Zur unga­ri­schen Parla­ments­wahl im April: Die Ungarn schützen? Vor wem und wovor?

Professor Timothy Ash versuchte sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Man hatte ihm gesagt, dass die Oppo­si­ti­ons­ko­ali­tion an der Einmün­dung der Andrássy-Allee eine feier­liche Kund­ge­bung abhalten würde, und als er die Menschen­menge sah, dachte er zunächst, dass er ange­kommen war. Das Selt­same war aller­dings, dass aus den Laut­spre­chern die Stimme Viktor Orbáns ertönte und er keine euro­päi­schen Flaggen sah. Das ist nicht das, was er erwartet hatte. Obwohl er kein Unga­risch versteht, meinte er eine Abrech­nung mit Brüssel heraus­zu­hören, das fand er sofort empö­rend, da dieses „hybride Regime“ in Ungarn sich doch vom Geld aus Brüssel finan­zieren lässt. Die Menge öffnete sich fried­lich vor ihm, er bahnte sich seinen Weg über den Platz, musste dort noch den zahl­rei­chen in Doppel­reihen geparkten Bussen auswei­chen, die Orbáns Anhänger zu der Massen­ver­an­stal­tung trans­por­tierten. Er hätte nicht mal verse­hent­lich das Wort „Frie­dens­marsch“ (wie diese Veran­stal­tung genannt wird) in den Mund genommen.

Der Professor war erleich­tert, als er das andere Ende der Allee erreichte. Obwohl die Menschen­an­samm­lung hier viel kleiner war, wehten hier die Fahnen mit den goldenen Sternen und mit Regen­bo­gen­farben, und er konnte endlich den Mann, Péter Marki-Zay beob­achten und treffen, wegen dem er nach Buda­pest gereist war. Er fand den großen, gut geklei­deten, weit­ge­reisten, sprach­ge­wandten, kraft­vollen Mann sehr sympathisch.

„Endlich hat man einen echten Kandi­daten, den christ­lich-konser­va­tiven Bürger­meister mit sieben Kindern, der alles verkör­pert, was Viktor Orbán vorgibt zu sein und der die Wahl­stra­tegie des Orbán-Regimes entzau­bern wird.“

Der popu­lis­ti­schen Regie­rungs­partei ist der Wind aus den Segeln genommen worden! Er ist wohl derje­nige, mit dem die Oppo­si­tion eine realis­ti­sche Chance hat, im Früh­jahr zu gewinnen, auch wenn die Wahlen ganz sicher nicht frei und fair sein werden, meinte Professor Ash.

Er hat für den briti­schen Guar­dian über seine Erfah­rungen in Buda­pest berichtet, dort wurde sein Bericht von allen seriösen Pres­se­or­ganen aufge­griffen und weiter­ver­breitet. Der für Brüssel ange­nehme Vasallen-Kandidat für das unga­ri­sche Premier­mi­nis­teramt befindet sich ja gerade im Aufbau. Ich beneide die Hinter­grund­bau­meister nicht, Márki Zay ist bereits der zweite oder dritte Kandidat, an dem sie herum­bas­teln, in die euro­päi­sche Öffent­lich­keit bringen und bekannt machen müssen. Sein Bild soll auf den Titel­seiten erscheinen, man soll über ihn spre­chen, es spielt keine Rolle, dass er der Bürger­meister einer kleinen Stadt mit einem unaus­sprech­li­chen Namen im tiefen unga­ri­schen Flach­land ist! Obwohl die längere Version der Stadt (Hódme­ző­vá­sá­r­hely-Kutasi­puszta) unter der Boomer-Genera­tion gut bekannt ist. Die Boomer denken oft an Piroschka und stellen sich uns Ungarn so vor, wie wir in diesem berühmten Film waren: ein einfa­ches, ehrli­ches, flei­ßiges Volk der Bediensteten.

Im Früh­jahr 2019 war Hódme­ző­vá­sá­r­hely übri­gens in der Welt der inter­na­tio­nalen Zusam­men­ar­beit ein Versuchs­labor und keine spon­tane Selbst­or­ga­ni­sa­tion. Das Modell verwendet eine unbe­kannte poli­ti­sche Figur, einen Schlä­fer­agenten, den fast alle für einen unab­hän­gigen Zivi­listen halten, wenn er auf der Bild­fläche erscheint. Das erfolg­reiche Hódme­ző­vá­sá­r­hely-Modell wurde nicht nur bei den Kommu­nal­wahlen 2019 ange­wendet. Die extrem ausge­wei­tete Links­ko­ali­tion (von Links­außen bis Rechts­außen) hat sich auch in anderen euro­päi­schen Ländern zu einem erfolg­rei­chen Modell für den Sieg über starke mitte-rechts Kandi­daten entwi­ckelt. Ich kann mich nur wundern und staunen,

wie absurd es ist, dass Parteien frei­willig ihre Iden­tität aufgeben, nur um an die Macht zu kommen, 

wobei sie dabei gerade die poli­ti­schen Methoden längst vergan­gener Koali­ti­ons­zeiten aufwärmen. Könnte das Ziel darin bestehen, eine vom Zeit­geist durch­drun­gene globa­lis­ti­sche Volks­front, der Hufei­sen­theorie ähnlich, aufzubauen?

Vor Márki-Zay bastelten sie am Ober­bür­ger­meister Karác­sony herum, am großen, schlanken, hyper-passiven Kandi­daten der Grünen. Umfragen im Sommer sahen ihn noch als den Mann, der Orbán schlagen könnte. Er sah wie eine echte Perspek­tive aus, ein regie­rungs­kri­ti­scher, grüner Poli­tiker, der sich für Europa einsetzt, ein Mann von der Uni, der in der Lage sein soll, 99 Prozent der Ungarn, einschließ­lich promi­nenter Intel­lek­tu­eller, gegen das eine Prozent der Privi­le­gierten zu vereinen. Ich weiß nicht, wie diese höhere mathe­ma­ti­sche Glei­chung für eine – alles in allem maximal – 40-prozen­tige Bewe­gung aufge­gangen ist. Wenn sie dort in der Welt wüssten, dass

die Partei des besagten Ober­bür­ger­meis­ters in Prozenten gar nicht messbar ist, dass Márki-Zay gegen­über den selbst­ver­liebten Parteien der bunten Koali­tion schwer verwundbar und ausge­lie­fert ist, 

könnten die finan­zie­renden Instanzen sich über­legen, ob es sich wirk­lich lohnt, so viel Geld in die beiden zu stecken.

Es gab eine Zeit, in der der linke Teil der poli­ti­schen Welt in Klára Dobrev die wahre Heraus­for­derin des auto­ri­tären Orbán sah. Die fort­schritt­liche west­liche Presse hat über Frau Klára alles Mögliche an Gutem und Schönem zusam­men­ge­tragen. Als Frau sei sie eine echte sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Berufs­po­li­ti­kerin mit Führungs­er­fah­rung in der öffent­li­chen Verwal­tung, in der Wirt­schaft und in der euro­päi­schen Politik, und ihre bulga­ri­sche Herkunft sei ein Gewinn im Kampf für ein vereintes Europa. Sie könne gut mit verbalen Schlägen umgehen und sei an die brutalen Angriffe des Orbán-Regimes auf sie und ihre Familie gewöhnt.

Die west­liche poli­ti­sche Elite – nennen wir sie einfach „Hinter­grund­macht“ – hat bereits alles Mögliche versucht, um Viktor Orbán, der ihr im Weg steht, loszuwerden. 

