Israel: den Krieg gewonnen, wie den Frieden gewinnen?

Foto: Centro Machiavelli

Von Fabio Bozzo

Henry Kissinger, der Doyen der ameri­ka­ni­schen Diplo­matie, hat einmal gesagt, dass Israel das einzige Land der Welt ist, das keine Außen­po­litik hat, da jedes seiner Probleme im Grunde genommen eine Ange­le­gen­heit der Innen­po­litik ist. Diese Aussage, die eines schweren Kali­bers der Diplo­matie würdig ist, ist doppelt wahr. Erstens wegen der enormen Medi­en­prä­senz des jüdi­schen Staates, was bedeutet, dass jede Aktion, die er unter­nimmt, inter­na­tio­nale Reak­tionen hervor­ruft, zumin­dest in den Medien, mit anschlie­ßenden internen Rück­wir­kungen. Darüber hinaus, und das ist noch wich­tiger, ist Israel viel­leicht das einzige Land der Welt, in dem jeder außen­po­li­ti­sche Fehler poten­ziell den Unter­gang der gesamten Nation verur­sa­chen kann. Mit der Unver­meid­bar­keit eines zweiten Holo­causts, wenn man es so ausdrü­cken will.

Beginnen wir mit einem kurzen geschicht­li­chen Abriss, den wir so weit wie möglich zusam­men­fassen werden, um die aktu­ellen Ereig­nisse nicht aus den Augen zu verlieren. Die Teilung des ehema­ligen briti­schen Mandats­ge­bietes Paläs­tina erfolgte bekannt­lich 1948 nach einer Abstim­mung in der UN-Voll­ver­samm­lung. Diese Abstim­mung ergab 33 Ja-Stimmen, 13 Nein-Stimmen und 10 Enthal­tungen. Aus verschie­denen Gründen spra­chen sich sowohl die freie Welt als auch die kommu­nis­ti­sche Welt für die Schaf­fung von zwei Staaten aus, einem jüdi­schen und einem arabi­schen (mit Jeru­salem unter inter­na­tio­naler Kontrolle). Dagegen stimmten im Wesent­li­chen die unab­hän­gigen isla­mi­schen Länder und Indien, das sich bereits im Bürger­krieg mit seiner musli­mi­schen Minder­heit befand. Stimm­ent­hal­tung wurde geübt von China (gleich­gültig gegen­über dem Thema und mit anderen Problemen beschäf­tigt), Jugo­sla­wien (aus Bosheit gegen­über Moskau), Groß­bri­tan­nien (das als Kolo­ni­al­macht in Auflö­sung begriffen war und versuchte, so schmerzlos wie möglich aus dem Hornis­sen­nest heraus­zu­kommen), Äthio­pien (wie Indien aus Angst, die moham­me­da­ni­sche Minder­heit zu irri­tieren) und halb Latein­ame­rika (wegen eines schlecht versteckten, aber pein­li­chen reli­giösen Anti­se­mi­tismus). Thai­land nahm an der Abstim­mung nicht teil, weil zu diesem Zeit­punkt ein Staats­streich im Gange war…

Flug­blatt, das der Groß­mufti von Jeru­salem Amin al-Huss­eini nach der UN-Teilungs­re­so­lu­tion verteilte: Die Araber werden aufge­for­dert, ganz Paläs­tina zu erobern.

Wie gesagt, der von der UNO beschlos­sene Plan sah die Schaf­fung eines israe­li­schen und eines paläs­ti­nen­si­schen Staates vor. Die Juden akzep­tierten und freuten sich, die Araber lehnten die Entschei­dung der UNO ab (dieselbe UNO, zu der sie seither nach jeder Nieder­lage gehen, um Kroko­dils­tränen zu vergießem) und entfes­selten den Krieg. Die Armeen Ägyp­tens, Syriens, Jorda­niens, des Iraks und des Liba­nons sowie kleine saudi­sche und jeme­ni­ti­sche Kontin­gente und verschie­dene arabi­sche Milizen, mehr oder weniger mili­tä­risch orga­ni­siert, traten gegen den neuge­bo­renen jüdi­schen Staat mit gerade einmal 650.000 Einwoh­nern an. Das Ergebnis? Eine demü­ti­gende Nieder­lage für die Koali­tion, die offen die Zerstö­rung Israels ange­kün­digt hatte.

