Die neuen sozialen Klassen, die die Politik von heute bestimmen (nach Muzergues)

Bildquelle: CM

Von Daniele Scalea
 

Jeder, der sich für Politik inter­es­siert, weiß, dass die unteren Schichten in den letzten 30 Jahren von links nach rechts gerückt sind und dass umge­kehrt die reicheren Schichten den glei­chen Weg in umge­kehrter Rich­tung gegangen sind. In Italien wird die PD, ehemals PCI, als „Partei der ZTLs“ (ZTL = „zona traf­fico limi­tato“, „begrenzte Verkehrs­zone“) verhöhnt, während die Arbei­ter­klasse seit Berlus­conis Zeiten das Para­dies sucht, indem sie rechts wählt. Ähnliche Situa­tionen sind fast überall im Westen zu finden. Befinden wir uns also in einer Post­klas­sen­ge­sell­schaft? Oder handelt es sich ange­sichts der Tatsache, dass die Wahl­be­tei­li­gung nach wie vor in statis­tisch signi­fi­kanter Weise mit dem Wohl­stand über­ein­stimmt, um eine Dicho­tomie zwischen Bürgertum und Arbei­ter­klasse, die einfach die Seiten gewech­selt hat? Oder handelt es sich um den Kampf zwischen einer kleinen, aber einfluss­rei­chen Elite und einem zahl­rei­chen, aber schwa­chen Volk, wie in der popu­lis­ti­schen Erzählung?

Ein Buch, das sich mit dem Begriff der „großen Klas­sen­ver­schie­bung“ ausein­an­der­setzt und versucht, Antworten und auch neue poli­ti­sche Stra­te­gien zu finden, ist The Great Class Shift. How new social classes struc­tures are rede­fi­ning Western poli­tics von Thibault Muzergues.

Der Fran­zose Muzer­gues verfügt über 20 Jahre Erfah­rung in der euro­päi­schen Politik und hat als Berater und Spen­den­sammler für die briti­schen Konser­va­tiven und die Mitte-Rechts-Parteien in seinem Land gear­beitet. Heute ist er Direktor des Europa-Programms des Inter­na­tional Repu­blican Insti­tute, einer ameri­ka­ni­schen Stif­tung mit Verbin­dungen zur Repu­bli­ka­ni­schen Partei der USA.

Muzer­gues‘ These ist, dass die west­liche Politik immer noch stark klas­sen­ba­siert ist: Der Unter­schied besteht darin, dass es statt der zwei sozialen Klassen, die die alte Dicho­tomie „bürger­liche Partei versus Arbei­ter­partei“ ausdrückten, nun vier verschie­dene Klassen gibt, die ein frag­men­tier­teres und insta­bi­leres Bild ergeben. Die Ursprünge dieses Wandels liegen in der Globa­li­sie­rung der 1990er Jahre, die eine doppelte Wirkung hatte: Zum einen verdrängte sie durch die Verla­ge­rung von Arbeits­kräften nach Asien die Arbei­ter­klasse aus der Mittel­schicht; zum anderen führte sie durch die Erset­zung manu­eller durch intel­lek­tu­elle Arbeit zur Entste­hung einer krea­tiven Klasse, die für die Produk­tion von Ideen verant­wort­lich ist, die in Produkte oder Prozesse umge­setzt werden können.

Es geht also nicht um all dieje­nigen, die eine nicht-manu­elle Arbeit verrichten, sondern um dieje­nigen, die in der Lage sind, durch diese Arbeit einen hohen Wert zu gene­rieren, was der Ursprung des Wohl­stands dieser sozialen Klasse ist, die nach Schät­zungen von Muzer­gues in den west­li­chen Gesell­schaften 20–30% ausmacht. Diese Klasse schätzt alles, was ihrer Meinung nach die Krea­ti­vität stei­gern kann, der sie ihren Erfolg verdankt: Sie wählt die Verstäd­te­rung, um die Kontakte zu maxi­mieren, die Einwan­de­rung, um die Viel­falt zu erhöhen; sie bevor­zugt flexible Arbeit, Indi­vi­dua­lismus und Kommu­ni­ka­tion. Trotz ihrer Beto­nung der Viel­falt als Wert fördert sie die Verein­heit­li­chung der Welt: Die städ­ti­schen Metro­polen werden immer ähnli­cher und unori­gi­neller. In der Außen­po­litik verfolgt sie die Utopie des kanti­schen Weltfriedens.

