Das Impe­rium schlägt zurück

Heldenplatz in Budapest · Bildquelle: budapest.varosom.hu

Ein Gast­bei­trag von Zoltán Wodianer-Nemessuri

Erste These: Niemand ist für die Taten seiner Vorfahren verant­wort­lich (weder für die schlechten noch für die guten).

Zweite These: Kein Land ist für die Politik verant­wort­lich, die seine Regie­rungen Jahr­hun­derte oder Jahr­zehnte zuvor betrieben haben. Auch dann nicht, wenn diese mit der Zerstö­rung des Staates – sei es ein skla­ven­trei­bender, ein kommu­nis­ti­scher oder ein nazis­ti­scher – und mit dem Tod zehn­tau­sender Menschen einherging.

Dritte These: Die Zeit vergeht, aber histo­ri­sche Refe­renzen und Asso­zia­tionen nicht

So steht es mit der Groß­reichtra­di­tion und ‑menta­lität, von der sich Europa nach dem Römi­schen Reich, dem Heligen Römi­schen Reich deut­scher Nation und der neuzeit­li­chen Kolo­ni­sa­tion noch immer nicht befreien kann. Und das trotz dessen, dass selbst die am längsten bestehenden Reiche in Erobe­rungs­kriegen, Plün­de­rungen, schweren wirt­schaft­li­chen und kultu­rellen Rück­schritten und schließ­lich dem Zusam­men­bruch endeten. Blutig geschmiedet und blutig zerfallen. Einen blei­benden Wert schufen erst die Natio­nal­staaten, große und kleine glei­cher­maßen. Das Groß­fürs­tentum Toskana, die Repu­blik Venedig, der Kirchen­staat, Frank­reich, England, Irland, die Nieder­lande, Polen oder Ungarn bauten sich auch dann eine eigene Kultur auf, als sie noch um ihre bloßes Bestehen kämpfen mussten. Sie beein­flussten einander, verloren dabei aber nicht ihren Charakter. Sinn­volle Koope­ra­tion ist eine Sache, poli­tisch-ökono­mi­scher Zwang eine andere.

Die Lehren der entste­henden, dahin­sie­chenden und sich auflö­senden Reiche werden gerade deshalb immer wieder aktuell, weil zu viele selbst aus der nahen Vergan­gen­heit nicht lernen.

Seit geraumer Zeit versu­chen viele Leiter und Wort­führer der Euro­päi­schen Union, eine totale Einheit zu erzwingen, für die keine einzige Voraus­set­zung gegeben ist. Verschie­dene Spra­chen, unter­schied­lich weit entwi­ckelte Volks­wirt­schaften, andere geogra­fi­sche Bege­ben­heiten, Menta­li­täten, geschicht­liche und kultu­relle Gewohn­heiten und Sitten, das sind alles Faktoren, von deren Über­win­dung der Konti­nent weit entfernt ist. Trotzdem ist die poli­ti­sche Bühne größ­ten­teils bestimmt von verlo­gener juris­ti­scher und sehr realer finan­zi­eller Erpres­sung, klein­li­chen Deals, sich von Zyklus zu Zyklus durch­schla­genden Zwerg­par­teien und unge­bil­deten Figuren. Was ist für sie schon ein Brexit, eine Pandemie, die kata­stro­phale Verschul­dung der südeu­ro­päi­schen Länder oder die unkon­trol­lierte Migration?

Ihr Problem ist die gefähr­dete unga­ri­sche Rechts­staat­lich­keit, ganz genau Viktor Orbán, der alte Fuchs der inter­na­tio­nalen Politik, der zu vernünftig ist, kennt sich auf der poli­ti­schen Bühne wohl aus.

