Die Heilige Krone von Ungarn und der Fürstprimas

Die Stefanskrone · Bildquelle: 2022plusz

Der Fürst­primas – damals Jusz­ti­nián György Serédi – wurde während der Verfas­sungs­krise 1944, in den Tagen des Okto­bers, die sich in eine Diktatur verwan­delten, als vorüber­ge­hendes Staats­ober­haupt betrachtet.
 

Der Premier­mi­nister, der Präsi­dent der beiden Kammern des Parla­ments, der Präsi­dent der Kurie, der Präsi­dent des Verwal­tungs­ge­richts und der Ober­be­fehls­haber der Streit­kräfte waren zusammen mit dem Erzbi­schof Mitglieder des Staats­rats, der gemäß Artikel XIX des Gesetzes von 1937 im Falle einer Vakanz im Amt des Reichs­ver­we­sers tagte. Nach dem erzwun­genen Rück­tritt des Reichs­ver­we­sers Miklós Horthy tagte der Natio­nalrat am 27. Oktober und 2. November 1944, als der Fürst­primas Serédi vor der Notwen­dig­keit der Aufrecht­erhal­tung der Rechts­staat­lich­keit warnte.

Minds­zenty war sich seiner Rolle dabei durchaus bewusst und kannte Serédis Vermächtnis gut. Er kannte und schätzte die Geschichte der unga­ri­schen Nation. Seine authen­ti­sche Ausbil­dung im öffent­li­chen Recht verband er mit einem starken Gefühl der Beru­fung. In Ungarn, unter sowje­ti­scher Besat­zung, erkannte er, dass die Vorse­hung ihm eine unaus­weich­liche Pflicht und Mission gegeben hatte, den Dienst am histo­risch-öffent­li­chen Recht und an der christ­li­chen mora­li­schen Gerech­tig­keit. Das war seine Klas­sen­rolle, sowohl als Prälat, der die katho­li­sche Kirche des Landes in der kirch­li­chen Regie­rung vertrat, als auch als Inhaber des einzigen histo­risch-öffent­li­chen Amtes, das im öffent­li­chen Recht, im histo­ri­schen Konsti­tu­tio­na­lismus verwur­zelt war, in einem erzwun­genen repu­bli­ka­ni­schen System, das den Bruch der Konti­nuität des Rechts proklamierte.

Er war über­zeugt, dass mit einem auto­ri­tären Regime keine gute Verein­ba­rung getroffen werden konnte, eine Verein­ba­rung, die einen schweren Verlust für die Kirche und die Nation und einen poli­ti­schen Sieg für die Diktatur bedeu­tete. Deshalb lehnte er prin­zi­pi­en­lose Verein­ba­rungen ab, und diese Über­zeu­gung und seine Haltung wurden von der Geschichte bestätigt.

Nach einigen Auffas­sungen war Minds­zenty nach dem histo­ri­schen unga­ri­schen Staats­recht eine Art zeit­wei­liges, außer­or­dent­li­ches Staats­ober­haupt, das seine Befug­nisse aber nach 1946 nicht mehr tatsäch­lich ausüben konnte, obwohl er in der Vergan­gen­heit entspre­chende Schritte unter­nommen und nie auf seine Rechte als Fürst-Erzbi­schof verzichtet hatte. Er handelte nicht als Kirchen­führer, sondern als öffent­li­cher Würden­träger, als er 1945 versuchte, das Ober­haus einzu­be­rufen, um die zersplit­terte unga­ri­sche Staat­lich­keit wieder­her­zu­stellen. In dieser verbor­genen Eigen­schaft als Staats­ober­haupt bat er um Hilfe, verhan­delte und korre­spon­dierte mit führenden Politikern.

