Kasach­stan: Der andere Holodomor

Die Skulptur "Mutter" (2017) in der Stadt Almaty, die der Opfer der Hungersnot gedenkt · Foto: El Correo de Espoaña

Von Alvaro Peñas *

Die Ukraine feiert den Holo­domor-Gedenktag am vierten Samstag im November. Ein von Stalin provo­zierter Völker­mord durch Hunger an mehr als vier Millionen Menschen, der jahr­zehn­te­lang zum Schweigen gebracht wurde und für den es auch heute noch viele Gegner gibt, die ihn leugnen, als Propa­ganda abstem­peln oder die Hungersnot mit schlechten Witte­rungs­ein­flüssen begründen. Es war indes nicht nur die Ukraine, wo 1932–1933 der Bevöl­ke­rung eine Hungersnot auflegt wurde; Hungers­nöte ereig­neten sich auch an anderen Orten in der ehema­ligen Sowjet­union, jedoch in der Ukraine verschlim­merte die krimi­nelle Politik der Kommu­nisten die Hungersnot noch und führte zu einem regel­rechten Völkermord.

Ein anderer, viel weniger bekannter Ort, an dem die Hungersnot eben­falls zu einem Instru­ment des stali­nis­ti­schen Terrors wurde, ist Kasach­stan. In diesem zentral­asia­ti­schen Land wurden, ebenso wie in der Ukraine, Maßnahmen wie Lebens­mit­tel­be­schlag­nah­mungen und verschärfte Repres­sionen zur Auslö­sung einer Hungersnot genutzt, um Kasach­stan zu sowje­ti­sieren. In ihrem Verlauf wurde die kasa­chi­sche Elite verfolgt und regel­recht ausge­rottet. Dieses Verbre­chen ist unter dem Namen Goloscht­schokin-Völker­mord bekannt.

Filipp Ischa­vitsch Goloscht­schokin, Stalins Henker in Kasachstan

Die von Stalin aufer­legte Kollek­ti­vie­rung traf Ende 1929 in Kasach­stan ein, doch ihre Umset­zung berei­tete mehr Probleme als in anderen Gebieten der UdSSR. Aufgrund seiner Lage in Zentral­asien und seines extre­meren Klimas waren die kasa­chi­schen Noma­den­stämme gezwungen, mit ihrem Vieh je nach Jahres­zeit herum­zu­ziehen. Der nörd­liche Teil des Landes war frucht­barer, während der südliche Teil Wüste war. Es gab nur sehr wenige größere Sied­lungen wie Almaty (Haupt­stadt zu Sowjet­zeiten) am Balkasch-See oder Akmola (später Astana und jetzt Nursultan, die heutige Haupt­stadt), die aus russi­schen Außen­posten in der Zaren­zeit hervor­ge­gangen waren. Stalins Mann in Kasach­stan war der Sekretär des kasa­chi­schen Regio­nal­ko­mi­tees, Filipp Ischa­vitsch Goloscht­schokin. Als Bolschewik der alten Garde war er zwischen 1917 und 1925 Kommissar des Ural- und Tscheka-Sowjets und einer der Orga­ni­sa­toren des Atten­tats auf Zar Niko­laus II. und seine Familie im Juli 1918 in Jeka­te­rin­burg. Wie viele andere Tsche­tschenen fiel Goloscht­schokin den stali­nis­ti­schen Säube­rungen zum Opfer und wurde im Oktober 1939 verhaftet. Er wurde am 28. Oktober 1941 erschossen und 1961 rehabilitiert.

Von Anfang an war es unmög­lich, die Forde­rungen nach Getrei­de­ab­gaben zu erfüllen. Die Beschlag­nah­mungen von Getreide (über eine Million Tonnen im Jahr 1930) und Vieh provo­zierten alle Arten von Protesten, von Ausschrei­tungen bis hin zu Guerilla-Aktionen in der Region Mangy­schlak, minderten jedoch nicht die Forde­rungen der Kommu­nisten. In einem Brief vom 31. Januar 1931 besteht Stalin darauf, dass Goloscht­schokin „die verord­nete Quote von 8 Millionen Tonnen bedin­gungslos einhält“ und verlangt, dass er „alle notwen­digen Maßnahmen ergreift“.