Er wird überall atta­ckiert, er muss unbe­dingt von der euro­päi­schen (sogar Welt-) Politik entfernt werden. Es gibt einige „nütz­liche Idioten” die in der EU, im Parla­ment gegen Orbán arbeiten, zB seine Lands­damen (die drei Grazien: Cseh, Donáth, Dobrev), dann die EU-Kommis­sarin Věra Jourová, der belei­digte Manfred Weber oder der „Christ­de­mo­krat” Othmar Karas von der öster­rei­chi­schen Volkspartei.

In Öster­reich, dem Heimat­land Karas’, mangelt es nicht an Groß­reich-Tradi­tion. In den Fieber­träumen einiger Poli­tiker dauert seine Aktua­lität bis heute an und reicht über ganz Europa hinweg. 1919 fürch­tete die sozi­al­de­mo­kra­ti­sche Renner-Regie­rung eine Macht­über­nahme der Kommu­nisten und – wie schon in Ungarn geschehen – eine Ausbrei­tung des sowje­ti­schen Einflusses bis nach Öster­reich. Dennoch wurden nach dem Fall der Räte­re­pu­blik die flüch­tenden bolsche­wis­ti­schen Führer aus Ungarn sogleich aufge­nommen. (Das „rote Wien” – Koali­ti­ons­re­gie­rung von SPÖ und NEOS hin oder her – ist nach wie vor keine Überraschung.)

Der Einzug Adolf Hitlers in Wien wurde von andert­halb Millionen Menschen gefeiert. Von den Befehls­ha­bern der kämp­fenden deut­schen Wehr­macht abge­sehen haben sich nicht wenige Öster­rei­cher den Gewalt­or­ga­ni­sa­tionen der Nazis ange­schlossen. Unter ihnen waren der Haupt­ver­ant­wort­liche für die Depor­ta­tion der Juden, Adolf Eich­mann, der SS-Ober­grup­pen­führer Ernst Kalten­brunner, der das Reichs­si­cher­heits­hauptamt (RSHA) leitete, und nicht zuletzt Seyß-Inquart, der Statt­halter, der die Verschlep­pung der hollän­di­schen Juden und die Zwangs­ar­beit von Hundert­tau­senden organisierte.

Karas hat also – wenn auch in weitaus gerin­gerem Maße – etwas, worauf er sich berufen kann. Sein Land musste die Schre­ckens­herr­schaft der ÁVO (der unga­ri­sche Stasi) zum Glück nicht erleben, doch auch trotz mangelnder Geschichts­kenntnis hätte der gute Mann wissen können:

Sowohl bewaff­nete als auch unbe­waff­nete Tyrannei beginnt mit wunder­haften Visionen und schönen Worten.

Der Vorsit­zende der Euro­päi­schen Volks­partei, Manfred Weber, äußert sich mal so und mal so, unter anderem folgen­der­maßen: „Der Haupt­gegner ist das Gespenst des Natio­na­lismus.” Außerdem: „Die Natio­nal­staaten können nur in einem vereinten Europa stark sein.” Zuletzt hatte er dem briti­schen Regie­rungs­chef Boris Johnson mit eleganter Einfach­heit hinge­pfef­fert: „In der heutigen Welt gibt es keine natio­nale Souve­rä­nität. Auch nicht für große Länder in Europa.”

So werden Fünfe gerade.

Von der geschicht­li­chen Asso­zia­tion – sowohl auf das Heilige Römi­sche Reich, als auch auf das Dritte Reich – abge­sehen richtet sich Herr Weber an das Groß­bri­tan­nien, das über Jahr­hun­derte ein wahr­haftes, sich über mehrere Erdteile erstre­ckendes Groß­reich erschaffen und damit – unter anderem – die Welt­herr­schaft der engli­schen Sprache begründet hat. Heute war es jedoch dabei, aus einem wach­senden Reich auszu­treten. Der gute Herr Weber und seine Gesin­nungs­ge­nossen agieren im Namen eines imagi­nären Europas, das mehr als ein geogra­fi­sches Konzept ist.

