Deutsch in Mittel­eu­ropa: Die meist­ge­spro­chene Sprache der Region

„Mit der sogenannten Osterweiterung hat die deutsche Sprache in der Europäischen Union an Bedeutung gewonnen.“ · Foto: Wikipedia

Von Nelu Bradean-Ebinger

Nach Angaben des Bundes­mi­nis­te­riums des Innern leben derzeit noch rund 500.000 Deut­sche in Ostmittel- und Südost­eu­ropa, die größten Gruppen in Polen (zwischen 150.000 und 350.000), Ungarn (132.000) und Rumä­nien (37.000). Etwa 40.000 verteilen sich auf Estland, Lett­land, Litauen, Tsche­chien, die Slowakei, Slowe­nien, Kroa­tien, Bosnien und Herze­go­wina sowie Serbien.

Mittel­eu­ropa war seit prähis­to­ri­scher Zeit von verschie­denen – vor allem indo­eu­ro­päi­schen – Völkern bewohnt. Nach dem Unter­gang des West­rö­mi­schen Reiches im Jahre 476 n. Chr. lebten vor allem verschie­dene germa­ni­sche – Lango­barden, Skiten, Gepiden – und slawi­sche Stämme auf dem Gebiet Panno­niens. Das später „deutsch“ genannte Volk, das sich im Laufe des 8. und 9. Jahr­hun­derts im östli­chen Teil des Fran­ken­rei­ches entfal­tete, siedelte nörd­lich der Alpen. Deut­sche gehörten im soge­nannten Karpa­ten­be­cken also nicht zu den „Urein­woh­nern“. Aber schon im Laufe des 9. Jahr­hun­derts erschienen in Panno­nien die ersten ostfrän­ki­schen Sippen.

Sie kamen als Gäste

Die unga­ri­sche Staats­grün­dung (1000 n. Chr.) brachte eine Verän­de­rung aus der Sicht der deut­schen Ansied­lung, und nach hundert­jäh­riger Abwe­sen­heit ließen sich Deut­sche als soge­nannte Gäste (lat. hospites) wieder in größerer Zahl im Karpa­ten­be­cken nieder. Vor allem kamen Ritter, Priester, Mönche und Bauern nach Ungarn und spielten eine bedeu­tende Rolle in der um die Jahr­tau­send­wende begon­nenen Chris­tia­ni­sie­rung Ungarns. Die deutsch­spra­chige Bevöl­ke­rung erfüllte wich­tige Aufgaben im mili­tä­ri­schen, poli­ti­schen, kirch­li­chen und wirt­schaft­li­chen Leben des Landes.

Mittel­eu­ropa umfasste den gesamten Land­strich, der sich vom „baro­cken Vilnius“ im Norden bis zum „mittel­al­ter­li­chen Renais­sance-Dubrovnik“ im Süden zog und unge­fähr alles einschloss, was östlich von Deutsch­land lag und von seinem kultu­rellen Erbe her katho­lisch oder jüdisch geprägt war. Auch wenn der ethni­sche Plura­lismus Mittel­eu­ropas hoch­ge­halten wurde, herrschte zugleich eine sehr klare Ansicht darüber, was es nicht war: christ­lich-orthodox, isla­misch oder russisch.

Mittel­eu­ro­päi­scher Kulturraum

Den Mittel­eu­ro­päern ist es bereits vor Jahr­hun­derten gelungen, inner­halb Europas einen Kultur­raum zu begründen, in dem zugleich auch die Keim­zellen föde­raler Struk­turen ange­legt waren. In diesem Kultur­raum, im Osten von den Karpaten, im Süden vom Balkan begrenzt, bildeten und bilden Böhmen, die Gebiete der heutigen Slowakei und Ungarn sowie Öster­reich mit ihren deut­schen bzw. polni­schen Nach­barn den histo­ri­schen Kern. In böhmi­schen Gebieten hat die deut­sche Kultur eigene Tradi­tionen entwickelt.

