Frei­heit, wie sie es meinen

Bildquelle: Ungarnreal

Von Irén Rab

Eines frühen Spät­win­ter­mor­gens ging der Dichter zur Arbeit. Er hüllte sich bibbernd in seinen Mantel ein und an der Bushal­te­stelle blies ihm der eisige Wind ins Gesicht. Der Bus war voll, die Passa­giere starrten sich mit grauen, müden Gesich­tern an. Dieser weitere Tag eines mono­tonen Lebens barg über­haupt keine neue Chance in sich, er war bloß die Fort­set­zung der Hoff­nungs­lo­sig­keit. Die vorbei­zie­henden schä­bigen Wände der Häuser waren mit Plakaten übersät und ihre Botschaft brannte in des Dich­ters Bewusst­sein. Die Stadt war von Lügen und Hetze bedeckt, die ihn an die furcht­barsten Peri­oden des 20. Jahr­hun­derts erin­nerten. Wenn Sie hier aufge­wachsen sind, haben Sie keine Wahl, denn das ist Teil des Stadt­bildes, das ist Buda­pest. Der Dichter selbst konnte nicht viel von den schreck­li­chen Zeiten des 20. Jahr­hun­derts erlebt haben. Er wurde 1969 geboren, sein Lebensweg war bis jetzt aalglatt, nicht mit unebenen Steinen gepflastert.

Nach seinem Abitur ging er an die Univer­sität, er konnte studieren, was er wollte, dann kamen viele Stipen­dien, von Soros bis zum Bolyai, PhD und Habi­li­ta­tion, und dann die Professur. Er eilt jetzt dorthin, zur Univer­sität, durch diese schreck­lich unter­drückte Stadt, die unter der Orbán-Diktatur ächtzt. Irgendwie muss man ja über­leben, bis all dies verschwindet, bis die neue Frei­heit, die man sich vorstellt, endlich ankommt und natür­lich muss man auch die resi­gnierte, ihrer Hoff­nung beraubte Menge vertreten, auch ihret­wegen kann man sich dieser Welt nicht unterwerfen.

Als Lehrer vertritt der Dichter auch seine Studie­renden, vertraut ihnen, offen­bart seine Zweifel, Gedanken und Erfah­rungen im Unter­richt. Aller­dings ist seine Sicher­heit an der Univer­sität Buda­pest bedroht, da er nicht wissen kann, ob ein Infor­mant unter den Studenten sei, wie viele Menschen der von den Dienern der Diktatur ange­kün­digten #MeToo Kampagne auf den Leim gegangen sind.

Es geht dabei nicht um sexu­elle Beläs­ti­gung, sondern um univer­si­täres Mobbing, wenn „dein Professor mit seinen poli­ti­schen Ansichten Gewalt über dich ausübt”. Als ich auf der Uni war, noch im verdammten Sozia­lismus, gab es kein #MeToo, die meisten von uns waren froh, dass wir über­haupt hinkamen und lernen durften! Aber ich erin­nere mich, dass es damals sehr wohl geheime Petzer gab und

der Professor sofort zum Unter­su­chungs­aus­schuss der Partei­ge­nossen gezerrt wurde, wenn er nicht der Linie der Partei gefolgt ist oder es gewagt hätte, das System zu kritisieren.

Die Folgen für ihn hingen davon ab, ob er in der Lage war, ausrei­chende Selbst­kritik zu üben.

Unser Dichter-Professor schrieb einen Meinungs­ar­tikel für die Frank­furter Allge­meine Zeitung. Im lite­ra­tur­ähn­li­chen Stil arti­ku­lierte er zunächst wirkungs­voll seine eigenen Ängste, dann wech­selte er dazu über, wie diese zise­lierte Angst in Ungarn in die Welt von Bildung, Wissen­schaft und Kultur hinein­si­ckert. Die herr­schende Macht behandle diese Werk­stätte – der Geist – als das letzte Schlupf­loch der poli­tisch schwach gewor­denen Linken ohne mora­li­sche Glaub­wür­dig­keit. Nach ihrer Auffas­sung würden in den Sälen nicht Univer­si­täts­pro­fes­soren, sondern linke Provo­ka­teure, Agita­toren, Akti­visten wirken, die sich über­haupt nicht um die wissen­schaft­liche Wahr­heit kümmern.

All diese Erfah­rungen müssen natür­lich mit deut­schen Lesern unbe­dingt geteilt werden, auch sie müssen ja wissen, was in Ungarn geschieht, sie müssen die Natur von Viktor Orbáns Macht­aus­übung kennen, wie er als Cipolla in Thomas Manns Novelle die exis­tie­rende Realität verändere!

In Ungarn habe sich die Inter­pre­ta­tion von Frei­heit und Souve­rä­nität geän­dert, ersetzt durch freien Raub und Popu­lismus. Dieje­nigen, die hier ihre Stimme gegen das System erheben, können damit rechnen, dass ihre Exis­tenz in dieser Welt elimi­niert werde und sie selbst verrotten würden. Unser Dichter ist auch belei­digt darüber, dass Orbán sogar die viel­fäl­tige unga­ri­sche Sprache gestohlen und entleert und die Begriffe durch zyni­sche, eindi­men­sio­nale Idiome ersetzt habe. Die Orbán-Sprache sei ohne Humor und voller Gegensätze.

