Interview mit Márton Gyöngyösi (Jobbik)

Márton Gyöngyösi (Foto: jobbik.hu)

Die Redaktion von Unser Mitteleuropa möchte sich bei Ihnen bedanken, dass Sie sich für dieses Interview bereit erk­lärt haben. Wir möchten mit einer grundle­gen­den Frage begin­nen: Wie wür­den Sie die Jobbik als Partei definieren? Welche Position nimmt sie auf der poli­tis­chen Palette ein?

Márton Gyöngyösi: Eine der wichtig­sten Lehren, die man in der ver­gan­genen Periode aus der europäis­chen und ungarischen Politik ziehen kon­nte, war, dass die tra­di­tionelle Zuordnung der Parteien und ihre Kategorisierung im ide­ol­o­gis­chen oder poli­tis­chen Sinne immer mehr an Bedeutung ver­lieren. Die Jobbik wurde 2003 von jun­gen Leuten mit rechter, kon­ser­v­a­tiver und christlicher Gesinnung gegrün­det und diese Ideen prä­gen nach wie vor unsere Bewegung. Heute wer­den wir aber mit zahlre­ichen neuen Herausforderungen kon­fron­tiert, die mit den alten Begriffen nicht mehr zu beant­worten sind. In Europa erscheinen rei­hen­weise sys­temkri­tis­che Parteien, deren Positionierung auf der poli­tis­chen Palette nach den ide­ol­o­gis­chen Kategorien des 20. Jahrhunderts immer kom­plizierter ist. Die Parteien Syriza, Podemos, Fünf-Sterne-Bewegung und die Alternative für Deutschland sind bin­nen kurzer Zeit unumgängliche Akteure der Politik gewor­den, weil sie statt sich an poli­tis­chen Fehden zu beteili­gen für die Probleme von heute Lösungen gesucht und gefun­den haben. Zwischen diesen Parteien gibt es zahlre­iche Unterschiede, aber sie sind den­noch durch vieles ver­bun­den. Es ist keine Überraschung, dass sich die alten Parteien gegen sie zusam­men­tun und sich zu diesem Zweck not­falls auch über ide­ol­o­gis­che Gegensätze hin­wegset­zen. Aus diesem Grund kön­nen wir get­rost behaupten, dass die größten Unterschiede nicht zwis­chen den rechten und linken poli­tis­chen Seiten, son­dern zwis­chen den Parteien des 20. und 21. Jahrhunderts beste­hen. Die Jobbik kön­nen wir ein­deutig zu den let­zteren zählen. Dank dieser Politik ist die Jobbik in den Kreis der ersten Herausforderer von Fidesz aufgestiegen. Für die Zukunft stimmt uns das Ergebnis einer inter­na­tionalen Umfrage zuver­sichtlich, auf­grund der die Jobbik unter den Jugendlichen mit Abstand die beliebteste Partei ist, die von 53% der 18- bis 35-Jährigen unter­stützt wird.

Unser Mitteleuropa: Im west­lichen Teil Mitteleuropas, im deutschsprachi­gen Raum, sind viele mit der Arbeit von Viktor Orbán und seiner Regierungskoalition Fidesz-KDNP zufrieden. Orbán hat den Grenzzaun gebaut und geht für seine Interessen entschlossen auf Konfrontationskurs mit Brüssel. Warum braucht man dann die Jobbik und worin beste­hen die Unterschiede zwis­chen den bei­den Parteien?

Márton Gyöngyösi: Um den vorheri­gen Gedankengang weit­erzuführen, beste­hen die Unterschiede auf Systemebene. Die Fidesz ähnelt dem Großteil der ungarischen Parteien: Sie wurde zur Zeit des Regimewechsels gegrün­det und etablierte sich nach und nach in der ungarischen Politik. Sie beteiligte sich an der berüchtigten Räuberprivatisierung der 90er Jahre, als das nationale Vermögen zu Spottpreisen ver­scher­belt wurde. Sie ging Hintergrundabsprachen ein, die Ungarn in eine schwierige Lage gebracht haben. Zwischen den Korruptionsgeschäften, die während der Regierungszeit von Fidesz und der Sozialisten blühten, bestanden angesichts der zynis­chen, die Bürger ver­ach­t­en­den Weise der Machtausübung nie wesentliche Unterschiede, auch wenn auf der Oberfläche kün­stlich ent­fachte Diskussionen geführt wur­den, um die Ähnlichkeiten zu ver­tuschen.

