Ein offener Brief an Von der Leyen, geschrieben von einem 90-jährigen Wehrmachtssoldaten

flickr.com/ JouWatch (CC BY-SA 2.0)

Ursula Von der Leyen ist gerade drauf und dran, jede auch noch so kleine Erin­ne­rung an die Wehr­macht aus dem Alltag der Bundes­wehr zu verbannen. Sogar ein Bild des jungen Helmut Schmidt in Wehr­machts­uni­form musste aus Kasernen weichen. Einem ehema­ligen Wehr­machts­sol­daten wird dieses Treiben nun zu bunt. In einem offenen Brief spricht er von der Fahn­dung nach Erin­ne­rungen an die Wehr­macht als „krän­kend, würdelos und beschämend.“

Er selbst ist mitt­ler­weile 90 Jahre alt, diente als 15-Jähriger als Flak­helfer, später an der Ostfront, wo er sich mit seinen Kame­raden der „Roten Armee“ entge­gen­stellte. Nachdem er verwundet wurde, musste er einige Zeit im Laza­rett ausharren, bevor er zu den Fall­schirm­jä­gern nach Linz komman­diert wurde. Vier Wochen befand er sich in US-Kriegs­ge­fan­gen­schaft, die Folgen des Kriegs spürt er heute noch am eigenen Körper. Während seiner gesamten Zeit bei der Wehr­macht war er noch nicht einmal 18 Jahre alt.

In seinem offenen Brief an Von der Leyen spricht er zunächst seinen solda­ti­schen Werde­gang und Leidensweg an, legt dann einige Fakten offen, und gibt ihr zum Schluss noch sarkas­tisch-tragi­sche „Verbes­se­rungs­vor­schläge“ für die Bundeswehr.

 

Hier der gesamte offene Brief. Das Lesen lohnt sich:

Ich bin mit 90 Jahren einer der wenigen noch lebenden Wehr­macht-Soldaten und finde Ihre Fahn­dung nach “Devo­tio­na­lien” der Wehr­macht krän­kend, würdelos und beschä­mend. Was haben sie gegen die Wehr­macht und ihre Soldaten? In anderen Ländern werden die alt gewor­denen Soldaten als Vete­ranen geachtet und geehrt. Auch die deut­schen Soldaten sind nicht frei­willig in diesen schreck­li­chen Krieg gezogen. Sie haben alle ihre Pflicht erfüllt, sie haben ihre Kame­raden sterben gesehen und ehren­voll ihr Land vertei­digt trotz Ausweg­lo­sig­keit und Todesfurcht.

(Von Harald W., Köln)

Ich mußte mit 15 Jahren als Flak­helfer erleben, wie eine Bombe beim zweiten Geschütz einschlug und sechs Freunde ums Leben kamen. Mit 17 Jahren mußte ich an der Ostfront als “Panzer­gre­na­dier” um mein Leben kämpfen mit einem Gewehr aus dem Jahr 1889, einer Panzer­faust und einer Hand­gra­nate. Deut­sche Panzer haben wir nie bei uns gesehen. Und so bewaffnet sollten wir die rote Armee bei ihrem Vormarsch aufhalten. Das Heulen der Stalin­orgel-Raketen bleibt unver­gessen und ihre Deto­na­tionen rings herum sind der Grund dafür, daß ich noch heute bei jedem Geräusch schreck­haft zusam­men­zucke. Ich wurde verwundet, im Laza­rett zusam­men­ge­flickt und wieder kv. geschrieben. Da meine Divi­sion in Schle­sien aufge­rieben wurde, hatte ich Glück und kam mit einem Marsch­be­fehl zu den Fall­schirm­jä­gern nach Linz. Wenige Wochen später war ich US-Kriegs­ge­fan­gener. Und vier Monate später mußte ich einen Vormund suchen, der meinen Vertrag als Werk­zeug­ma­cher-Lehr­ling unter­schrieb, ich durfte das nicht, denn ich war noch nicht 18 Jahre alt. (Wir sind Vertrie­bene östlich der Oder, und mein Vater, Pfarrer, wurde beim Einmarsch der roten Armee erschossen).

In den letzten Jahren ist es Mode geworden, alle Wehr­machts­an­ge­hö­rigen zu verdäch­tigen, sie seien rechts­ex­tre­mis­tisch einge­stellt und verkappte Nazis gewesen. Tatsache ist, daß 1952 Offi­ziere und Mann­schaften der Wehr­macht mit ihren Kennt­nissen helfen mußten, die Bundes­wehr aufzu­bauen. Der Gene­ral­inspek­teur der Luft­waffe Stein­hoff war ein hoch­de­ko­rierter Jagd­flieger, der Minister und Vize­kanzler Mende trug bei fest­li­chen Anlässen seine Wehr­machts­aus­zeich­nungen und Bundes­kanzler Schmidt und Bundes­prä­si­dent von Weiz­sä­cker waren Offi­ziere der Wehrmacht.

