Italien, eine Rimland-Nation, und der Kontinentalblock

Bildquelle: Centro Machiavelli

Von Alfonso Piscitelli

Warum deckt sich histo­risch gesehen das stra­te­gi­sche Inter­esse der italie­ni­schen Halb­insel nicht mit dem des „Konti­nen­tal­blocks“?

Im Mai 1848 tagte in Frank­furt die Deut­sche Natio­nal­ver­samm­lung („Frank­furter Parla­ment“) mit dem Ziel, dem Deut­schen Bund eine libe­rale Verfas­sung zu geben und damit die Schaf­fung eines deut­schen Natio­nal­staates zu beginnen, der das Bürgertum in seine Führungs­schicht einbe­ziehen sollte.

Nach den Aufständen, die Anfang 1848 auch durch Mittel­eu­ropa gegangen waren, waren die Vertreter dieser Versamm­lung im Grunde „selbst erwählt“, aber sie kamen aus allen Teilen des Bundes einschließ­lich Öster­reichs. Zum größten Teil waren sie Anwälte, Juristen, Profes­soren. Die grund­le­gende Spal­tung bestand zwischen den Groß­deut­schen, die ein Groß­deutsch­land wollten, das die habs­bur­gi­schen Herr­schafts­ge­biete einschloss, und den Klein­deut­schen, die ein „Deutsch­land light“ ohne die Öster­rei­cher wollten: eine starke Spal­tung, die letzt­lich zum Schei­tern der Versamm­lung beitrug. Doch in einem Punkt waren sich Groß- und Klein­deut­sche einig: Die Lombardei und Vene­tien, also Ober­ita­lien, sollte im Besitz einer deut­schen Dynastie bleiben und Triest sollte ein deut­scher Hafen an der Adria sein.

Hätte die Versamm­lung das Projekt der germa­ni­schen Eini­gung durch­ge­führt, wäre Italien wahr­schein­lich geteilt, passiv, besetzt geblieben. Erst die Teilung der „Germanen“ – der Habs­burger, der Bayern, der Preußen – machte es möglich, dass 1859 mit entschei­dender fran­zö­si­scher Hilfe die Öster­rei­cher von der Halb­insel vertrieben wurden. Der Konflikt zwischen Preußen und Öster­reich im Jahr 1866 bestimmte die Rück­gabe Vene­tiens an Italien.

Die Wahr­heit ist, dass Italien eine Nation des „Rimland“ ist, also des Küsten­strei­fens, von dem Nicholas John Spykman sprach, und im Falle der Beja­hung einer starken Macht im Zentrum des Konti­nents es riskieren würde, ein Appendix zu werden.

1860 wäre die engli­sche Hilfe wichtig, um die Grün­dung des italie­ni­schen Natio­nal­staates zu voll­enden, aber der Sizi­lianer Fran­cesco Crispi, der der Kopf hinter der „Landung der Tausend“ war, war derje­nige, der, entgegen der anglo-fran­zö­si­schen „intesa cordiale“, den Drei­bund Deutsch­land-Öster­reich-Italien unter­zeich­nete: in der Praxis das diplo­ma­ti­sche Bündnis einer Kontinentalsperre.

Crispi hoffte, dass Italien, wenn es den Konti­nen­tal­mächten den Rücken frei­hielt, in der Lage sein würde, sich im Mittel­meer­raum und in Afrika zu behaupten; doch als Giovanni Giolitti zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts die Deutsch-Öster­rei­cher um Unter­stüt­zung für die italie­ni­sche Expan­sion in Libyen bat, antwor­teten die Partner ableh­nend. Der große mittel­eu­ro­päi­sche Konti­nen­tal­block neigte eher dazu, sich mit einer Politik der Zusam­men­ar­beit mit den Türken in den Nahen Osten auszu­dehnen. Für die Kanz­leien in Berlin und Wien war es somit besser, dass Libyen osma­nisch blieb… Giolitti wandte sich daraufhin an den Westen, bekun­dete seine Unter­stüt­zung für Frank­reich in der Marokko-Frage und erhielt auch von England grünes Licht für den Libyen-Feldzug. Im Ersten Welt­krieg voll­endete Italien sein Risor­gi­mento, indem es sich auf die Seite der West­mächte (aber auch Russ­lands) gegen die deutsch-öster­rei­chi­sche Konti­nen­tal­blo­ckade stellte, die sich bis in die Türkei erstreckte.