Mit dem Waffen­still­stand von Rhodos 1949 erhielt Israel einen rela­tiven terri­to­rialen Zuwachs. Der Groß­teil dessen, was laut UNO der arabi­sche Staat Paläs­tina hätte werden sollen, wurde statt­dessen aufge­teilt… von zwei anderen arabi­schen Nationen, nämlich Ägypten, das den Gaza­streifen annek­tierte, und Trans­jor­da­nien, das das heutige West­jor­dan­land annek­tierte (und seinen Namen in Jorda­nien änderte, einen Namen, den es nie aufge­geben hat). Daher ist die geschei­terte Geburt eines arabi­schen Staates Paläs­tina nicht den Israelis anzu­lasten, sondern den benach­barten arabi­schen Staaten, die die Situa­tion ausnutzten, um ihr Terri­to­rium unter Miss­ach­tung des Völker­rechts zu erwei­tern. Etwas, wofür die west­liche Linke natür­lich nie einen Protest oder ein Propa­gan­da­ak­tion orga­ni­siert hat. Schließ­lich ist anzu­merken, dass bis 1967, dem Jahr, in dem Israel den Gaza­streifen und das West­jor­dan­land eroberte, die isla­mi­sche Bevöl­ke­rung dieser Gebiete den beiden jewei­ligen Staaten keine beson­deren Schwie­rig­keiten berei­tete, was beweist, dass die paläs­ti­nen­si­sche natio­nale Iden­tität eigent­lich ein Propa­gan­da­mittel ist, das geschaffen wurde, um Israel zu schaden.

Israel 1947–49

Wir erin­nerten uns an 1967. In diesem Jahr berei­teten sich Ägypten, Syrien, Jorda­nien und der Irak (bewaffnet von der Sowjet­union) auf den Einmarsch in Israel vor. Der charis­ma­ti­sche Führer der Koali­tion war der ägyp­ti­sche Diktator Nasser, der wiederum am 26. Mai desselben Jahres in einer Rede vor den arabi­schen Gewerk­schaf­tern sein wahres Ziel verkün­dete: „Der Kampf wird allge­mein sein und unser grund­le­gendes Ziel wird sein, Israel zu zerstören.“ Konfron­tiert mit dem Aufmarsch der arabi­schen Armeen und diesen Erklä­rungen, die auf halbem Weg zwischen Hitler und einem Mafioso liegen, griff Israel präventiv an. Es war der berühmte Sechs-Tage-Krieg, der spek­ta­ku­lärste aller spek­ta­ku­lären mili­tä­ri­schen Siege unter dem Banner des David­sterns und der folgen­reichste arabisch-israe­li­sche Konflikt. Neben der buch­stäb­li­chen Zerschla­gung der arabi­schen Armeen eroberte Israel das West­jor­dan­land, den Gaza­streifen, den Sinai (der Jahre später zurück­ge­geben werden sollte) und die Golan­höhen (letz­tere an Syrien), d.h. ein gebir­giges Plateau von nur 1.800 Quadrat­ki­lo­me­tern, von dem aus die Syrer halb Nord­is­rael beschossen und den Tibe­ri­assee bedrohten, damals die fast einzige Süßwas­ser­quelle des jüdi­schen Staates.