1952 hat der Bundes­kanzler Konrad Adenauer vor dem Bundestag und im Namen der Bundes­re­gie­rung eine Ehren­er­klä­rung abge­geben für “alle Waffen­träger unseres Volkes, die im Namen der hohen solda­ti­schen Über­lie­fe­rung ehren­haft zu Lande, auf dem Wasser und in der Luft gekämpft haben.” Und zwei Wochen später hat Konrad Adenauer vor dem Bundestag diese Ehren­er­klä­rung auch für die Ange­hö­rigen der Waffen-SS ausgesprochen,”soweit sie ausschließ­lich als Soldaten ehren­voll für Deutsch­land gekämpft haben.” Eine solche Ehren­er­klä­rung würde heute kein Poli­tiker mehr ausspre­chen. Das ist beschä­mend, auch unter dem Aspekt, daß es tausende Frauen und Männer gibt, die als Kinder darunter gelitten haben, daß Ihr Vater nicht mehr nach Hause kommen konnte. In einigen Fällen konnten sie die Verbin­dung zum Vater wenigs­tens auf einem Solda­ten­friedhof aufrecht erhalten.

Wenn Sie als Vertei­di­gungs­mi­nis­terin daran inter­es­siert sind, alle rechts­ori­en­tierten Tendenzen auszu­merzen, und sogar fordern, in der Bundes­wehr­aka­demie in Hamburg ein Bild mit Bundes­kanzler Helmuth Schmidt zu besei­tigen, weil er in Wehr­machts­uni­form zu sehen war, wollen Sie offen­sicht­lich die Tradi­tion zur Wehr­macht unterbinden.

Dann kann man Ihnen nur drin­gend empfehlen große Fotos von Solda­ten­fried­höfen in den Kasernen aufhängen zu lassen. Damit würde zwar die Stim­mung der Soldaten etwas beein­träch­tigt, wenn sie konfron­tiert werden mit Krieg und Heldentod. Diese Solda­ten­fried­höfe würden auch einen guten Anlaß geben, darüber zu spre­chen, daß diese Soldaten einem Regime gedient haben, dessen ursprüng­li­ches Ziel es war, die durch den Vertrag von Versailles verlo­renen deut­schen Gebiete wieder zurück­zu­ge­winnen. Bei diesen Solda­ten­fried­höfen – z.B. Seelower Höhe oder südlich von Küstrin (Kostrzyn) – sollte man mit einer zusätz­li­chen Statistik darauf hinweisen, daß die dort begra­benen Soldaten zu 60 Prozent erst 16 oder 17 oder 18 Jahre alt waren. Und Sie könnten dann argu­men­tieren, das sei wieder ein Beweis, daß diese jungen Soldaten bei der HJ und als Flak­helfer durch die Nazi-Lieder beein­flußt wurden (?), z. B. durch das Lied “O Du schöner Wester­wald, über deine Höhen pfeift der Wind so kalt, und jeder kleinste Sonnen­schein dringt tief ins Herz hinein.” Und bei dem Lied “schwarz­braun ist die Haselnuß…schwarzbraun soll mein Mädel sein,”könne man kriti­sieren, es sei rassis­tisch. Es sei notwendig nach Ihrer Meinung diese Lieder für die Soldaten der Bundes­wehr zu strei­chen. Und was ist mit dem Panzer­lied, das auch auf dem Index steht, das von der Frem­den­le­gion gesungen wird? Ich habe es nie gehört, und bei der Wehr­macht wurde es nie gesungen.

Und was gibt es sonst noch an Tradi­tionen, die von der Wehr­macht über­nommen wurden und verboten werden könnten? Man kann Ihnen nur drin­gend empfehlen, daß der große Zapfen­streich abge­schafft werden sollte. Aber wie würden Sie dann schei­dende Minister oder Bundes­prä­si­denten ohne den Zapfen­streich verab­schieden? Auch das Kommando “präsen­tiert das Gewehr” müßte drin­gend abge­schafft werden, es ist ausge­spro­chen preus­sisch. Da werden die Kara­biner wie im Dritten Reich dem Offi­zier oder dem Ehren­gast entge­gen­ge­streckt, ohne daß er eines der Gewehre wirk­lich kontrol­liert. Das gehört zur Tradi­tion der Wehr­macht. Und wie schaut es aus mit dem Gelöbnis – früher Verei­di­gung – der Rekruten? Da wird die Hand eines ausge­wählten jungen Soldaten auf die Fahne gelegt. Aber was bedeutet die Fahne für die jungen Soldaten in dieser Zeit?

Abge­schafft werden sollte auch drin­gend der Schel­len­baum der Mili­tär­ka­pelle. Denn auslän­di­sche Gäste könnten denken, das sei ein Ehren­zei­chen der Truppe, bei dem man salu­tieren muß. Außerdem marschiert bei den Mili­tär­ka­pellen vornweg der Spiel­mannszug mit dem Tambour­major, der den mit Bändern deko­rierten Tambour­stab rhyt­misch in die Höhe stößt und manchmal zur Seite schwenkt, wenn die Marsch­rich­tung nach links oder rechts verän­dert werden soll. Da würde doch ein schlichter schlanker Diri­gen­ten­stab genügen. Dann würde das ganze nicht so sehr an die Wehr­macht erinnern.

Wenn man weiter darüber nach­denken würde, dann könnte man Ihnen noch viele Vorschläge unter­breiten mit denen Tradi­ti­ons­bräuche der Wehr­macht abge­schafft werden können. Aber ob das von der Bundes­wehr und von den Bürgern begrüßt oder mit kriti­schen Bemer­kungen kommen­tiert wird, das sollten Sie gründ­lich abwägen.

 

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