Die „notwen­digen Maßnahmen“ unter­warfen jedoch nicht den Wider­stand der Kasa­chen gegen­über den Beschlag­nah­mungen, und Stalins Reak­tion war gnadenlos. Wie im Falle der Ukraine machte Stalin nicht nur die Kasa­chen für das Schei­tern der Quoten verant­wort­lich, sondern auch die lokalen Kommu­nisten für die Sabo­tage der Kollek­ti­vie­rung und für die Kolla­bo­ra­tion mit den Kulaken (die Kulaken waren die Land­bauern, die die Kollek­ti­vie­rung verwei­gerten und vom Staat zum Klas­sen­feind gemacht wurden). In einem verschlüs­selten Tele­gramm vom 21. November 1932 weist Stalin darauf hin, dass „man sich darüber im Klaren sein muss, dass der Dienst des Volks­kom­mis­sa­riats und die Regio­nal­partei unter solchen Bedin­gungen keinen anderen Weg als den der Repres­sion einschlagen kann, obwohl natür­lich Repres­sion allein nicht ausrei­chen und wir parallel dazu eine breite und syste­ma­ti­sche Propa­gan­da­kam­pagne brauchen.

Goloscht­scho­kins Kampagne begann, wie die in der Ukraine, mit der Verfol­gung der Kulaken und der gewalt­samen Beschlag­nah­mung aller Lebens­mittel. Das Ergebnis war, wie zu erwarten war, eine weit verbrei­tete Hungersnot. In ähnli­cher Weise wurde der 1928 einge­lei­tete Prozess der Sowje­ti­sie­rung, der zur Verfol­gung der kasa­chi­schen Elite führte, fort­ge­setzt. Zahl­reiche Schrift­steller, Dichter, Poli­tiker, Inge­nieure, Histo­riker und Wissen­schaftler wurden hinge­richtet oder in Lagern inter­niert. Auch ihre Fami­lien erlitten das gleiche Schicksal. Viele derer, die diese erste Säube­rung über­lebten, sollten 1937 erneut vor Gericht gestellt und hinge­richtet oder in andere Sowjet­re­pu­bliken verbannt werden.

In Kasach­stan gab es – anders als im Falle der Ukraine – keinen Jour­na­listen wie Gareth Jones, der der Welt enthüllte, was vor sich ging. Es war hingegen eine 19-jährige Russin, Tatiana Neva­dow­skaja, die Tochter eines Exil­leh­rers im kasa­chi­schen Dorf Schym­daulet, die Zeugin der Hungersnot wurde undihr Zeugnis in ihrem Tage­buch „Die schreck­li­chen Hunger­jahre 1932–1933“ hinter­ließ. Fünfzig Jahre später übergab Tatiana ihr Tage­buch dem kasa­chi­schen Zentral­ar­chiv. In anderen Doku­menten ist die Rede davon, dass Bauern geschlagen wurden, weil sie Lebens­mittel aus Kolchosen gestohlen hatten, was oft zum Tod führte, und dass sogar eine Familie um ihre Rationen gebracht und zum Hungertod verur­teilt wurde. Es gab auch Fälle von Kanni­ba­lismus. Ein geheimer Bericht der OGPU (Abkür­zung für „Verei­nigte staat­liche poli­ti­sche Verwal­tung“) vom 31. März 1933 erwähnte die Verhaf­tung einer Frau im Februar, weil sie die Leiche eines 6- oder 7‑jährigen Jungen gekocht und gegessen hatte.

