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Jürgen Habermas · Bildquelle; Polémia

Von Gérard Dussouy, emeritierter Universitätsprofessor
 

Polémia verfolgt aufmerksam die politische und soziale Situation in Deutschland. Heute möchten wir unseren Lesern einen brillanten Text aus der Feder von Gérard Dussouy vorstellen. In einer faszinierenden philosophischen Analyse zeichnet Gérard Dussouy das erbauliche Porträt eines Volkes, das einer umfassenden sozialen Indoktrination ausgesetzt ist.

Ein Text, den man aufmerksam lesen sollte, um zu verstehen, was in unseren Nachbarländern geschieht.

In der Tat wird Deutschland seit mehr als fünfzig Jahren von derselben Ideologie beherrscht, die es politisch hemmt und die gleichzeitig das politische Handeln der Europäischen Union bestimmt. Diese Ideologie erklärt, warum ihre Außenpolitik unabhängig von den an der Macht befindlichen Parteien oder Koalitionen starr, d. h. systematisch auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet ist, und warum sie der Standardträger für alle UN-Desiderate ist. Das erklärt auch, warum Deutschland, obwohl es eine Industrie- und Finanzmacht ist, sich auf der internationalen Bühne kaum Gehör verschafft und vor allem, warum es nie seine Stimme erhebt, wenn es um die Forderung nach europäischer Emanzipation geht.

Um diese Apathie zu verstehen, muss man natürlich den internationalen Status Deutschlands seit 1945 berücksichtigen, der der einer “begrenzten Souveränität” ist, wie man zu Zeiten der Sowjetunion von den Volksdemokratien sagte, oder, wenn man es vorzieht, einer “überwachten Souveränität”. Doch wie der Philosoph Peter Sloterdijk vor einigen Jahren anprangerte, rührt der deutsche ideologische Konsens, so wie er sich aufgedrängt hat, vor allem daher, dass “in den siebziger Jahren, als Habermas an die Macht kam, […] der Anti-Nietzscheismus der Kritischen Theorie, der Frankfurter Schule, zum dominierenden Ton in Deutschland wurde. Die Kritische Theorie […] hat eine Art ‘Wache am Rhein’ aufgestellt, sie hat alles getan, um das französische Denken in Deutschland zu minimieren, ob es nun Leute wie Deleuze, wie Foucault oder andere waren”[1]. Dies geht so weit, dass die heute in Deutschland vorherrschende Philosophie nach Sloterdijk zum Erzeuger einer “Hypermoral” (nach Arnold Gelhen) geworden ist, die sich jedem kritischen Denken widersetzt und jede politische Orientierung, die nicht dem etablierten Status quo entspricht, verbietet.

Es sei darauf hingewiesen, dass der größte Teil des Werks von Jürgen Habermas der Infragestellung des Herrschaftsparadigmas gewidmet ist, das in fast der gesamten politischen Philosophie zu finden ist. In seiner Studie über diesen Philosophen kommt Arnauld Leclerc zu folgendem Schluss: “Erstens argumentiert Habermas gegen Arendt, dass es unmöglich ist, Macht unter Ausschluss von Herrschaft zu denken; zweitens argumentiert Habermas gegen Hobbes, Schmitt und Weber, dass es unmöglich ist, Macht auf Herrschaft zu reduzieren, die zwar rationalisiert werden kann, aber niemals legitim ist; drittens argumentiert Habermas gegen die kritischen Theorien der Herrschaft, die von Marx über Bourdieu und die Frankfurter Schule bis hin zu Foucault reichen, dass es absolut unmöglich ist, Herrschaft zu einem Paradigma der politischen Theorie zu machen.[2] Er plädiert daher für einen Übergang in das postnationale Zeitalter, in dem die Deutschen nicht mehr ein Volk an sich, sondern Weltbürger sind, und sieht die Globalisierung als “Horizont ohne Herrschaft” als Folge der Homogenisierung der Menschen. Es muss gesagt werden, dass diese neue Situation von den Deutschen ziemlich leicht akzeptiert wurde, da ihre bemerkenswert spezialisierte Wirtschaft stark von der Globalisierung profitiert hatte.

