Wir waren unvor­be­reitet auf die Impfkampagne

Bildquelle: Centro Machiavelli

Von Nicola De Felice und Pier Luca Toffano

Vor fast einem Jahr veröf­fent­lichte Centro Machia­velli den ersten Teil unserer Arti­kel­serie über die Dring­lich­keit einer natio­nalen Impf­stra­tegie. Als dann in einer „Experten“-Talkshow von jahre­langer Entwick­lungs­dauer für einen Impf­stoff und unver­meid­li­chen Engpässen in der Produk­tion die Rede war, wurde hier der Vorschlag formu­liert, den Bau großer indus­tri­eller phar­ma­zeu­ti­scher Anlagen schon vor den endgül­tigen Forschungs­er­geb­nissen vorweg­zu­nehmen und diese zu beschleu­nigen. Wir schlugen einen orga­ni­sa­to­ri­schen Ansatz vor, der von Staaten geleitet wird, die über mili­tä­ri­sche Insti­tu­tionen die Forschungs- und indus­tri­ellen Entwick­lungs­ak­ti­vi­täten öffent­li­cher und privater Einrich­tungen koor­di­nieren. In unserem ersten Artikel haben wir es ein Manhattan-Projekt für den Impf­stoff genannt.

Heute ist das Projekt wieder aktuell. Premier Draghi hat die Frage der indus­tri­ellen Umstel­lung der natio­nalen Phar­mafa­briken in den Mittel­punkt des Kampfes gegen die Pandemie gestellt. Besser spät als nie.

Warum ist ein Jahr vergeudet worden? Es ist wichtig, dies zu disku­tieren, nicht so sehr um der Kontro­verse willen, sondern um die Ursa­chen für die Verzö­ge­rung zu erkennen, die immer noch bestehen und die, wenn nicht gegen­ge­steuert wird, dazu führen, dass wir wich­tige Entwick­lungs­chancen verlieren:

Unter­schät­zung der wissen­schaft­li­chen Forschung

Als (wir waren im Dezember 2020, genau ein Jahr nach Wuhan) zwei deut­sche Forscher verkün­deten, dass sie einen wirk­samen Impf­stoff erhalten hatten, gab es eine weit verbrei­tete Über­ra­schung und Ungläu­big­keit. Die plötz­liche und uner­war­tete Nach­richt würde nämlich bald eine große indus­tri­elle Verzö­ge­rung aufzeigen. Es wurde ein längerer Zeit­rahmen erwartet. Inner­halb eines Monats nach dem ersten Erfolg sollten andere Forscher hinzu­kommen, die weitere neue Impf­stoffe ankün­digten. War diese Geschwin­dig­keit wirk­lich unvorhersehbar?

Wir haben damals nicht so gedacht und wir denken auch heute nicht so. Im Jahr 2020 veröf­fent­lichten und teilten Forscher aus der ganzen Welt eine noch nie dage­we­sene Menge an Forschungs­er­geb­nissen über ein einziges Virus. Alle Aufmerk­sam­keit und Energie hatte sich auf den Krieg auf Covid verla­gert. Wenn die gemein­same Anstren­gung an sich schon ein Novum war, so war es noch bemer­kens­werter, dass jede einzelne Phase der Studie online geteilt wurde. Dies führte zu Millionen von Stunden „vernetzter“ Forschung, wodurch unnö­tige Doppel­ar­beit und Über­schnei­dungen vermieden wurden. Kurz gesagt, die notwen­digen acht Jahre, umge­rechnet in Forschungs­stunden, waren alle da, aber sie waren auf einen plane­ta­ri­schen Maßstab „verteilt“. Eine uner­hörte (und noch nie gehörte) Skalen­ef­fi­zienz in der Forschung. Lassen Sie uns einen Vergleich anstellen, nur um der Klar­heit willen: Ein Kran­ken­haus in einem Monat zu bauen, erfor­dert nicht weniger Arbeit als es in einem Jahr zu tun. Nur, dass ich statt z.B. 10 Kränen und 50 Arbei­tern für ein Jahr 120 Kräne und 600 Arbeiter für einen Monat koor­di­nieren muss. Das sieht man in den Videos, die im Netz über die „chine­si­sche Bauweise“ kursieren. Zurück zu unserem Thema: Die Skalen­ef­fekte, die durch die gemein­same Nutzung der Forschung entstehen sollten, waren einfach nicht vorgesehen.

