Die Flucht aus Afgha­ni­stan wird uns teuer zu stehen kommen

Von Fabio Bozzo
 
Besiegt. Rückzug. Schande. Diese drei Worte, die der Münchner Konfe­renz würdig sind, würden ausrei­chen, um die bevor­ste­hende Flucht des US-geführten Westens aus Afgha­ni­stan zu beschreiben. Diese Führung begann 1941 mit der Verab­schie­dung des „Rent and Loan“-Gesetzes und heute scheint sie zumin­dest müde zu sein; was schlecht ist, da Europa absolut unfähig ist, sich selbst zu vertei­digen, geschweige denn den Rest der freien Welt.
 
Lassen Sie uns der Reihe nach vorgehen. Wie jeder weiß, wurden die Anschläge vom 11. September 2001 von Al-Qaida orga­ni­siert (ohne irgend­welche versteckten Komplotte, wie einige uns glauben machen wollen). Da sich Bin Ladens Haupt­quar­tier in Afgha­ni­stan befand, baten die Verei­nigten Staaten um die Auslie­fe­rung des saudi­schen Terro­risten. Die Taliban, die sunni­ti­schen Funda­men­ta­listen, die fast das gesamte Staats­ge­biet kontrol­lierten, weigerten sich. Deshalb marschierten die Ameri­kaner (zunächst nur unter­stützt von den Briten) in Afgha­ni­stan ein. Wie es logisch ist, war der Besat­zungs­krieg des Gebietes schnell und relativ leicht zu gewinnen, auch dank des Beitrags der verblie­benen Milizen der Nord­al­lianz, also der letzten wirk­li­chen internen Gegner der Taliban. Bin Laden entkam der Fahn­dung jedoch auf gewagte Art und Weise. Er wurde erst zehn Jahre später in Paki­stan aufge­spürt und getötet, einem tech­nisch bank­rotten Land, das voll­ständig mit Al-Qaida kolla­bo­riert und der Haupt­sponsor der Taliban ist, ein Land, das von einer korrupten Clique regiert wird, die den isla­mi­schen Funda­men­ta­lismus unter den Massen schürt, sich aber nach außen hin als moderat darstellt, um dem Westen das Geld aus der Tasche zu ziehen – und das oben­drein im Besitz von Atom­waffen ist. Die Tatsache, dass die paki­sta­ni­schen Behörden Bin Laden schützten, obwohl sie behaup­teten, Verbün­dete der Verei­nigten Staaten zu sein, war schon damals bekannt, aber wegen dieses Meis­ter­werks diplo­ma­ti­scher Heuchelei tat der Westen so, als ob er nichts tun würde. In den zehn Jahren vor dem Tod Bin Ladens wurde auch der Rest der Al-Qaida-Führung von der Rache der Demo­kratie nieder­ge­mäht, so dass ihre terro­ris­ti­sche Kapa­zität heute stark geschwächt und redi­men­sio­niert ist. Sicher­lich kann man jedoch nicht sagen, dass sie verschwunden ist (allein ihre Berühmt­heit lässt immer wieder neue Orga­ni­sa­ti­ons­klone in der ganzen isla­mi­schen Welt entstehen), doch ihre glor­rei­chen Tage sind für immer vorbei.

Was ist mit Afgha­ni­stan? Anglo-ameri­ka­ni­sche Truppen, zu denen sich später auch die anderer NATO-Partner gesellten, blieben gut 20 Jahre lang vor Ort. Während dieser Zeit besiegten sie wieder­holt die Taliban im Feld, demons­trierten ihre mili­tä­ri­sche Stärke und ermög­lichten den Aufbau des Gerüsts eines Staates, der diesen Namen verdient. So viel zu den posi­tiven Ergeb­nissen. Die schlechte Nach­richt ist jedoch viel schwer­wie­gender. In diesen zwanzig Jahren hat der Westen, auf Kosten von Milli­arden von Dollar, nicht:

