“Ugros elimi­n­andos esse” (Die Ungarn müssen ausge­rottet werden)

Die Schlacht bei Pressburg · Bildquelle: Magyar Hírlap

Von László Domonkos
 

Jedes Jahr, in den ersten Juli­tagen feiern immer mehr Menschen mit immer mehr Hingabe das Andenken der

sieg­rei­chen Schlacht von Press­burg, die am   4. Juli 907 begann und bis zum 7. Juli dauerte.

“Lasst die Peit­schen knallen, lasst die Peit­schen auf der Andrássy-Allee wieder und wieder knallen, lasst die Peit­schen zu Ehren der Vorfahren knallen”, lautet der Aufruf zum Jahrestag der Schlacht von Pressburg.

Helden­platz, Vajda­hunyad-Burg, Stadt­wäld­chen, Aufmarsch, Gedenk­feier, Ehrung Jahr für Jahr, aus einer Reihe von Privat­in­itia­tiven heraus­wach­send, immer mehr, immer lauter, immer großartiger.

“Mögli­cher­weise gibt es außer uns keine andere Nation auf der Welt, die ihre Sonnen­seite nur in ihren Träumen erlebte. Seit wir uns hier an der Donau nieder­ge­lassen haben, haben wir, abge­sehen von einigen glück­li­chen Momenten der Árpáden (Könige vom Hause Árpád herrschten von 1000 – 1301) immer ein Doppel­leben gelebt: eines in der Geschichte, vege­tie­rend in erzwun­genen Lösungen, und eines in den Träumen, zum Ersti­cken verdammt”, schreibt der Essayist Gyula Gombos in einem seiner wich­tigsten, 1975 in den USA veröf­fent­lichten Buch „Auf der Schat­ten­seite der Geschichte“ , in seinem Essay „ Ein Traum vom Land“. Deshalb und deswegen befinden wir uns auf der Schat­ten­seite der Geschichte, betont er, es wäre an der Zeit, diesem Zustand ein Ende zu setzen!

Halten wir die Fakten der Schlacht von Press­burg noch einmal fest – nicht zum ersten Mal, aber bei weitem nicht oft genug, nicht zum Lang­weilen: In der drei­tä­gigen Schlacht standen vier­zig­tau­send Ungarn gegen die Über­macht von einhun­dert­zehn­tau­send vom Westen eindrin­genden Ostfranken, ange­führt von germa­ni­schen Stämmen. Letz­tere griffen im Geiste der bis heute berüch­tigten Idee an – fest­ge­halten im über­lie­ferten Kriegs­plan: “Decretum (…)

Ugros elimi­n­andos esse! (Wir ordnen an, dass die Ungarn ausge­rottet werden müssen.)

Die deut­schen Truppen, welche die Truppen von Groß­fürst Árpád angriffen, wurden prin­zi­piell vom erst 14 Jahre alten Sohn des sieben Jahre zuvor gestor­benen Kaisers Arnolf von Kärnten ange­führt, er wurde in der Geschichte später „Ludwig IV. das Kind“ genannt. In der Wirk­lich­keit wurde die Offen­sive von drei Aris­to­kraten befeh­ligt: vom Luit­pold Mark­graf von Bayern, Erzbi­schof Dietmar I. von Salz­burg und Prinz Sieg­hard. Wie so oft seither, konnten wir Ungarn in einer fast aussichts­losen Situa­tion den Sieg davon­tragen. Der gesamte Führungs­stab der angrei­fenden Truppen war tot auf dem Schlacht­feld geblieben. Die Ungarn hatten die gegne­ri­sche Flotte auf der Donau und fast das gesamte Heer vernichtet, und der baye­ri­sche König musste fliehen. Nach diesem Sieg wurde gegen Ungarn 123 Jahre lang kein weiterer Angriff von Westen ausge­hend gestartet.

Die große mili­tä­ri­sche Waffentat sicherte unseren stabilen Platz im Zentrum Europas und machte unser Land im 10. Jahr­hun­dert zur stärksten Mili­tär­macht auf dem euro­päi­schen Kontinent.

Die sieg­reiche Schlacht bot die Möglich­keit für die spätere Grün­dung eines starken König­reichs Ungarn, die Schaf­fung unserer Hege­monie in Mittel- und Osteu­ropa und

die Geburt der unga­ri­schen Groß­macht nach der blühenden Árpád-Ära.