Die Sowjets eröff­neten 11 Sonder­lager (GULAG) in Kasach­stan. Eines von ihnen, heute ein Museum, ist das „Akmo­linsker Lager für Ehefrauen von Heimat­ver­rä­tern“, abge­kürzt Alzhir. Mehr als 10.000 dieser Ehefrauen starben in dem Lager. Der südliche Wüsten­teil des Landes wurde genutzt, um kasa­chi­sche Kulaken und Depor­tierte aus anderen Regionen der UdSSR umzu­sie­deln. In den 1930er Jahren wurden 64.000 ukrai­ni­sche Kula­ken­fa­mi­lien nach Kasach­stan umge­sie­delt, gefolgt von Tsche­tschenen, Ingu­schen, Deut­schen, Korea­nern, Türken, Iranern, Krim­ta­taren und Polen. Nach Angaben des Demo­gra­phen Sergej Maksudow betrug die Zahl der Toten 1.450.000 Kasa­chen oder 34% der dama­ligen Kasa­chen, zu denen noch weitere 100.000 Opfer anderer Natio­na­li­täten hinzu­kamen. Darüber hinaus flohen weitere 700.000 Kasa­chen aus Kasach­stan, haupt­säch­lich nach China. Infol­ge­dessen wurden die Kasa­chen bis in die 1980er Jahre zu einer ethni­schen Minder­heit im eigenen Land.

Kasach­stan begeht jeden 31. Mai den Gedenktag für die Opfer der poli­ti­schen Unter­drü­ckung und des Hungers. An diesem Tag werden die Toten mit verschie­denen Veran­stal­tungen und Blumen­gaben geehrt. Doch ähnlich wie bei der Gewalt­herr­schaft Janu­ko­witschs in der Ukraine ist von Völker­mord keine Rede. Nach dem Fall der UdSSR über­nahm Nursultan Nasar­bajew die Präsi­dent­schaft des Landes. Nasar­bajew blieb 29 Jahre lang an der Macht und gewann alle Präsi­dent­schafts­wahlen mit eindeu­tigen Siegen, bis er 2019 frei­willig zurück­trat und durch Kassym-Jomar Tokajew ersetzt wurde. Die Haupt­stadt des Landes, Astana, änderte zu seinen Ehren ihren Namen in Nursultan. Kasach­stan ist in seiner Politik eng mit Russ­land verbunden, von dem es wirt­schaft­lich abhängig ist und mit dem es am 29. Mai 2014 eine Zoll­union gemeinsam mit Belarus unter­zeichnet hat. Die russi­sche Regie­rung will nichts von Völker­morden hören, die von Stalin, einer in Russ­land zuneh­mend popu­lären Figur, begangen wurden, und vertei­digt die Posi­tion, dass es für die Hungersnot keine poli­ti­sche Absicht gab.

Am 30. Januar 2019 wurde der Doku­men­tar­film „Zulmat: Genozid in Kasach­stan“ des Jour­na­listen Zham­bolat Mamai veröf­fent­licht. Dieser Doku­men­tar­film, der sehr gut aufge­nommen wurde, pran­gerte den Völker­mord durch Hunger am kasa­chi­schen Volk, dessen Exil und die Bombar­die­rung der Bevöl­ke­rung an, weil sie sich den Beschlag­nah­mungen wider­setzt hatte (die verant­wort­li­chen Piloten wurden als „Helden der Sowjet­union“ ausge­zeichnet). Mamai pran­gerte auch die Exis­tenz von Geheim­do­ku­menten in den Händen des Kremls an, die die Ausfüh­rung dieses Verbre­chens bestä­tigten. Die Antwort des russi­schen Außen­mi­nis­te­riums vom 22. Februar war eine offi­zi­elle Erklä­rung „zu den Unter­stel­lungen bezüg­lich der Tragödie, die durch die Hungersnot in der Sowjet­union 1932–1933 verur­sacht wurde“. In der Erklä­rung hieß es, dass die Tragödie auf natür­liche Ursa­chen zurück­zu­führen sei und dass die ergrif­fenen Sofort­maß­nahmen die Situa­tion verschlim­merten. „Wir sind davon über­zeugt, dass die Mani­pu­la­tion histo­ri­scher Fakten mit der natio­na­lis­ti­schen Karte die Völker Zentral­asiens, die mit den Russen brüder­lich verbunden sind, nicht täuschen kann. Wie in der Ukraine werden also dieje­nigen, die die Aner­ken­nung der verbre­che­ri­schen Politik Stalins fordern, als „Natio­na­listen“ gebrandmarkt.