  • die Menta­lität der Bewohner verän­dert, die nach wie vor die eines isla­mi­schen Funda­men­ta­lismus ist, der so obsku­ran­tis­tisch und grausam ist, dass er selbst für die guten Seelen unseres Hauses kaum glaub­würdig ist;
  • die Taliban ausge­löscht, die trotz ihres dschi­ha­dis­ti­schen Trei­bens (oder viel­mehr gerade deswegen) die Unter­stüt­zung der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung genießen;
  • den Afghanen die Demo­kratie beigebracht (und hier kann man leicht eine Mischung aus Verle­gen­heit und Zärt­lich­keit für dieje­nigen empfinden, die ein paar Jahre lang glaubten, sie könnten die Demo­kratie in die isla­mi­sche Welt exportieren);
  • einen mit dem Westen verbün­deten Staat geschaffen, der stark genug war, um mehr als ein Jahr lang auf sich allein gestellt zu sein.

Analy­sieren wir also die aufge­führten nega­tiven Punkte (die posi­tiven werden ohnehin von den Pres­se­spre­chern der heutigen Neville Cham­ber­lains wiederholt).

Konnte die Menta­lität eines Volkes durch mili­tä­ri­sche Beset­zung verän­dert werden? Der Autor dieser Zeilen glaubt das, weil sich in 20 Jahren eine neue Genera­tion bildet, aber unter der Bedin­gung, dass Methoden anwendet werden, die für die west­liche öffent­liche Meinung inak­zep­tabel sind, da diese immer von defä­tis­ti­schen medialen und poli­ti­schen Berei­chen (oft an der Grenze zum Verrat) beein­flusst wird. Auf welche Methoden spielen wir an? Der Bau von Schulen für eine ganze Genera­tion afgha­ni­scher Kinder und Jugend­li­cher, die unter dem Banner der Werte der west­li­chen Zivi­li­sa­tion aufwachsen konnten, während die Funda­men­ta­listen vor ihren Augen auf dem Schlacht­feld besiegt wurden, dank der Waffen, die von der über­le­genen Wissen­schaft eben jener Zivi­li­sa­tion produ­ziert wurden, die ihnen ohne allzu viele Kompli­mente in die Köpfe einge­impft wurde.

Konnten die Taliban ausge­löscht werden? Objektiv gesehen antworten wir mit nein, es sei denn, ein Drittel der etwa 32 Millionen Afghanen würde ausge­rottet, was aus offen­sicht­li­chen mora­li­schen und poli­ti­schen Gründen unmög­lich ist. Die „Hard­liner“ werden sagen, dass es an histo­ri­schen Beispielen von entwi­ckelten Zivi­li­sa­tionen, die stra­te­gisch notwen­dige Grau­sam­keiten durch­ge­führt haben, nicht mangelt: Rom führte einen kompletten Völker­mord an den entwi­ckelten Kartha­gern durch, das kaiser­liche Deutsch­land besiegte die Herero-Guerillas, die dieses Volk fast ausrot­teten, während die Cyre­naica durch eine Repres­sion, die 63.000 der damals 225.000 Einwohner tötete, wieder unter italie­ni­sche Kolo­ni­al­herr­schaft gebracht (und vom isla­mi­schen Funda­men­ta­lismus der Senussi befreit) wurde. Aber das sind Beispiele, die man heute gar nicht mehr in Betracht ziehen kann: Selbst die Sowjets, die keine Leute waren, die Witze machten, schafften es nicht, ein Massaker zu veran­stalten, das darauf abzielte, das afgha­ni­sche Terri­to­rium von ihren Feinden zu säubern. Sie beschränkten sich darauf, mit brutalen Methoden ihre Feinde und einen mini­malen Teil der Bevöl­ke­rung, die sie unter­stützten, zu töten, und versuchten dann, der Mehr­heit der Einwohner die kommu­nis­ti­schen Prin­zi­pien beizu­bringen. Ergebnis? Nach zehn Jahren mussten sie mit viel kaput­teren Knochen abreisen als die Soldaten des heutigen Westens.

