoch zwei­fellos der Bau der zweiten Hoch­quel­len­lei­tung. Die Wassernot war mit der Zunahme der Bevöl­ke­rung immer ärger und die Lösung des Problems immer drin­gender geworden. Gleich nach seinem Amts­an­tritt ordnete er daher die Erfor­schung des Quell­ge­bietes fast aller Flüsse von der Traisen bis zu Enns und Steyr sowie der stei­ri­schen Salzach an. Die Salzach-Quellen schienen ihm am besten geeignet zu sein, nicht zuletzt wegen ihrer Wasser­güte. Er schritt zur Tat – wie ein abso­lu­tis­ti­scher Herr­scher, einzig auf eigene Verant­wor­tung und ohne vorhe­rigen Gemein­de­rats­be­schluss: Am 1. Mai 1899 schützte er einen kurzen Früh­lings­aus­flug vor. In Wirk­lich­keit war von Erho­lung dabei natür­lich keine Rede, sondern er traf den Abt des Stiftes Admont, dem das Sieben-Seen-Gebiet gehörte, und schloss mit ihm den Kauf­ver­trag zugunsten der Gemeinde Wien ab. Der christ­lich­so­ziale Klub wurde am nächsten Tag von ihm darüber infor­miert: »Jetzt könnt ihr reden, aber geän­dert wird nichts mehr!«, und am 5. Mai wurde der Vertrag im Gemein­derat geneh­migt. Bereits am verreg­neten 11. August erfolgte bei Wild­alpen die feier­liche Grund­stein­le­gung für den Bau der neuen Wasser­lei­tung; am 7. Dezember gab Lueger den ersten Sprint­schuss zur Durch­boh­rung der Göst­ling­alpe ab. Die Arbeiten schritten trotz der noch mangel­haften Technik rasch voran, über 10.000 Arbeiter taten ihr Bestes. Der Bau der Nord­bahn war noch unter Metter­nich von Salomon Roth­schild finan­ziert worden. Als die alte Konzes­sion 1884 für seinen Enkel Albert Roth­schild (1844–1911) verlän­gert werden sollte, spra­chen sich Schö­nerer und Lueger für die Verstaat­li­chung aus. Damals bediente sich Schö­nerer bereits anti­se­mi­ti­scher Parolen, Lueger jedoch nicht.

Durch die Groß­pro­jekte bedingt war die ganze Stadt jahre­lang eine einzige stau­bige Baustelle; Buda­pest hatte ihr an Schön­heit den Rang abge­laufen. Lueger war nicht willens, das tatenlos hinzu­nehmen. »Wo in Wien ein Platz für einen Baum ist, da will ich, dass einer gepflanzt werde«, lautete eines seiner Verspre­chen, durch dessen Erfül­lung er das Werk seiner libe­ralen Vorgänger fort­setzte. Er schuf durch die Anlage zahl­rei­cher neuer Pärke, Gärten und Alleen große Luft­re­ser­voirs für die Bevöl­ke­rung und verschö­nerte gleich­zeitig die Stadt, sogar die Later­nen­masten bekamen Blumen­körbe umge­hängt. In sämt­li­chen Bezirken erstanden neue Grün­an­lagen, die größte war der Maria-Josepha-Park (heute Schwei­zer­garten) beim Südbahnhof. Die bestehenden öffent­li­chen Gärten, wie Türken­schanz­park oder Stadt­park, wurden unter seiner Regie­rung auf die doppelte Fläche insge­samt vergrö­ßert, selbst aus den aufge­las­senen Fried­höfen vor der »Linie« wurden Pärke. Wegen der Stadt­bahn konnte der Gürtel aber nicht als durch­ge­hende Grün­an­lage gestaltet werden. Trotzdem wurde versucht, etliche Flächen gärt­ne­risch zu gestalten, wovon heute nicht mehr viel zu sehen ist.

Lueger wollte bei der abseh­baren weiteren Ausdeh­nung des Stadt­ge­bietes den Wienern einen Wald- und Wiesen­gürtel erhalten und ging daran, die Idee des Archi­tekten Fass­ben­ders zu verwirk­li­chen und einen dauer­haften breiten grünen Ring rings um die Stadt zu legen. Der stadt­nahe Wiener­wald, Teil des unbe­weg­li­chen Staats­ver­mö­gens und unter der Regie­rung Beck ein Objekt übler Speku­la­tionen zwecks »Budget­sa­nie­rung«, war teil­weise trotz des Einspruchsdes bedeu­tenden Geologen Eduard Suess zuvor bereits geschlä­gert, aber in letzter Minute unter Todes­ver­ach­tung vom tapferen Mödlinger Bürger­meister Josef Schöffel (1832–1910) mit Hilfe von Erzherzog Albrecht gerettet worden. Zu seinen Ehren hielt übri­gens Lueger seine letzte öffent­liche Rede. Durch einstim­migen Gemein­de­rats­be­schluss von 1905 gilt in dieser Grün­zone seither ein weit­ge­hendes Bauverbot. Die Gemeinde erwarb selbst möglichst viele Grund­stücke, darunter 1907 das Gut Cobenzl, woran dort eine Lueger-Büste von Fritz Zerritsch aus dem Jahre 1915 erin­nert. Die geplante Höhen­straße wurde aller­dings wegen Geld­man­gels erst 1934 reali­siert, und ehrgei­zige Projekte wie der Bau einer öster­rei­chi­schen Ruhmes­halle auf dem Kahlen­berg und einer Gedenk­stätte in Aspern gelangten nie über das Planungs­sta­dium hinaus. Da die im Jahre 1888 vorhan­denen 117 städ­ti­schen und 44 privaten Volks­schulen und die 39 Bürger­schulen nicht ausreichten, war es schon vor Luegers Amts­an­tritt zu einigen zögernden Neugrün­dungen gekommen, doch noch immer saßen viel zu viele Kinder in den Klassen und die Schul­wege waren oft sehr weit. Daher sorgte er für die Errich­tung von 71 neuen Schulen und ließ etwa 50 alte gründ­lichst aus- und umbauen, auch und vor allem in den Arbei­ter­be­zirken. Dabei wurde nicht nur auf die Zweck­mä­ßig­keit, sondern auf die Schön­heit und die modernste Ausstat­tung der Bauten größter Wert gelegt. Sie sollten ein ange­nehmer Aufent­haltsort für die Kinder sein, oft in schärfstem Kontrast zu deren ärmli­cher Umge­bung. Die Zentral­spar­kasse war ebenso wie die Städ­ti­sche Lebens- und Renten­ver­si­che­rungs­an­stalt für den kleinen Mittel­stand gedacht, beide sollten eben­falls Mono­pole brechen. Die Zentral­spar­kasse wurde am 20. Oktober 1905 von der Stadt als Eigen­tü­merin gegründet und öffnete am 2. Jänner 1907 ihre Schalter im Alten Rathaus in der Wipp­lin­ger­straße. Bereits im ersten Jahr wurden 30.000 Konten mit einer Einla­gen­summe von 14,7 Millionen Kronen eröffnet; noch im selben Jahr konnte eine erste Filiale errichtet werden. Die Anstalt sollte den Spar­ge­danken fördern, aber auch den Gewer­be­trei­benden güns­ti­gere Kredite als die privaten Groß­banken anbieten. Der Vorfahre der heutigen »Wiener Städ­ti­schen AG« ist die 1898 durch den Wiener Gemein­derat gegrün­dete »Städ­ti­sche Kaiser Franz Joseph Jubi­läums-Lebens- und Renten­ver­si­che­rungs­an­stalt«, die im Jahr 1919 in »Gemeinde Wien Städ­ti­sche Versi­che­rungs­an­stalt« umbe­nannt wurde.

Lueger gehörte – ebenso wie sein »Aller­höchster Herr« – zu den Früh­auf­ste­hern. Anders wäre das Riesen­pensum an Arbeit, welche die Partei­füh­rung und das drei­fache Mandat in Gemein­derat, Landtag und Reichsrat mit sich brachten, neben der Arbeit als Rechts­an­walt nicht zu bewäl­tigen gewesen. Nachdem er am 1. August 1891 ein Haus in Baden (heute Josefs­platz 11) für seine Schwester Rosa erworben hatte, wohnte er während der wärmeren Jahres­zeit mit seinen beiden Schwes­tern dort. Er besuchte gern um fünf Uhr früh eines der Schwe­fel­bäder, ruhte dann kurz und fuhr mit der Südbahn nach Wien, wobei er Zeitungen und Akten zu lesen pflegte. In seiner Kanzlei erle­digte er bis gegen neun Uhr die laufenden Geschäfte, um sich danach in die Sitzungen des Reichs­rates, des Land­tages oder des Gemein­de­rates zu begeben, wo er stets als einer der führenden Redner agierte. Lueger machte sich jede Art von Gesel­lig­keit poli­tisch zunutze, man sah ihn überall, daher auch bei der fest­li­chen Inbe­trieb­nahme des Riesen­rads am 3. Juli 1897, bei der er einer Reihe von Firm­lingen eine Runde bezahlte. Er selbst fuhr damals zwar nicht mit, aber der Thron­folger ließ sich den Spaß nicht nehmen. Die neue Attrak­tion wurde übri­gens ein Riesen­ge­schäft. Als Firm­pate war Lueger sehr häufig zu sehen, inner­halb von sechs Jahren stellte er sich bei 1.400 goldenen Hoch­zeiten als Gratu­lant ein, stand bei etli­chen Taufen Pate und besuchte gerne Alte und Kranke.