Als neue poli­tis­che Kraft war die Jobbik nie an diesen Abläufen beteiligt und wurde entsprechend nicht Teil dieser „Elite“. Bei der Formulierung unserer Botschaften ließen wir uns stets von unserer besten Überzeugung leiten. So forderten wir von Anfang an den Schutz der nationalen Interessen und sprachen uns für einen kon­se­quenten Auftritt gegen die Zuwanderung aus, und dies zu einer Zeit, als Fidesz diese Forderungen noch als Rassismus und Extremismus gebrand­markt hat. Für heute hat sich aber die Lage gewen­det: Die Jobbik wurde die zweit­größte Partei Ungarns und die Fidesz muss sich mit ihr messen. Deshalb ver­sucht sie sich einzel­ner Punkte unseres Programms zu bedi­enen, um unsere Bewegung dadurch zu mar­gin­al­isieren. Dass die Kommunikation von Fidesz par­al­lel mit dem Aufstieg der Jobbik immer radikaler gegenüber Brüssel wurde und dass sie die Gefahr der massen­weise Zuwanderung erkan­nte, unter­stre­ichen zwei Thesen von mir: Einerseits, dass die Jobbik die wichti­gen und richti­gen Fragen gestellt hat, als diese noch von nie­man­dem gestellt wur­den, ander­er­seits, dass die Parteien des 20. Jahrhunderts alles tun wür­den, um die Prozesse zu wen­den und an der Macht zu bleiben. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis es sich her­ausstellt, dass die Ziele von Fidesz nicht die Änderung der EU oder das Stoppen der Zuwanderung sind und ihre Aktionen eher macht­tech­nis­che und kom­mu­nika­tive Griffe sind, die dem Ablassen des Dampfes dienen und keine echte Lösung bieten. Im Gegensatz dazu will die Jobbik eine sys­temüber­greifende, echte, konkrete und langfristige nationale Strategie bieten.

Unser Mitteleuropa: Der Zuwanderungsstrom nach Europa scheint unaufhalt­bar. Was sind die Vorschläge der Jobbik, wie man die Zuwanderer stop­pen kön­nte?

Márton Gyöngyösi: Obwohl die Massenmedien und die Fidesz-Regierung bis 2015 nicht zur Kenntnis nehmen woll­ten, dass immer mehr Zuwanderer nach Mitteleuropa kom­men, hatte die Jobbik bere­its vor Jahren auf die steigende Gefahr aufmerk­sam gemacht. Gleichzeitig haben wir auch eine Lösung geboten und unsere Vorstellungen haben sich seit­dem nicht geän­dert. Im Jahre 2015 war die Errichtung der Grenzsperre, der Aufbau des Zauns die drin­gend­ste Aufgabe. Wir haben uns aber von Anfang an für die Aufstellung der nach dem EU-Beitritt Ungarns aufgelösten Grenzschutztruppen einge­setzt. Nicht zufäl­lig unter­la­gen bis dahin die Überwachung der Grenzen und die damit ver­bun­de­nen Aufgaben einer sep­a­raten Grenzschutzorganisation. Ohne eine selb­ständige Organisation kann die jet­zige kri­tis­che Lage nicht langfristig kon­trol­liert wer­den. Wir erachten es außer­dem als wichtig, dass man die auf Druck der Union abgeschafften Flüchtlingslager wieder her­stellt. Nichts unter­stre­icht ihre Existenzberechtigung mehr als die sich ver­schlechternde öffentliche Sicherheit in der Umgebung der geöffneten Lager und dass zahlre­iche Zuwanderer noch vor der Beurteilung ihres Falles schlicht und ein­fach „tür­men“ und das Land ver­lassen. Den Scheincharakter der Maßnahmen von Fidesz verdeut­licht, dass die Fidesz-Vertreter sich mit keiner unserer Vorschläge ser­iös befassen.

Was ganz Europa bet­rifft, bin ich fest davon überzeugt, dass sich der Ansturm auf Europa nicht mit eini­gen restrik­tiven Maßnahmen stop­pen lässt. Die Alterung unserer Gesellschaften, der Arbeitskräftemangel und der kul­turelle Gesichtsverlust Europas stellen Fragen dar, die einer aktiven und ini­tia­tiven Sozial- und Familienpolitik oder kul­turellen Maßnahmen bedür­fen. Nur auf diese Weise kann näm­lich unser Fortbestehen langfristig gewährleis­tet wer­den.

