Deut­sche Schulen in Budapest

Das Gebäude der Reichsdeutschen Schule zu Budapest, Damjanich utca 4. · Bildquelle: PestBuda

 

Von Guido Göser

Während der Jahr­hun­derte wanderten Hand­werker und Bauern, Bürger und Adlige, Geschäfts­leute und Unter­nehmer aus den deutsch­spra­chigen Ländern in die Balti­schen Länder wie auch nach Polen, Rußland, ins Karpa­ten­be­cken, in den Balkan. Mit ihnen kamen die verschie­denen Kirchen, die nicht nur Kirchen, sondern auch Klöster und Schulen errich­teten. Die deut­schen Siedler spielten eine ziem­lich große Rolle in der wirt­schaft­li­chen und kultu­rellen Entwick­lung dieser Gegenden. Die Grün­dung deutsch­spra­chiger Schulen in diesem Teil Europas entsprach im Inter­esse der Deut­schen bzw. der deutsch­spra­chig Einge­wan­derten, die ihre Kinder in der Mutter­sprache unter­richten lassen wollten, als auch den anspruchs­vol­leren Schichten des gast­ge­benden Landes, für die die deut­sche Sprache, die Kenntnis der deut­schen Kultur, einbe­zogen Handel, Gewerbe, Geschäft, der Kontakt mit den deut­schen Ländern sehr wichtig waren.

Die Reichs­deut­sche Schule zu Buda­pest – RDS (1908–1944)

Die deut­schen Schulen staat­li­cher Herkunft wurden erst nach Grün­dung des deut­schen Kaiser­rei­ches ins Leben gerufen. Die Reichs­deut­sche Schule zu Buda­pest (RDS) bestand seit 1908 und schloß ihre Tore Ende 1944. Es ist ein großer Verdienst des Pastors der refor­mierten Gemeinde Richard Klar, den Gedanken der Schaf­fung einer deut­schen Schule in die Tat umge­setzt zu haben. Er erwirkte im Jahr 1908 vom Kgl. Ung. Kultus­mi­nis­te­rium die Geneh­mi­gung zur Grün­dung einer deut­schen Privat­schule für Kinder reichs­deut­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit. Den Schul­saal stellte die refor­mierte Kirche in einem Raum des Gemein­de­hauses in .der Alkot­mány utca 15 zur Verfü­gung. 1910 erfolgte die schrift­liche Geneh­mi­gung der Schule durch den Kgl. Ung. Kultus­mi­nister Graf Zichy.

In den nächsten Jahren wurde die Schule ausge­baut. Die Schü­ler­zahl war inzwi­schen auf 126 gestiegen – Mit Beginn des  Schul­jahres 1917–18 konnten nun auch Kinder unga­ri­scher Natio­na­lität die Schule besu­chen. Im Jahre 1921 kam zwischen dem dama­ligen deut­schen Gesandten Graf Fürs­ten­berg und dem Kultus­mi­nister Vass eine Verein­ba­rung zustande, der zufolge die RDS als vier­klas­sige Grund­schule und acht­klas­sige Ober­re­al­schule geneh­migt wurde. Die Schü­ler­zahl war bereits auf 400 gestiegen, die Klas­sen­zimmer waren über­füllt. Da gelang es im Jahr 1924, das Gebäude in der Damja­nich utca 4 zur allei­nigen Verwen­dung für die Schule zu bekommen. Haus­kauf und Reife­prü­fung bedeu­teten einen gewal­tigen Schritt in der Aufwärts­ent­wick­lung der RDS. Durch die Aufnahmen der latei­ni­schen Sprache in den Lehr­plan entspricht die Reife­prü­fung den unga­ri­schen Vorschriften und berech­tigt die unga­ri­sche Schüler ohne weiteres zum Besuch der unga­ri­schen Universitäten.

In den Jahren nach der Macht­er­grei­fung gab es insge­samt zwei Schul­leiter: den sehr gemä­ßigten und libe­ralen Wilhelm Rettig, dem nichts fremder war, als Strenge oder Scharf­ma­cherei, ein liebens­wür­diger Pädagoge. Ihm folgte 1938 der für diesen Posten einzig­artig befä­higte Schul­leiter Fritz Lange, ein Mann, der die beson­dere Lage und Rolle dieser Schule nicht nur sofort begriff, sondern die sich aus dieser Situa­tion erge­benden, oft sehr schwie­rigen Aufgaben vorzüg­lich meis­terte. Er war nicht nur ein mutiger und unge­heuer geschickter homo poli­ticus, der mit seinen Taktiken die Obrig­keit über­spielte, sondern ein prin­zi­pi­en­treuer Gegner jedweder inhu­maner Bestre­bungen. Am Nach­mittag der Beset­zung Ungarns von der Wehr­macht (19.03.1944, Sonntag) entschloss er sich dazu, den an der Schule noch immer anwe­senden “nicht-arischen” Abitu­ri­enten durch eine vorzei­tige Reife­prü­fung den Abschluss des Schul­jahres zu ermög­li­chen. Die Lehrer waren im großen und ganzen Kolla­bo­ranten bzw. verschwiegen sie vieles, was sie eigent­lich, entspre­chend den dama­ligen Verpflich­tungen, den offi­zi­ellen Stellen hätten melden müssen.

Die Schule hielt ihren normalen Schul­be­trieb bis 1944 aufrecht, natür­lich wurde die Schule nach dem Einmarsch der roten Armee geschlossen.

Wer nur den Namen dieser Insti­tu­tion – Reichs­deut­schen Schule – kennt, könnte sich ein Bild von einer vorge­scho­benen Bastion der Nazi-Propanda vorstellen. Das war aber – gelinde gesagt – nicht der Fall. Ehema­lige Schüler der RDS, Frau Mari­anne Rényi-Sarlós und Herr Peter Rényi berich­teten am Ende der neun­ziger Jahre über ihre eigenen Erfah­rungen. Sie besuchten die Schule in den Jahren 1933 bis 1944, also in der Zeit der Nazi­herr­schaft und können dafür einstehen, daß diese Schule fort­schritt­lich und liberal war. Natür­lich waren die deut­schen Behörden der Nazi­partei beflissen, ihren Einfluss geltend zu machen. Für ihre Unfä­hig­keit. ist ein typi­sches Beispiel, daß die HJ-Orga­ni­sa­tion inner­halb der Schule ein fast ille­gales Dasein führte.

Im übrigen gab es kaum Anzei­chen der Naziideologie.

Die deutsch­stäm­migen Schüler ausge­nommen, wurden z.B. im Jahre 1943 bei der Reife­prü­fung in Geschichte die Zeit nach der Macht­er­grei­fung Hitlers als Pflicht­stoff nicht gefragt. Die Schule bewahrte, entgegen den Vorschriften im Hitler­deutsch­land die Koedu­ka­tionDie meisten Lehrer vermieden alle Themen, bei denen sie den Stand­punkt der Nazi­dik­tatur vertreten hätten müssen.

Wie lässt sich dieses selt­same Phänomen erklären? Zu einem gewissen Teil spielten die Bezie­hungen zwischen Hitler­deutsch­land und Horthy-Ungarn eine Rolle, deren Beson­der­heiten aus den Aufzeich­nungen Veesen­mayers bekannt sind. Das Konzept der Ungarn­po­litik Veesen­mayers war vom Stand­punkt der Nazis aus sehr realis­tisch. Veesen­mayer ging davon aus, dass das Regime Horthys güns­tige Gege­ben­heiten anbiete, auch wenn es mit dem System der Nazis in Deutsch­land nicht kongruent sei. Dementspre­chend solle man es zwar schritt­weise an das Hitler­sche Modell annä­hern, aber im großen und ganzen durch die Politik Horthys geschaf­fene Struktur nicht verän­dern. Solange Horthy sich den Forde­rungen des deut­schen Reiches füge, solle man die histo­risch entstan­denen Reali­täten zu Kenntnis nehmen. Nur wenn die Gefahr droht, dass Horthy “seinen Pflichten” nicht nach­komme, sollte man eingreifen, wie es ja am 19. März 1944 geschah, weiter am 15. Oktober desselben Jahres, als Horthy abge­setzt wurde und die Pfeil­kreuzler unter Szálasi die Macht übernahmen.

Für die Vertreter Hitler­deutsch­lands war eine der wich­tigsten Bedin­gungen, die Koope­ra­tion in der Wirt­schaft, vor allem, was die Versor­gung Deutsch­lands mit Lebens­mit­teln betraf, ande­rer­seits die Zusam­men­ar­beit bei der Herstel­lung von Waffen. Es wäre für die Nazis nicht ratsam gewesen, beson­ders was für die Ausrüs­tung des Mili­tärs notwendig war, sich mit den Unter­neh­mern zu über­werfen, die zu einem nicht geringen Teil assi­mi­lierte Juden waren. Nichts ist typi­scher, als die Über­nahme der Manfred Weiss-Werke durch die Göring-Werke im Einver­nehmen mit den Besit­zern, die im Zusam­men­wirken soweit gedieh, daß die SS die Familie Weiss und andere Nobi­li­täten des Groß­ka­pi­tals 1944 in die Schweiz und nach Portugal ausfliegen ließ. Aber nach dem Einmarsch Deut­schen Truppen im März 1944 wurde mit dieser “Koexis­tenz” Schluß gemacht.