Ange­sichts der Kata­strophe verfolgten die arabi­schen Staaten verschie­dene Stra­te­gien. Jorda­nien akzep­tierte die Rück­kehr zu seinen Grenzen von vor 1949 und verwan­delte sich in den ärmsten und stabilsten musli­mi­schen Staat der Region (mit einem einzigen Ruck, auf den wir gleich noch eingehen werden), während Ägypten und Syrien in einem Rache­ver­such eine massive Aufrüs­tung begannen. Offen­sicht­lich wurde diese Aufrüs­tung immer dank sowje­ti­scher Kriegs­lie­fe­rungen durch­ge­führt, so dass es nicht falsch ist zu sagen, dass die bloße Exis­tenz Israels auf lange Sicht die kata­stro­phalen Finanzen des kommu­nis­ti­schen Blocks nicht wenig belastet hat (zusätz­lich dazu, dass der Welt eine rela­tive Über­le­gen­heit der west­li­chen Waffen und Tech­no­lo­gien gezeigt wurde). Noch wich­tiger war die Entschei­dung Ägyp­tens und Jorda­niens, die Rück­gabe des Gaza­strei­fens bzw. des West­jor­dan­landes nicht zu fordern: Von diesem Moment an erin­nerten sich die arabi­sche Welt, der Sowjet­block und die inter­na­tio­nale Linke wie durch ein Wunder an den Teilungs­plan von 1948. Mit geschickter Propa­ganda wurde aus dem Nichts eine paläs­ti­nen­si­sche Iden­tität geschaffen (kein Natio­nal­ge­fühl, das es in der gesamten arabisch-musli­mi­schen Welt so gut wie nicht gibt), um Israel in einen nerven­auf­rei­benden Gueril­la­krieg zu verwi­ckeln, der seine Ener­gien aufzehren und es in den Augen des inter­na­tio­nalen Wohl­wol­lens diskre­di­tieren würde. Wie? Mit den inzwi­schen bekannten Methoden: dem Einsatz von paläs­ti­nen­si­schen Zivi­listen als mensch­liche Schutz­schilde. Wessen Schuld ist das für die west­liche Linke (und einen Teil der extremen Rechten)? Immer und in jedem Fall ist Israel Opfer des inter­na­tio­nalen Terrorismus.

Und nicht nur das. Schon 1948, als die Nieder­lage im Sechs-Tage-Krieg unmit­telbar bevor­stand, verkün­dete die arabi­sche Propa­ganda, dass Israel die isla­mi­sche Zivil­be­völ­ke­rung in den eroberten Gebieten ausrotten würde (was offen­sicht­lich nie geschah). Das Ergebnis dieses Schwin­dels war, dass Tausende von „Paläs­ti­nen­sern“ ins Ausland flohen, meist nach Jorda­nien. Hier entfes­selten sie zwischen 1970 und 1971 mit Hilfe Ägyp­tens und Syriens eine Revo­lu­tion, die darauf abzielte, die herr­schende Dynastie zu stürzen und eine Repu­blik auf halbem Weg zwischen proso­wje­ti­schem arabi­schem Sozia­lismus und Isla­mismus zu errichten. Doch das Tempe­ra­ment der jorda­ni­schen Armee, die ihre Wurzeln bei den Beduinen von Lawrence von Arabien hat und den Kontakt zu den briti­schen Ausbil­dern nie ganz abbrach, ermög­lichte es dem jorda­ni­schen Staat, das Spiel zu gewinnen. Dies provo­zierte einen weiteren Exodus der über­le­benden paläs­ti­nen­si­schen Rebellen (die inzwi­schen sogar von anderen Arabern als Unru­he­stifter ange­sehen wurden), die in den Libanon strömten. Im Land der Zedern sollten sie entschei­dend dazu beitragen, einen sehr langen Reli­gi­ons­krieg zu entfes­seln, der heute mit der Vernich­tung eines großen Teils der maro­ni­ti­schen Chris­ten­ge­meinde und der weit­ge­henden Isla­mi­sie­rung der kleinen Nation vorläufig abge­schlossen ist. Aber das ist eine andere Geschichte.

