Kosaken-Tragödie an der Drau

Auslieferung von Kosaken-Offizieren an die Sowjets in Judenburg (Steiermark) Foto: BIK

Wie die Briten in Osttirol Tausende in den sowje­ti­schen Lagertod schickten

Von Rein­hard Olt

Aller­orten ist zwischen Vorarl­berg und dem Burgen­land des Welt­kiegs­endes vor 75 Jahren sowie des vor 65 Jahren abge­schlos­senen Staats­ver­trags gedacht worden, der 1955 das Besat­zungs­re­gime in Öster­reich been­dete. „Befreiung“ und „Frei­heit“ waren dabei die kollek­tiven, von Politik und Medien nahezu unisono verwen­deten Begriffe. Doch aus allen „Befreiungs“-Narrativen blieb eines der düstersten Kapitel aus der Endphase des Zweiten Welt­kriegs ausge­spart: die Auslie­fe­rung tausender im Lienzer Becken in Osttirol gestran­deter Kosaken und Kauka­sier an die Sowjet­union durch die Briten.

Deren Schicksal erfüllt sich zwischen Anfang Mai und Ende Juni 1945. Mit dem Rückzug der Wehr­machts­ver­bände vom Balkan und aus Nord­ita­lien flüchten mehrere zehn­tau­send Menschen in Rich­tung Reichs­ge­biet. Die Kosa­ken­re­gi­menter, in denen Don‑, Kuban‑, Terek- und Sibi­ri­en­ko­saken dienten, gehörten zu den im Spät­sommer 1943 unter General von Pann­witz aufge­stellten Verbänden. Sie kämpften aufseiten der deut­schen Wehr­macht, ebenso wie die „Russi­sche Befrei­ungs­armee“ (ROA), befeh­ligt von dem 1942 in deut­sche Gefan­gen­schaft gera­tenen hoch­de­ko­rierten sowjet­rus­si­schen Heer­führer Andrei Wlassow. Die mili­tä­ri­schen Einheiten der Kosaken erreicht die Nach­richt von der bevor­ste­henden Kapi­tu­la­tion südlich von Udine. Gefahr besteht damit nicht nur für die Soldaten, sondern auch für ihre Ange­hö­rigen, die sich seit 1944 in den im Gebiet von Tolmezzo, Gemona und Carnia ange­legten Stanitzen (tradi­tio­nellen Sied­lungs­ge­mein­schaften) befinden. Rasch brechen sie auf, um sich mit letz­teren zu vereinen und – bedrängt von italie­ni­schen sowie jugo­sla­wi­schen Parti­sanen, gegen die sie vorwie­gend einge­setzt gewesen waren – tunlichst im Alpen­raum in Sicher­heit zu bringen.

Die „Russi­sche Befrei­ungs­armee“

Die Kosa­ken­re­gi­menter unter­stehen General Timofej Domanow, in den Stanitzen befinden sich neben Alten, Frauen und Kindern die Atamane (gewählte Führer) Pjotr Krasnow und Wjat­scheslaw Naumenko, beide ehedem Gene­räle des Zaren und der anti­kom­mu­nis­ti­schen Truppen der „Weißen“ im Bürger­krieg nach der Okto­ber­re­vo­lu­tion 1917. Der in die Wehr­macht einge­glie­derten ROA Wlas­sows gehören ferner die Männer des legen­dären Haude­gens Andrej Schkuro an, zudem die aus mehreren tausend Kauka­siern (darunter Geor­gier, Tsche­tschenen, Osseten, Kalmü­cken) bestehenden Legionen unter General Sultan Girej – auch diese führen jeweils einen Tross aus Frauen, Kindern und Alten mit.

Es regnet in Strömen, als sich Mensch und Tier Anfang Mai auf aufge­weichten Straßen gen Plöcken­pass bewegt und ihn im Schnee­sturm über­windet. Unter Einschluss des von General Helmuth von Pann­witz komman­dierten XV. Kosaken-Kaval­le­rie­korps sowie der mit diesem und anderen Wehr­machts­ein­heiten zurück­wei­chenden Kroaten, Slowenen, Serben und Monte­ne­gri­nern, die Titos Parti­sa­nen­armee im Rücken haben, schlagen sich gut hundert­tau­send Menschen mitsamt tausenden Pferden über die Kara­wanken durch und wähnen sich im Drautal vor ihren Verfol­gern in Sicher­heit. Pann­witz, der deut­sche General, war Anfang 1945 auf einem „Allko­saken-Kongress“ zum „Obersten Felda­taman aller Kosa­ken­heere“ gewählt worden, ein Rang, den seit 1835 stets nur der Zare­witsch (nach­fol­ge­be­rech­tigter Sohn des Zaren) inne­hatte.