Unser Mitteleuropa: Was hal­ten Sie von der Vereinbarung zwis­chen der EU und der Türkei, die die Flüchtlingskrise hand­haben soll?

Márton Gyöngyösi: Wir hal­ten diese Vereinbarung aus mehreren Gründen für nicht geeignet. Dieses Abkommen stoppt näm­lich die Zuwanderung der Migranten nach Europa nicht, son­dern es reg­uliert sie höch­stens. Wir ver­fol­gen nicht das Ziel, nur gewisse Gruppen einzu­lassen, son­dern unser Land und den Kontinent zu schützen. Das Abkommen zwis­chen der EU und der Türkei spiegelt nach wie vor die lib­erale Ideenwelt wieder, die die Menschen als Arbeitskräfte, eine Art Bioroboter betra­chtet und sie auss­chließlich danach beurteilt, wie sie mit ger­ing­stem Aufwand größt­möglichen wirtschaftlichen Nutzen erzie­len kön­nen. Diese Anschauung berück­sichtigt weder kul­turelle Fragen noch den wahren Wert der Menschen.

Entgegen dieser Denkweise vertreten wir die Meinung, dass man nicht die Zuwanderung fördern, son­dern den Zuwanderern dazu ver­helfen sollte, ihr Glück zu Hause in ihrer Heimat zu finden. Syrischen und irakischen Flüchtlingen sollte man nicht in Europa, son­dern in ihrer Heimat in Syrien oder dem Irak helfen. Sollte dies wegen Kriege nicht möglich sein, so soll­ten diese Leute möglichst in der Nähe ihrer Länder in friedlichen Regionen betreut und darauf vor­bere­itet wer­den, ihre Heimat nach dem Kriegsende wieder aufzubauen. Für viele stellt gegen­wär­tig die Türkei diese friedliche Region dar, daher hal­ten wir es für wichtig, Ankara mit den Millionen der aufgenomme­nen Flüchtlinge nicht alleine zu lassen. Die Türkei muss mit finanziellen und son­sti­gen Mitteln unter­stützt wer­den, aber keines­falls dürfte man um die Aufnahme von Migranten herum­feilschen.

Unser Mitteleuropa: Die Jobbik muss aus Österreich öfters den Vorwurf über sich erge­hen lassen, dass sie das Burgenland zurück haben will. Hat dieser Vorwurf einen Wahrheitsgehalt und welchen Standpunkt ver­tritt die Jobbik in Bezug auf die von Ungarn abge­tren­nten Gebiete?

Márton Gyöngyösi: Ich habe keine Ahnung, welche von unseren Äußerungen solche Unterstellungen befeuert. Die Jobbik ist eine Partei, die sich nicht nur für die in Ungarn leben­den Menschen, son­dern für alle Ungarn in der Welt ver­ant­wortlich fühlt. Dies gilt ins­beson­dere für die Angehörigen der ungarischen Nation, die in den durch das Friedensdiktat von Trianon abge­tren­nten Regionen leben, da sie bis heute Rechtsverletzungen und Diskriminierung aus­geliefert sind. Es reicht nur daran zu denken, dass die Dekrete, die die Ungarn mit dem Makel der Kollektivschuld brand­marken und das Sprachgesetz, das die Verwendung der ungarischen Sprache mit Geldbuße sank­tion­iert, bis zum heuti­gen Tag ein Teil des slowakischen Rechtssystems bilden. In der Ukraine wer­den junge Leute ungarischer Abstammung an die Front geschickt, in Rumänien sind Belästigungen und Verhaftungen gegen Politiker, die sich für Autonomievorstellungen nach Südtiroler Muster ein­set­zen, auf der Tagesordnung. In Serbien kommt es noch immer vor, dass man auf der Straße ver­prügelt wird, nur weil man ungarisch spricht. Die Jobbik hat gegen diese Vorfälle schon immer ihr Wort erhoben und trat stets für die Gemeinschaftsrechte der Ungarn außer­halb der ungarischen Landesgrenzen ein. Das Schicksal der Ungarn im Burgenland ist im Vergleich dazu ein sehr pos­i­tives Beispiel. Ihre Sprache und kul­turellen Rechte wer­den respek­tiert, in Österreich sind die Leute nicht einer Diskriminierung aus­ge­setzt, nur weil sie ungarischer Abstammung sind.

Ungarn hat 70% seines Staatsgebietes ver­loren und bis heute gibt es kaum Menschen, die keine Verwandten in den benach­barten Ländern hät­ten. Wir denken, dass wir dieser Tragödie gedenken und an sie erin­nern müssen. Es ist unsere Pflicht, der Einheit des Ungartums zu dienen. Gleichzeitig sind wir auch über die Realitäten im Klaren. Was wir für alle Ungarn fordern, ist nicht mehr, was wir auch allen anderen in Ungarn leben­den Nationalitäten, darunter unseren deutschsprachi­gen Mitbürgern garantieren wollen. Eine angemessene Form der Autonomie, die im Fall einer mehrere Hunderttausende umfassenden Gemeinschaft natür­lich anders aus­geprägt ist als im Fall von Gemeinschaften in Streugebieten. Dementsprechend nimmt das Szeklerland eine Sonderstellung ein. Für das über­wiegend von Ungarn bewohnte Szeklerland wün­schen wir eine Autonomie, wie sie in Südtirol gang und gäbe ist. Für die ungarische Minderheit im Burgenland erachten wir hinge­gen die ungarischsprachige Bildung und die kul­turelle Selbstbestimmung als am wichtig­sten und wir kon­sta­tieren es mit größter Freude, dass diese in Österreich garantiert sind.

Unser Mitteleuropa: Einer der größten Handelspartner Ungarns ist Deutschland. Wenn die Jobbik 2018 bei den Wahlen gewin­nen würde, würde sich die Beziehung zwis­chen den bei­den Ländern ändern? Wenn ja, in wieweit?

Márton Gyöngyösi: In der außen­poli­tis­chen Strategie der Jobbik nimmt Deutschland eine Schlüsselposition ein. Deutschland bildet zusam­men mit Russland und der Türkei ein Großmachtdreieck, dessen Mitglieder wir als die wichtig­sten „Nachbarn“ unseres Landes betra­chten. Obwohl wir keine gemein­samen Grenzen haben, über­schnei­den sich die poli­tis­chen und wirtschaftlichen Interessensphären dieser Länder. Folglich hal­ten wir es für wichtig, uns nach einer aus­ge­wo­ge­nen Beziehung zu diesen Ländern zu streben. Deutschland nimmt natür­lich auch unter diesen Ländern eine Sonderstellung ein. Abgesehen von unseren 1000-jähri­gen kul­turellen Beziehungen zum deutschsprachi­gen Raum ist Deutschland Europas führen­des Land und gilt in Mitteleuropa tra­di­tionell als bedeu­tend­ster Machtfaktor.

Wie es um die Beziehungen zwis­chen zwei Ländern bestellt ist, hängt von vie­len Faktoren ab. Selbstverständlich bedarf es des Willens und der Weisheit seit­ens der Regierungen der betrof­fe­nen Länder, um gemein­same Punkte zu finden und sich über eventuelle Konflikte hin­wegset­zen zu kön­nen. In Deutschland sehen wir große Änderungen: Die Jahrzehnte lang durch sta­bile Berechenbarkeit gekennze­ich­nete Innenpolitik wurde aufgewirbelt und in zahlre­ichen Gebieten wur­den aus unserer Sicht inspiri­erende und nüt­zliche Diskussionen in die Wege geleitet. Deshalb wäre es jetzt sehr schwer vorherzusagen, wie die Lage in Deutschland 2018 aussieht und wie die zu diesem Zeitpunkt amtierende deutsche Regierung Ungarn und eine eventuelle Jobbik-Regierung beurteilen wird. Ich kann aber ver­sprechen, dass es nicht an uns liegen wird, die best­mögliche Beziehung zu Deutschland zu pfle­gen. Dies erfordern ja auch unsere gemein­samen wirtschaftlichen und kul­turellen Verbindungen und die poli­tis­che Logik.

Unser Mitteleuropa: Sie haben im Mai an einer Demonstration gegen TTIP teilgenom­men, worüber wir auch berichtet haben. Warum war es für Sie wichtig dabei zu sein?

Márton Gyöngyösi: Ich bin der fes­ten Überzeugung, dass neben der Flüchtlingskrise TTIP und CETA die europäis­chen Staaten vor die größte Herausforderung stellen. Während das Freihandelsabkommen in der deutschsprachi­gen Presse und der öffentlichen Meinung rel­a­tiv große Resonanz findet und, so wie ich es von Ungarn aus beurteilen kann, leb­hafte gesellschaftliche Diskussionen über deren Folgen geführt wer­den, hat kaum einer etwas in Ungarn von diesen Abkommen mit­bekom­men. Das ist keine Überraschung, da Fidesz pein­lich darauf achtet, mit ihrer TTIP unter­stützen­den Politik, die sich kaum mit ihrer kämpferischen Rhetorik vere­in­baren lässt, nicht an die Toleranzgrenze der Öffentlichkeit zu gehen.

Für die Jobbik dient dage­gen das Thema Schutz der nationalen Souveränität nicht nur zur Stimmensammlung, son­dern wir legen viel Wert darauf, die Öffentlichkeit auf die Gefahren von TTIP aufmerk­sam zu machen und die Regierung von ihrer Absicht abzubrin­gen, den Vertrag zu unterze­ich­nen. Aus diesem Grund hat die Jobbik den Vorschlag mit­ge­tra­gen, einen Diskussionstag über TTIP zu ver­anstal­ten und hat aktiv an der Debatte teilgenom­men, um die Öffentlichkeit mit den Folgen des Freihandelsabkommens ver­traut zu machen. Im Kreise der Fidesz, die Amerika und Brüssel regelmäßig ver­bal geißelt, denkt man nicht daran, TTIP nicht zu unter­stützen. Aus meiner Sicht zeigen sich die wahren poli­tis­chen Bruchlinien darin ein­deutig.

Unser Mitteleuropa: Die Jobbik wird von gewis­sen Kreisen immer noch als anti­semi­tis­che Partei dargestellt, obwohl die Partei und Sie dies mehrfach demen­tiert haben. Diese Dementis wur­den in den west­lichen Medien nicht veröf­fentlicht und deswe­gen ver­bre­itet sich vor allem in den deutschsprachi­gen Ländern das alte, falsche Bild von der Jobbik. Was haben Sie vor dage­gen zu unternehmen? Auf dem öster­re­ichis­chen Blog dahamist.at wurde zum Beispiel ein ziem­lich ein­seit­iger Artikel veröf­fentlicht, dem zufolge ein ungarisches Gericht die Jobbik 2014 zu einer anti­semi­tis­chen Partei erk­lärt haben soll. Was denken Sie darüber und warum reagiert die Jobbik nicht ener­gisch und mit dem nöti­gen Nachdruck auf die Schmutzkampagnen im Ausland?

Die Jobbik hat öfters Unterstellungen wider­legt, die gegen die Partei gerichtet wur­den und jeder Grundlage ent­behrten. In vie­len Fällen wer­den Prozesse gegen Presseorgane geführt, die die Partei mit Lügen und Vorurteilen bloßstellen wollen. Die Seriosität der gegen uns geäußerten Anschuldigungen offen­bart sich darin, dass die ungarischen Gerichte uns in diesen Prozessen regelmäßig recht geben. So beschäftigt man sich in den ungarischen Medien immer mehr mit unserer Arbeit im Parlament, unseren Vorschlägen oder eben damit, dass die Mehrheit der ungarischen Jugend die Jobbik unter­stützt. Obwohl weit­er­hin Schmähschriften erscheinen, hat die über­wiegende Mehrheit der Menschen per­sön­liche Erfahrungen mit der Partei und ihrer Arbeit, und so lohnt es sich für nie­man­dem mehr, sich durch Lügen zu diskred­i­tieren.

Im Ausland haben wir es logis­cher­weise schw­erer, da es aus einer Entfernung von mehreren Tausenden Kilometern viel schwieriger ist, die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung zu prüfen. Die west­lichen Medien nutzen dies regelmäßig aus. So erscheinen Artikel über uns, die in Ungarn bere­its vor eini­gen Jahren belächelt wor­den wären. Im Ausland etwas dage­gen zu unternehmen, ist selb­stver­ständlich viel kom­plizierter. Während ein ungarischer Richter sich mit den ungarischen Verhältnissen auskennt und die Gegenpartei zur Richtigstellung verurteilt, hat man im Ausland, wo man die Partei weniger kennt, viel gerin­gere Chancen darauf. Deshalb kann man hem­mungs­los solche Lügen ver­bre­iten, wie das von Ihnen erwäh­nte Urteil aus dem Jahr 2014, das ganz ein­fach gar nicht existiert. Immer mehr Leute inter­essieren sich für wahre Informationen, was zur Folge hat, dass wir immer mehr kor­rekte Journalisten tre­f­fen, die über die Wahrheit berichten möchten.

Unser Mitteleuropa: Die Jobbik erweckt immer den Eindruck, dass sie gerne fre­und­schaftliche oder zumin­d­est informelle Beziehungen zu anderen nationalen Parteien in Mitteleuropa pfle­gen wür­den. Frau Krisztina Morvai, die EP-Abgeordnete von Jobbik, wech­selte in die Fraktion European Alliance of Freedom, was darauf schließen lässt, dass sich ihre Beziehung zur FPÖ oder zum Front National nor­mal­isiert. Wir wis­sen, dass sie wegen einer unglück­lichen Medienkampagne aus der EAF-Fraktion aus­geschlossen wurde. Was ist seit­dem geschehen?

Márton Gyöngyösi: Die Jobbik fühlt sich nicht nur für das Ungartum, son­dern auch für Mitteleuropa und die gesamte europäis­che christliche Zivilisation ver­ant­wortlich. Wir sind überzeugt, dass wir unsere nationale Souveränität inmit­ten des für unsere Zeit charak­ter­is­tis­chen geopoli­tis­chen Strudels nur mit einem breit angelegten mit­teleu­ropäis­chen Zusammenschluss vertei­di­gen kön­nen. In dieser von den Interessen der Großmächte durch­wobe­nen Region kön­nen wir nur dann langfristig fortbeste­hen, wenn wir den östlichen und west­lichen Beeinflussungsversuchen wider­ste­hen. Dies ist aber nur mit einem Zusammenschluss möglich. Die Jobbik ist daher bereit, sich mit allen poli­tis­chen Kräften zusam­men­zuschließen, die sich für den Schutz der nationalen Souveränität und den mit­teleu­ropäis­chen Zusammenschluss ein­set­zen, und dies auch, wenn man sich in einzel­nen Fragen oder hin­sichtlich der ide­ol­o­gis­chen Zugehörigkeit unter­schei­det. Es gibt Fragen, die wir anders beurteilen als die FPÖ, aber wenn wir deswe­gen nicht in der Lage wären, in Fragen, die für Österreich und Ungarn gle­icher­maßen wichtig sind, zusam­men­zuar­beiten, wür­den wir ver­ant­wor­tungs­los poli­tisieren. Wir ken­nen die innen­poli­tis­chen und Medienverhältnisse in Österreich und wis­sen, dass die öster­re­ichis­chen Medien einen voll­ständi­gen Meinungsterror ausüben. In diesem Sinne schreiben wir die schrit­tweise Distanzierung der FPÖ den heuch­lerischen öster­re­ichis­chen innen­poli­tis­chen Verhältnissen und den lügner­ischen Pressemanipulationen zu, die sich mit der Zeit ändern wer­den, da die Kraft der Änderung weder in Ungarn noch in Österreich aufzuhal­ten ist. Wir wün­schen der FPÖ viel Erfolg für die Zukunft, wir wis­sen genau, dass sie in einem schw­eren Gelände beste­hen müssen. Wir wis­sen aber auch, dass früher oder später die Zeit kommt, wenn die nationalen Kräfte in Europa die Überhand bekom­men. Das ist unver­mei­dlich.

 

Márton Gyöngyösi ist Abgeordneter des ungarischen Parlaments, Vizevorsitzender des auswär­ti­gen Ausschusses des Parlaments und außen­poli­tis­cher Leiter der Jobbik. Der 39-jährige Politiker hat am Trinity College Dublin und an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg studiert und arbeit­ete bei den Beratungskonzernen Ernst & Young und KPMG. 2006 schloss er sich der Jobbik an und ist seit 2010 im ungarischen Parlament tätig. In seinen Reden übt Márton Gyöngyösi häu­fig Kritik an der Politik der Orbán-Regierung, an der Funktionsweise der EU und an den TTIP-Verhandlungen.
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