In den großen Städten wie in Prag, Berlin, Warschau, Buda­pest oder Wien war es das Judentum, das bis zu seiner Vernich­tung eine kultur­tra­gende und kultur­bil­dende Rolle über­nahm. Auch wenn das Judentum in Mittel­eu­ropa durch Emigra­tion und Vernich­tung nahezu ausge­löscht wurde und heute kaum noch wahr­nehmbar ist, hat es inner­halb der Völker einen Beitrag zur geis­tigen Entwick­lung geleistet, der dem des Chris­ten­tums an die Seite zu stellen ist. Europa hat sich oft bewusst und zu Recht auf seine jüdisch-christ­li­chen Tradi­tionen berufen. Diese eine Kultur und diese vielen Kulturen bilden für uns das geis­tige und das mate­ri­elle Band.

Viel­fäl­tige deut­sche Spuren

Die Deut­schen haben schon eine über tausend­jäh­rige Geschichte im mittel­eu­ro­päi­schen Kultur­raum. Sie haben ihre Spuren im Laufe der Zeit in vielen Berei­chen hinter­lassen. Nun stellt sich die Frage: Wie hat sich das deut­sche Element entwi­ckelt, welchen wirt­schaft­li­chen und kultu­rellen Einfluss übte es aus und was für geopo­li­ti­sche Auswir­kungen hatte das?

Mittel­eu­ropa wurde als Kultur­raum vor allem durch eine gemein­same Kultur, Menta­lität, Welt­an­schauung usw. geprägt, wobei Latein lange Zeit als Amts­sprache galt, bis es im 19. Jahr­hun­dert von der deut­schen Sprache als Verkehrs­sprache abge­löst wurde.

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahr­hun­derts lebten in Ostmit­tel­eu­ropa rund 20 Millionen Deut­sche. Davon wurden nach dem 2. Welt­krieg an die 14 Millionen vertrieben. Dennoch ist Deutsch auch heute noch die meist­ge­spro­chene und ‑gelernte Sprache in dieser Region. Nach Angaben des Auswär­tigen Amtes gibt es zurzeit welt­weit 15,4 Millionen Deutsch­ler­nende, davon die meisten in Europa (11,2 Millionen), wo in Mittel­eu­ropa Deutsch noch immer als wich­tige Verkehrs­sprache gilt (1,9 Millionen in Polen, 600.000 in Tsche­chien, und 400.000 in Ungarn).

Insge­samt gibt es in Mittel- und Osteu­ropa mehr als 4,5 Millionen Menschen, welche die deut­sche Sprache lernen. Neben den deutsch­spra­chigen Minder­heiten, die Deutsch als Mutter­sprache bzw. als Zweit­sprache erlernen, sind es vor allem junge Studenten, Wissen­schaftler, Arbeit­nehmer, die auf den deutsch­spra­chigen Arbeits­markt streben und dazu Deutsch­kennt­nisse benötigen.

Deutsch­spra­chige Staaten spielen führende Rolle im Welthandel

Die Stel­lung der deut­schen Sprache in der Welt fußt vor allem auf wirt­schaft­li­cher Grund­lage. Nach dem Brut­to­so­zi­al­pro­dukt, das alle Mutter­sprachler zusammen erwirt­schaften, rangiert Deutsch auf Platz drei aller Spra­chen welt­weit. Die deutsch­spra­chigen Staaten spielen eine führende Rolle im vernetzten Welt­handel. Die Attrak­ti­vität einer Sprache als Fremd­sprache hängt mehr von der Wirt­schafts­kraft der Spre­cher ab als von der Sprecherzahl.

Mit der soge­nannten Osterwei­te­rung hat die deut­sche Sprache in der Euro­päi­schen Union an Bedeu­tung gewonnen. Sie hatte schon tradi­tio­nell in Mittel- und Osteu­ropa eine beson­dere Funk­tion als Verkehrs- und Schul­sprache. Wenn­gleich in einigen Beitritts­län­dern Englisch als erste Fremd­sprache in den Schulen unter­richtet wird, ist Deutsch auch in diesen Ländern unan­ge­fochten die zweite Fremdsprache.

Nach dem „Euro­ba­ro­meter“, mit dem im Auftrag der EU-Kommis­sion regel­mäßig Meinungen und Einstel­lungen zu euro­paspe­zi­fi­schen Themen erhoben werden, steht Deutsch in den alten EU-Staaten in der Reihen­folge der Spra­chen nach ihrer ange­nom­menen Nütz­lich­keit an dritter Stelle, in den neuen Beitritts­län­dern dagegen an zweiter Stelle.