Die Schü­ler­schaft der RDS setzte sich aus sehr verschie­denen gesell­schaft­li­chen Gruppen zusammen. Anfangs waren es Kinder bürger­li­cher Fami­lien deut­scher und unga­ri­scher Abstam­mung geho­benen Standes, Intel­lek­tu­elle, Geschäfts­leute, wohl­ha­ben­dere schwä­bi­sche Land­wirte aus der Umge­bung von Buda­pest, Ansäs­sige und Einge­wan­derte jüdi­scher Abstam­mung, von mosai­schem Glauben und zum Chris­tentum über­ge­treten. Weiterhin sind zu erwähnen die Kinder aris­to­kra­ti­scher Fami­lien, die tradi­ti­ons­weise deutsch gelernt hatten: ein ansehn­li­cher Teil rekru­tierte sich aud den in Ungarn akkre­di­tierten Diplo­ma­ten­ab­kömm­lingen und anderen Auslän­dern, die in Ungarn in verschie­denen Berufen tätig waren und anstatt der wenig verbrei­teten unga­ri­schen Sprache es vorzogen Deutsch zu lernen.

Diese Viel­falt der Nationen und gesell­schaft­li­chen Gruppen hatte zur Folge, daß die Schule durch ganz beson­dere Tole­ranz und Offen­heit geprägt war.

Sowohl die Lehrer wie auch die Schüler mußten diese Viel­ar­tig­keit zur Kenntnis nehmen, wobei natür­lich ausschlag­ge­bende Bedeu­tung die Haltung, und die Persön­lich­keit des Schul­di­rek­tors hatte.

Ein Doku­men­tar­film von Gábor Zsig­mond Papp: Die Schule des Reiches – A biro­dalom iskolája (2003) www.youtube.com/watch?v=awrm56VhyMM

Nach der Wende, 1990 wurde wieder eine deut­sche Schule, die Deut­sche Schule in Buda­pest gegründet, die auf Tradi­tionen bauen kann – das Erbe der Reichs­deut­schen Schule zu Buda­pest – , die es wert sind fort­ge­setzt zu werden.

Die Deut­sche Schule Buda­pest: Thomas-Mann-Gymnasium

Im Zuge der poli­ti­schen Verän­de­rungen Ende der 80iger und zu Beginn der 90iger Jahre des letzten Jahr­hun­derts wurde ein Projekt zur Grün­dung einer Deut­schen Schule in Buda­pest auf den Weg gebracht.

Im Rahmen eines Staats­be­suchs des dama­ligen Bundes­kanz­lers Helmut Kohl im Sommer 1989 äußerte die unga­ri­sche Seite den Wunsch, eine deut­sche Schule in Buda­pest einzu­richten. Die deut­sche Zusage erfolgte umge­hend und so wurde bei der Verab­schie­dung des deutsch-unga­ri­schen Kultur­ab­kom­mens Anfang 1990 eine gemischte Exper­ten­kom­mis­sion für die weitere Planung dieses Projekts einge­setzt. Vor dem Hinter­grund einer beson­deren Bezie­hung zu den so genannten „Donau­schwaben“ unter­stützte auch der dama­lige Minis­ter­prä­si­dent von Baden-Würt­tem­berg die Grün­dung einer Deut­schen Schule in Budapest.

Die Schule wurde 1990 als deut­sche Ausland­schule in der Ausprä­gung einer unga­risch-deut­schen Begeg­nungs­schule mit bikul­tu­rellem Schul­ziel gegründet.

Der Unter­richt wird grund­sätz­lich nach deut­schen Lehr­plänen und in deut­scher Sprache erteilt.

Zur Grün­dung der Schule wurde eine Stif­tung ins Leben gerufen. Gründer der Stif­tung waren die Bundes­re­pu­blik Deutsch­land, die Repu­blik Ungarn, die Haupt­stadt Buda­pest sowie das Land Baden-Würt­tem­berg. Mit der Grün­dung der Deut­schen Schule Buda­pest wurde Anfang der 90iger Jahre des letzten Jahr­hun­derts ein umfas­sender Koope­ra­ti­ons­pro­zess im Bildungs­be­reich beider Länder initi­iert. Dazu gehören das Lehrer­ent­sen­de­pro­gramm der Zentral­stelle für das Auslands­schul­wesen, Hoch­schul­ko­ope­ra­tionen unter Mitwir­kung des DAAD sowie Bildungs­pro­gramme des Goethe-Instituts.

Es ist unschwer fest­zu­stellen, dass die gegen­wär­tige Deut­sche Schule Buda­pest, heute Thomas-Mann-Gymna­sium genannt, an die Tradi­tion der Reichs­deut­schen Schule anknüpft; unga­ri­sche, deut­sche, aber auch Schüler anderer Nationen werden gemeinsam unter­richtet, u. a. mit dem Ziel ihren Schü­lern humane Werte zu vermitteln.

Denn die unga­ri­sche, deut­sche sowie euro­päi­sche Geschichte hat Ungarn und Deutsch­land immer wieder zusammen geführt, um gemein­same Projekte zum Wohle beider Länder auf den Weg zu bringen.

Nach der Projekt­ar­beit einer Schü­ler­gruppe der Deut­schen Schule Buda­pest, mit der Leitung ihres Deutsch­leh­rers, Guido Göser, im Jahre 1997

Dieser Beitrag erschien zuerst bei UNGARNREAL, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.

 


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