Gegen Israel orga­ni­sierten Ägypten und Syrien eine Revanche, die 1973 im soge­nannten Jom-Kippur-Krieg versucht wurde. Diesmal griffen die beiden Verbün­deten, unter­stützt von Truppen aus der halben arabi­schen Welt und von sowje­ti­schen und kuba­ni­schen Helfern, die Israelis während des heiligsten jüdi­schen Feier­tages über­ra­schend an. In den ersten Tagen ging es Israel schlecht, doch dann erholte es sich von dem Schock und errang den x‑ten voll­stän­digen mili­tä­ri­schen Sieg. Von Anfang an wurde dieser Konflikt von der linken Presse als eine Art Wieder­gut­ma­chung für die arabi­sche Demü­ti­gung im Sechs-Tage-Krieg darge­stellt. In Wirk­lich­keit war es der desas­trö­seste arabisch-israe­li­sche Krieg für die Sowjet­union. Schauen wir mal, warum. Einer­seits entschied sich Israel trotz des Sieges für eine schritt­weise Rück­gabe des Sinai an Ägypten, durch ein Frie­dens­ab­kommen mit dem mäch­ti­geren isla­mi­schen Nach­barn, das im Grunde bis heute gilt. Auf der anderen Seite der Front war es statt­dessen Ägypten selbst, das schließ­lich erkannte, dass die sowje­ti­sche Allianz und die paläs­ti­nen­si­sche Sache nichts als Nieder­lagen (die erste) und Unan­nehm­lich­keiten (die zweite) brachte. Deshalb vollzog Präsi­dent Sadat unter der lenkenden Hand des bereits erwähnten Kissinger den spek­ta­ku­lärsten Bünd­nis­wechsel im Nahen Osten: Er vertrieb die 20.000 in Ägypten anwe­senden sowje­ti­schen Soldaten und über­führte sein Land in das von den USA geführte Lager. Von diesem Moment an blieben die einzigen nahöst­li­chen Verbün­deten der UdSSR der sehr arme, aber stra­te­gisch wich­tige Südjemen, das Syrien der Assad-Familie und der Irak von Saddam Hussein. Zusam­men­fas­send kann man sagen, dass Israels mili­tä­ri­sche Siege und seine bloße Exis­tenz eine geopo­li­ti­sche Kata­strophe für die Sowjet­union waren. Man kann den gegen­wärtig anhal­tenden Hass der west­li­chen Linken auf Israel nicht verstehen, wenn man dieses Kapitel des Kalten Krieges nicht kennt.

Nach 1973 verschwanden die Kriege auf offenem Feld zwar nicht völlig, aber es gab keine Versuche mehr, Israel durch eine klas­si­sche Mili­tär­kam­pagne zu vernichten. Deshalb griffen die arabisch-isla­mi­schen Feinde des jüdi­schen Staates, wie erwähnt, auf Terro­rismus und Gueril­la­krieg zurück. Der Löwen­an­teil dieser Stra­tegie wurde von den Paläs­ti­nen­sern gespielt: in der Nähe der Israelis, zahl­reich und produktiv genug, um schwere Verluste zu erleiden, und ohne eine echte Armee. Diese Eigen­schaften haben es der Dritte-Welt-Propa­ganda ermög­licht, die Paläs­ti­nenser als die ewigen Opfer von Miss­brauch, Diskri­mi­nie­rung und sogar Völker­mord darzustellen.