Ende der 30er Jahre hingegen trieben die Ressen­ti­ments gegen­über den anglo-fran­zö­si­schen Macht­ha­bern am Pariser Frie­dens­tisch und die (in Wahr­heit recht heuch­le­ri­schen) Sank­tionen der West­mächte des Völker­bundes nach dem Äthio­pi­en­feldzug Italien in die Arme eines Deutsch­lands, das erneut eine große Konti­nen­tal­blo­ckade anstrebte. Das Ergebnis sollte für Italien schreck­lich sein.

Aus den Trüm­mern des verlo­renen Krieges sollte Italien erst in den Jahren des wirt­schaft­li­chen Aufschwungs und des dolce vita wieder auftau­chen, ausge­richtet in einem „atlan­ti­schen“ Bünd­nis­system, mit einer bevor­zugten Bezie­hung zu den USA. In diesen Block ist nun auch der west­liche Teil Deutsch­lands einbe­zogen, unter der Führung des Christ­de­mo­kraten Adenauer, und, viel mehr als Italien, auf ein großes Wirt­schafts­wunder hin projek­tiert. Der Auft­stieg der USA als Super­macht hob die alten Kolo­ni­al­reiche West­eu­ropas – Frank­reich und England – aus den Angeln und ermög­lichte es dem aus dem Krieg besiegt hervor­ge­gan­genen und von einer sehr fragilen Macht­ver­ti­kale geprägten Italien, sich einen eigenen vitalen Raum im Zentrum des Mittel­meers und ein breites Netz freund­schaft­li­cher Bezie­hungen zu schaffen.

Ende der 90er Jahre verur­sachte die Wieder­ver­ei­ni­gung Deutsch­lands statt­dessen einen Aufruhr in Nord­ita­lien, das sich zum konti­nen­talen Zentrum hinge­zogen fühlte; der Euro schuf einen Käfig für unsere Wirt­schaft, die von den Wohl­stands­ex­zessen hätte geheilt werden sollen, aber nicht auf die Gefahr hin, dass sie fremd­be­stimmt wird. Ande­rer­seits haben die Inter­ven­tion auf dem Balkan zu Zeiten Clin­tons, die Kriege im Nahen Osten zu Beginn des Jahr­tau­sends und die Verwüs­tung Libyens durch unsere Verbün­deten im Westen (Frank­reich, England und die USA) das Vertrauen der Öffent­lich­keit in die west­liche Welt unter­graben. Aber nur die Naiven können glauben, dass wir in der Geschichte ein komi­sches Spiel „zwischen Gut und Böse“ spielen, das geogra­phisch verteilt und durch bestimmte Grenzen getrennt ist.

Es bleibt die Tatsache, dass Italien, das im Küsten­streifen Europas (als Teil des Rimlands) posi­tio­niert ist, ein stra­te­gi­sches Inter­esse hat, das sich nicht mit einem „konti­nen­talen Block“ deckt, der sich heute bis zum kommu­nis­ti­schen China auszu­dehnen droht. Dieses Bewusst­sein hindert uns natür­lich nicht daran, alle prag­ma­ti­schen Formen des infra­struk­tu­rellen Konsor­tiums und der wirt­schaft­li­chen Zusam­men­ar­beit mit dem euro­päi­schen Macht­zen­trum zu etablieren, und es hindert uns auch nicht daran, unsere Ratlo­sig­keit über bestimmte Initia­tiven der gegen­wär­tigen ameri­ka­ni­schen Präsi­dent­schaft zum Ausdruck zu bringen, die Gefahr laufen, das diplo­ma­ti­sche Meis­ter­werk von Nixon und Kissinger zunichte zu machen; mit anderen Worten: Russ­land ein für alle Mal an China zu übergeben.


Alfonso Pisci­telli

Arbei­tete für die Tages­zei­tungen „L’In­di­pen­dente“ und „Liberal“, Autor der Sendung „L’Ar­go­nauta“ von Rai Radio Uno, Kolum­nist von „La Verità“, „Il Borghese“, „Primato Nazionale“.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei CENTRO MACHIAVELLI, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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