Es ist keine Über­trei­bung zu sagen, dass wir es (auch und vor allem) dieser Schlacht zu verdanken haben, dass wir heute unser Heimat­land haben.

Einer meiner Kollegen schrieb anläss­lich des Jahres­tages: Es ist an der Zeit, dass die unga­ri­sche Geschichts­schrei­bung den Press­burger Sieg, der Europa erschüt­terte, mit der ihm gebüh­renden Würde behan­delt. Ergänzen wir, ohne Fest­ver­derber sein zu wollen: ein netter, aber etwas dümm­lich-naiver Wunsch.

Denn die schänd­liche Rolle der soge­nannten Geschichts­schrei­bung, die sich unga­risch nennt (es wagt, sich unver­schäm­ter­weise so zu nennen), endete nicht mit dem Regime­wechsel 1989, auch nicht mit der neuen Ära, die 2010 begann. Trotz der letzten Jahre, in denen exzel­lente junge Histo­riker allmäh­lich ins öffent­liche Bewusst­sein gelangten, werden ihre Arbeitendie sich mit den seit Jahr­zehnten als weiße Flecken belas­senen histo­ri­schen Fakten beschäf­tigen, auch von den sich patrio­tisch nennenden Histo­ri­kern immer noch als eine Art Erzäh­lung abqua­li­fi­ziert. Die erschie­nenen Werke über den sog. Weißen Terror, die Lumpen­garde, die Frei­mau­rerei in Ungarn, die Horthy-Ära oder sogar über manche großen Leis­tungen des Reichs­ver­we­sers selbst werden verhöhnt verharm­lost und versucht die Gebiets­rück­nahmen zu wider­legen. Wir können aber auch auf die stän­digen Fälschungs­ver­suche bezüg­lich der türki­schen Besat­zung oder gar des glor­rei­chen Frei­heits­kampfes von 1956, auf  ihre Bewer­tung und die stän­dige Verbrei­tung von Lügen Bezug nehmen. (Die Liste ist keines­wegs voll­ständig.)  Sollte gerade die Schlacht von Press­burg, die jahr­zehn­te­lang im Namen einer hinter­häl­tigen-allge­mein­wis­sen­schaft­li­chen Geschichts­ver­nich­tung totge­schwiegen wurde, eine rühm­liche Ausnahme bilden…?

Natür­lich kehrt die Geschichte selbst im Ange­sicht dieser extrem schäd­li­chen Narra­tive sehr wohl zurück. Und damit sind wir dort, wo wir schon immer waren und wo wir – wie das neben so vielen anderen Dingen auch die Fußball-Euro­pa­meis­ter­schaft gezeigt hat, – immer besser werden, auf der Sonnen­seite der Geschichte.

Nun kann unser Groß­fürst Árpád viel­leicht in seiner geheim­nis­vollen letzten Ruhe­stätte endlich in Frieden ruhen. Um sein ange­stammtes Volk braucht er wohl wirk­lich nicht mehr zu fürchten,

denn es geht nicht verloren, denn es ging bislang auch nicht verloren.

Beson­ders nach der Schlacht von Press­burg. Auf der Sonnen­seite der Geschichte.

Der Autor, László Domonkos, ist Schriftsteller.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei MAGYAR HÍRLAP und danach in deut­scher Sprache (Über­set­zung von Dr. Andrea Martin) bei UNGARNREAL, beide unsere Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


4 Kommentare

  1. “Ugros elimi­n­andos esse”?! DAS sollte uns bekannt vorkommen?

    „Germa­niam esse delendam“, hieß ja eine Arti­kel­serie in GB von 1896, in Anspie­lung auf „Ceterum censeo Cartha­ginem esse delendam“.

    Die euro­päi­schen Mittel­lagen der beiden Staaten war – „durchaus“ – mit großen Nach­teilen behaftet.

  2. Was für ein „bayri­scher König“? Bayern ist erst seit 1806 Königtum (Napo­leon), zuvor war es Herzogtum. Und bei allem Verständnis für Selbst-Euphorie – bitte nicht dermaßen über­treiben. 120.000 Soldaten/Ritter auf der Gegner­seite? Nie im Leben!

      • hier: „Die Ungarn hatten die gegne­ri­sche Flotte auf der Donau und fast das gesamte Heer vernichtet, und der baye­ri­sche König musste fliehen“.

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