Norbert Hofer: Leben nach der Quer­schnitts­läh­mung (Auto­bio­grafie, 12. Kapitel)

12. Was ist wirk­lich wichtig?

Nach einem schweren Unfall wird man von Freunden und Bekannten oft mit der Frage konfron­tiert, ob dieses Ereignis nicht das eigene Leben und die Einstel­lung zum Leben selbst verän­dert. Und es ist tatsäch­lich so, dass man in den vielen Wochen und Monaten im Kran­ken­haus und auf der Reha viel Zeit zum Nach­denken hat und auch sein eigenes Leben hinter­fragt. Erst dann wird oft klar, wie wichtig die persön­li­chen Kontakte sind, wie wesent­lich Wohl­be­finden und Gesund­heit und wie unwichtig all die vielen kleinen Ärger­nisse sind, mit denen man ansonsten tagtäg­lich konfron­tiert ist.

Ich kann mich noch gut daran erin­nern, dass nach den ersten Tagen im Kran­ken­haus mein Vater zu mir kam und mir ein Hörbuch mit dem Titel „Jetzt“ geschenkt hatte. Eckhart Tolle befasst sich in diesem Buch mit dem Element des Augen­blicks und unter­streicht, dass man nicht so sehr in die Zukunft oder die Vergan­gen­heit denken sollte, sondern sich viel mehr mit dem Augen­blick beschäf­tigen müsste. Er macht klar, dass man nicht das ist, was man als perma­nent schwät­zende innere Stimme bezeichnet, sondern dass das eigent­liche Wesen des Menschen dahinter liegt.

Für mich war das damals beson­ders schwer zu verstehen, weil ich ja ausge­rechnet in dieser Phase des Lebens mit den größten Hürden und den elemen­tarsten Sorgen beschäf­tigt war. Ich versuchte trotzdem, mir das Gehörte zu Herzen zu nehmen und mich voll und ganz auf die Jetzt­zeit zu konzen­trieren, auf den Augen­blick, ohne Bewer­tung, ohne Jammern, ohne Zukunfts­angst. Und tatsäch­lich war es so, dass mir diese Ausein­an­der­set­zung mit dem Augen­blick sehr viel weiter geholfen hatte. Ich steckte meine nächsten Ziele ganz klar ab, legte meinen Weg fest und hörte dann auf, perma­nent darüber nach­zu­denken. Es ging vor allem darum, die nächsten Stunden, die nächsten Tage zu meistern.

Gelernt hab ich in dieser Zeit auch, wie wichtig der Begriff Dank­bar­keit ist. Wenn man im Leben tatsäch­lich glück­lich werden will, dann muss man für das Erreichte auch dankbar sein. Da geht es nicht nur um die ganz großen Fragen im Leben wie Part­ner­schaft, Familie, Kinder, Gesund­heit oder Karriere, sondern auch um Dinge wie das Glück in Öster­reich leben zu dürfen, in einem sicheren Land mit intakter Umwelt. Oder das Glück, ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung haben zu können, berufs­tätig sein zu dürfen oder ganz einfach, dass die Kinder eine Schule besu­chen können. Es sind diese erreichten Dinge, die man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen muss.

Wenn es um diese Fragen geht, dann hat der Unfall mit Sicher­heit mein Leben verän­dert. Ich glaube ich kann heute sagen, dass ich trotz der erfah­renen körper­li­chen Einschrän­kungen ein glück­li­cherer Mensch bin als vor meinem großen Unfall. Geän­dert hat sich auch meine Einstel­lung zu den persön­li­chen Kontakten. Ich bemühe mich bei Gesprä­chen ganz auf mein Gegen­über einzu­gehen, genau zu zuhören und mich in die andere Person hinein zu versetzen. Ande­rer­seits achte ich im privaten und persön­li­chen Bereich sehr darauf, mit wem ich meine Zeit verbringe. Nachdem ich tagtäg­lich mit sehr vielen Menschen beruf­lich zu tun habe, habe ich im privaten Bereich meinen Freun­des­kreis verkleinert.

Und noch einen Tipp habe ich für alle Menschen, die mit ihrem Leben nicht zufrieden sind oder mit dem Schick­saal hadern, sei es weil es finan­zi­elle Probleme gibt, sei es weil man glaubt, nicht den rich­tigen Partner gewählt zu haben oder weil es andere Dinge gibt, die Anlass zur Sorge geben. Es ist gut, sich einfach einmal zusammen zu packen und in die Kantine der Reha­bi­li­ta­ti­ons­ein­rich­tung Weißer Hof oder Tobelbad zu fahren und dort mit den Menschen zu spre­chen, die nach einem schweren Unfall oder auf Grund einer ange­bo­renen Behin­de­rung um Verbes­se­rung ihrer körper­li­chen Situa­tion kämpfen.

Diese Gespräche werden mit Sicher­heit dazu führen, dass man die eine oder andere Sorge aus einem völlig anderen Blick­winkel sieht. Nicht alles, was man selbst für wesent­lich erachtet, ist es tatsäch­lich wert, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.

Aber auch in meinem Beruf als Poli­tiker hat der Unfall Spuren hinter­lassen. Und damit meine ich nicht, dass ich jetzt als Behin­der­ten­spre­cher meiner Frak­tion aktiv bin, sondern auch, dass ich im Umgang mit den poli­ti­schen Mitbe­wer­bern wesent­lich mehr Respekt als vorher einbringe. Denn wahr ist in den meisten Fällen auch, dass man trotz unter­schied­li­cher ideo­lo­gi­scher Zugänge doch das gemein­same Ziel haben muss, für Öster­reich und für die Menschen in diesem Land Posi­tives zu bewirken. Und das ist in vielen Fällen nur möglich, wenn Poli­tiker verschie­dener Farben in den ganz wesent­li­chen Berei­chen der poli­ti­schen Ausein­an­der­set­zung auch zusammen arbeiten. Unbe­stritten ist, dass die Demo­kratie auch ein Span­nungs­feld verschie­dener Meinungen benö­tigt. Niemand möchte ein Parla­ment haben, in dem es nur eine einzige Partei und eine Diktatur der Meinungen gibt. Daher ist es eben von hoher Bedeu­tung, dieses Span­nungs­feld und eine Streit­kultur auch als Errun­gen­schaft unserer Gesell­schaft zu sehen. Gleich­zeitig sollte aber ein poli­ti­scher Mitbe­werber nicht persön­lich oder unter der Gürtel­linie ange­griffen werden.

Natür­lich kann man all diese posi­tiven Vorsätze nicht immer im Leben einhalten. Ich mache noch immer unglaub­lich viele Fehler, Tag für Tag. Ich ärgere mich, bin von mir selbst enttäuscht, wütend oder unge­recht. Es ist aber so, dass mir der Unfall eine klarere Rich­tung für das Leben gegeben hat.

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