Vor vier Jahren zum Beispiel mit einer Kandi­datin aus der NGO-Welt, wenn Sie sich an Berna­dette Szél noch erin­nern mögen. Damals glaubte die Ko-Vorsit­zende der LMP, die erste Minis­ter­prä­si­dentin Ungarns zu werden, und berei­tete sich mit einer aus Steu­er­geld finan­zierten Garde­robe und Hundert­tau­senden von Forint an Friseur­rech­nungen auf die Wahl vor. Heut­zu­tage ist sie kaum wieder­zu­er­kennen, das unge­schminkte, anspruchs­lose NGO-Äußere ist ihr neues Image geworden. Sogar der rechts­ex­treme Jobbik-Führer, Gábor Vona mit der natio­na­lis­ti­schen Weste wurde von den Inter­na­tio­na­listen vorge­schlagen und von seinen rechts­ex­tremen Sünden frei­ge­spro­chen, unter­stützt durch das links­li­be­rale Spinoza-Publikum, dessen Zere­mo­ni­en­meis­terin die marxis­ti­sche (?) Philo­so­phin Ágnes Heller selbst gewesen war.

Sie sollten dort bei der Hinter­grund­macht langsam begreifen, dass die Mehr­heit der Ungarn niemals für linke Parteien stimmen wird, ganz gleich, mit welcher Regen­bo­gen­ko­ali­tion sie sich zu verkleiden versu­chen.

Dafür ist die schlimme histo­ri­sche Erfah­rung von Genera­tionen zu tief und zu schmerz­haft verwur­zelt. Würden sie hingegen die Popu­la­rität Viktor Orbáns bei den Ungarn aner­kennen, sein Enga­ge­ment für seine Nation nicht als reinen Popu­lismus abtun und versu­chen, die Gründe für seine Beliebt­heit zu verstehen, würden sie viel­leicht nicht ständig versu­chen, von außen zu inter­ve­nieren. Sie würden den unga­ri­schen Regie­rungs­chef nicht als Diktator bezeichnen, wie es heut­zu­tage in den Hörsälen der Univer­si­täten angeb­lich zu Bildungs­zwe­cken passiert. Ich konnte mich selbst davon über­zeugen, als ein Professor einer renom­mierten deut­schen Univer­sität in einem Seminar über Rechts­staat­lich­keit und Diktatur den Studenten die großen Dikta­toren unserer Zeit vorstellte: in der Gesell­schaft von Putin, Erdogan, Bolsonaro

unseren Premier­mi­nister, der bei freien Wahlen dreimal zwei Drittel der Stimmen erreichte. Er wird als popu­lis­ti­scher, korrupter Diktator gebrand­markt, weil er sich den Globa­listen in den Weg stellt.

Wenn man sich zum Beispiel auf die Schriften von Professor Ash verlässt, kann man leicht den klaren Blick verlieren. Denn in ihnen werden seine Aussagen über Ungarn als unbe­streit­bare Tatsa­chen darge­stellt, welche die sich infor­mieren wollenden west­li­chen Bürger zu Recht verun­si­chern. Wie kann die EU ein Land mit einer korrupten, ille­gi­timen, illi­be­ralen und anti­de­mo­kra­ti­schen Regie­rung unter ihren Mitglie­dern tole­rieren, fragt man sich empört. Ein Mitglied­staat, der nicht nur sich selbst schadet, sondern das Funk­tio­nieren der EU und des rechts­staat­li­chen poli­ti­schen Systems im Allge­meinen gefährdet? Der Professor erwartet von den unpar­tei­ischen EU-Beamten und dem Muster­staat der libe­ralen Demo­kratie, Deutsch­land und der neuen deut­schen Regie­rung, dass sie sich für Ungarn einsetzen und es im Sinne der Demo­kratie verteidigen!

Als Ungarin frage ich, vor wem oder wovor wir geschützt werden sollten? Vor uns selbst?!