In den mittel­eu­ro­päi­schen Ländern, die seit dem 1. Mai 2004 zur Euro­päi­schen Union gehören, wird Deutsch nach Englisch für die nütz­lichste Fremd­sprache gehalten. Nach dem Brexit wird die deut­sche Sprache an Bedeu­tung, Gewicht und Attrak­ti­vität gewinnen – obgleich beson­ders die West­deut­schen ihre Mutter­sprache verschmähen. Dies wird sicher­lich auch ein Argu­ment in der weiteren sprach­po­li­ti­schen Diskus­sion der EU sein.

Nelu Bradean-Ebinger wurde 1952 in Arad (Banat) geboren. Er wuchs im banat­schwä­bi­schen Boga­rosch (Bogáros, Bulgarus) auf. Nach dem Besuch des deut­schen Lyzeums in Hatz­feld (Zsom­bolya, Jimbolia) studierte er in Buda­pest Finno-Ugristik, Hunga­ro­logie und allge­meine Germa­nistik (Skan­di­na­vistik). Seit 1972 lebt er im Buda­pester Vorort Budaörs. Er ist Professor am Institut für inter­na­tio­nale Bezie­hungen der Corvinus-Univer­sität, ungarn­deut­scher Autor (Lyrik, Kurz­prosa, histo­ri­sche Romane) und Mitglied des Verbandes Ungarn­deut­scher Autoren und Künstler (VUDAK).

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der BUDAPESTER ZEITUNG, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


5 Kommentare

  1. Wenn heute einen in Deutsch geschrie­benen Brief aus den Saaten der KuK- Monar­chie lesen, werden Sie bemerken, dass sich das einheit­liche Schrift­bild bis Heute erhalten hat.

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    • Wenn Sie das mit Briefen aus Deutsch­land verglei­chen (besteht seit 1871), werden Sie die deut­li­chen Unter­schiede merken. Deutsch­land hat seit seiner Grün­dung nie eine einheit­liche Sprache eingeführt.
      Zur Erin­ne­rung: Die heftigen Proteste in Bayern, als Lehrer aus Deutsch­land einge­stellt werden mussten; weil Schüler und Lehrer einander nicht verstanden.

  2. Ich sammle mit Leiden­schaft alte Briefe.

    Und siehe da.

    Bei den aller­meisten Briefen aus aller Welt

    wird sehr viel in der deut­schen Sprache

    geschrieben.

    Warum haben wir dann im Europaparlament

    darauf­ver­zichtet, daß deutsch neben der

    engli­schen und fran­zö­si­schen Sprache

    gespro­chen wird ???

    Auch die Beschlüsse des Europarates

    werden nur in englisch und französich

    veröf­fent­licht.

    Schade.

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    • Warum haben die Deut­schen in den VSA ange­fangen Englisch zu labern? Warum haben die Euro­päer dort und auch in Kanada und Austra­lien Einwan­derer aus anderen Konti­nenten zuge­lassen? Sind Deut­sche nur dumm oder zu gutmütig?

  3. Der Beitrag ist zu sehr auf „deutsch“ fokussiert.
    Außerdem wird zwar Panon­nien erwähnt, das nie ein einheit­li­ches Gebiet war, aber nicht das größere, und bedeu­ten­dere, kelti­sche Noricum. Denn die Kelten waren lange Zeit eine maßgeb­liche Macht und standen in stän­digem Wider­streit zu germa­ni­schen und slawi­schen Stämmen.
    Auch die Illyrer, zwischen dem heutigen Tirol und Südost-Europa, finden keine Erwäh­nung, obwohl ihre (nicht nur sprach­li­chen) Spuren bis heute erkennbar sind.
    Betref­fend Sprache fehlt der Hinweis auf den „meiss­ni­schen“ Dialekt, der sehr spät als deut­sche Regel­sprache einge­führt wurde, und dem sich speziell Bayern und Öster­reich nie anschlossen. Schon deshalb gibt es die Fiktion einer (einheit­li­chen) „deut­schen“ Sprache nicht.

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