Die krea­tive Klasse hat ihrer­seits eine sehr große Dienst­leis­tungs­klasse geschaffen (etwas weniger als 50 % der Bevöl­ke­rung laut Muzer­gues), die die sich am meisten wieder­ho­lenden Arbeiten in ihrem Dienst ausführt. In der Regel handelt es sich dabei um Personen, die nur eine geringe Vergü­tung erhalten: Sie leben in engem Kontakt mit der krea­tiven Klasse, haben aber wenig von deren Reichtum. Die sozialen Ungleich­heiten sind in den von Krea­tiven bewohnten städ­ti­schen Zentren am größten, und das ist nicht über­ra­schend: Die ganze Welt wird immer unglei­cher, da die Dynamik und die Politik der Globa­li­sie­rung es der krea­tiven Elite ermög­li­chen, immer reicher zu werden, ohne die von ihnen erzielten Einkommen umzu­ver­teilen. Dennoch gelingt es den Krea­tiven, einen Teil der Dienst­leis­tungs­klasse, die in der Regel den im Ausland Gebo­renen entspricht, poli­tisch zu koop­tieren und sie wirt­schaft­lich und mora­lisch zu unterstützen.

Während die Krea­tiven und ihre Dienst­leister in den Zentren der Groß­städte zu finden sind, findet sich der Rest der Mittel­schicht in den Vororten und klei­neren Städten. Der Lebens­stil dieser Klasse ist nach wie vor gewohn­heits­mäßig und fami­li­en­ori­en­tiert; der zentrale Wert ist die Arbeit. Die Mittel­schicht blickt mit Sorge auf die poli­tisch-korrekte Kultur­re­vo­lu­tion der Krea­tiven und die laufende ethni­sche Ablö­sung. Dies hat auch dazu geführt, dass sie ihre christ­liche Iden­tität wieder­ent­deckt haben, obwohl es in Europa keine echte reli­giöse Wieder­ge­burt gibt.

Verbün­dete des Bürger­tums sind dieje­nigen, die Muzer­gues mit einem fran­zö­si­schen Ausdruck als boubour, als „raue Bour­geois“ bezeichnet: Vertreter des städ­ti­schen Bürger­tums, aber scharfe Kritiker der krea­tiven Klasse und ihrer Ideale. In der Regel handelt es sich um Liber­täre, die aus den Reihen der krea­tiven Klasse kommen, um sie an der Seite der Mittel­schicht zu bekämpfen (als Beispiele nennt der Autor Boris Johnson, Viktor Orbán, Éric Zemmour und Milo Yiannopoulos).

Die Vorliebe der Mittel­schicht für Unifor­mität wird von der Arbei­ter­klasse geteilt, die jedoch nicht dieselbe Einstel­lung zu „Recht und Ordnung“ und dieselbe Tradi­tion der Reli­gio­sität hat wie die Mittel­schicht. Muzer­gues nennt die Arbei­ter­klasse die „Neue Minder­heit“, weil sie der große Verlierer der Globa­li­sie­rung ist: wirt­schaft­lich aus der Mittel­schicht verdrängt, in der öffent­li­chen Debatte an den Rand gedrängt, sogar zahlen­mäßig redu­ziert. Seit den 1980er Jahren hat sich die Linke auf die Seite der Krea­tiven und der Einwan­derer geschlagen und die Neue Minder­heit der einhei­mi­schen Arbeit­nehmer der popu­lis­ti­schen Rechten überlassen.

Die vierte im Buch beschrie­bene soziale Schicht schließ­lich sind die Mill­en­nials. Dieje­nigen, die seit den 1980er Jahren geboren wurden, sind mit hohen Erwar­tungen an den sozialen Aufstieg aufge­wachsen: Digital Natives, durch konti­nu­ier­liche und anstren­gende Ausbil­dung super­qua­li­fi­ziert, ständig von den Medien und der Gesell­schaft verwöhnt, die ihnen erklärten, wie „beson­ders“ sie seien, erwar­teten, dass sie massen­haft in die Elite aufge­nommen würden. In Wirk­lich­keit stecken viele von ihnen in Arbeits­lo­sig­keit, Degra­die­rung oder unter­be­zahlten Jobs fest, die sie zu Arbeits­rhythmen und Arbeits­zeiten zwingen, die mit einem erfüllten sozialen Leben nicht vereinbar sind. Die Unsi­cher­heit ihrer Situa­tion wurde nach der Finanz­krise 2008 noch deut­li­cher: Die Mill­en­nials, die sich zuvor mit den Krea­tiven verbündet hatten, um Obama in den USA oder Hollande in Frank­reich zu wählen, traten in den folgenden Jahren an die Spitze des Protests gegen das System, wobei sie sich nicht – wie die Arbeiter – an die extreme Rechte, sondern an die extreme Linke wandten.