Im Juni dieses Jahres forderten mehrere kasa­chi­sche Abge­ord­nete die Aner­ken­nung der Hungersnot als „von der tota­li­tären Macht der Bolsche­wiki orga­ni­sierten Völker­mord“. Mit den Worten des Abge­ord­neten Berik Djusem­binow: „Solange wir ihren Tod nicht als das aner­kennen, was er wirk­lich war, werden wir unsere Schuld an diesen gequälten Seelen nicht bezahlt haben“. Die Schulden bei den Opfern des Völker­mords von Goloscht­schokin sind noch lange nicht begli­chen, aber wir müssen, wie im Fall der Ukraine, ihre Geschichte bekannt machen.

Quelle: El Correo de España


 

*) Alvaro Peñas

Leiden­schaft­li­cher Geschichts­for­scher und einge­fleischter Reisender. Er kennt die Länder des Ostens, in die er häufig reist, und ihre poli­ti­sche Situa­tion gut, dank seiner Freund­schaft mit Jour­na­listen und Poli­ti­kern der patrio­ti­schen Parteien in vielen dieser Länder.

3 Kommentare

  1. „Die Ukraine feiert den Holo­domor-Gedenktag am vierten Samstag im November. Ein von Stalin provo­zierter Völker­mord durch Hunger an mehr als vier Millionen Menschen, der jahr­zehn­te­lang zum Schweigen gebracht wurde und für den es auch heute noch viele Gegner gibt, die ihn leugnen, als Propa­ganda abstem­peln oder die Hungersnot mit schlechten Witte­rungs­ein­flüsseb begründen.“

    Nicht die Ukraine, sondern die Russen in Russ­land hatten am meisten unter dem Stalin-Terror zu leiden. Die US Ameri­kaner behaupten seit Jahr­zehnten, dass die Russen obrig­keits­hörig seien und deshalb niemals Wider­stand gegen Dikta­toren oder gegen Regie­rungen leisten würden. Das Gegen­teil ist wahr!

    Die Russen und auch hundert­tau­sende Sozia­listen hatten gegen den Stalin-Terror sehr großen Wider­stand geleistet. Genau deshalb gab es auch mehr als 20 Millionen poli­ti­sche Gefan­genen unter Stalin, die aller­meisten von ihnen waren ethni­sche slawi­sche Russen!

  2. Falsche Zahlen:
    In der Ukraine fielen nicht vier, sondern vier­zehn Millionen Menschen diesem Sowjet-Terror zum Opfer. Der dafür verant­wort­liche Kommissar hieß Nikita Khrush­chev, einer der grau­samsten Sowjet-Führer.

    • Zu den Opfer­zahlen gibt es sehr unter­schied­liche Angaben:

      https://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor#Opferzahlen

      »Nach Berech­nungen der Ukrai­ni­schen Akademie der Wissen­schaften, die im November 2008 veröf­fent­licht wurden, betrug die Opfer­zahl in der Ukraine ca. 3,5 Millionen Menschen. Eine Studie ukrai­ni­scher Demo­grafen kommt 2015 auf eine Opfer­zahl von ca. 4,5 Millionen Menschen, bestehend aus 3,9 Millionen direkten Opfern und 0,6 Millionen Gebur­ten­ver­lusten. Andere Schät­zungen gehen von 2,4 Millionen bis 7,5 Millionen Hunger­toten aus. Der briti­sche Histo­riker Robert Conquest bezif­fert die Gesamt­op­fer­zahl auf bis zu 14,5 Millionen Menschen. Hierbei wurden neben den Hunger­toten auch die Opfer der Kollek­ti­vie­rung und Entku­la­ki­sie­rung und der Gebur­ten­ver­lust hinzu­ge­rechnet.

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