Timothy Garton Ash ist Osteu­ropa-Experte, Professor für Euro­päi­sche Studien an der Univer­sität Oxford und wurde 2005 zu einem der 100 einfluss­reichsten Menschen der Welt gewählt. Wenn er etwas sagt, gilt es als Etalon, sowohl wegen Oxford als auch aufgrund seines Rufes. Er unter­richtet junge Menschen, die sich für euro­päi­sche Studien inter­es­sieren. Er schreibt in der vermeint­lich maßgeb­li­chen west­li­chen Presse über Rechts­staat­lich­keit und euro­päi­sche Werte. Was er schreibt, ist Refe­renz­grund­lage, jedoch das, was er schreibt, und die Art und Weise, wie er es schreibt, ist nun mal reine links­li­be­rale Propa­ganda. Ich kann mich nicht entscheiden, ob er der Erfinder des Voka­bu­lars, der Technik der Verleum­dung ohne Fakten ist, mit dem Ungarn fort­lau­fend diskre­di­tiert wird, und das ist es auch, was die unga­ri­sche Oppo­si­tion, wie Márki-Zay, immer wieder hastig nach­plap­pern muss, so schnell, damit niemand Fragen stellen kann. Oder umge­kehrt: werden diese bekannten Verdre­hungen aus der Welt des Spät­so­zia­lismus zu Hause in Ungarn, auf irgend­wel­chen gemein­samen Partei­treffen erfunden, um sie dann an ihre Genossen in Brüssel weiterzureichen?

Die Reden und Veran­stal­tungen von Márki-Zay spie­geln all dies regel­mäßig wider:

die aus der kommu­nis­ti­schen Rhetorik wohl bekannte Stig­ma­ti­sie­rung, die abscheu­li­chen Angriffe der Propa­gan­da­ma­schine zur Diskre­di­tie­rung der Menschen, die Hass­rede und die Technik des Spottes und der Subversion. 

Er spricht wie ein Wasser­fall, er ist wirk­lich der Staub­sauger­ver­treter, dem man den Staub­sauger abkauft, um ihn endlich loszu­werden. Hinzu kommt sein aggres­siver Präsen­ta­ti­ons­stil, die Kommu­ni­ka­ti­ons­un­fä­hig­keit indem er den anderen ständig ins Wort fällt, und eine zuneh­mend sicht­bare Persön­lich­keits­stö­rung. Vielen Menschen gefällt es, wenn man den Prozent­satz bezif­fert, etwa zwei Millionen Ungarn. Aber das ist dann eher ein anderes, ein  sozial-patho­lo­gi­sches Symptom.

Autorin, Dr. phil. Irén Rab ist Kulturhistorikerin

Dieser Beitrag erschien zuerst bei UNGARNREAL, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.

2 Kommentare

  1. „Wie kann die EU ein Land mit einer korrupten, ille­gi­timen, illi­be­ralen und anti­de­mo­kra­ti­schen Regie­rung unter ihren Mitglie­dern tolerieren?“
    Ja, ich finde auch, Deutsch­land sollte aus der EU ausge­schlossen werden.
    Nun im Ernst: Es gibt in Ungarn zwei Möglich­keiten für dieses Früh­jahr – entweder wird Orbán (mit Wahl­ma­schinen aus ameri­ka­ni­scher Produk­tion?) fried­lich aus dem Amt gehoben, oder es geht die nächste Farben­re­vo­lu­tion los, mit „feurigen, aber weit­ge­hend fried­li­chen (sic) Protesten“ von Tausenden von angeb­lich spontan orga­ni­sierten jungen Männern als Volksemulation.
    Bei dem „Empire of Chaos“ (nach Pepe Escobar) ist akuter Toll­wut­ver­dacht zu diagnostizieren.

  2. Ich würde sagen vor Soros und Konsorten, die sehr gern Orban aus dem Amt treiben würden und vor allem vor ihren Mario­netten, die genau wie in Deutsch­land alles für Geld tun, sogar ihre Mitmen­schen verraten und verkaufen.

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