Der Gendar­me­rie­posten Nikols­dorf vermerkt am 4. Juni 1945: „Aus dem Gebiet Ober­krain – Kötschach-Mauthen – Ober­drau­burg kommen Kosaken mit Frauen und Kindern [sic!], Zivil und Uniform, ca. 35.000, mit Roß und Wagen, Fahrrad, Motorrad, LKW und PKW, Artil­liere [sic!], schwer bewaffnet, Gewehre, Pistolen, MP., Hand­gra­naten u.s.w., alles zusammen zur ehem. deut­schen Wehr­macht gehörig, und lassen sich im Gebiete des Talbo­dens von Ober­drau­burg bis Lienz nieder. Sie hatten ca. 6000 Pferde bei sich und diese vielen Pferde frassen [sic!] die Wiesen in kurzer Zeit derart ab, dass die hiesigen Bauern keine Heuernte hatten“. Drei Tage später rücken die ersten Briten in Kötschach-Mauthen ein, andern­tags in Lienz. Die 78. briti­sche Infan­te­rie­di­vi­sion unter Gene­ral­major Robert Arbuth­nott hatte noch auf friu­la­ni­schem Gebiet Anfang Mai Kontakt mit den Kosaken aufge­nommen.

Briga­de­ge­neral Geoffrey Musson, Komman­deur der 36. Infan­te­riebri­gade, weist ihnen den einge­nom­menen Raum zu, den Kauka­siern das Gebiet östlich davon, um Dellach. Mitte Mai stößt der aus 1400 Mann bestehende Trupp Schkuros zu ihnen. In Gesprä­chen mit den Atamanen sichert ihnen die briti­sche Mili­tär­füh­rung zu, dass sie „keines­falls den Sowjets über­stellt“ würden, Major Davis von den „High­lan­ders“ versi­chert, „die verschwo­renen Feinde des Kommu­nismus“ seien „den West­al­li­ierten sehr will­kommen“. Dem aus zwei Divi­sionen bestehenden, im Januar 1945 zusam­men­ge­stellten Korps unter von Pann­witz – in der Mehr­zahl ehema­lige Sowjet­bürger, die sich nach Beginn des „Unter­neh­mens Barba­rossa“ 1941 auf die Seite der Wehr­macht geschlagen hatten, weil sie in ihr den „Befreier vom stali­nis­ti­schen Joch“ sahen – weisen die Briten den Raum Klagen­furt – Feld­kir­chen – St. Veit an der Glan zu; Teile der 2. Kosa­ken­di­vi­sion müssen sich weiter nörd­lich nieder­lassen, im Gebiet zwischen Althofen und Neumarkt.

Aufnahmen aus Lagern der Kosaken in Osttirol Foto: BIK

Lieber sterben, als den Sowjets in die Hände fallen“

Während das äußer­lich faire Verhalten der Briten alle Sorgen um die Zukunft fahren lässt, verein­baren die Stäbe des V. Briti­schen Korps und der 57. Sowje­ti­schen Armee­gruppe am 23. und 24. Mai in Wolfs­berg, dass alle inter­nierten Kosaken und Kauka­sier „in Juden­burg den Russen über­geben werden“. Da die Nach­richt von der „Repa­tri­ie­rung“ bekannt wird, spielen sich erschüt­ternde Szenen ab. Männer bringen ihre Frauen und Kinder um und begehen anschlie­ßend Selbst­mord: „Lieber sterben“ wollten sie, als „den Sowjets in die Hände fallen“, heißt es in einer von dem 76 Jahre alten Krasnow sowie den anderen Heer­füh­rern unter­zeich­neten Peti­tion, welche an König Georg, die briti­sche Regie­rung, Feld­mar­schall Alex­ander sowie an den Papst und die Welt­öf­fent­lich­keit gerichtet ist, „wir ziehen eher den Tod vor, als dass wir nach Sowjet­russ­land zurück­kehren, wo wir zur langen und syste­ma­ti­schen Vernich­tung verdammt sind.“