In diesem Meinungs­ar­tikel der F.A.Z. vor zwei Jahren zog der Dichter-Autor einen riesen­großen Bogen vom Einzig­ar­tigen zum Allge­meinen, von Buda­pest nach Brüssel. „Als die Statuten der Gemein­schaft einmal aufge­stellt wurden, glaubte niemand, dass eines Tages ein tota­li­täres Regime in Europa erscheinen würde.“

Unser Dichter hat die Pflicht, die Führer der Euro­päi­schen Union aufzu­klären, sie aufzu­for­dern, den unga­ri­schen Minis­ter­prä­si­denten in demo­kra­ti­schen Grund­werten aufzu­klären und diese auch „ohne Pardon“ durchzusetzen.

Das Geld der west­eu­ro­päi­schen Steu­er­zahler muss ja wirksam davor geschützt werden, von der für Osteu­ropa so sehr typi­schen Korrup­tion absor­biert zu werden!

Am Ende des Arti­kels finden wir uns im Vorle­sungs­saal wieder, der lang gereiste Gedanke ist gereift, unser Dichter weiß bereits, was zu tun ist. “Wir sind hier, stehen vorein­ander, das ist unsere Geschichte, und wir müssen uns die Sprache zurück­holen, um erzählen zu können, was um uns vor sich geht.”

Ich habe dieses clever-bösar­tige Stück vor genau zwei Jahren, im März 2019, gelesen, und ich schiebe es seitdem vor mir hin, weil ich darauf reagieren muss. Zu Hause gab es keine Reso­nanz, bei den deut­schen Lesern auch nicht viel.

„Frei­heit, wie wir sie meinen“, war der Titel des Werkes, und ich spei­cherte es in meinem Ordner namens “Verräter” ab. Maso­chis­tisch, wie ich bin, sind hier die in der deut­schen Presse veröf­fent­lichten Schriften, in denen meine Lands­leute uns diskre­di­tieren, unser gemein­sames Land verraten, aufge­hoben. Verraten aus falsch inter­pre­tierter Oppo­si­ti­ons­hal­tung, persön­li­chem Belei­digt­sein, hass­erfüllter Erregung.

Mit einem konser­va­tiven Ansatz ist es äußerst schwierig, in die west­li­chen Medien zu gelangen, aber sie empfangen die soge­nannten Progres­siven, welche die unga­ri­sche Regie­rung, die natio­nale Politik kriti­sieren mit offenen Armen. Dieje­nigen, die jeder­zeit bereit sind, mit falsch inter­pre­tierter Oppo­si­ti­ons­hal­tung ein biss­chen zu denun­zieren, sei es über die Reformen des Bildungs­we­sens, der Hoch­schul­bil­dung, des Thea­ters oder des Gesund­heits­we­sens (das sind übri­gens alles innere Ange­le­gen­heiten eines Staates), wichtig ist dabei, mit jedem Umweg einmal zum Rechts­staat­lich­keits­mantra zu gelangen.

Auf dieses heiße Eisen wird so lange einge­prü­gelt, als Ungarn eine natio­nal­kon­ser­va­tive Regie­rung hat.

Ich erin­nere mich noch gut an die acht Jahre linker Regie­rungen in Ungarn: Damals gab es keine Probleme in der West­presse, weil sie die libe­ralen euro­päi­schen Taschen mit dem ausver­kauften natio­nalen Vermögen voll­ge­stopft hatten.

Ich weiß nicht, wie sich Gábor Schein gefühlt hat – denn er ist der Autor des hier beschrie­benen Arti­kels –, als er seine Kunden mit dem für ihn charak­te­ris­ti­schen hohen Stan­dard bediente? Hatte er das Gefühl, dass dies eigent­lich eine mora­lisch vertret­bare Tat gewesen sein soll? Schließ­lich tat er nichts anderes, als das, worüber er geschrieben hat, wohl von der anderen Seite: Er lieferte den Verrat auf Bestel­lung, über die Grenze. Das ist das poli­ti­sche  #MeToo. Belohnt wurde er mit seinem Roman, der 2019 auf der Frank­furter Buch­messe auf Deutsch erschienen ist. Ein weiteres Buch von im ist vor kurzem hier in Ungarn erschienen und seine Gedichte werden in Buda­pest und Berlin von den anti­fa­schis­ti­schen Demo­kraten zitiert.

Während der Orbán-Diktatur veröf­fent­lichte er fünf Prosa- und zwei Gedichts­bände, die mit verschie­denen Autoren­preisen ausge­zeichnet wurden. Er unter­richtet immer noch in Voll­zeit moderne unga­ri­sche Lite­ratur an der Eötvös Lorand Univer­sität. Er kann weiterhin seine unmas­kierten Gedanken und Zweifel mit den Studenten teilen, und niemand wird ihn dafür jemals belangen. Es gab in Ungarn auch keine Retor­sionen für seinen den unga­ri­schen Minis­ter­prä­si­denten und die unga­ri­sche Politik verun­glimp­fenden und Ungarn diskre­di­tie­renden Artikel.

Warum auch? In Ungarn steht es jedem frei, seine Meinung zu äußern, die Regie­rung oder die Oppo­si­tion zu diffa­mieren, und Persön­lich­keiten des öffent­li­chen Lebens sind durch kein Gesetz geschützt. Aufgrund seiner poli­ti­schen und privaten Meinung wird niemand entlassen. Es gibt keinen Diver­sity-Codex, der vorschreibt, wie wir unsere Meinung äußern dürfen. Es gibt nur einen unge­schrie­benen Ehren­kodex, und jeder inter­pre­tiert ihn auf seine Weise. Er hatte das Recht dazu, aber man sollte wissen, dass jeder mit seiner Meinung vor allem sich selbst charakterisiert.


 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei MAGYAR HÍRLAP, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.

Die Autorin, Dr. phil Irén Rab ist Kulturhistorikerin.

Über­set­zung von Dr. med. dent. Andrea Martin.


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