Viele Kapitel von The Great Class Shift sind einer akri­bi­schen Beschrei­bung der poli­ti­schen Entwick­lung in den USA und Europa gewidmet, die im Lichte des „Vier­klas­sismus“ als Inter­pre­ta­ti­ons­in­stru­ment neu gelesen wird. Es würde zu lange dauern, auch diesen Teil des Buches zusam­men­zu­fassen: Es sei nur ange­merkt, dass laut Muzer­gues die subur­bane Mittel­schicht in Nord­west­eu­ropa die vorherr­schende ist, während die Neue Minder­heit in Mittel­ost­eu­ropa zu finden ist und die Mill­en­nials, obwohl sie zahlen­mäßig benach­tei­ligt sind, durch den Zusam­men­schluss anderer sozial benach­tei­ligter Menschen erfolg­reiche poli­ti­sche Phäno­mene in Südeu­ropa hervor­ge­bracht haben, die im Allge­meinen der extremen Linken ange­hören. Italien wird als anor­males Land beschrieben, denn anstatt den Aufstieg von Bewe­gungen wie Syriza oder Podemos zu erleben, hat die Unzu­frie­den­heit die eher trans­ver­sale 5‑Sterne-Bewe­gung und später die Lega beflü­gelt. Laut Muzer­gues liegt die Beson­der­heit Italiens in der seit dreißig Jahren andau­ernden Quasi-Stagna­tion der Wirt­schaft (unter­bro­chen von Phasen der Rezes­sion) und dem unge­wöhn­li­chen Verhältnis zwischen Jugend­ar­beits­lo­sig­keit und Gesamt­ar­beits­lo­sig­keit, das zeigt, wie die jungen Italiener geop­fert werden, um den (inzwi­schen unhalt­baren) Lebens­stan­dard der Älteren aufrechtzuerhalten.

Der letzte Teil des Buches ist den poli­ti­schen Stra­te­gien gewidmet, die ange­sichts des neuen sozialen Rahmens anzu­wenden sind. Nach 2008 hat sich die Wahl­po­litik radikal verän­dert, aber nicht alle Akteure sind sich dessen bewusst (dies ist laut Muzer­gues der Grund für die tiefe und viel­leicht fatale Krise, in der sich viele sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Parteien befinden). Eine Partei oder ein Führer muss, um poli­tisch zu bestehen, der (mögli­cher­weise exklu­sive) Spre­cher einer der vier Klassen sein, aber um Wahlen zu gewinnen und zu regieren, muss sie Unter­stüt­zung in einer anderen Klasse finden oder sich mit deren Vertreter verbünden. Die antago­nis­tischsten Klassen inner­halb des Systems sind die Kreativ- und die Arbei­ter­klasse: Muzer­gues sieht keine Möglich­keit für poli­ti­sche Koali­tionen zwischen ihnen, während jede andere Kombi­na­tion möglich ist. Die Mittel­schicht in den Vorstädten scheint jedoch die meisten Bünd­nis­mög­lich­keiten und damit eine zentrale Stel­lung im heutigen poli­ti­schen System zu genießen, die den Verlust der früheren Hege­monie (der Zeit, in der Wahlen „in der Mitte“ gewonnen wurden) über­lebt hat. Die Allianz zwischen Krea­tiven und Mill­en­nials wird durch die system­feind­liche Haltung der Letz­teren erschwert, kann aber als Reak­tion auf die Wahl­siege der Rechten neu vorge­schlagen werden. Krea­tive und die Mittel­schicht können sich in wirt­schaft­li­chen Fragen treffen, aber nicht in sozio­kul­tu­rellen Fragen; das genaue Gegen­teil gilt für die Mittel­schicht und die Neue Minder­heit. Eine Einheits­front zwischen Mill­en­nials und der Mittel­schicht scheint nur in sepa­ra­tis­ti­schen Kontexten möglich zu sein, während das Bündnis zwischen Mill­en­nials und der Neuen Minder­heit ein Beispiel für die italie­ni­sche Regie­rungs­er­fah­rung der Liga plus M5S war, die, wie wir wissen, vorzeitig schei­terte und beiden Parteien schwere Verluste bescherte.