Wäre der Export von Demo­kratie möglich gewesen? Nein. Das war es nicht, ist es nicht und wird es nicht sein. Die Demo­kratie ist ein Produkt der west­li­chen Zivi­li­sa­tion, mit sehr wenigen Anwen­dungen außer­halb dieser. Wer auch immer einwenden wird, dass die Demo­kratie in nicht-west­li­chen Ländern wie Japan oder Indien Wurzeln geschlagen hat, muss sich daran erin­nern, dass die Japaner das diszi­pli­nier­teste Volk auf dem Planeten sind, das sich selbst Ende des 19. Jahr­hun­derts aufer­legt hat, eine teil­weise Demo­kra­ti­sie­rung aus Europa zu impor­tieren. Die Ameri­kaner haben also durch die mili­tä­ri­sche Besat­zung nach 1945 die bereits in nuce exis­tie­rende japa­ni­sche Demo­kratie nicht expor­tiert, sondern tatsäch­lich wieder­her­ge­stellt, verstärkt und verbes­sert. In Indien hingegen exis­tiert eine sehr unvoll­kom­mene Demo­kratie nur dank der zwei Jahr­hun­derte währenden briti­schen Kolo­ni­al­schule, die den Massen des Subkon­ti­nents die Vorzüge der Rechts­staat­lich­keit lehrte. Man könnte noch weitere Beispiele anführen, aber das wäre off-topic. Der Punkt ist, dass in einer stam­mes­ori­en­tierten und isla­mi­schen Gesell­schaft wie der afgha­ni­schen das Reden über Bürger­rechte, Gleich­be­rech­ti­gung der Geschlechter, Rechts­staat­lich­keit und indi­vi­du­elle Frei­heiten dem Versuch gleicht, Pinguine in der Sahara aufzu­ziehen: Solche Konzepte sind dazu bestimmt, in der Lächer­lich­keit zu sterben, nachdem sie in Blut ertränkt wurden. Nicht zuletzt deshalb, und das ist eine unbe­streit­bare Tatsache, weil es bis heute kein Land mit einer musli­mi­schen Mehr­heit gibt und es ein solches auch nie gegeben hat, das gleich­zeitig eine echte Demo­kratie ist.

War es möglich, einen Staat zu schaffen, der stark genug war, um nach dem Rückzug des Westens auf eigenen Füßen zu stehen? Viel­leicht ja und viel­leicht nein. Die Geschichte ist voll von posi­tiven Beispielen von Vasal­len­staaten (die Römer nannten sie regni clientes), denen es, extern unter­stützt von einer oder mehreren Mächten, gelingt, ein gewisses Maß an innerer Ordnung aufrecht­zu­er­halten, selbst mit den unver­meid­li­chen Kriegen. Aller­dings ist der afgha­ni­sche Fall auch in diesem Sinne objektiv komplex, da, abge­sehen von einer Klammer um die Jahr­hun­dert­wende, die von den Briten (lang­jäh­rige Meister im Manage­ment der Dritten Welt) verwaltet wurde, ein von außen unter­stütztes afgha­ni­sches Regime immer unkon­trol­lier­bare Revolten hervor­ge­rufen hat. Die Sowjets griffen selbst direkt ein, weil ihre externe Unter­stüt­zung nicht mehr ausreichte, um die kommu­nis­ti­sche Regie­rung in Kabul am Leben zu erhalten. Diese Frage ist daher die am schwie­rigsten zu beantwortende.

Lassen Sie uns nun der Fair­ness halber und par condicio die Beweg­gründe derje­nigen nennen, die den Abzug (pardon, das Disen­ga­ge­ment) aus Afgha­ni­stan beschlossen haben. Obwohl alle auf der Linken und viele auf der Rechten es nicht gerne zugeben, wurde diese Entschei­dung vom dama­ligen Präsi­denten Trump getroffen, und da diese Entschei­dung zu Hause weithin akzep­tiert wurde, hat die neue Biden-Admi­nis­tra­tion sie nur bestä­tigt und ihr Tempo sogar beschleu­nigt. Die Befür­worter von America First haben objektiv solide Argumente:

  1. die Inter­ven­tion ist sehr kost­spielig und zwischen der inter­na­tio­nalen Wirt­schafts­krise und der globalen Pandemie können wir uns keine idea­lis­ti­schen Kreuz­züge leisten;
  2. die Mehr­heit der Afghanen hasst nach 20 Jahren immer noch alles, wofür der Westen und die Rechts­staat­lich­keit stehen, und zwar so sehr, dass der Gueril­la­krieg nur zunimmt, sobald die Zahl der NATO-Truppen vor Ort abnimmt;
  3. die Minder­heit, die für uns ist, ist so klein, korrupt und unfähig, dass Mili­tär­ana­lysten vorher­sagen, dass die Regie­rung in Kabul inner­halb eines Jahres ausge­löscht sein wird, und das trotz der immensen Hilfe, die sie in Form von Geld, Ausbil­dung und Ausrüs­tung erhalten hat (darunter bis zu 100.000 Mili­tär­fahr­zeuge, von denen die afgha­ni­sche Armee ohne west­liche Hilfe nur in der Lage ist, die Wartung von weniger als zwanzig Prozent zu gewährleisten!)
  4. ameri­ka­ni­sche Leben sind mehr wert als idea­lis­ti­sche Kreuz­züge in entle­genen Gegenden, die nichts von uns und den Werten unserer Zivi­li­sa­tion wissen wollen, daher ist der Rückzug ein Akt des Patrio­tismus gegen­über dem Volk der Verei­nigten Staaten (die Verbün­deten werden dicht folgen, da ihnen die krie­ge­ri­sche, logis­ti­sche und poli­ti­sche Stärke fehlt, um ohne die USA dort zu verbleiben).

Das sind zwei­fels­ohne starke Argu­mente, aber – der Teufel steckt im Detail – sie berück­sich­tigen nicht die globa­li­sierte Realität unseres mitt­ler­weile kleinen und über­be­völ­kerten Planeten. In der Zwischen­zeit wird der Rückzug, trotz aller schönen Reden, von der Welt als das wahr­ge­nommen werden, was er wirk­lich ist: ein Sieg des isla­mi­schen Funda­men­ta­lismus über die west­liche Zivi­li­sa­tion. Dies wird allen radi­kalen Muslimen der Erde eine mora­li­sche Aufla­dung geben, die das Verlangen verspüren werden, die „Kreuz­fahrer“ vom Nahen Osten bis zum Maghreb in Bedrängnis zu bringen. Auch „Feiern“ seitens der einge­wan­derten isla­mi­schen Massen in Europa (vor allem in Frank­reich, Belgien, Deutsch­land, Skan­di­na­vien und Groß­bri­tan­nien) sind nicht auszu­schließen, Feiern, die mit ziem­li­cher Sicher­heit zu Ausschrei­tungen ganzer Stadt­teile und blutigen Anschlägen führen werden. Alles Dinge, die wir schon gesehen haben, aus denen der Groß­teil unserer poli­ti­schen Klasse sich aber wissent­lich weigert, Lehren zu ziehen.

Der medial pein­lichste Moment wird die Erobe­rung von Kabul durch die Taliban sein, die, wie bereits erwähnt, wahr­schein­lich inner­halb eines Jahres statt­finden wird. Es wird eine Art neuer Fall von Saigon sein, mit vielen verzwei­felten Menschen, die versu­chen, auf die letzten Hubschrauber aufzu­springen und west­li­chen linken Jour­na­listen, die Artikel über die „Nieder­lage des Impe­ria­lismus“ schreiben. Weniger pitto­resk werden die Hinrich­tungen durch Enthaup­tung und Stei­ni­gung sein, die dem Sieg der Isla­misten folgen werden, aber diese Dinge werden die erwähnten „anti­fa­schis­ti­schen“ Jour­na­listen nicht inter­es­sieren. Fürs Proto­koll: Die Verei­nigten Staaten und Groß­bri­tan­nien haben bereits Pläne gemacht, 18.000 bzw. 3.000 Afghanen, die mit der NATO koope­riert haben, die Staats­bür­ger­schaft zu verleihen. Dies ist zwar ein Akt, der zum Teil mora­lisch geboten ist, aber er bedeutet auch, dass weitere Gruppen von Isla­misten in den Westen kommen, deren Kinder gut auf die für die zweite Genera­tion typi­sche Radi­ka­li­sie­rung vorbe­reitet werden.