Die Atamane einschließ­lich von Pann­witz‘ sowie 1800 kosa­ki­sche Offi­ziere und 600 deut­sche Begleit­of­fi­ziere hat man dem Schein nach zu „Verhand­lungen“ nach Spittal an der Drau „einge­laden“; zuvor sind gesprächs­weise Möglich­keiten bis hin zum Dienst als Grenz­wa­chen im briti­schen Empire in Aussicht gestellt worden. Arglos besteigen die Offi­ziere die Last­wagen, die sie nach den Versi­che­rungen der Briten zu Feld­mar­schall Alex­ander bringen sollten. Viele haben ihre Para­de­uni­formen und Orden ange­legt. Gepäck bräuchten sie nicht, sagte man ihnen, denn noch am selben glei­chen Abend seien sie wieder bei ihren Ange­hö­rigen. Wenige Kilo­meter nach Lienz hält die Kolonne, schwer bewaff­nete Soldaten steigen zu, und Panzer­wagen stoßen zum Geleit. Einige Offi­ziere wittern den Verrat, springen aus den Last­wagen und flüchten in die Berge. Alle anderen bringt man nach Juden­burg, wo sie auf der Brücke über die Mur, der Demar­ka­ti­ons­linie zwischen der briti­schen und der sowje­ti­schen Besat­zungs­zone, ausge­lie­fert werden.

The whole thing had been very well done“

Sodann kommen die in den Lagern Verblie­benen an die Reihe. Eine Zeit­zeugin erin­nert sich: „Dann haben wir gesehen, der Pope ist einge­kreist, im Feld haben die Kosaken gebetet und ein Kreuz in die Höh’ gehalten – und haben sich halt nicht ergeben wollen. Dann haben die Briten ange­fangen hinein­zu­schießen“. Man treibt die sich unter­ha­kenden und instinktiv anein­an­der­klam­mernden Menschen brutal ausein­ander. Major Davis und seine „High­lan­ders“ gehen ohne Rück­sicht auf Verluste vor, setzen Gewehr­kolben ein, machen reich­lich von Holz­knüppel und Bajo­nett Gebrauch. Es wird geschossen, in Panik erdrü­cken oder zertram­peln Menschen einander zu Tode. Frauen springen in die nahe Drau, nehmen ihre Kinder mit in die reißende Flut. Auf Davon­schwim­mende und ‑trei­bende wird geschossen, selbst die ange­schwemmten Leichen angelt man aus dem Wasser und händigt sie sowje­ti­schem Militär aus. Wer kann, flieht; manche Geflo­henen werden in den umlie­genden Wäldern erhängt aufge­funden. Bis zum Mittag sind 1250, bis zum Abend 2500 Menschen auf Last­wagen gezerrt und in wartende Zugwag­gons gepfercht.

Ähnlich in Ober­drau­burg, wo am selben Tag 1750 Menschen wegge­schafft werden. Der 1. Juni 1945 dürfte mehrere hundert Kosaken das Leben gekostet haben. Mitte Juni sind mehr als 22.000 Kosaken und Kauka­sier der Sowjet­armee über­stellt, davon mindes­tens 3000 „Alte­mi­granten“, mithin im Zuge der Okto­ber­re­vo­lu­tion Emigrierte und deren Nach­kommen, die nicht einmal aufgrund der Über­ein­kunft der „Großen Drei“ in Jalta hätten „repa­tri­iert“ werden dürfen, geschweige denn nach Haager Land­kriegs­ord­nung respek­tive Genfer Konven­tion. Erst Mitte Juni beginnen die Briten mit der Über­prü­fung der Staats­bür­ger­schaft, den bereits Depor­tierten hilft das nicht mehr. Arbuth­nott dankt seinen Soldaten: der Der Einsatz sei zwar „äußerst abscheu­lich, aber für den Frieden nicht nur notwendig, sondern sogar wünschens­wert“; Musson befindet: „The whole thing had been very well done“.

