Heute vor 97 Jahren: Frie­dens­diktat von Trianon

Das historische Ungarn in den "Milleniums"-Grenzen vor Trianon (Bild: alfahir.hu)

Am 4. Juni 1920 musste Ungarn im Schloss Trianon zu Versailles den sog. „Frieden von Trianon“ unter­zeichnen, durch den es mehr als zwei Drittel seines tradi­tio­nellen Terri­to­riums und seiner Bevöl­ke­rung verlor.

Ungarn, das am 3. November 1918 in Padua – noch als Teil der öster­reich-unga­ri­schen Monar­chie – und dann erneut am 13. November in Belgrad um Waffen­still­stand gebeten hatte, musste als Verlie­rer­macht des ersten Welt­kriegs für die Forde­rungen der Minder­heiten des ehema­ligen Viel­völ­ker­staates gera­de­stehen. Im ganzen Land wurden mit Unter­stüt­zung der Sieger­mächte der Entente sog. Natio­na­li­tä­ten­räte gegründet, welche die tsche­chi­schen, rumä­ni­schen und südsla­wi­schen Pläne zu ihrem Programm erhoben, die vor dem Krieg noch nicht reali­siert werden konnten. Das Ziel dieser Pläne war nichts anderes als die Auftei­lung des 1000-jährigen König­reichs Ungarn. Die nach der Revo­lu­tion vom 31. Oktober 1918 an die Macht gekom­mene kommu­nis­ti­sche Regie­rung Ungarns hoffte auf die Gnade der Frie­dens­kon­fe­renz und unter­nahm daher – ein sträf­li­ches Versagen – nichts gegen die Beset­zung des Ober­landes (heute Slowakei), der Wojwo­dina und Sieben­bür­gens durch tsche­chi­sche, serbi­sche und rumä­ni­sche Truppen.

Diese Truppen verfolgten nicht etwa das Ziel der Aufrecht­erhal­tung der Ordnung und warteten auch nicht bis zur Unter­zeich­nung des Frie­den­ver­trags, sondern besetzten einfach weite Teile des Landes, also Gebiete, die ihren Staaten erst in der Folge durch den Frieden zediert werden sollten. Ungarn hätte im Herbst 1918 noch über genü­gend mili­tä­ri­sche Macht verfügt, um den Beset­zern Einhalt zu gebieten, doch bereits im Februar 1919 war sein Terri­to­rium infolge eigener Taten­lo­sig­keit zu einer Größe geschrumpft, die in etwa seiner heutigen Flächen­aus­deh­nung entspricht. Dies bedeu­tete, dass Ungarn bereits vor der Frie­dens­kon­fe­renz chan­cenlos dastand. Die Grenzen von Trianon wurden in erster Linie aufgrund von Macht­po­litik in der Umbruchs­zeit gezogen; die Regie­rung Károlyi, des dama­ligen unga­ri­schen Minis­ter­prä­si­denten, konnte hier nicht mitreden.

Der Vertrag von Trianon war Teil des Versailler Frie­dens­sys­tems, dessen Vorbe­rei­tung nach Ende des 1. Welt­kriegs noch 1,5 Jahre dauerte. Die sieg­rei­chen Entente-Mächte begannen die Bera­tungen am 18. Januar 1919 in den Pariser Vororte-Schlös­sern. Der „Großen Vier“, der Fran­zose Clemen­ceau, der Brite Lloyd George, der Italiener Orlando und US-Präsi­dent Wilson domi­nierten die Gespräche. Die Verlie­rer­staaten nahmen zwar eben­falls an den Verhand­lungen teil, doch ihr Wort spielte keine Rolle. Sie waren bloß Mario­netten, welche die im Juli 1919 vorge­legten Vertrags­ent­wüfe zu unter­zeichnen hatten.

Die unga­ri­sche Dele­ga­tion, die von Graf Albert Apponyi geleitet wurde, versuchte alles gegen das Unrecht zu tun. Sie versuchte in Paris ethni­sche, ethno­gra­phi­sche und histo­ri­sche Argu­mente und Fakten vorzu­bringen, doch ohne Erfolg. Die Mitglieder der Dele­ga­tion standen während der Verhand­lungen de facto unter Haus­ar­rest und erst nachdem der Vertrags­ent­wurf vorlag, wurde dem Dele­ga­ti­ons­leiter Graf Apponyi am 16. Januar 1920 erst­mals das Wort erteilt. Ungarn hatte keine Möglich­keit, sich gegen die auf gefälschten ethni­schen Daten basie­renden Gebiets­for­de­rungen der Tsche­cho­slo­wakei, Rumä­niens und Jugo­sla­wiens zu wehren. Die Anwe­sen­heit der Dele­ga­tion hatte nur den einzigen Zweck, den vorlie­genden Vertrag zu unter­schreiben. Die Unter­zeich­nung fand am 4. Juni 1920 im Schloß Trianon statt, wobei zwei völlig unbe­deu­tende Poli­tiker, Ágoston Benárd und Alfréd Drasche-Lázár Alfréd im Namen Ungarns dieses Frie­dens­diktat unter­schrieben und damit die Auftei­lung des histo­ri­schen Ungarns sanktionierten.

Die Folgen von Trianon sind bekannt:

Ungarn verlor zwei Drittel seines histo­ri­schen Terri­to­riums und seiner Bevöl­ke­rung. Es wurde über Nacht von einer Mittel­macht mit 320 000 km² Terri­to­rium und 20 Millionen Einwoh­nern zu einem Klein­staat mit 90 000 km² und 7 Millionen Einwohnern.

Rumä­nien erhielt Sieben­bürgen, Partium und einen Teil des Banat, der südsla­wi­sche Staat die Wojwo­dina und die Tsche­cho­slo­wakei das Ober­land und das Vorkarpatenland.

Ungarn wurden massive Repa­ra­tionen aufge­bürdet, seine Armee auf 35.000 Mann beschränkt und seine Souve­rä­nität durch weitere wirt­schaft­liche und mili­tä­ri­sche Auflagen beschränkt.

Der Frieden von Trianon stellte ein einsei­tiges, gewalt­sames Diktat gegen­über Ungarn dar und verletzte alle Prin­zi­pien, auf die sich dieser Friede ursprüng­lich berufen hätte wollen. Wenn auch offi­ziel das Ziel verfolgt wurde, den neuge­grün­deten Staaten durch Gebiets­zu­wachs die natio­nale Selbst­be­stim­mung zu ermög­li­chen, so kam es dennoch nicht zur Schaf­fung eigen­stän­diger Natio­nal­staaten, sondern es entstanden neue multi­eth­ni­sche Staats­ge­bilde, auf deren Terri­to­rium mehrere Volks­gruppen lebten, darunter Ungarn, die jedoch jeweils in der Minder­heit waren und von den neuge­schaf­fenen Staaten unter­drückt wurden.

Quelle: www.rubicon.hu/magyar/oldalak/1920_junius_4_a_trianoni_beke_alairasa/

Was bedeutet für die Ungarn Trianon heute? Lesen Sie unseren Artikel darüber!

Nicht nur für die Ungarn war das Frie­dens­diktat von Trianon nach­teilig, sondern auch das Schicksal der Deut­schen im Karpa­ten­be­cken wurde dadurch besie­gelt. Ohne Trianon wären die Donau­schwaben nicht auf vier Länder aufge­teilt worden und ihre Vertrei­bung und Ausrot­tung hätte dadurch mögli­cher­weise vermieden werden können. Doch in der Geschichte gibt es bekannt­lich kein „wenn…“

 

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein