Ungarn: Kultur­kampf um einen 150 Jahre alten Roman

Eine Schrift­stel­lerin und Dich­terin hat mit Äuße­rungen über den Roman eines Klas­si­kers der unga­ri­schen Lite­ratur eine heftige Kontro­verse ausge­löst. Ihre Forde­rung: Das Werk sollte von der Liste der schu­li­schen Pflicht­lek­türe gestri­chen werden, weil es Frauen eine unter­ge­ord­nete Rolle zuweise.

Im Gespräch mit einem lite­ra­ri­schen Online­portal hat die Schrift­stel­lerin und Dich­terin Krisz­tina Tóth erklärt, dass sie Mór Jókais Roman „Ein Gold­mensch“ (Az arany ember) aus dem Jahr 1872 von der Liste der Bücher strei­chen würde, die 14- bis 15-Jährige lesen müssen. Sie erklärte, dass Jókais Heldinnen gehorsam seien und sich ihren Männern unter­ordnen würden. Im Internet sieht sich Tóth, deren Werke sich nicht nur in Ungarn großer Beliebt­heit erfreuen, sondern auch in Dutzende von Spra­chen über­setzt wurden, nunmehr mit vehe­menten Angriffen, aber auch Apolo­gien konfron­tiert. Das wäre dann wohl eine weitere Front im hier­zu­lande aktuell tobenden Kulturkampf.

In Magyar Nemzet vertei­digt Tamás Pataki Az arany ember gegen „einen Angriff von Seiten der Gender-Ideo­logie“. Er vergleicht Tóths Meinung mit dem Verhalten west­li­cher Kultur­krieger und weist ihre Bedenken zurück, denen zufolge die Lite­ratur eine wich­tige Rolle bei der Ausprä­gung von Einstel­lungen junger Menschen zu anderen Menschen spiele. In Sachen Bezie­hungen zum anderen Geschlecht würden die Jugend­li­chen durch Myriaden von Faktoren beein­flusst, leider am wenigsten von der klas­si­schen Lite­ratur, beklagt Pataki. Traurig, dass Tóth (als eine von mehreren Kolle­ginnen und Kollegen) plane, Schulen zu besu­chen und mit Kindern über Lite­ratur zu sprechen.

Tamás Ónody Gomperz hält Tóths Kritiker für Machos und Reak­tio­näre. In einem Beitrag für Jelen behauptet der Autor, dass sexis­ti­sche Einstel­lungen gegen­über Frauen in Ungarn immer noch weit verbreitet seien. Dabei spielt er auf den Fall eines ehema­ligen Fidesz-Abge­ord­neten und Bürger­meis­ters einer kleinen Ortschaft an, der 2016 wegen Schlägen gegen seine Frau verur­teilt worden war.

Toll, dass die Boule­vard­zei­tungen, statt sich mit porno­gra­fi­schen Meldungen hervor­zutun, nunmehr versu­chen würden, die Aufmerk­sam­keit der Öffent­lich­keit mit Hilfe lite­ra­ri­scher Themen zu erregen, schreibt sarkas­tisch die Schrift­stel­lerin Borbála Szabó auf dem Online­portal 444. In Wirk­lich­keit, so fährt sie fort, gehe es bei dem heftigen Wirbel gar nicht um Lite­ratur. Was derartig viel Leiden­schaft erregt habe, sei – wie stets – die Politik, notiert Szabó.

Quelle: Buda­post


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