Ihr Ziel ist viel­mehr die Durch­set­zung bloßer wirt­schaft­li­cher Inter­essen, die Diszi­pli­nie­rung von durch ein halbes Jahr­hun­dert kommu­nis­ti­scher Schre­ckens­herr­schaft geplagten Ländern durch recht­liche Kunst­stücke, die Verküm­me­rung der natio­nalen Kulturen und die Zusam­men­drän­gung devi­anter Minder­heiten mit der riesigen Mehr­heit, wie gewohnt im Namen einer „besseren Zukunft”.

Wo ist die harmo­nisch wett­ei­fernde Viel­far­big­keit der EU geblieben, und ihr ursprüng­li­ches, wahr­haft demo­kra­ti­sches Ziel, die Subsi­dia­rität, nach der Entschei­dungen auf der den Bürgern am nächsten stehenden Ebene getroffen werden sollten? Statt­dessen fördert und finan­ziert die EU die Grün­dung von „Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­tionen”, die von niemandem gewählt werden, um die ihr unlei­digen Regie­rungen zu desta­bi­li­sieren. Das Phänomen Soros ist bloß die Spitze des Eisbergs. Der soge­nannte Deep State bringt sowohl in Übersee als auch in Europa derart enorme Ressourcen in Stel­lung, dass die (bisher noch souve­ränen) Staaten mit ihnen nur mit Müh und Not den Kampf aufnehmen.

Es wird von freier Presse, Staats­an­walt­schaft, Gerichten usw. gepre­digt, und zwar da, wo all dies von den Groß­ka­pi­ta­listen und den aktu­ellen poli­ti­schen Macht­ge­fügen abhängt.

Die Gunst des Volkes ist wech­sel­haft, doch die mit Geld, vor allem mit viel Geld unter­stützten Inter­essen sind es nicht. Überall auf der Welt werden Wahlen stärker von den Massen­me­dien beein­flusst als von der Wirk­lich­keit. Die vom Groß­ka­pital an der Leine gezerrten Main­stream-Nach­richten verfolgen keine erklärten natio­nalen Ziele oder intel­li­gente inter­na­tio­nale Zusam­men­ar­beit, sondern die Inter­essen der Großen gegen­über den Kleinen und Kleinsten. Mit anderen Worten, eine Erneue­rung des jahr­tau­sen­de­alten Kampfes um Seelen und die ungleiche Vertei­lung von Ressourcen und Gütern.

Das unab­hän­gige Ungarn hat seit seiner Grün­dung, seit tausend Jahren keine Erobe­rungs­kriege ange­fangen und an keinen dynas­ti­schen Kämpfen teil­ge­nommen. Es hat sich ledig­lich vertei­digt, um zu bewahren, was es über ein Jahr­tau­send hinweg aufge­baut hat. König Koloman, der Buch­kun­dige (1095–1116), rief vor 900 Jahren unga­risch-kroa­ti­sche Perso­nal­union ins Leben, die 900 Jahre lang, bis zum 1920 Bestand hatte, nach gemein­samem Beschluss der zwei Parteien. 1335 orga­ni­sierte König Karl I. Robert (1310–1342) das Visegráder Königs­treffen mit dem Ziel, die Feind­se­lig­keiten zwischen Böhmen und Polen zu beenden und eine frucht­bare Koope­ra­tion zwischen den drei Ländern zu begründen.

Hinsicht­lich unserer Geschichte ist es (auch) deshalb miss­fällig, dass uns dieje­nigen über Rechts­staat­lich­keit belehren, bei denen die Lehr­ma­te­ria­lien in der Schule, die Erin­ne­rungen der unmit­tel­baren Vorfahren sowie die glor­reiche Vergan­gen­heit alle aus Erobe­rungen und Groß­rei­chen entspringen.

 

Dieser Beitrag erschien zuerst in deut­scher Über­set­zung von Sophia Matteikat bei UNGARNREAL, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.

Der Autor, Zoltán Wodianer-Nemes­suri, ist Schriftsteller.


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