Interview mit Márton Gyöngyösi (Jobbik)

Márton Gyöngyösi (Foto: jobbik.hu)

Die Redaktion von Unser Mitteleuropa möchte sich bei Ihnen bedan­ken, dass Sie sich für die­ses Interview bereit erklärt haben. Wir möch­ten mit einer grund­le­gen­den Frage begin­nen: Wie wür­den Sie die Jobbik als Partei defi­nie­ren? Welche Position nimmt sie auf der poli­ti­schen Palette ein?

Márton Gyöngyösi: Eine der wich­tigs­ten Lehren, die man in der ver­gan­ge­nen Periode aus der euro­päi­schen und unga­ri­schen Politik zie­hen konnte, war, dass die tra­di­tio­nelle Zuordnung der Parteien und ihre Kategorisierung im ideo­lo­gi­schen oder poli­ti­schen Sinne immer mehr an Bedeutung ver­lie­ren. Die Jobbik wurde 2003 von jun­gen Leuten mit rech­ter, kon­ser­va­ti­ver und christ­li­cher Gesinnung gegrün­det und diese Ideen prä­gen nach wie vor unsere Bewegung. Heute wer­den wir aber mit zahl­rei­chen neuen Herausforderungen kon­fron­tiert, die mit den alten Begriffen nicht mehr zu beant­wor­ten sind. In Europa erschei­nen rei­hen­weise sys­tem­kri­ti­sche Parteien, deren Positionierung auf der poli­ti­schen Palette nach den ideo­lo­gi­schen Kategorien des 20. Jahrhunderts immer kom­pli­zier­ter ist. Die Parteien Syriza, Podemos, Fünf-Sterne-Bewegung und die Alternative für Deutschland sind bin­nen kur­zer Zeit unum­gäng­li­che Akteure der Politik gewor­den, weil sie statt sich an poli­ti­schen Fehden zu betei­li­gen für die Probleme von heute Lösungen gesucht und gefun­den haben. Zwischen die­sen Parteien gibt es zahl­rei­che Unterschiede, aber sie sind den­noch durch vie­les ver­bun­den. Es ist keine Überraschung, dass sich die alten Parteien gegen sie zusam­men­tun und sich zu die­sem Zweck not­falls auch über ideo­lo­gi­sche Gegensätze hin­weg­set­zen. Aus die­sem Grund kön­nen wir getrost behaup­ten, dass die größ­ten Unterschiede nicht zwi­schen den rech­ten und lin­ken poli­ti­schen Seiten, son­dern zwi­schen den Parteien des 20. und 21. Jahrhunderts bestehen. Die Jobbik kön­nen wir ein­deu­tig zu den letz­te­ren zäh­len. Dank die­ser Politik ist die Jobbik in den Kreis der ers­ten Herausforderer von Fidesz auf­ge­stie­gen. Für die Zukunft stimmt uns das Ergebnis einer inter­na­tio­na­len Umfrage zuver­sicht­lich, auf­grund der die Jobbik unter den Jugendlichen mit Abstand die belieb­teste Partei ist, die von 53% der 18- bis 35-Jährigen unter­stützt wird.

Unser Mitteleuropa: Im west­li­chen Teil Mitteleuropas, im deutsch­spra­chi­gen Raum, sind viele mit der Arbeit von Viktor Orbán und sei­ner Regierungskoalition Fidesz-KDNP zufrie­den. Orbán hat den Grenzzaun gebaut und geht für seine Interessen ent­schlos­sen auf Konfrontationskurs mit Brüssel. Warum braucht man dann die Jobbik und worin bestehen die Unterschiede zwi­schen den bei­den Parteien?