Das Rauchen gab Lueger sein Leben lang nicht auf, nicht einmal auf seinem Ster­be­bett. Die starken, billigen Zigarren, an die er seit seiner Jugend gewöhnt war, ersetzte er im Alter gele­gent­lich durch die leich­tere Damen­marke »Seño­ritas«. Zu Luegers Lieb­lings­ge­richten gehörte ein saftiges »Krenn­fleisch«, geba­ckener Rost­braten, wie ihm seine Schwes­tern, wenn sie ihm eine Freude bereiten wollten, denselben vorsetzten, Kalbs­kopf alle Arten von Fischen, Kaviar, Krebse, Schnepfen, »ausge­zo­gener Apfel­strudel«, den sein »selig’s Mutterl« so gut gemacht hatte, auch Obst, von Getränken ein gutes »Krügl« Pilsner, Grin­zinger »Gere­belter«, Gumpolds­kirchner Heuriger (Kaiser­wein), auch ein Täss­chen » Schwarzer Pfir­sich« oder Erdbeer­bowle ließ er sich recht wohl schme­cken, über Berei­tung der letz­teren diktierte uns beiden im Rats­her­ren­stüberl des Rathaus­kel­lers Prinz Alois Liech­ten­stein, ein vorzüg­li­ches Rezept. Sehr liebte er auch Cham­pa­gner, beson­ders Heid­sieck Monopol extra Dry. Lueger achtete nicht nur pein­lich auf seine äußere Erschei­nung, er war auch ausge­spro­chen eitel. Wie alle charis­ma­ti­schen Persön­lich­keiten zog er Streber und Schmeichler magne­tisch an. Trotz seiner hohen Intel­li­genz war er für deren Lobhu­de­leien stets zugäng­lich, er liebte sie sogar. Im Zuge seiner Erfolge wurden diese Schmei­che­leien immer zahl­rei­cher, sodass er als Bürger­meister langsam aber sicher Symptome von Größen­wahn zeigte. Da er bald einer der mäch­tigsten Männer der Monar­chie wurde, glaubte er, sich alles leisten zu können. Kritik an ihm wurde in seiner Umge­bung und unter seiner Anhän­ger­schaft nicht mehr laut bzw. wurde ihm nicht zu Ohren gebracht, und die Kritik von Seiten seiner Gegner wie der Libe­ralen und der Sozia­listen prallte an ihm ab. Er war seinen Weg durch so viele Anfein­dungen hindurch gegangen und hatte gesiegt, also ließ ihn kalt, was in deren Zeitungen geschrieben wurde. Als er dann immer kränker wurde und erblin­dete, enthielt ihm seine Umge­bung alles vor, was er ihrer Meinung nach nicht wissen sollte.

Seine oft zyni­sche und sarkas­ti­sche Art zu spre­chen gefiel zwar seinen Wählern ausge­zeichnet, aber hoch­ge­stellte Persön­lich­keiten fühlten sich durch seine Takt­lo­sig­keiten oft unan­ge­nehm berührt. Minister und Diplo­maten folgten daher nicht gerne seinen Einla­dungen ins Rathaus, keiner schätzte es, dem Bürger­meister als Ziel­scheibe für seine Witze und das nach­fol­gende allge­meine Gelächter zu dienen.

