Ungarn gedachte des 75. Jahres­tages der Vertrei­bung der Ungarndeutschen

Viktor Orbán und der Abgeordnete Imre Ritter · Foto: Viktor Orbán / Facebook

Wenn wir an die Tragödie der Vertrei­bung der Deut­schen aus Mittel- und Osteu­ropa nach dem Zweiten Welt­krieg denken, denken wir vor allem an die Beneš-Dekrete und die Vertrei­bung der drei Millionen Sude­ten­deut­schen und der neun Millionen Deut­schen aus Schle­sien, Pommern und Ostpreußen, die von Polen und der Sowjet­union vertrieben wurden. Im Falle Ungarns handelte es sich dabei nicht um die Bewohner eroberter oder zurück­er­oberter Provinzen, sondern um einen Teil der deut­schen Minder­heit, die schon seit längerer Zeit im Lande lebte.

Die Ungarn­deut­schen sind die Nach­kommen deut­scher Einwan­derer und Siedler, die sich zwischen 1689 und 1740 im Rahmen eines Wieder­be­sied­lungs­pro­gramms vor allem in Trans­da­nu­bien (Esztergom/Gran, Pest, Fejér/Stuhlweiß, Veszprém/Wesprim oder Weiß­brünn, Komárom/Komorn, Győr/Raab), der Unga­ri­schen Tief­ebene (Szabolcs, Békés, Hajdú-Bihar, Bács) und dem Nord­massiv (Hont, Heves, Zemplén/Semplin) nieder­ließen. Sie stammen haupt­säch­lich aus dem süddeut­schen Sprach­raum (Schwaben, Bayern, Loth­ringen, Elsass, Pfalz, Öster­reich) und Sachsen, daher der Name „Schwaben“ (unga­risch: Sváb) in Ungarn und „Sachsen“ in Sieben­bürgen. Vor dem Ersten Welt­krieg gab es im gesamten unga­ri­schen König­reich bis zu andert­halb Millionen von ihnen. Die meisten dieser Deutsch­stäm­migen siedelten sich nach der Rück­erobe­rung der unga­ri­schen Gebiete vom Osma­ni­schen Reich im 18. Jahr­hun­dert an, als die unga­ri­schen Dörfer durch die Hohe Pforte entvöl­kert wurden. Die Bayern und Würt­tem­berger bildeten das Gros der Donau­schwaben, die für ihr Hand­werk, ihre Kennt­nisse im Weinbau und ihr donau­schwä­bi­sches Handels­netz, das die süddeut­schen Länder mit Ungarn verband, bekannt waren.

Ca. 200.000 Schwaben wurden zwischen 1946 und 1948 deportiert

Ungarn, Deutsch­lands Kriegs­ver­bün­deter, befand sich nach 1945 – wie alle anderen Länder Mittel- und Osteu­ropas – in der sowje­ti­schen Einfluss­zone, und so verpflich­tete sich die unga­ri­sche kommu­nis­ti­sche Führung – im Namen der „kollek­tiven Verant­wor­tung“ aller Deut­schen für die Verbre­chen des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Regimes – zur Depor­ta­tion von etwa 200.000 Schwaben zwischen dem 19. Januar 1946 und Juli 1948. Die meisten von ihnen wurden von Bayern und Öster­reich aufge­nommen, wo ihre Kinder und Enkel­kinder heute leben. Heute leben etwa 130.000 Deut­sche in Ungarn (Volks­zäh­lung 2011). Die meisten von ihnen sind kultu­rell und sprach­lich assi­mi­liert, obwohl seit der Wende der Stel­len­wert kultu­reller und ethni­scher Iden­ti­täten wieder an Bedeu­tung gewonnen hat und vieler­orts kultu­relle oder reli­giöse Verei­ni­gungen die schwä­bi­sche Iden­tität stärken; nach der unga­ri­schen Gesetz­ge­bung für natio­nale Minder­heiten (wahr­schein­lich die groß­zü­gigste in Europa!) genießen die Deut­schen in vielen Gemeinden, u. a. in der Stadt Sopron/Ödenburg an der öster­rei­chi­schen Grenze, ein hohes Maß an kultu­reller Auto­nomie. Im unga­ri­schen Parla­ment ist auto­ma­tisch ein Sitz für sie reser­viert. Dieser Sitz wird derzeit von Imre (deutsch: Emme­rich) Ritter besetzt, der das Recht hat, im natio­nalen Parla­ment in deut­scher Sprache zu sprechen.

Ein „irrepa­ra­bler Verlust“ für Ungarn

Im Jahr 2013 hat das unga­ri­sche Parla­ment den symbo­li­schen Tag des 19. Januar – das Datum, an dem die Depor­ta­tionen 1946 in der Klein­stadt Budaörs/Wudersch in den west­li­chen Vororten von Buda­pest begannen – als natio­nalen Gedenktag an die Depor­ta­tion der Deut­schen fest­ge­legt. Gestern legten der unga­ri­sche Minis­ter­prä­si­dent Viktor Orbán und der Abge­ord­nete Imre Ritter gemeinsam einen Kranz vor einer Gedenk­tafel am Budaer Bahnhof nieder, während der Staats­se­kretär für Kommu­ni­ka­tion und inter­na­tio­nale Bezie­hungen, Zoltán Kovács, die Depor­ta­tion der Schwaben (1946–1948) als einen „irrepa­ra­blen Verlust“ für Ungarn bezeich­nete. Auch der Bürger­meister von Buda­pest, Gergely Karác­sony (Grüne, Oppo­si­tion), würdigte die Opfer dieser Depor­ta­tionen: „Wir schulden ihnen und den zukünf­tigen Genera­tionen einen Akt des Geden­kens und eine gemein­same Heimat, in der sich solche Taten nicht wieder­holen können“.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in fran­zö­si­scher Sprache bei Visegrád Post.


2 Kommentare

  1. Wir haben aufgrund des Einwands eines Lesers den aus dem fran­zö­si­schen Original wört­lich über­nom­menen Satz „Sie stammen haupt­säch­lich aus Süddeutsch­land (Schwaben, Bayern, Loth­ringen, Elsass, Pfalz, Öster­reich)“ in „Sie stammen haupt­säch­lich aus dem süddeut­schen Sprach­raum (Schwaben, Bayern, Loth­ringen, Elsass, Pfalz, Öster­reich)“ geän­dert. Aus unga­ri­scher Perspek­tive sind diese Auswan­derer alle „Schwaben“.

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  2. Ich war viele Male in Ungarn und habe das Land und seine Menschen in mein Herz geschlossen. Ungarn scheint noch das einzig anstän­dige Land in Europa zu sein.
    Obwohl meine Familie nicht von Vertrei­bung betroffen war, möchte ich Viktor Orbán und allen Ungarn meinen Dank und Respekt aussprechen.

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