Der deut­sche General Helmuth von Pann­witz in seinem Habit als „Oberster Felda­taman aller Kosa­ken­heere“ Foto: BIK

In einem von dem Grazer Histo­riker Stefan Karner während dessen bahn­bre­chenden Studien (zu den in sowje­ti­sche Gefan­gen­schaft gera­tenen öster­rei­chi­schen Wehr­machts­sol­daten und Zivil­in­ter­nierten) in den nicht allzu lange zugäng­li­chen Moskauer Sonder­ar­chiven ans Licht geho­benen „streng geheimen Bericht“ vom 15. Juni 1945 ist von 42. 913 „Heimat­ver­rä­tern“ die Rede, die allein zwischen 28. Mai und 7. Juni 1945 „aus den Händen der Briten über­nommen wurden“. Das von Karner zugäng­lich gemachte Moskauer Doku­ment unter­scheidet (ledig­lich) zwischen zwei Natio­na­li­täten: 42.258 Russen und 655 Deut­sche; die Aufschlüs­se­lung nennt 16 Gene­räle (15 russi­sche, ein deut­scher, nämlich von Pann­witz) und 1410 Offi­ziere (1272 russi­sche, 138 deut­sche) sowie weitere 38.496 Männer (darunter sieben Popen), 2972 Frauen und 1445 Kinder. Jenseits regis­trierter, aber der Zahl nach nicht ange­ge­bener Selbst­morde vermerkt das Proto­koll den Tod von 59 Personen, die an Ort und Stelle als „Heimat­ver­räter“ oder „Agenten der deut­schen Spio­nage“ liqui­diert worden seien. Viele Kosaken, aber auch Ange­hö­rige der kauka­si­schen Legionen, die wie das XV. Kosaken-Kaval­le­rie­korps der Wehr­macht, respek­tive der Waffen-SS ange­glie­dert waren, versu­chen, der Über­gabe zu entgehen. Mitunter entkommen Flüch­tige den Such­kom­mandos, wie der in Lienz verblie­bene Sergej Ljaschenko, der „Wochen in Almhütten hauste“. Doch die meisten der gut 4000 zwischen Lienz und Dellach in Wälder und Gebirg‘ Entwi­chenen werden gefasst und an die Sowjets über­stellt. Bis 15. Juli 1945 sind die „Trans­fer­ak­ti­vi­täten“, respek­tive die „Evaku­ie­rung“ abge­schlossen, wie Major Claude Hanbury-Tracy-Domville von der briti­schen Mili­tär­ver­wal­tung im Bezirk Juden­burg der dama­ligen Sprach­re­ge­lung entspre­chend die Vorgänge nennt.

In die Fänge des NKWD und ab nach Sibi­rien

Diese alles andere denn rühm­liche Facette briti­scher Nach­kriegs­po­litik ist von der Histo­ri­ker­zunft zunächst spär­lich aufge­griffen worden. Lange Zeit igno­rierte man die 1978 erschie­nene Mono­gra­phie des russisch­stäm­migen briti­schen Histo­ri­kers Nikolai Tolstoy „Die Verra­tenen von Jalta. Englands Schuld vor der Geschichte“. Mit ähnlich spitzen Fingern hatte man die 1957 erschie­nene Darstel­lung des polni­schen Schrift­stel­lers Josef Mackie­wicz ange­fasst, „Die Tragödie an der Drau. Die verra­tene Frei­heit“. Auch die 1986 erschie­nene „Geschichte der Wlassow-Armee“ von Joachim Hoff­mann vom Mili­tär­ge­schicht­li­chen Forschungsamt (damals Freiburg/Breisgau), in der Kosaken und kauka­si­sche Legionen natur­gemäß berück­sich­tigt sind, fand kaum Reso­nanz. Ins Blick­feld rückte die Thematik 1987, als Tolstoy, das Mitglied des Ober­hauses Lord Toby Austin Richard William Low of Aldington, vormals Abge­ord­neter der Konser­va­tiven, einen „großen Kriegs­ver­bre­cher“ nannte und dessen „Akti­vi­täten mit denen der schlimmsten Schlächter Nazi-Deutsch­lands“ verglich. Tolstoy, Groß­neffe des russi­schen Schrift­stel­lers Lew Niko­la­je­witsch Graf Tolstoi (deut­sche Schrei­bung meist: Leo Tolstoi), war in einem seiner­zeit aufse­hen­er­re­genden Prozess wegen „Verun­glimp­fung“ des Lords zu 1,5 Millionen Pfund Scha­den­er­satz verur­teilt worden. Als Gene­ral­stabs­chef des V. briti­schen Korps dürfte Toby Low 1945 auch für die unter ebenso spek­ta­ku­lären Umständen voll­zo­gene Auslie­fe­rung mehrerer zehn­tau­send Kroaten, slowe­ni­scher Domo­branzen sowie serbi­scher und monte­ne­gri­ni­scher Tschet­niks aus Kärnten an die jugo­sla­wi­sche Parti­sa­nen­armee Titos Mitver­ant­wor­tung getragen haben.

Jüngere Forschungen, wie jene Karners, haben längst zwei­fels­frei ergeben, dass viele der Kosaken-Offi­ziere entweder sogleich im Juden­burger Stahl­werk, wo man sie zunächst fest­hielt, oder am Sammel­platz in Graz, respek­tive auf dem Trans­port nach Wien von Ange­hö­rigen sowje­ti­scher Sonder­ein­heiten liqui­diert worden sind. (Stefan Karner: Zur Auslie­fe­rung der Kosaken an die Sowjets 1945; in: Juden­burg 1945 in Augen­zeu­gen­be­richten, 1994, S. 243–259). Dagegen macht man den Heer­füh­rern und Atamanen, die von Juden­burg über Graz nach Wiener Neustadt und vom dortigen Mili­tär­flug­hafen nach Moskau verbracht werden, den Prozess. Das Urteil steht nicht nur wegen des Delikts „Vater­lands­verrat“ von vorn­herein fest, sondern auch, weil es sich um „Weiße“ handelt. Darauf spielt schon die „streng geheime Mittei­lung“ von Wiktor Abakumow, Chef der NKWD-Haupt­ver­wal­tung SMERSch [Смерш; Akronym aus Смерть шпионам! („SMERt Schpionam!“), über­setzt: „Tod den Spionen“], an Innen­mi­nister Lawrentij Berija vom 16. Juni 1945 an, wonach „die Engländer Ende Mai auf dem Terri­to­rium Öster­reichs 20 Weiß­gar­disten – die Führer des weißen Kosa­ken­tums, die einen aktiven Kampf gegen die Rote Armee geführt hatten – an das sowje­ti­sche Kommando über­gaben, worauf diese von uns arres­tiert und der Haupt­ver­wal­tung über­bracht wurden“. Als die wich­tigsten nennt Abakumow den General der Kaval­lerie Pjotr N. Krasnow, Gene­ral­leut­nant Andrej G. Schkuro sowie die Gene­ral­ma­jore Semen N. Krasnow, Sultan-Girej, Dmitrij A. Silkin, Pawel S. Esaulow, Jewgenij S. Tichotzkij und Nikolaj P. Woronin.

Liqui­da­tion in Moskau

Stefan Karner, einer der sach­kun­digsten Kenner der Materie, hat nicht nur dieses Schrift­stück in Moskau einge­sehen, wo das von ihm bis 2018 gelei­tete „Ludwig Boltz­mann-Institut für Kriegs­fol­gen­for­schung“ (BIK) eine Außen­stelle unter­hielt. Er publi­zierte auch das direkt an Stalin, Außen­mi­nister Molotow und Berija über­mit­telte Proto­koll der Verneh­mung der in der Lubjanka Inhaf­tierten, welche Abakumow höchst­per­sön­lich vornimmt. Am 16. Januar 1947 gibt Radio Moskau, tags darauf das Partei­organ „Prawda“ den Urteil­spruch bekannt, „den das Mili­tär­kol­le­gium des Obersten Gerichts der UdSSR im Prozess gegen die ehema­ligen Gene­rale der Weißen Armeen Krasnow P.M., Schkuro A.G., Sultan Keletsch Girej, Krasnow S.M., Domanow T.I. sowie den deut­schen General Helmuth von Pann­witz gefällt hat, die wegen Diver­sions- und Spio­na­ge­tä­tig­keit sowie Betei­li­gung an einer Orga­ni­sa­tion zum bewaff­neten Kampf gegen die UdSSR ange­klagt waren. Alle Ange­klagten bekannten sich schuldig. Aufgrund Artikel I des Ukas des Präsi­diums des Obersten Sowjets vom 19.4.1943 wurden alle Ange­klagten zum Tod durch den Strang verur­teilt. Das Urteil wurde voll­streckt.“ Hinge­richtet wurden sie am Morgen des 16. Januar 1947 im Moskauer Lefor­towo-Gefängnis. Am 23. April 1996 hat die Gene­ral­staats­an­walt­schaft der Russi­schen Föde­ra­tion von Pann­witz reha­bi­li­tiert (diese Entschei­dung wurde am 28. Juni 2001 von der Obersten Mili­tär­staats­an­walt­schaft jedoch wieder zurück­ge­nommen).