Márton Gyöngyösi: Um den vor­he­ri­gen Gedankengang wei­ter­zu­füh­ren, bestehen die Unterschiede auf Systemebene. Die Fidesz ähnelt dem Großteil der unga­ri­schen Parteien: Sie wurde zur Zeit des Regimewechsels gegrün­det und eta­blierte sich nach und nach in der unga­ri­schen Politik. Sie betei­ligte sich an der berüch­tig­ten Räuberprivatisierung der 90er Jahre, als das natio­nale Vermögen zu Spottpreisen ver­scher­belt wurde. Sie ging Hintergrundabsprachen ein, die Ungarn in eine schwie­rige Lage gebracht haben. Zwischen den Korruptionsgeschäften, die wäh­rend der Regierungszeit von Fidesz und der Sozialisten blüh­ten, bestan­den ange­sichts der zyni­schen, die Bürger ver­ach­ten­den Weise der Machtausübung nie wesent­li­che Unterschiede, auch wenn auf der Oberfläche künst­lich ent­fachte Diskussionen geführt wur­den, um die Ähnlichkeiten zu ver­tu­schen.

Als neue poli­ti­sche Kraft war die Jobbik nie an die­sen Abläufen betei­ligt und wurde ent­spre­chend nicht Teil die­ser „Elite“. Bei der Formulierung unse­rer Botschaften lie­ßen wir uns stets von unse­rer bes­ten Überzeugung lei­ten. So for­der­ten wir von Anfang an den Schutz der natio­na­len Interessen und spra­chen uns für einen kon­se­quen­ten Auftritt gegen die Zuwanderung aus, und dies zu einer Zeit, als Fidesz diese Forderungen noch als Rassismus und Extremismus gebrand­markt hat. Für heute hat sich aber die Lage gewen­det: Die Jobbik wurde die zweit­größte Partei Ungarns und die Fidesz muss sich mit ihr mes­sen. Deshalb ver­sucht sie sich ein­zel­ner Punkte unse­res Programms zu bedie­nen, um unsere Bewegung dadurch zu mar­gi­na­li­sie­ren. Dass die Kommunikation von Fidesz par­al­lel mit dem Aufstieg der Jobbik immer radi­ka­ler gegen­über Brüssel wurde und dass sie die Gefahr der mas­sen­weise Zuwanderung erkannte, unter­strei­chen zwei Thesen von mir: Einerseits, dass die Jobbik die wich­ti­gen und rich­ti­gen Fragen gestellt hat, als diese noch von nie­man­dem gestellt wur­den, ande­rer­seits, dass die Parteien des 20. Jahrhunderts alles tun wür­den, um die Prozesse zu wen­den und an der Macht zu blei­ben. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis es sich her­aus­stellt, dass die Ziele von Fidesz nicht die Änderung der EU oder das Stoppen der Zuwanderung sind und ihre Aktionen eher macht­tech­ni­sche und kom­mu­ni­ka­tive Griffe sind, die dem Ablassen des Dampfes die­nen und keine echte Lösung bie­ten. Im Gegensatz dazu will die Jobbik eine sys­tem­über­grei­fende, echte, kon­krete und lang­fris­tige natio­nale Strategie bie­ten.

Unser Mitteleuropa: Der Zuwanderungsstrom nach Europa scheint unauf­halt­bar. Was sind die Vorschläge der Jobbik, wie man die Zuwanderer stop­pen könnte?

Márton Gyöngyösi: Obwohl die Massenmedien und die Fidesz-Regierung bis 2015 nicht zur Kenntnis neh­men woll­ten, dass immer mehr Zuwanderer nach Mitteleuropa kom­men, hatte die Jobbik bereits vor Jahren auf die stei­gende Gefahr auf­merk­sam gemacht. Gleichzeitig haben wir auch eine Lösung gebo­ten und unsere Vorstellungen haben sich seit­dem nicht geän­dert. Im Jahre 2015 war die Errichtung der Grenzsperre, der Aufbau des Zauns die drin­gendste Aufgabe. Wir haben uns aber von Anfang an für die Aufstellung der nach dem EU-Beitritt Ungarns auf­ge­lös­ten Grenzschutztruppen ein­ge­setzt. Nicht zufäl­lig unter­la­gen bis dahin die Überwachung der Grenzen und die damit ver­bun­de­nen Aufgaben einer sepa­ra­ten Grenzschutzorganisation. Ohne eine selb­stän­dige Organisation kann die jet­zige kri­ti­sche Lage nicht lang­fris­tig kon­trol­liert wer­den. Wir erach­ten es außer­dem als wich­tig, dass man die auf Druck der Union abge­schaff­ten Flüchtlingslager wie­der her­stellt. Nichts unter­streicht ihre Existenzberechtigung mehr als die sich ver­schlech­ternde öffent­li­che Sicherheit in der Umgebung der geöff­ne­ten Lager und dass zahl­rei­che Zuwanderer noch vor der Beurteilung ihres Falles schlicht und ein­fach „tür­men“ und das Land ver­las­sen. Den Scheincharakter der Maßnahmen von Fidesz ver­deut­licht, dass die Fidesz-Vertreter sich mit kei­ner unse­rer Vorschläge seriös befas­sen.

Was ganz Europa betrifft, bin ich fest davon über­zeugt, dass sich der Ansturm auf Europa nicht mit eini­gen restrik­ti­ven Maßnahmen stop­pen lässt. Die Alterung unse­rer Gesellschaften, der Arbeitskräftemangel und der kul­tu­relle Gesichtsverlust Europas stel­len Fragen dar, die einer akti­ven und initia­ti­ven Sozial- und Familienpolitik oder kul­tu­rel­len Maßnahmen bedür­fen. Nur auf diese Weise kann näm­lich unser Fortbestehen lang­fris­tig gewähr­leis­tet wer­den.

Unser Mitteleuropa: Was hal­ten Sie von der Vereinbarung zwi­schen der EU und der Türkei, die die Flüchtlingskrise hand­ha­ben soll?

Márton Gyöngyösi: Wir hal­ten diese Vereinbarung aus meh­re­ren Gründen für nicht geeig­net. Dieses Abkommen stoppt näm­lich die Zuwanderung der Migranten nach Europa nicht, son­dern es regu­liert sie höchs­tens. Wir ver­fol­gen nicht das Ziel, nur gewisse Gruppen ein­zu­las­sen, son­dern unser Land und den Kontinent zu schüt­zen. Das Abkommen zwi­schen der EU und der Türkei spie­gelt nach wie vor die libe­rale Ideenwelt wie­der, die die Menschen als Arbeitskräfte, eine Art Bioroboter betrach­tet und sie aus­schließ­lich danach beur­teilt, wie sie mit gerings­tem Aufwand größt­mög­li­chen wirt­schaft­li­chen Nutzen erzie­len kön­nen. Diese Anschauung berück­sich­tigt weder kul­tu­relle Fragen noch den wah­ren Wert der Menschen.

Entgegen die­ser Denkweise ver­tre­ten wir die Meinung, dass man nicht die Zuwanderung för­dern, son­dern den Zuwanderern dazu ver­hel­fen sollte, ihr Glück zu Hause in ihrer Heimat zu fin­den. Syrischen und ira­ki­schen Flüchtlingen sollte man nicht in Europa, son­dern in ihrer Heimat in Syrien oder dem Irak hel­fen. Sollte dies wegen Kriege nicht mög­lich sein, so soll­ten diese Leute mög­lichst in der Nähe ihrer Länder in fried­li­chen Regionen betreut und dar­auf vor­be­rei­tet wer­den, ihre Heimat nach dem Kriegsende wie­der auf­zu­bauen. Für viele stellt gegen­wär­tig die Türkei diese fried­li­che Region dar, daher hal­ten wir es für wich­tig, Ankara mit den Millionen der auf­ge­nom­me­nen Flüchtlinge nicht alleine zu las­sen. Die Türkei muss mit finan­zi­el­len und sons­ti­gen Mitteln unter­stützt wer­den, aber kei­nes­falls dürfte man um die Aufnahme von Migranten her­um­feil­schen.

Unser Mitteleuropa: Die Jobbik muss aus Österreich öfters den Vorwurf über sich erge­hen las­sen, dass sie das Burgenland zurück haben will. Hat die­ser Vorwurf einen Wahrheitsgehalt und wel­chen Standpunkt ver­tritt die Jobbik in Bezug auf die von Ungarn abge­trenn­ten Gebiete?

Márton Gyöngyösi: Ich habe keine Ahnung, wel­che von unse­ren Äußerungen sol­che Unterstellungen befeu­ert. Die Jobbik ist eine Partei, die sich nicht nur für die in Ungarn leben­den Menschen, son­dern für alle Ungarn in der Welt ver­ant­wort­lich fühlt. Dies gilt ins­be­son­dere für die Angehörigen der unga­ri­schen Nation, die in den durch das Friedensdiktat von Trianon abge­trenn­ten Regionen leben, da sie bis heute Rechtsverletzungen und Diskriminierung aus­ge­lie­fert sind. Es reicht nur daran zu den­ken, dass die Dekrete, die die Ungarn mit dem Makel der Kollektivschuld brand­mar­ken und das Sprachgesetz, das die Verwendung der unga­ri­schen Sprache mit Geldbuße sank­tio­niert, bis zum heu­ti­gen Tag ein Teil des slo­wa­ki­schen Rechtssystems bil­den. In der Ukraine wer­den junge Leute unga­ri­scher Abstammung an die Front geschickt, in Rumänien sind Belästigungen und Verhaftungen gegen Politiker, die sich für Autonomievorstellungen nach Südtiroler Muster ein­set­zen, auf der Tagesordnung. In Serbien kommt es noch immer vor, dass man auf der Straße ver­prü­gelt wird, nur weil man unga­ri­sch spricht. Die Jobbik hat gegen diese Vorfälle schon immer ihr Wort erho­ben und trat stets für die Gemeinschaftsrechte der Ungarn außer­halb der unga­ri­schen Landesgrenzen ein. Das Schicksal der Ungarn im Burgenland ist im Vergleich dazu ein sehr posi­ti­ves Beispiel. Ihre Sprache und kul­tu­rel­len Rechte wer­den respek­tiert, in Österreich sind die Leute nicht einer Diskriminierung aus­ge­setzt, nur weil sie unga­ri­scher Abstammung sind.

Ungarn hat 70% sei­nes Staatsgebietes ver­lo­ren und bis heute gibt es kaum Menschen, die keine Verwandten in den benach­bar­ten Ländern hät­ten. Wir den­ken, dass wir die­ser Tragödie geden­ken und an sie erin­nern müs­sen. Es ist unsere Pflicht, der Einheit des Ungartums zu die­nen. Gleichzeitig sind wir auch über die Realitäten im Klaren. Was wir für alle Ungarn for­dern, ist nicht mehr, was wir auch allen ande­ren in Ungarn leben­den Nationalitäten, dar­un­ter unse­ren deutsch­spra­chi­gen Mitbürgern garan­tie­ren wol­len. Eine ange­mes­sene Form der Autonomie, die im Fall einer meh­rere Hunderttausende umfas­sen­den Gemeinschaft natür­lich anders aus­ge­prägt ist als im Fall von Gemeinschaften in Streugebieten. Dementsprechend nimmt das Szeklerland eine Sonderstellung ein. Für das über­wie­gend von Ungarn bewohnte Szeklerland wün­schen wir eine Autonomie, wie sie in Südtirol gang und gäbe ist. Für die unga­ri­sche Minderheit im Burgenland erach­ten wir hin­ge­gen die unga­risch­spra­chige Bildung und die kul­tu­relle Selbstbestimmung als am wich­tigs­ten und wir kon­sta­tie­ren es mit größ­ter Freude, dass diese in Österreich garan­tiert sind.

Unser Mitteleuropa: Einer der größ­ten Handelspartner Ungarns ist Deutschland. Wenn die Jobbik 2018 bei den Wahlen gewin­nen würde, würde sich die Beziehung zwi­schen den bei­den Ländern ändern? Wenn ja, in wie­weit?

Márton Gyöngyösi: In der außen­po­li­ti­schen Strategie der Jobbik nimmt Deutschland eine Schlüsselposition ein. Deutschland bil­det zusam­men mit Russland und der Türkei ein Großmachtdreieck, des­sen Mitglieder wir als die wich­tigs­ten „Nachbarn“ unse­res Landes betrach­ten. Obwohl wir keine gemein­sa­men Grenzen haben, über­schnei­den sich die poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Interessensphären die­ser Länder. Folglich hal­ten wir es für wich­tig, uns nach einer aus­ge­wo­ge­nen Beziehung zu die­sen Ländern zu stre­ben. Deutschland nimmt natür­lich auch unter die­sen Ländern eine Sonderstellung ein. Abgesehen von unse­ren 1000-jäh­ri­gen kul­tu­rel­len Beziehungen zum deutsch­spra­chi­gen Raum ist Deutschland Europas füh­ren­des Land und gilt in Mitteleuropa tra­di­tio­nell als bedeu­tends­ter Machtfaktor.

Wie es um die Beziehungen zwi­schen zwei Ländern bestellt ist, hängt von vie­len Faktoren ab. Selbstverständlich bedarf es des Willens und der Weisheit sei­tens der Regierungen der betrof­fe­nen Länder, um gemein­same Punkte zu fin­den und sich über even­tu­elle Konflikte hin­weg­set­zen zu kön­nen. In Deutschland sehen wir große Änderungen: Die Jahrzehnte lang durch sta­bile Berechenbarkeit gekenn­zeich­nete Innenpolitik wurde auf­ge­wir­belt und in zahl­rei­chen Gebieten wur­den aus unse­rer Sicht inspi­rie­rende und nütz­li­che Diskussionen in die Wege gelei­tet. Deshalb wäre es jetzt sehr schwer vor­her­zu­sa­gen, wie die Lage in Deutschland 2018 aus­sieht und wie die zu die­sem Zeitpunkt amtie­rende deut­sche Regierung Ungarn und eine even­tu­elle Jobbik-Regierung beur­tei­len wird. Ich kann aber ver­spre­chen, dass es nicht an uns lie­gen wird, die best­mög­li­che Beziehung zu Deutschland zu pfle­gen. Dies erfor­dern ja auch unsere gemein­sa­men wirt­schaft­li­chen und kul­tu­rel­len Verbindungen und die poli­ti­sche Logik.

Unser Mitteleuropa: Sie haben im Mai an einer Demonstration gegen TTIP teil­ge­nom­men, wor­über wir auch berich­tet haben. Warum war es für Sie wich­tig dabei zu sein?

Márton Gyöngyösi: Ich bin der fes­ten Überzeugung, dass neben der Flüchtlingskrise TTIP und CETA die euro­päi­schen Staaten vor die größte Herausforderung stel­len. Während das Freihandelsabkommen in der deutsch­spra­chi­gen Presse und der öffent­li­chen Meinung rela­tiv große Resonanz fin­det und, so wie ich es von Ungarn aus beur­tei­len kann, leb­hafte gesell­schaft­li­che Diskussionen über deren Folgen geführt wer­den, hat kaum einer etwas in Ungarn von die­sen Abkommen mit­be­kom­men. Das ist keine Überraschung, da Fidesz pein­lich dar­auf ach­tet, mit ihrer TTIP unter­stüt­zen­den Politik, die sich kaum mit ihrer kämp­fe­ri­schen Rhetorik ver­ein­ba­ren lässt, nicht an die Toleranzgrenze der Öffentlichkeit zu gehen.

Für die Jobbik dient dage­gen das Thema Schutz der natio­na­len Souveränität nicht nur zur Stimmensammlung, son­dern wir legen viel Wert dar­auf, die Öffentlichkeit auf die Gefahren von TTIP auf­merk­sam zu machen und die Regierung von ihrer Absicht abzu­brin­gen, den Vertrag zu unter­zeich­nen. Aus die­sem Grund hat die Jobbik den Vorschlag mit­ge­tra­gen, einen Diskussionstag über TTIP zu ver­an­stal­ten und hat aktiv an der Debatte teil­ge­nom­men, um die Öffentlichkeit mit den Folgen des Freihandelsabkommens ver­traut zu machen. Im Kreise der Fidesz, die Amerika und Brüssel regel­mä­ßig ver­bal gei­ßelt, denkt man nicht daran, TTIP nicht zu unter­stüt­zen. Aus mei­ner Sicht zei­gen sich die wah­ren poli­ti­schen Bruchlinien darin ein­deu­tig.

Unser Mitteleuropa: Die Jobbik wird von gewis­sen Kreisen immer noch als anti­se­mi­ti­sche Partei dar­ge­stellt, obwohl die Partei und Sie dies mehr­fach demen­tiert haben. Diese Dementis wur­den in den west­li­chen Medien nicht ver­öf­fent­licht und des­we­gen ver­brei­tet sich vor allem in den deutsch­spra­chi­gen Ländern das alte, fal­sche Bild von der Jobbik. Was haben Sie vor dage­gen zu unter­neh­men? Auf dem öster­rei­chi­schen Blog daha​mist​.at wurde zum Beispiel ein ziem­lich ein­sei­ti­ger Artikel ver­öf­fent­licht, dem zufolge ein unga­ri­sches Gericht die Jobbik 2014 zu einer anti­se­mi­ti­schen Partei erklärt haben soll. Was den­ken Sie dar­über und warum reagiert die Jobbik nicht ener­gi­sch und mit dem nöti­gen Nachdruck auf die Schmutzkampagnen im Ausland?

Die Jobbik hat öfters Unterstellungen wider­legt, die gegen die Partei gerich­tet wur­den und jeder Grundlage ent­behr­ten. In vie­len Fällen wer­den Prozesse gegen Presseorgane geführt, die die Partei mit Lügen und Vorurteilen bloß­stel­len wol­len. Die Seriosität der gegen uns geäu­ßer­ten Anschuldigungen offen­bart sich darin, dass die unga­ri­schen Gerichte uns in die­sen Prozessen regel­mä­ßig recht geben. So beschäf­tigt man sich in den unga­ri­schen Medien immer mehr mit unse­rer Arbeit im Parlament, unse­ren Vorschlägen oder eben damit, dass die Mehrheit der unga­ri­schen Jugend die Jobbik unter­stützt. Obwohl wei­ter­hin Schmähschriften erschei­nen, hat die über­wie­gende Mehrheit der Menschen per­sön­li­che Erfahrungen mit der Partei und ihrer Arbeit, und so lohnt es sich für nie­man­dem mehr, sich durch Lügen zu dis­kre­di­tie­ren.

Im Ausland haben wir es logi­scher­weise schwe­rer, da es aus einer Entfernung von meh­re­ren Tausenden Kilometern viel schwie­ri­ger ist, die Glaubwürdigkeit der Berichterstattung zu prü­fen. Die west­li­chen Medien nut­zen dies regel­mä­ßig aus. So erschei­nen Artikel über uns, die in Ungarn bereits vor eini­gen Jahren belä­chelt wor­den wären. Im Ausland etwas dage­gen zu unter­neh­men, ist selbst­ver­ständ­lich viel kom­pli­zier­ter. Während ein unga­ri­scher Richter sich mit den unga­ri­schen Verhältnissen aus­kennt und die Gegenpartei zur Richtigstellung ver­ur­teilt, hat man im Ausland, wo man die Partei weni­ger kennt, viel gerin­gere Chancen dar­auf. Deshalb kann man hem­mungs­los sol­che Lügen ver­brei­ten, wie das von Ihnen erwähnte Urteil aus dem Jahr 2014, das ganz ein­fach gar nicht exis­tiert. Immer mehr Leute inter­es­sie­ren sich für wahre Informationen, was zur Folge hat, dass wir immer mehr kor­rekte Journalisten tref­fen, die über die Wahrheit berich­ten möch­ten.

Unser Mitteleuropa: Die Jobbik erweckt immer den Eindruck, dass sie gerne freund­schaft­li­che oder zumin­dest infor­melle Beziehungen zu ande­ren natio­na­len Parteien in Mitteleuropa pfle­gen wür­den. Frau Krisztina Morvai, die EP-Abgeordnete von Jobbik, wech­selte in die Fraktion European Alliance of Freedom, was dar­auf schlie­ßen lässt, dass sich ihre Beziehung zur FPÖ oder zum Front National nor­ma­li­siert. Wir wis­sen, dass sie wegen einer unglück­li­chen Medienkampagne aus der EAF-Fraktion aus­ge­schlos­sen wurde. Was ist seit­dem gesche­hen?

Márton Gyöngyösi: Die Jobbik fühlt sich nicht nur für das Ungartum, son­dern auch für Mitteleuropa und die gesamte euro­päi­sche christ­li­che Zivilisation ver­ant­wort­lich. Wir sind über­zeugt, dass wir unsere natio­nale Souveränität inmit­ten des für unsere Zeit cha­rak­te­ris­ti­schen geo­po­li­ti­schen Strudels nur mit einem breit ange­leg­ten mit­tel­eu­ro­päi­schen Zusammenschluss ver­tei­di­gen kön­nen. In die­ser von den Interessen der Großmächte durch­wo­be­nen Region kön­nen wir nur dann lang­fris­tig fort­be­stehen, wenn wir den öst­li­chen und west­li­chen Beeinflussungsversuchen wider­ste­hen. Dies ist aber nur mit einem Zusammenschluss mög­lich. Die Jobbik ist daher bereit, sich mit allen poli­ti­schen Kräften zusam­men­zu­schlie­ßen, die sich für den Schutz der natio­na­len Souveränität und den mit­tel­eu­ro­päi­schen Zusammenschluss ein­set­zen, und dies auch, wenn man sich in ein­zel­nen Fragen oder hin­sicht­lich der ideo­lo­gi­schen Zugehörigkeit unter­schei­det. Es gibt Fragen, die wir anders beur­tei­len als die FPÖ, aber wenn wir des­we­gen nicht in der Lage wären, in Fragen, die für Österreich und Ungarn glei­cher­ma­ßen wich­tig sind, zusam­men­zu­ar­bei­ten, wür­den wir ver­ant­wor­tungs­los poli­ti­sie­ren. Wir ken­nen die innen­po­li­ti­schen und Medienverhältnisse in Österreich und wis­sen, dass die öster­rei­chi­schen Medien einen voll­stän­di­gen Meinungsterror aus­üben. In die­sem Sinne schrei­ben wir die schritt­weise Distanzierung der FPÖ den heuch­le­ri­schen öster­rei­chi­schen innen­po­li­ti­schen Verhältnissen und den lüg­ne­ri­schen Pressemanipulationen zu, die sich mit der Zeit ändern wer­den, da die Kraft der Änderung weder in Ungarn noch in Österreich auf­zu­hal­ten ist. Wir wün­schen der FPÖ viel Erfolg für die Zukunft, wir wis­sen genau, dass sie in einem schwe­ren Gelände bestehen müs­sen. Wir wis­sen aber auch, dass frü­her oder spä­ter die Zeit kommt, wenn die natio­na­len Kräfte in Europa die Überhand bekom­men. Das ist unver­meid­lich.

 

Márton Gyöngyösi ist Abgeordneter des unga­ri­schen Parlaments, Vizevorsitzender des aus­wär­ti­gen Ausschusses des Parlaments und außen­po­li­ti­scher Leiter der Jobbik. Der 39-jäh­rige Politiker hat am Trinity College Dublin und an der Friedrich-Alexander-Universität in Nürnberg stu­diert und arbei­tete bei den Beratungskonzernen Ernst & Young und KPMG. 2006 schloss er sich der Jobbik an und ist seit 2010 im unga­ri­schen Parlament tätig. In sei­nen Reden übt Márton Gyöngyösi häu­fig Kritik an der Politik der Orbán-Regierung, an der Funktionsweise der EU und an den TTIP-Verhandlungen.
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