In den letzten Jahren vor seinem Tode verbrachte Lueger stets einige Früh­jahrs­wo­chen an der Adria. In Lovrana (Kvarner Bucht, Istrien, unweit von Opatija/Abbazia), unter dem südli­chen Himmel und seiner Flora, suchte er bei der Familie Brenner in der Villa Rocco Erho­lung von den Anstren­gungen des Winters. Er reiste nie alleine dorthin, sondern immer mit etli­chen Personen als treuem Gefolge. Dazu gehörten seine beiden Schwes­tern. Der Augen­arzt Alfred Topolanski (1861–1960) vom Wiener Barm­her­zigen Spital verab­reichte ihm Injek­tionen in die Augen, um sein Sehver­mögen zu bessern. Zurück in Wien, musste der Kranke bereits am 11. Februar in seiner Wohnung bleiben, da sich am Rücken eine Entzün­dung des Zell­ge­webes zeigte. Trotz einer ersten Opera­tion am 14. Februar durch den Vorstand der chir­ur­gi­schen Abtei­lung der Poli­klinik, Dominik Pupovac (1869–1929), und den Urologen Georg Kapsamer (1871–1911) kam der Entzün­dungs- und Eite­rungs­pro­zess aber nicht zum Still­stand, daher folgten am 18. Februar eine zweite und am 22. Februar eine dritte Opera­tion. Abge­sehen von Schwester Mathilde und Schwester Marcel­line aus dem Hart­mann-Kloster über­nahmen abwech­selnd noch zwei junge Ärzte, die Doktoren Ruft und Venus, die beide jüdi­scher Abstam­mung waren, die Pflege. Am 24. Februar trat infolge eines urämi­schen Anfalls eine starke Verschlech­te­rung des Befin­dens ein. Am 19. Februar spen­dete ihm Prälat Frig­dian Schmolk (1842–1912), der Propst von Herzo­gen­burg, die Ster­be­sa­kra­mente. Nach weiteren schlimmen Qualen näherte sich Lueger dem Ende seines irdi­schen Daseins, in seiner Ster­be­stunde umgeben wie ein Monarch von Familie, Regie­rungs­mit­glie­dern der Stadt, Pfarrer und Ärzten. Die schwarze Fahne wurde um 8 Uhr 15 Minuten auf dem Rathaus gehisst und verkün­dete den Wienern die trau­rige Botschaft. Im Ster­be­zimmer erwies man dem Toten inzwi­schen die letzten Liebes­dienste, faltete seine Hände und schlang einen aus hellen Perlen gefer­tigten Rosen­kranz um sie herum, aufs Bett legten ihm der »kleine Fischer«, sein Haus­ko­miker, einen selbst­ge­pflückten Veil­chen­strauß, und ein anderer – wohl Geßmann – weiße Nelken. Der Bild­hauer Josef Engel­hart zeich­nete den Verbli­chenen ein letztes Mal; der Bild­hauer Moritz Schroth nahm ihm die Toten­maske ab.

Hilde­gard und Rosa empfingen in den nächsten Tagen niemanden, sie fühlten sich außer­stande, selbst Kondo­lenzen oder Blumen­spenden entge­gen­zu­nehmen. In Wien und etli­chen anderen Gemeinden fanden zahl­reiche Trau­er­kund­ge­bungen statt. Das Begräbnis war für den 14. März 1910 um halb zwölf Uhr mittags fest­ge­legt worden. Seit dem frühen Morgen waren die Menschen zusam­men­ge­strömt und standen entlang aller Plätze und Straßen, die der Trau­erzug passieren sollte. Die Soldaten von 15 in Wien statio­nierten Regi­men­tern standen am Stra­ßen­rand Spalier. Die Trau­er­ge­meinde hatte sich in der Volks­halle einge­funden, um halb zwölf eröff­nete der Wiener Sänger­ver­band die Feier mit dem Chor »Ruhe, müder Wanderer« von Franz von Suppé. Dann erfolgte die erste Einseg­nung Luegers durch den Propst­pfarrer Prälat Mord, assis­tiert von der Geist­lich­keit der Votiv­kirche. Nun hoben sechs Männer den Sarg, brachten ihn zum Leichen­wagen und stellten ihn hinein. Beamte des Präsi­di­al­büros, katho­li­sche Studenten in vollem Wichs, Bürger­schaft­schützen, Deutsch­meis­ter­schützen und 16 Gala­diener in Trauer flan­kierten den Wagen. Bevor sich dieser in Bewe­gung setzte, verab­schie­dete Vize­bür­ger­meister Neumayer den Verbli­chenen von der obersten Treppe der Fest­stiege aus. Der mit einem Engel bekrönte große Gala­lei­chen­wagen, mit acht Rappen bespannt und von berit­tenen Later­nen­trä­gern in altdeut­scher Tracht flan­kiert, folgte nun unter dem Geläute sämt­li­cher Kirchen­glo­cken Wiens dem längst aufge­stellten Zug, vorbei an den schwarz umflorten Gasfa­ckeln und Gaskan­de­la­bern, entlang der schwarz beflaggten Gebäude. An der Spitze des Zuges schritten die Vertreter der Frei­willig Feuer­wehren, hinter ihnen die der städ­ti­schen Bediens­teten, gefolgt von Vereinen, Studen­ten­ver­bin­dungen und dem Klerus. Dann kamen 500 Bürger­meister aus Nieder­ös­ter­reich mit ihren Bürger­meis­ter­me­daillen am gelb­blauen Bande. Ihnen folgten Depu­ta­tionen von Städten außer­halb Nieder­ös­ter­reichs, darunter Prag, Brünn, Lemberg und Graz. Flan­kiert von Bediens­teten der städ­ti­schen Bestat­tung fuhren hinter ihnen 13 Wagen mit 1.020 Kränzen. Viele Blumen waren schon am Morgen zum Zentral­friedhof gebracht worden. Beim Parla­ment hielt der Leichen­wagen an. Die in 1.100 Trau­er­kut­schen gefolgten Gäste entstiegen diesen beim Haupt­portal und begaben sich zu Fuß bis in die Nähe der neuen Begräbniskirche.

Danke unserem Leser P.St. für diesen inter­es­santen Beitrag!


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