Akade­mi­sche Gerontokratie

Zwanzig Jahre sind vergangen seit der Sequen­zie­rung des mensch­li­chen Genoms durch zwei kolos­sale Inves­ti­tionen, eine euro­päi­sche und eine ameri­ka­ni­sche. Heute wird die Sequen­zie­rung von DNA und RNA mit einem USB-Stick und einer App zu einem lächer­li­chen Preis durch­ge­führt. Die Covid-DNA wurde wenige Wochen nach ihrem Auftau­chen sequen­ziert und publi­ziert; noch vor zehn Jahren undenkbar. In der Zwischen­zeit wurden Tech­no­lo­gien zum Schneiden und Einfügen einzelner Frag­mente des Genoms entdeckt und perfek­tio­niert, und die Rolle der einzelnen Proteine wird immer klarer. Gleich­zeitig hat sich die Bioin­for­matik-Tech­no­logie zur Auto­ma­ti­sie­rung von Prozessen entwi­ckelt. Alles sagte voraus, dass eine neue Genera­tion von RNA- und DNA-basierten Medi­ka­menten kommen würde. Bei Impf­stoffen ging es darum, auf die rich­tige Gele­gen­heit zu warten, um mit der notwen­digen wirt­schaft­li­chen Breite neuer Tech­no­lo­gien zu experimentieren.

Heute geht es nicht mehr nur um Covid. Als Neben­ef­fekt werden mRNA-basierte Impf­stoffe auch für lang wirk­same Viren, wie die saiso­nale Grippe, entwi­ckelt. Wir fragen uns hier, inwie­weit ein Teil der akade­mi­schen Welt, von der wir während der Pandemie täglich in den Medien gehört haben, in neuen Tech­no­lo­gien geschult oder auf den neuesten Stand gebracht worden ist. In einer Nation wie Italien, in der die akade­mi­sche Welt noto­risch von Baronen mit einem ziem­lich fort­ge­schrit­tenen Durch­schnitts­alter domi­niert wird, haben wir den starken Verdacht, dass es ein echtes Problem der Aktua­li­sie­rung oder, mit anderen Worten, ein Übermaß an Miss­trauen gegen­über dem Neuen gibt. Fakul­täten für Compu­ta­tional Geno­mics etwa gibt es bei uns erst seit wenigen Jahren. Wir haben gerade erst begonnen, zukünf­tige Forscher und Bediener auszu­bilden, mit einer zehn­jäh­rigen Verzö­ge­rung im Vergleich zu anderen Ländern.

Anti­mo­der­nis­ti­sche Subkultur

Wer in der natio­nalen Politik tätig ist, – und wir wenden uns beson­ders an dieje­nigen, die auf einen intel­li­genten Konser­va­tismus hoffen -, muss die wissen­schafts­feind­li­chen und rück­wärts­ge­wandten Forde­rungen aufgeben, denen schon zu viel Raum gegeben wurde. Bei den No-Vax-Leuten müssen Brücken gekappt werden. Der Zeit­punkt ist günstig. Einem großen Teil der öffent­li­chen Meinung wird bewusst, dass im Kampf gegen Covid die Forschung funk­tio­niert hat. Lassen Sie die extremen Ränder des Anti­mo­der­nismus nach links oder in Rich­tung eines igno­ranten Move­men­tismus abdriften. Moder­nität und Globa­li­sie­rung sind nicht unbe­dingt dasselbe. Wir sollten nicht den Fehler machen, sie in einem leeren Nihi­lismus zu verwechseln.

Es ist daher an der Zeit, dass die Rechte, in der Regie­rung und in der Oppo­si­tion, das Primat für sich bean­sprucht, die kriti­schen Momente, die während der Pandemie auftau­chen würden, im Voraus erkannt zu haben: Forschung und Indus­tria­li­sie­rung. Mit Nach­druck fordern wir sie auf, sich aktiv und wachsam für einen raschen Baube­ginn von natio­nalen Anlagen zur Herstel­lung wirk­samer Impf­stoffe einzu­setzen und sich der ausschließ­li­chen Durch­füh­rung von Projekten, die sich noch in der Versuchs­phase befinden, zu wider­setzen. Zunächst einmal die Opera­tion PD – Arcuri – Rei Thera. Wir erneuern die Einla­dung, die mili­tä­ri­schen Insti­tu­tionen einzu­be­ziehen, deren logis­ti­sche und orga­ni­sa­to­ri­sche Fähig­keiten heute notwen­diger denn je sind.

Dieser Beitrag erschien zuerst am 24. Februar 2021 in italie­ni­scher Sprache bei CENTRO MACHIAVELLI, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


Nicola De Felice
Senior Fellow des Centro Studi Machia­velli. Konter­ad­miral (res.), ehema­liger Komman­dant von Zerstö­rern und Fregatten, hatte wich­tige diplo­ma­ti­sche, finan­zi­elle, tech­ni­sche und stra­te­gi­sche Posi­tionen im Vertei­di­gungs- und Mari­ne­stab sowohl im Inland als auch im Ausland, zur See und zu Land inne, wobei er tech­ni­sche Kapa­zi­täten anwandte, die darauf abzielen, die italie­ni­sche Vertei­di­gungs- und Sicher­heits­po­litik effektiv zu gestalten.

Pier Luca Toffano
Hat einen Abschluss in Betriebs­wirt­schaft und hat für fran­zö­si­sche und ameri­ka­ni­sche multi­na­tio­nale Unter­nehmen im Dienst­leis­tungs­sektor gear­beitet. Heute unter­richtet er Recht und poli­ti­sche Ökonomie an staat­li­chen Gymnasien.
 


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