Gerade zu dem über­flüs­sigen Vorwurf des Völker­mordes ist zu betonen, dass niemand das paläs­ti­nen­si­sche Volk jemals ausge­rottet hat! 1948, bei der Grün­dung Israels, gab es etwa 1.237.000 Paläs­ti­nenser (Quelle: UNSCOP – 1947), während es 2017 etwa 4.750.000 waren, zu denen noch 3.520.000 Paläs­ti­nenser hinzu­kommen, die nach Jorda­nien ausge­wan­dert sind, und 1.890.000, die in Israel leben (Quelle: Pales­ti­nian Central Bureau of Statis­tics). Hinzu kommen weitere 1.500.000, die über die ganze Welt verstreut leben (Quelle: Joshua Project, Arab, Pales­ti­nian Ethnic People in all Coun­tries). Ange­sichts dieser Daten ist es offen­sicht­lich, dass es nie eine Ausrot­tung der Paläs­ti­nenser gegeben hat und dass diese Legende von der Linken und der extremen Rechten verbreitet wurde: die „Genossen“ aus geopo­li­ti­schem Nihi­lismus, da Israel ein Teil des Westens ist, den die arabi­schen Isla­misten zerstören wollen, die „Kame­raden“, weil sie die Frus­tra­tion ihrer histo­ri­schen Nieder­lage bei jemandem abladen müssen. Um genau zu sein, die einzige paläs­ti­nen­si­sche Ausrot­tung, die jemals statt­ge­funden hat, ist die der christ­li­chen Minder­heit, die von den isla­mi­schen Paläs­ti­nen­sern durch­ge­führt wurde. Die Christen machten 1922, zur Zeit der briti­schen Herr­schaft, 9,5 % der Gesamt­be­völ­ke­rung aus (Quelle: Bericht an den Völker­bund über Paläs­tina und Trans­jor­da­nien, 1937), während sie heute bei 2 % oder weniger liegen (Quelle: Die paläs­ti­nen­si­sche Diaspora). Nicht weniger als 154.000 paläs­ti­nen­si­sche Christen leben heute in Israel, dem einzigen Land im Nahen Osten, in dem die Zahl der Christen zunimmt (Quelle: Pales­ti­nian Chris­tians: Chal­lenges and Hopes).

Schließ­lich, nach zwanzig Jahren Gueril­la­krieg und mit der Welt in rela­tiver Sicher­heit dank des Zusam­men­bruchs der Sowjet­union, versuchte Israel 1994, den Paläs­ti­nen­sern eine Chance auf Staat­lich­keit zu geben, indem es die soge­nannte Paläs­ti­nen­si­sche Natio­nal­be­hörde grün­dete. Unnötig zu sagen, dass dieses Gebilde seither nur Korrup­tion, totalen Verfall der von den Israelis hinter­las­senen Infra­struk­turen, ekla­tante Verschwen­dung inter­na­tio­naler Hilfe und den allge­gen­wär­tigen Terro­rismus gegen den jüdi­schen Staat erlebt hat, bis zu dem Punkt, dass Israel zu wieder­holten Vergel­tungs­maß­nahmen gezwungen wird. Seit einigen Jahren erleben wir sogar die absurde Situa­tion, dass das West­jor­dan­land von der al-Fatah, der histo­ri­schen Orga­ni­sa­tion des paläs­ti­nen­si­schen Terro­rismus, regiert wird und aus diesem Grund in den Augen der eigenen Bevöl­ke­rung teil­weise „verbrannt“ ist, während der Gaza­streifen unter der eisernen Faust der Hamas schmachtet, einer jüngeren Frak­tion, die offen isla­mis­tisch ist und immer noch an die klas­si­sche arabisch-musli­mi­sche poli­ti­sche Linie gebunden ist: die Auslö­schung der „zionis­ti­schen Entität“. In der Praxis ist es den Paläs­ti­nen­sern gelungen, sich in einen Bürger­krieg zu verwi­ckeln, noch bevor sie einen echten Staat besitzen.

An diesem Punkt muss eine Frage gestellt werden: Wie ernst wäre der Verlust der Exis­tenz Israels für die Welt? Um das zu beant­worten, beschränken wir uns auf die Nennung von Zahlen, die in ihrer kalten Abge­klärt­heit nicht als Propa­ganda bezeichnet werden können. Zwischen 1980 und 2000 lag die Zahl der in Israel ange­mel­deten Patente bei 7.652 im Vergleich zu 367 in allen arabi­schen Ländern zusammen. Allein im Jahr 2008 meldeten israe­li­sche Erfinder 9.591 neue Patente an. Die entspre­chende Zahl für den Iran betrug 50 und für alle Länder mit musli­mi­scher Mehr­heit in der Welt 5.657 (Quelle: Niall Ferguson, briti­scher Histo­riker und Poli­tik­wis­sen­schaftler, in Civi­liz­a­tion: The West and the Rest).

Was ist mit Israel? Wie sind die Aussichten für die einzige Demo­kratie im Nahen Osten oder, um es deut­li­cher zu sagen, für das einzige Stück west­li­cher Zivi­li­sa­tion, das in der Region präsent ist? Da es jetzt sogar den Steinen klar ist, dass jeder Frie­dens­plan, der nicht die demo­gra­phi­sche Vernich­tung des jüdi­schen Staates beinhaltet, von den Arabern abge­lehnt werden wird, muss Israel zuerst die Vertei­di­gungs­bar­riere fertig­stellen, die es von den paläs­ti­nen­si­schen Gebieten trennt. Die Mauer, eine veri­table Neuauf­lage des römi­schen Limes, der die klas­si­sche Zivi­li­sa­tion von den Barbaren trennte, ist in vollem Gange und hat bereits hervor­ra­gende Ergeb­nisse beim Blockieren des Eindrin­gens von Terro­risten und ille­galen Einwan­de­rern erzielt. Vom geopo­li­ti­schen Stand­punkt aus gesehen haben die Paläs­ti­nenser hingegen bereits verloren. Von Jorda­nien als Plage, von Ägypten als Gefahr und vom Rest der arabi­schen Welt als nutz­loses Ärgernis betrachtet, haben Arafats geis­tige Erben keinen starken inter­na­tio­nalen Beschützer mehr, wie es die UdSSR (aus oppor­tu­nis­ti­schen Motiven heraus) war. Natür­lich müssen offi­ziell alle Führer der isla­mi­schen Welt weiterhin schlecht über Israel und die zionis­ti­schen Verbre­chen spre­chen, aber die von Trump abge­schlos­senen Abra­ha­mi­schen Abkommen haben endgültig bewiesen, dass Paläs­tina weniger in den Herzen der arabi­schen Welt liegt als in denen der west­li­chen radi­kalen Schi­cki­micki-Salons, wo sie bei Cham­pa­gner und veganen Crou­tons von „Eman­zi­pa­tion der Dritten Welt“ und „zionis­ti­scher Apart­heid“ sprechen.

Wir haben die Demo­grafie erwähnt. Hier liegt die eigent­liche Heraus­for­de­rung für die künf­tige Exis­tenz Israels (und des übrigen Westens, was das betrifft). Heute hat der David­stern-Staat eine Bevöl­ke­rung von 9.364.000, während im Gaza­streifen und im West­jor­dan­land 5.159.000 Paläs­ti­nenser leben. Trotz der beträcht­li­chen Anzahl von Paläs­ti­nen­sern isolieren die Israelis sie dank der Vertei­di­gungs­bar­riere und der Diplo­matie physisch von ihrem eigenen Terri­to­rium. Es ist kein Zufall, dass alle Frie­dens­pläne im Wesent­li­chen an einer einzigen Klausel geschei­tert sind, die von den Arabern gefor­dert wurde: die Möglich­keit für alle Paläs­ti­nenser, nach Selbst­be­schei­ni­gung, umzu­ziehen und Immo­bi­lien in Israel zu erwerben. Wenn dieser Wahn­sinn, der histo­risch und recht­lich weder Kopf noch Schwanz hat, Akzep­tanz fände, würde der Staat Israel inner­halb von fünf Jahren verschwinden.

Doch absur­der­weise sind die tatsäch­li­chen Paläs­ti­nenser nicht die Bedro­hung Nummer eins für die Zukunft der einzigen Demo­kratie im Nahen Osten. Diese Bedro­hung sind, sic et simpli­citer, arabi­sche Israelis, die Nach­kommen der Araber, die 1948 in dem den Juden zuge­wie­senen Gebiet blieben und die die Israelis entgegen der dama­ligen Propa­ganda in Frieden leben ließen (bis zu dem Punkt, dass sie heute die einzige große arabi­sche Gemein­schaft der Welt sind, die in einer echten Demo­kratie lebt, regel­mäßig wählt und die beste arabisch­spra­chige Univer­sität der Welt hat, in der israe­li­schen Stadt Beer­scheba). Wie viele Araber-Israelis gibt es? Etwa 1.890.000, das sind 21 % der natio­nalen Bevöl­ke­rung. Von diesen müssen etwas mehr als 200.000 Beduinen der Negev-Wüste abge­zogen werden, die, obwohl sie Muslime sind, immer wieder erheb­liche Loya­lität gegen­über dem Staat gezeigt haben. Auch die Araber christ­li­cher Reli­gion sind Israel aus offen­sicht­li­chen Gründen dankbar und zugetan: Sie stellen einen Zuwachs von 2% der Gesamt­be­völ­ke­rung dar. Bleiben noch die Arabisch-Isla­misten, also etwa 14%. Obwohl der jüdi­sche Staat seit Jahr­zehnten den stän­digen Wunsch gezeigt hat, sie zu voll­wer­tigen Bürgern zu machen, bleibt die große Mehr­heit von ihnen im Herzen und im Geist Feinde Israels. Bis zu dem Punkt, dass histo­risch gesehen ihre Stimme an die pro-sowje­ti­sche Kommu­nis­ti­sche Partei ging, bis sie vor kurzem eine Verei­nigte Arabi­sche Liste grün­deten, deren Programm im Wesent­li­chen darin besteht, die Massen-„Rückkehr“ der Paläs­ti­nenser zu begüns­tigen. Das heißt, die Zerstö­rung von Israel.

Was tut die Regie­rung in Jeru­salem ange­sichts dieser demo­gra­phi­schen Bedro­hung (arabi­sche Isla­misten haben viele Kinder) und der Bedro­hung durch die Wahlen (Israel verwei­gert nicht einmal denen die Stimme, die die Demo­kratie benutzen, um die Demo­kratie selbst zu zerstören)? Im Wesent­li­chen setzt sie eine kost­spie­lige demo­gra­fi­sche Politik um, die von der größt­mög­li­chen Förde­rung der Einwan­de­rung von Juden, die in der ganzen Welt verstreut sind, bis hin zur Unter­stüt­zung der biolo­gi­schen Repro­duk­tion derer, die bereits vor Ort sind, reicht. Bis jetzt erweist sich diese Politik als recht effektiv, dank der Tatsache, dass die rechten Regie­rungen der letzten dreißig Jahre (fast immer unter der Führung von Benjamin Netan­jahu) sie mit bewun­derns­werter und kost­spie­liger Konse­quenz durchführen.