Um den jedem Individuum und jedem Volk innewohnenden Ethnozentrismus aufzulösen, wollte Habermas an die “kommunikative Vernunft” appellieren, die er, wie der amerikanische pragmatistische Philosoph Richard Rorty anmerkt, “als Verinnerlichung sozialer Normen und nicht als Bestandteil des “menschlichen Selbst” interpretiert”. Habermas beabsichtigt, die demokratischen Institutionen zu “erden”, wie Kant es zu tun hoffte; aber er will es besser machen, indem er anstelle der “Achtung der Menschenwürde” einen Begriff der “herrschaftsfreien Kommunikation” ins Spiel bringt, unter dessen Schirmherrschaft die Gesellschaft weltoffener und demokratischer werden muss.[3] Jürgen Habermas’ Ziel ist es, dass kommunikatives Handeln in Verbindung mit einer gut strukturierten Öffentlichkeit den Menschen dazu bringen kann, seine nationale, romantische Identität abzulegen und es der Menschheit zu ermöglichen, sich in ewigem Frieden zu vereinen, indem sie Souveränitäten überwindet und so jeden Anflug von Konflikt beseitigt.

Der Siegeszug von Habermas und die Übernahme seiner Ideen durch offizielle Kreise (wie z.B. den Bildungssektor) führte in der Tat zur kommunikativen und ideologischen Hegemonie seines Lagers in Deutschland, mit der Unterstützung seiner “Verbündeten”, die sich mit der daraus resultierenden politischen Passivität zufrieden gaben, anstatt zu einem Dialog, der diesen Namen verdient. Durch die Kontrolle der Information, der Medien und der verschiedenen Sozialisationsprozesse war es möglich, die kollektive Repräsentation so zu gestalten, dass die politische Kultur der deutschen Nation radikal verändert wurde. Bei der Analyse des Programms der politischen und historischen Umerziehung, dem die Deutschen, aber auch die Japaner unterworfen waren, zögert Thomas U. Berger nicht zu schreiben: “Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in die politische und historische Umerziehung des deutschen Volkes hineingeraten. Berger zögert nicht zu schreiben, dass “sie von einer antimilitärischen Propaganda bombardiert wurden, die mindestens so gewalttätig war wie die Propaganda der vorangegangenen Kriegszeit”[5].

Die ideologische Ankylose, unter der die deutschen politischen Parteien leiden, erklärt unter anderem die Zurückhaltung Deutschlands, Emmanuel Macron zu folgen, wenn dieser von “europäischer Souveränität” spricht und Fortschritte im Bereich der gemeinschaftlichen Verteidigung oder einer europäischen Armee vorschlägt. Der französische Präsident, selbst ein Anhänger der Thesen von Habermas, den er zu Beginn seiner fünfjährigen Amtszeit besuchte, hätte dies erwarten müssen.

Das Dilemma ist jedoch umso schwieriger zu lösen, als gleichzeitig mehrere Partnerländer Deutschlands, insbesondere die Länder im Süden der Europäischen Union, darunter Frankreich, insofern von Deutschland abhängig bleiben, als es als “Währungsschirm” dient; und im Falle einer tiefgreifenden Meinungsverschiedenheit oder Trennung droht ihnen der Bankrott. Wir werden also auf außergewöhnliche Ereignisse warten müssen, bevor die deutsche ideologische Hypothek aufgehoben wird.

[1] Sloterdijk Peter, Le Magazine Littéraire, Interview, Nr. 406, Februar 2002, S. 34.
[2] A. Leclerc, “La domination dans l’œuvre de Jürgen Habermas. Essai sur la relativisation d’une catégorie”, Politeia, N°1 Politique et domination à l’épreuve du questionnement philosophique, November 1997, S. 53-85.
[3] R. Rorty, Kontingenz, Ironie und Solidarität, Paris, Armand Colin, 1993, S. 205.
[4] J. Habermas, La paix perpétuelle. Le bicentenaire d’une paix kantienne, Paris, Le Cerf, 1996.
[5] T. U. Berger, “Norms, Identity and National Security in Germany and Japan”, Peter J. Katzenstein, The Culture of National Security, New York, Columbia University Press, 1996, S. 317-356.

Quelle: Polémia


5 Gedanken zu „Habermas und die deutsche ideologische Hypothek“
  1. Ja… der Einfluß der Frankfurter Schule, die zu 90 Prozent von den sogenannten “Auserwählten” betrieben wurde. Aber der Einfluß dieser Spezie begann schon ab Kriegsende, deutsche Literatur wurde zehntausendfach verboten, Medienlizenzen nur an auserwählte vergeben, Schulbücher frisiert, die deutsche Vergangenheit verfälscht und verleugnet, die Deutschen hirngewaschen und verleumdet, der Bundestag und Ämter in Ministerien, Bürokratie etc. besetzt von ausgewählten Personen usw usw. Die ideologische Hypothek, die auf Deutschland und den Deutschen lastet, ist eine der ganz besonderen Art. Und mit unglaublichen Mega-Lügen durchsetzt.