In Anbe­tracht dessen gelten für den Verfasser die folgenden drei Wahlregeln:

  • Spre­cher einer Klasse zu sein und diese zu mobilisieren;
  • Koali­tion mit einer zweiten Klasse;
  • die Koali­tion zwischen den beiden anderen Klassen zu verhin­dern, indem sie den Wahl­kampf auf Themen lenken, die sie spalten (z. B. Einwan­de­rung, um zu verhin­dern, dass die krea­tive und die mitt­lere Klasse zusam­men­kommen, oder die Wirt­schaft, um die mitt­lere und die arbei­tende Klasse zu trennen).

Der Autor hat den Eindruck, dass selbst auf der Rechten viele Poli­tiker und Stra­tegen Schwie­rig­keiten haben, die neue gesell­schaft­liche Konstel­la­tion und ihre Auswir­kungen zu verstehen. Aus Träg­heit setzen sich einige weiterhin für das Groß­ka­pital und die sozio­öko­no­mi­sche Elite ein und vergessen dabei, dass wir uns nicht mehr in den 1980er Jahren befinden und dass dieje­nigen, deren Inter­essen sie vertei­digen, in der Regel Wähler und Unter­stützer des gegne­ri­schen Lagers sind. Sich tatsäch­lich für die Inter­essen der unteren Klassen, der einhei­mi­schen Arbeiter, einzu­setzen, ist eine kultu­relle Heraus­for­de­rung. Wenn man über eine rein rheto­ri­sche und demago­gi­sche Unter­stüt­zung hinaus­gehen will (siehe die klas­si­schen Anti-Immi­gra­ti­ons­kam­pa­gnen, die zwar richtig, aber oft ein Selbst­zweck sind), muss man in der Lage sein, die gegen­wär­tige Ordnung neu zu konzi­pieren und sich eine Alter­na­tive vorzu­stellen. Das bedeutet, eine echte und konkrete Alter­na­tive zur globa­li­sierten Ordnung ohne Grenzen und (im Westen) ohne Arbeit vorzu­schlagen. Es geht auch darum (eine nicht minder komplexe Aufgabe), der Mittel­schicht den Vorschlag zu erklären, sie dazu zu bringen, die Tatsache zu verdauen, dass eine tief­grei­fende Reform notwendig ist, da es heute unmög­lich ist, sich auf die Erhal­tung zu beschränken: die Ochsen sind bereits aus dem Stall geflohen und die Mittel­schicht gleitet unwei­ger­lich in die „Prole­ta­ri­sie­rung“, wie es einmal hieß. Ein ernst­haftes kultu­relles Enga­ge­ment kann auch viele Mill­en­nials für die Sache gewinnen und sie von den neokom­mu­nis­ti­schen Sirenen wegbringen.

Oder wir können den kürzesten Weg wählen: mit Kommu­ni­ka­ti­ons­tricks und simpler Demagogie einen Konsens finden, Wahlen gewinnen und dann möglichst viele Jahre ohne Projekte, ohne Denk­an­stöße und ohne Wirkung umher­schweben. Dies ist eine hervor­ra­gende Methode, um kurz­fristig persön­liche Vorteile zu erzielen, aber sie wird nicht nur die Welt nicht verän­dern und den erhal­tenen Wähler­auf­trag nicht erfüllen: Früher oder später wird die gesell­schaft­liche Basis, die erkannt hat, dass die Wahl der Rechten nicht falsch, sondern nutzlos ist, auf der Suche nach neuen Lösungen zusam­men­bre­chen. Wenn die präko­vide Ära tech­no­kra­ti­sche Unge­heuer wie die 5‑Sterne-Bewe­gung hervor­ge­bracht hat, dann weiß Gott, was aus der verrückten Ära der Gesund­heits- und Psycho­pan­demie hervor­gehen wird.

Daniele Scalea
Gründer und Vorsit­zender des Machia­velli-Studi­en­zen­trums. Er hat einen Abschluss in Geschichts­wis­sen­schaften (Univer­sität Mailand) sowie einen Doktor­titel in Poli­tik­wis­sen­schaften (Univer­sität Sapi­enza) und unter­richtet an der Univer­sität Cusano die Fächer „Geschichte und Doktrin des Dschi­ha­dismus“ und „Geopo­litik des Nahen Ostens“. Von 2018 bis 2019 war er Sonder­be­rater für Einwan­de­rung und Terro­rismus des Unter­staats­se­kre­tärs für auswär­tige Ange­le­gen­heiten Guglielmo Picchi. Sein neuestes Buch (zusammen mit Stefano Graziosi) heißt Trump contro tutti. L’Ame­rica (e l’Oc­ci­dente) al bivio.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei CENTRO MACHIAVELLI, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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