Wie Ungarn Fami­lien unter­stützt (und Gebur­ten­re­korde erzielt)

Bildqueller: CM

Von Marton Aron Kovacs

Europa inmitten einer demo­gra­fi­schen Krise

Die Lebens­er­war­tung steigt welt­weit, dank besserer Gesund­heits­ver­sor­gung und gesün­derer Lebens­weise. Aller­dings bekommen die Euro­päer weniger Kinder als früher und in einem höheren Alter. Diese beiden Dyna­miken treiben den demo­gra­fi­schen Wandel in Europa voran, dessen rela­tives Gewicht in der Welt abnimmt. Während 1960 die Bevöl­ke­rung der heutigen EU-Länder 12 % der Welt­be­völ­ke­rung ausmachte, sind es heute nur noch 6 %, und es wird erwartet, dass dieser Anteil bis 2070 auf unter 4 % sinken wird. So können wir im Bericht der EU-Kommis­sion über die Auswir­kungen des demo­gra­fi­schen Wandels lesen.

Laut der Welt­be­völ­ke­rungs­pro­gnose der Vereinten Nationen wird mehr als die Hälfte des welt­weiten Bevöl­ke­rungs­wachs­tums bis 2050 in Afrika statt­finden. Von den 2,2 Milli­arden Menschen, die zur Welt­be­völ­ke­rung hinzu­kommen werden, werden 1,3 Milli­arden aus Afrika stammen. Europa ist die einzige Region, deren Bevöl­ke­rung im Jahr 2050 voraus­sicht­lich nied­riger sein wird als im Jahr 2017. In der Agenda 2030 für nach­hal­tige Entwick­lung der Vereinten Nationen wird die inter­na­tio­nale Migra­tion als posi­tive Kraft für die Wieder­her­stel­lung des Gleich­ge­wichts zwischen den Arbeits­märkten in den Herkunfts- und Ziel­ge­bieten aner­kannt, wodurch die globale sozio­öko­no­mi­sche Entwick­lung geför­dert wird.

Die UN-Perspek­tive ist eine globale Perspek­tive, die die verschie­denen Inter­es­sen­kreise in der Welt nicht reprä­sen­tiert. Europa hat seinen eigenen Inter­es­sen­kreis – zumin­dest theo­re­tisch. Die UN-Initia­tive zielt auf ein „Reba­lan­cing“ ab, was verein­facht ausge­drückt bedeutet, dass man dort, wo man mehr hat, etwas wegnimmt und dort, wo man weniger hat, etwas gibt. Ist die hyper­kon­sum­ori­en­tierte euro­päi­sche Gesell­schaft bereit für einen solchen Wandel? Eines ist sicher: Die post­kom­mu­nis­ti­schen Länder haben schlechte Erfah­rungen mit einer solchen „Neuaus­rich­tung“ gemacht.

Im Jahr 2020 werden etwa 15 Millionen EU-Einwohner aus einem Mitglied­staat mit hohem Bevöl­ke­rungs­an­teil stammen. Die inner­eu­ro­päi­sche Migra­tion erfreut sich zuneh­mender Beliebt­heit, was vor allem auf die Abwan­de­rung von Fach­kräften zurück­zu­führen ist: Quali­fi­zierte Arbeits­kräfte aus Osteu­ropa werden dazu gebracht, in West­eu­ropa zu arbeiten, wo sie im Gegenzug höhere Löhne und soziale Sicher­heit erhalten. Junge Arbeit­nehmer verlassen ihre Länder in der Regel ohne die Absicht, zurückzukehren.

In Ungarn wird jungen Paaren jedoch eine Alter­na­tive zur Auswan­de­rung geboten: Sie können eine Familie gründen und dank der zahl­rei­chen Möglich­keiten der Fami­li­en­för­de­rung eine lang­fris­tige Zukunft planen. Worin besteht die unga­ri­sche Strategie?

Lassen Sie uns mit einem aktu­ellen Beispiel beginnen. Minis­ter­prä­si­dent Viktor Orbán hat kürz­lich eine Steu­er­rück­erstat­tung für Fami­lien ange­kün­digt. Die einzige Bedin­gung ist, dass das BIP im Jahr 2021 um mindes­tens 5,5 Prozent wächst. 1,9 Millionen Eltern, die Anspruch auf Fami­li­en­bei­hilfe haben, sowie schwan­gere Frauen nach dem 91. Tag der Schwan­ger­schaft (und ihre Ehepartner) werden anspruchs­be­rech­tigt sein. Die Steu­er­rück­erstat­tung soll die durch die Pandemie verur­sachten Härten lindern, nachdem das Wirt­schafts­wachstum wieder einge­setzt hat.

Die Regie­rung ist der Ansicht, dass die Pandemie vor allem ältere Menschen und Fami­lien getroffen hat. Daher hat sie beschlossen, dass dieje­nigen, die Steuern zahlen und gleich­zeitig Kinder groß­ziehen, belohnt werden, wenn sie ein Einkommen aus einem erheb­li­chen Wirt­schafts­wachstum haben. Wie Viktor Orbán erklärte, waren es diese Menschen, die während der Pandemie die schwerste Last zu tragen hatten.