Die „Repa­tri­ierten“ und das deut­sche Rahmen­per­sonal der vorma­ligen Mili­tär­ver­bände verbringt man in unwirt­liche Gebiete Sibi­riens, wie etwa zum Kältepol Workuta, wo die Sterb­lich­keits­rate beson­ders hoch ist. Karner hat die entschei­dende Anord­nung des Staat­li­chen Vertei­di­gungs­ko­mi­tees (GOKO), des höchsten Organs der sowje­ti­schen Kriegs­wirt­schaft, vom 18. August 1945 einge­sehen. Daraus geht hervor, dass „alle bei der Regis­trie­rung und Auslese von NKWD, NKGB und SMERSch ausge­son­derten, in spezi­ellen deut­schen Forma­tionen dienenden Mili­tär­an­ge­hö­rigen nicht in Batail­lone zusam­men­zu­fassen, sondern dem Volks­kom­mis­sa­riat für Inneres zur Arbeits­leis­tung im Kohlen­bergbau und in der Holz­wirt­schaft zu über­geben sind“; das heißt, sie werden NKWD-eigenen Betrieben zur Verfü­gung gestellt und „im GULag verar­beitet“, wie Solsche­nizyn die Ausbeu­tung ihrer Arbeits­kraft bis zum kalku­lierten Tod genannt hat. 807 der in Juden­burg über­ge­benen Frauen und Kinder konnte Karner im „Spezi­al­lager 525/9“ in Keme­rowo bei Tomsk nach­weisen. Die dortige Verwal­tung bestand seit 7. Juli 1945 aufgrund des NKWD-Befehls 277 vom 6. April 1945; die Einrich­tung selbst wurde auf dem Gelände des früheren Lagers 142 (Prokop­jewsk) zur „Unter­brin­gung einer Sonder­gruppe des Spezi­al­kon­tin­gents der Gruppe B“ (gemeint sind NS-Funk­tio­näre) neu errichtet.

Allem Anschein nach war 1945 inner­halb dieses der „Haupt­ver­wal­tung für Kriegs­ge­fan­gene und Inter­nierte“ (GUPVI) zuge­hö­rigen Lagers ein Spezi­al­lager (SpezLag) für Kosaken und Ange­hö­rige der Wlassow-Armee einge­richtet worden. Denn für den 1. Oktober 1945 weist das NKWD-Lager­buch von den insge­samt 17.330 Gefan­genen 3540 als „Wlassow-Leute und weiße Emigranten“ aus. SpezLag 525/9, in welches die 807 Kosa­ken­frauen und ‑kinder verbracht werden, befindet sich seiner­zeit in der Stadt Stalinsk und weist ein Bele­gungs­limit von 1600 Personen auf, die im Kohlebergbau(kombinat) „Kujby­sche­wugol“ arbeiten müssen. Am 1. September 1946 regis­triert die Lager­ver­wal­tung 525, die im Früh­jahr über 15 Einrich­tungen mit zusammen 8253 Insassen gebietet, noch 1188 „Wlassow-Leute“ und 372 inter­nierte Frauen. Danach wird sie sich erheb­lich ausweiten: bis zur Auflö­sung am 6. August 1949 unter­stehen ihr 27 Lager.

Selbst in Darstel­lungen des NKWD (Volks­kom­mis­sa­riat für Innere Ange­le­gen­heiten; sowje­ti­sches Innen­mi­nis­te­rium) ist von „schreck­li­chen Lebens­be­din­gungen“ die Rede: enge Bara­cken; Erdhütten als Behau­sungen; zwei, meist drei Bett­kojen über­ein­ander, „äußerst nied­rige Raum­tem­pe­ra­turen in den Wohn­stätten, keine Kran­ken­ab­tei­lungen, keine Sani­tär­an­lagen, keine Gene­sungs­mög­lich­keiten“. Zudem „täglich die gleiche dürf­tige Nahrung, zu wenig warme Beklei­dung sowie Bett­wä­sche und wegen der schwie­rigen Trans­port­wege keine Möglich­keit, fehlende Ausrüs­tungs­ge­gen­stände zu beschaffen“; dementspre­chend die Sterb­lich­keits­rate. Wie viele die Stra­pazen über­lebten, lässt sich wohl nicht mehr exakt fest­stellen; viele dürften es nicht gewesen sein.

 

 

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