Die zweite ruch­lose Folge der afgha­ni­schen Nieder­lage hat statt­dessen einen sehr klaren Namen: China. Der Feind Nummer eins des Westens im Neuen Kalten Krieg hat viel in Afgha­ni­stan inves­tiert, und Pekings Führung spielt nicht gerne auf verlo­renem Posten. Natür­lich sind die Taliban nicht dafür bekannt, dass sie wissen, wie man einen Handels­ver­trag abschließt oder eine moderne Wirt­schaft verwaltet, aber für das Reich des gelben Drachens ist das kein unüber­wind­bares Problem. In der Zwischen­zeit hat Peking bereits eine frucht­bare Allianz mit Paki­stan geschlossen, das durch seine Radi­ka­li­sie­rung diplo­ma­tisch isoliert wurde und das von China benutzt wird, um Indien zu bedrohen, den anderen asia­ti­schen Riesen, dessen Gewicht Peking Sorgen bereitet und der sich Washington immer mehr annä­hert. Mit einer solchen Allianz müssen die Chinesen nicht einmal eine direkte Inter­ven­tion in Afgha­ni­stan riskieren, um ihre wirt­schaft­li­chen Inter­essen zu schützen: Wir wissen sehr wohl, dass die Taliban weit­ge­hend von paki­sta­ni­scher Unter­stüt­zung abhängen, also werden sie sich hüten, die chine­si­schen Besitz­tümer und Arbeits­kräfte zu beläs­tigen. Außerdem haben die Chinesen, die Prag­ma­tiker sind, kein Inter­esse daran, der stam­mes­ori­en­tierten und funda­men­ta­lis­ti­schen afgha­ni­schen Gesell­schaft die Zivi­li­sa­tion beizu­bringen. Es wird ihnen genügen, dass ihre eigenen wirt­schaft­li­chen Aufträge gewinn­brin­gend sind. Um ein irdi­sches Beispiel zu geben: Der chine­si­sche Aufseher einer Mine wird sich nicht dafür inter­es­sieren, ob die Minen­ar­beiter Sklaven in Ketten sind, ob eine Frau neben der Mine infi­bu­liert wird (zu dieser Praxis in Afgha­ni­stan siehe Ency­clo­pedia of Women & Islamic Cultures: Family, Body, Sexua­lity and Health, Band 3 und Ency­clo­pa­edia of Women and Islamic Cultures, Brill Academic Publis­hers, 2005, S. 588), oder ob einem angeb­li­chen Abtrün­nigen der Kopf abge­sägt wird (eine Praxis, die in der Scharia die Todes­strafe nach sich zieht). Der Gesandte aus Peking wird sich nur für den monat­li­chen Umsatz der Mine inter­es­sieren. Auf diese Weise werden alle Akteure des Augen­blicks glück­lich sein: Nach Paki­stan wird China Afgha­ni­stan in seine Umlauf­bahn gebracht haben, die von China unter­stützte afgha­ni­sche Führung wird in der Lage sein, ihre geliebte dschi­ha­dis­ti­sche Hölle auf Erden neu zu erschaffen, und die paki­sta­ni­sche Führung wird vor den isla­mi­schen Massen einiges an Punkten gewinnen. Und schließ­lich, um den Schaden noch zu vergrö­ßern, werden die Chinesen in der Lage sein, ihren wirt­schaft­li­chen und stra­te­gi­schen Kolo­nia­lismus als respekt­voll gegen­über den lokalen Bräu­chen darzu­stellen, im Gegen­satz zu dem des weißen Mannes, der als Impe­ria­list versucht, Bürger­rechte, Demo­kratie und Rechts­staat­lich­keit zu exportieren.