Diese Maßnahme ergänzt das Fami­li­en­hilfs­system, das Ungarn seit 2010 aufge­baut hat. Buda­pest gibt derzeit 5 % seines BIP für die Unter­stüt­zung von Fami­lien aus – das ist der höchste Wert in der Welt. Wie jedes andere Indus­trie­land befindet sich auch Ungarn in einer demo­gra­fi­schen Krise, auf die die Regie­rung mit außer­ge­wöhn­li­chen Maßnahmen reagiert. Die ersten kleinen, aber viel­ver­spre­chenden Ergeb­nisse sind zu sehen: Die Gebur­ten­zahl im Jahr 2021 ist die höchste seit 25 Jahren.

Das unga­ri­sche System der Familienförderung

Gegen­wärtig umfasst das unga­ri­sche System zur Unter­stüt­zung von Familien:

  • Fami­li­en­wohn­geld (CSOK): Finan­zi­elle Unter­stüt­zung für Fami­lien und junge Ehegatten, die Wohn­ei­gentum erwerben wollen;
  • „Rural CSOK“: Menschen, die in klei­neren Dörfern leben, haben leich­teren Zugang zu Wohngeld;
  • „Green CSOK“: zins­lose Darlehen für Menschen, die „grüne“ Häuser kaufen oder bauen;
  • Steu­er­erleich­te­rungen für Fami­lien, die ein Haus kaufen;
  • Zuschüsse und zins­güns­tige Darlehen an Fami­lien für die Reno­vie­rung von Häusern;
  • Erlass von Studi­en­schulden für Personen mit mehr als drei Kindern;
  • Redu­zie­rung der Hypo­thek im Verhältnis zu den Kindern;
  • zins­lose Darlehen für Personen, die Kinder erwarten;
  • Fonds für den Kauf von Familienfahrzeugen;
  • Ausbau der Kinderkrippen;
  • Zuschuss für Groß­el­tern zur Betreuung ihrer Enkelkinder;
  • ermä­ßigte oder gar keine Kosten für Dienst­leis­tungen für Kinder, wie z. B. Schul­bü­cher, Impfungen, öffent­liche Verkehrs­mittel, Sprachprüfungen.

Das unga­ri­sche Portal „Port­folio“ bietet ein nütz­li­ches Beispiel dafür, wie diese Hilfe funk­tio­niert. Eine Familie mit drei Kindern kann 41 Millionen HUF (115.000 €) an Zuschüssen und 73 Millionen HUF (205.000 €) an zins­güns­tigen Darlehen erhalten. Dies ergibt eine Gesamt­un­ter­stüt­zung von 114 Millionen HUF (320.000 €). Für Paare mit zwei Kindern beträgt die Unter­stüt­zung 100 Millionen HUF (280.000 €), für Paare mit einem Kind 96 Millionen HUF (270.000 €).

Das Fami­li­en­schutz­ge­setz regelt teil­weise die unga­ri­sche Unter­stüt­zungs­po­litik. In der Präambel wird deut­lich gemacht, in welche Rich­tung sie geht:

Die Familie ist die wich­tigste Ressource Ungarns. Als Grund­ein­heit der Gesell­schaft ist die Familie von zentraler Bedeu­tung für den Lebens­un­ter­halt der Nation und bildet das natür­liche Umfeld, in dem sich die Persön­lich­keit entfaltet. Sie muss vom Staat respek­tiert werden. […] Es gibt keinen nach­hal­tigen Fort­schritt oder wirt­schaft­li­chen Wohl­stand ohne die Geburt von Kindern und die Grün­dung von Fami­lien. Kinder zu haben, darf nicht zur Verar­mung der Familie führen.

Die Wirk­sam­keit der unga­ri­schen Fami­li­en­po­litik wird sich erst lang­fristig zeigen. In der Zwischen­zeit sind bereits kleine, viel­ver­spre­chende Verän­de­rungen einge­treten. Die unga­ri­sche Regie­rung unter­nimmt sicher­lich große Anstren­gungen, um junge Paare zur Grün­dung einer Familie zu ermutigen.

Marton Aron Kovacs
MCC-Stipen­diat am Centro Studi Machia­velli. Er studiert Jura an der Katho­li­schen Péter Pázmány-Univer­sität und ist Projekt­leiter von „RoLink Biotechnology“.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei CENTRO MACHIVALLI, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION


3 Kommentare

  1. Na und. Fami­lien werden bei uns in D. auch unter­stützt und Gebur­ten­re­korde werden auch erzielt. Volle Kanne sogar!

    Es ist halt nur die Frage, WELCHE Fami­lien das sind. Viel­leicht sollte man daher noch hervor­heben, dass in Ungarn unga­ri­sche Fami­lien unter­stützt werden.

  2. …und solange diese Korrektur nicht durch Auffül­lung von außer­halb zunich­te­ge­macht wird stimme ich Ihnen voll und ganz zu!

  3. „Während 1960 die Bevöl­ke­rung der heutigen EU-Länder 12 % der Welt­be­völ­ke­rung ausmachte, sind es heute nur noch 6 %, und es wird erwartet, dass dieser Anteil bis 2070 auf unter 4 % sinken wird.“

    Na und?

    Die EU-Länder machen nur 2,8% der Fläche der Welt aus.

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