Ein Knoten bleibt jedoch bestehen. Obwohl die israe­li­sche Demo­grafie zunimmt, wächst auch die Zahl der Paläs­ti­nenser schnell. Außerdem riefen arabi­sche Israelis isla­mi­schen Glau­bens während der Gaza-Krise im Mai 2021 zu einem natio­nalen Streik in Soli­da­rität mit der Hamas auf. Das hat es noch nie gegeben, aber wir sind sicher, dass eine solche Radi­ka­li­sie­rung nur zunehmen wird. Welche Lösungen sind möglich, um Frieden und Sicher­heit für Israel zu garan­tieren? Der Autor glaubt, dass es im Wesent­li­chen nur eine gibt: einen Bevöl­ke­rungs­transfer, d.h. a priori eine klare Grenze zwischen israe­li­schem Terri­to­rium und dem Rest des Nahen Ostens zu ziehen und dann den Groß­teil der Paläs­ti­nenser und isla­misch-arabi­schen Israelis (mit Ausnahme der Beduinen) in den Gaza­streifen, Teile der West­bank und den Sinai (der im Wesent­li­chen leer ist) umzu­sie­deln. Bevor die empörten Linken auf ihre Stühle springen, sollten wir alle daran erin­nern, dass es keinen Mangel an histo­ri­schen Beispielen gibt, auch wenn sie nur in dem bleiben, was viele für das „zivi­li­sierte“ 20. Jahr­hun­dert halten. 1923 einigten sich die Türkei und Grie­chen­land auf einen Bevöl­ke­rungs­aus­tausch, durch den 1.220.000 Hellenen Anato­lien verließen und nach Grie­chen­land zogen, während 400.000 Türken den umge­kehrten Weg gingen. Außerdem sollte nicht vergessen werden, dass nach 1948 etwa 800.000 sephar­di­sche Juden aus allen arabi­schen Ländern als Vergel­tung für den israe­li­schen Sieg im Unab­hän­gig­keits­krieg vertrieben wurden (die west­liche Linke hat auch für sie keine Träne vergossen). Diese Menschen mussten, gegen ihren Willen, mit nur einem Koffer in der Hand in den Westen und meist nach Israel ziehen. Wir werden nicht müde, zu wieder­holen, dass Israel die einzige Demo­kratie im Nahen Osten ist, daher besteht die Gewiss­heit, dass der Transfer der betrof­fenen arabi­schen Bevöl­ke­rung viel besser gehand­habt und huma­ni­tärer wäre als der, der von den arabi­schen Staaten gegen­über den 800.000 Sephardim durch­ge­führt wurde (der statt­dessen in seiner Bruta­lität der Vertrei­bung ähnelte, die die jugo­sla­wi­schen Dalma­tiner durch die Hände der jugo­sla­wi­schen Kommu­nisten erlitten). Nur eine solche Lösung, sicher­lich dras­tisch, aber viel huma­ni­tärer als das stän­dige Herum­tröp­feln von Menschen­leben, die sonst unlösbar wären, könnte eine Zukunft in Frieden garantieren.

Zwei große Schwie­rig­keiten bleiben natür­lich bestehen. Die erste ist, dass die inter­na­tio­nale Gemein­schaft in ihrer Dritte-Welt-Heuchelei noch nicht bereit ist für eine solche endgül­tige und huma­ni­täre Aktion. Wir werden sehen, für wie lange. Die zweite sind die benach­barten arabi­schen Staaten. Es ist unwahr­schein­lich, dass Ägypten akzep­tiert, sich ein paar Millionen Paläs­ti­nenser einzu­ver­leiben, die auf dem besten Weg zum isla­mi­schen Funda­men­ta­lismus sind, und noch unwahr­schein­li­cher ist es, dass es den Gaza­streifen wieder annek­tiert, wie es das 1949 getan hat: Über­be­völ­kert und sehr arm, wäre der Gaza­streifen nur das x‑te Problem­ge­biet, das Kairos Herr­scher zu verwalten hätten. Jorda­nien wiederum wird höchst­wahr­schein­lich nicht akzep­tieren, einen Teil des West­jor­dan­landes wieder an sich zu binden, denn das letzte Mal, als es mit einer großen Gemein­schaft von Paläs­ti­nen­sern zu tun hatte, entfes­selten diese einen Putsch­ver­such, der in einen Bürger­krieg ausar­tete. Wie man sieht, hört die arabi­sche Soli­da­rität mit den Paläs­ti­nen­sern trotz der berech­tigten Sorgen der Nach­bar­staaten plötz­lich auf, wenn diese Gefahr laufen, von anderen Arabern (mit)verwaltet zu werden. Sie würden dann keine Bedro­hung mehr für Israel darstellen. Und damit für den Westen.

Fabio Bozzo
Abschluss in Geschichte mit moderner und zeit­ge­nös­si­scher Adresse an der Univer­sität von Genua. Er ist Essayist und Autor von Ucraina in fiamme. Le radici di una crisi annun­ciata (2016), Dal Regno Unito alla Brexit (2017), Scosse d’as­se­s­ta­mento. „Piccoli“ conflitti dopo la Grande Guerra (2020) e Da Pontida a Roma. Storia della Lega (2020, mit einem Vorwort von Matteo Salvini).

Dieser Beitrag erschien zuerst bei CENTRO MACHIAVELLI, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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