Wir schließen mit einem kurzen Flug über die Karte ab. Aus dem Geschrie­benen geht hervor, dass die Kata­stro­phen, die auf den eini­ger­maßen verständ­li­chen Abzug aus Afgha­ni­stan folgen werden, im Wesent­li­chen zwei sind: eine Explo­sion (in jeder Hinsicht) der Freude der nach Europa einwan­dernden isla­mi­schen Massen und eine Zunahme der chine­si­schen stra­te­gi­schen Stärke. Das erste Problem ist ein rein euro­päi­sches Problem: Wir haben sie herein­ge­lassen und wir haben ihnen erlaubt, den ethni­schen Austausch des alten Konti­nents erfolg­reich zu initi­ieren. Deshalb werden wir und nur wir entscheiden müssen, was wir in naher Zukunft tun werden. Das zweite Problem ist geopo­li­ti­scher Natur. Bis heute hat China seine Einfluss­sphäre in Burma (durch einen Staats­streich), Laos und Kambo­dscha (durch Korrup­tion und wirt­schaft­liche Erpres­sung), Nord­korea (reine Vasal­li­sie­rung), Paki­stan (Wirt­schafts­hilfe und gegen­sei­tiger Oppor­tu­nismus) und teil­weise Thai­land (wo sich der Westen verzwei­felt wehrt) erwei­tert. Zu all dem soll nun Afgha­ni­stan hinzu­kommen, ganz zu schweigen von der inter­na­tio­nalen Unter­stüt­zung, die Peking seit Jahr­zehnten dubiosen Regimen wie dem Iran und Vene­zuela gewährt, die im Austausch für Wirt­schafts­hilfe als wieder­keh­rende Schi­kanen gegen den Westen und unsere Verbün­deten einge­setzt werden, um die öffent­liche Meinung vom Feind Nummer eins abzu­lenken. Kurzum, der gelbe Drache breitet sich mit zuneh­mendem Appetit und Eile in ganz Asien aus.

Damals, in den 1930er Jahren, wurde einer anderen Diktatur dummer­weise erlaubt, Gebiete zu annek­tieren und ihren Einfluss in dem, was sie als ihren „Lebens­raum“ betrach­tete, auszu­weiten. Wir alle wissen, wie es endete…

Fabio Bozzo
Abschluss in Geschichte mit Spezia­li­sie­rung auf Moderne und Zeit­ge­schichte an der Univer­sität Genua. Er ist Essayist und Autor von Ucraina in fiamme. Le radici di una crisi annun­ciata (2016), Dal Regno Unito alla Brexit (2017), Scosse d’as­se­s­ta­mento. „Piccoli“ conflitti dopo la Grande Guerra (2020) e Da Pontida a Roma. Storia della Lega (2020, mit einem Vorwort von Matteo Salvini).

Dieser Beitrag erschien zuerst bei CENTRO MACHIAVELLI, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


5 Kommentare

  1. China einmal an Wirt­schafts­macht gekostet wird sich auch in Zukunft mit allen Mitteln an der Auswei­tung seines Kontroll­ge­bietes nicht hindern lassen. Das unsäg­liche Leid der Urigeren Minder­heit lässt andere Musli­mi­sche Staaten kalt solange die von China propa­gierte Win Win Lüge auf offene Ohren stößt. Indien ist der einzig verbliebe demo­kra­tisch geführte Gegen­spieler im Asia­ti­schen Raum, wenn von Japan und Süd Korea absieht, Indo­ne­sien und Malaisia beide fast zu hundert Prozent Isla­misch, sind die nächsten Staaten die in abseh­barer Zeit von China mit leeren Verspre­chen gekö­dert werden. Abhän­gig­keiten zu schaffen ist für Chinas Führung obli­ga­to­risch um in Zukunft Amerikas Einfluss zu unter­laufen. Es ist nur eine Frage der Zeit wann dieser Inter­essen Konflikt in eine Mili­tä­ri­sche Ausein­an­der­set­zung mündet. Nicht umsonst rüstet China weiter auf wohl wissend das seine Hege­mo­niale Politik nicht auf Dauer unbe­ant­wortet bleibt wie auch immer diese aussieht.

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  2. Fabio Bozzi schreibt aus einer „trans­at­lan­ti­schen Perspek­tive“, und er geht in seiner Analyse davon aus, daß 2 Flug­zeuge drei Wolken­kratzer pass­genau in ihren Grundriß stürzen lassen können.
    Was Afgha­ni­stan betrifft: Der Angriff, der Krieg und die Beset­zung waren schwere Völkerrechtsdelikte.

    Schlimmer ist das Nicht­wissen über das Münchener Abkommen.
    Die WKI-Alli­ierten haben mit Polen, Jugo­sla­wien und der CSR drei Staaten geschaffen, in denen große ethni­sche Minder­heiten von einer „Staats­na­tion“ brutal unter­drückt wurden. In Polen lebten etwa nur 55% ethni­sche Polen, in der CSR war es ähnlich: Millionen von Deut­schen, Slowaken, Ungarn, Ukrai­nern und Polen wurden von der tsche­chi­schen Zentral­re­gie­rung mit dem Ziel der Auslö­schung der Volks­gruppen unterdrückt.
    Die Unter­drü­ckung der Deut­schen etwa war derart untragbar, daß nach der Runciman-Mission sogar die Engländer einge­sehen haben, daß die Grün­dung der CSR ein „Fehler“ war.

    NACH DER ZUSTIMMUNG der Tsche­chen zur Entlas­sung der Böhmen­deut­schen aus dem Staats­ver­band wurden in „München“ nur noch die tech­ni­schen Einzel­heiten des Austritts verhan­delt. Klar, daß das multi­na­tio­nale Konstrukt alsbald ausein­an­der­fiel: Die mili­tanten Polen stellten der CSR ein Ulti­matum zur Über­gabe des gemischt besie­delten Indus­trie­ge­bietes Teschen, Slowaken und Ukrainer erklärten ihre Unab­hän­gig­keit, die unga­risch besie­delten Gebiete kehrten zu Ungarn zurück, und die von Tsche­chen besie­delten Gebiete stellten sich unter deut­sche Verwaltung.

  3. Sehr detail­rei­cher, schlüs­siger Beitrag. Beleuchtet und betrifft leider nicht nur die Zukunft Afgha­ni­stans, sondern – der west­li­chen „Führungs­na­tion“ USA sei Dank – auch unsere.

  4. „… Rest der freien Welt“.

    An der „Freien Welt“ ist nichts frei! Die „Koali­tion der Willigen“ ist eine absolut amora­li­sche krimi­nelle Verei­ni­gung. Was soll also noch das Vorgehen, gegen mafiöse Struk­turen in der „Freien Welt“, wenn dieser Verbund – weitaus – mehr Tote verur­sacht hat, als die zivilen mafiösen Organisationen?

    Die Verbre­chen, welche die „Freie Welt“ – unter Feder­füh­rung der USA – begangen hat und zwar nicht erst seit gestern, hat ein Ausmaß, dass sich kein „Sklave der Freien Welt“ über­haupt vorstellen kann. Beispiele dafür gibt es reich­lich, dabei sei „nur“ an den Über­fall der NATO auf Jugo­sla­wien erin­nert. Diese „Freie Welt“, ist so „frei“, dass sich Kriegs­ver­bre­cher – wie z.B. „SPD-Schröder“ – sogar unge­straft damit „rühmen“ können, dass sie das Völker­recht gebro­chen haben!

    Viel mehr „Frei­heit“ geht einfach nicht! >:-(

    „Es ist schwierig, Sklaven von den Ketten zu befreien, die sie verehren.“ – Voltaire

    No grazie Signore Bozzo! Non voglio avere NULLA a che fare con questo „Mondo Libero“! È un mondo di stronzi criminali!

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