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  2. Um mit Nietzsche zu fragen, wer ist dieser zerknautschte, nuschelnde Knilch, kennt den wer, hat der schonmal ein Buch geschrieben, versteht den jemand?

    Und welcher Pimmel & Paradigmenreiter ist denn noch alles Professor?

    Zumindest sieht der so aus, als ob schon von Rechts wegen eine mitten in die Fresse bekommen hat.

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    1. JAU! Immerhin wurde er mit einem Wolfsrachen geboren. Ja, Wolfsrachen nennt man die Behinderung bis heute auf dem Land! Und es ist schon ein Oberwitz, daß Klein-Habermas mit diesem biologischen Schaden Aufnahme in der HJ (zunächst im Jungvolk) fand. Angeblich wurden derartige Kinder ab Januar 1933 alle euthanasiert! Aber Vater Habermas war seit 1933 NSDAP-Mitglied. Gut, Heinrich Himmler, war auch mit einem Neffen gestraft, der die strengen NS-Ansprüche nicht erfüllte, und trotzdem als anerkannter Geistesgestörter frei herum lief!

      Wikipedia meint:

      Habermas’ Vater war Mitglied der NSDAP seit 1933 und wurde nach seiner Heimkehr aus der amerikanischen Gefangenschaft als „Mitläufer“ eingestuft.[8] Er selbst war, wie für Kinder ab 10 Jahren vorgeschrieben, Mitglied im Jungvolk, ab 1943 als Sanitäter, der andere Jungen in Erster Hilfe unterwies. Durch seine Einstufung als „Jungvolkführer“ konnte Habermas über die Altersgrenze hinaus weiter dem Jungvolk angehören und musste mit vierzehn Jahren nicht in die Hitlerjugend wechseln. Im Februar 1945 sollte er als 15-Jähriger wie schon sein älterer Bruder zur Wehrmacht eingezogen werden, während sich der Vater wieder als Freiwilliger gemeldet hatte, doch Jürgen Habermas verbarg sich so lange vor den Feldjägern, bis die US-Amerikaner die Gegend besetzten. Seine Tätigkeit im Jungvolk bildete im Jahr 2006 den Anlass zu einer heftigen Polemik. Joachim Fest hatte Habermas in seiner postum erschienenen Autobiographie als einen „dem Regime in allen Fasern seiner Existenz verbundenen HJ-Führer“ bezeichnet.[9] Der Vorwurf, der vom Magazin Cicero veröffentlicht und von Habermas als „Denunziation“ zurückgewiesen wurde, erschien schließlich nach einer Zeugenaussage von Hans-Ulrich Wehler als haltlos.[10]

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      1. Nachtrag:
        Wenn Wikipedia schreibt, daß Klein-Habermas im Februar 1945 als 15-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen werden sollte, dann lügt Wikipedia; denn es gibt kein Dokument, das derartigen Unsinn bestätigt. Wenn er 16 war, sich freiwillig meldete, und die Einverständniserklärung beider Elternteile vorlag, war das möglich. Aber diese “Soldaten-Kinder” durften nicht an die Front. Außerdem war Jürgen Habermas nicht in die HJ aufgenommen worden. Und derartige “Negativ-Helden” wollte die Wehrmacht nicht. Man hätte ihn jedoch als Flakhelfer eingesetzt, wenn er in die HJ aufgenommen worden wäre!

        Dieser Wandel zwischen Kriegsfreiwilligem und Deserteur wird in vielen deutschen Nachkriegsbiographien ab 1968 herausgestellt. So konnte sich der Schriftsteller Günter Grass urplötzlich gar nicht mehr daran erinnern, daß er sich freiwillig zur Waffen-SS gemeldet hatte.

        Eine berufliche Nachkriegskarriäre war stellte sich für Jürgen Habermas, vor allem aufgrund seiner äußeren Erscheinung schwierig dar! Für ehemalige Wehrmachtangehörige war er ein Verräter! So kam er mit Hilfe der CIA zu Frankfurter Schule und übernahm die Aufgabe eines Rückgratverdrehers an seinem Volk.

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  3. Ein Hoch auf den Autor für seine Klarstellung, daß der Status von BRD-Deutschlands seit 1945 nur der einer „begrenzten Souveränität“ ist! Das deckt sich mit der Erklärung von Carlo Schmid: Rede des Abgeordneten Dr. Carlo Schmid (SPD) im Parlamentarischen Rat am 8. September 1948

    Wir beschließen über die Organisation einer Modalität der Fremdherrschaft und nicht über eine Verfassung!

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