Die Besat­zung und die repu­bli­ka­ni­sche, bürger­lich-demo­kra­ti­sche poli­ti­sche Praxis hatten seine Person jedoch in ein Vakuum gestellt. Bis zu seinem Lebens­ende gab er seine konsti­tu­tio­nelle Rolle nicht auf, was er auch gegen­über Papst Paul VI. betont haben soll, als der Erzbi­schof von Esztergom vom Kirchen­ober­haupt für vakant erklärt wurde und er damit dem kirch­li­chen Konzept der Kádár-Diktatur nachgab. Unter Beibe­hal­tung seiner verfas­sungs­mä­ßigen Rolle appel­lierte József Minds­zenty an eine künf­tige souve­räne unga­ri­sche Natio­nal­ver­samm­lung und verwies die Entschei­dung in diesem Sinne an deren Auto­rität. Nach dem Regime­wechsel sei darüber aber nicht entschieden worden, so diese legi­ti­mis­ti­sche Interpretation.

In der umfang­rei­chen Samm­lung von Doku­menten in Minds­zentys Nach­lass finden sich einige der folgenden komplexen Sätze, die ursprüng­lich auf Englisch geschrieben und dann ins Unga­ri­sche über­setzt wurden, in einem an Papst Paul VI. adres­sierten, aber nicht abge­schickten Brief­ent­wurf auf dem eigenen offi­zi­ellen Titel­pa­pier von Kardinal Minds­zenty, verfasst, datiert und unter­schrieben im Minds­zenty-Archiv in Buda­pest. Wir haben sein Faksi­mile veröf­fent­licht, schreibt der Forschungs­mönch Ádám Somorjai, der es heraus­ge­geben hat, und aus den Reak­tionen können wir sehen, dass seine Inter­pre­ta­tion nicht einfach ist. Dieser Brief ist das letzte Glied in der Korre­spon­denz, die der Entschei­dung von Papst Paul VI. voraus­ging, das Erzbistum Esztergom zwischen dem 1. November 1973 und dem 5. Februar 1974 für vakant zu erklären; seine Entwürfe und Klar­stel­lungen wurden bereits nach der Entschei­dung vorbe­reitet. Datum: 4. März 1974 (oder 3. April).

„Der Tag wird kommen, an dem die Natio­nal­ver­samm­lung den Beschluss von 1974 wider­rufen wird, weil sie ihn für verfas­sungs­widrig, illegal und eine Verlet­zung der Tradi­tion hält, weil die Nation in einer Ange­le­gen­heit, die ihr gehört, über­haupt nicht konsul­tiert wurde. Sein Rück­tritt bedeutet nicht, dass er aufge­hört hat, ein Primas zu sein. Nicht seine Person, sondern das Recht der Nation auf Unab­hän­gig­keit, das sich aus dem gött­li­chen Willen und dem Natur­recht ableitet, zwingt ihn zu einer klaren Stel­lung­nahme und zur Erhal­tung des Amtes des Primas.“

Dieser unge­sandte, aber ordnungs­gemäß unter­zeich­nete Brief ist ein Beweis für Minds­zentys starkes öffent­li­ches Enga­ge­ment, seine Liebe zu seinem Land, sein Gefühl der Beru­fung und seine Über­zeu­gung, dass er der einzige legi­time, d.h. authen­tisch verwur­zelte Würden­träger Ungarns ist, der seine Wurzeln in der histo­ri­schen Verfas­sung hat. Da er dieses Amt – den Status eines Kardinal-Fürsten-Pries­ters – als sowohl kirch­li­chen als auch staat­li­chen Ursprungs und Charak­ters ansieht, vertritt er die Auffas­sung, dass der öffent­lich-recht­liche Kontext und die Gültig­keit seines Amtes trotz seiner frag­wür­digen kirch­li­chen Abset­zung, deren Schicksal von einer verfas­sungs­mäßig legi­ti­mierten Natio­nal­ver­samm­lung abhängt, erhalten bleiben kann.

Es sagt viel über die Spiri­tua­lität des Kardi­nals aus, dass er den Brief nicht abge­schickt hat, offen­sicht­lich wissend, dass dies ein unvor­her­seh­bares Echo im Papsttum und in der inter­na­tio­nalen Gemein­schaft im Zusam­men­hang mit einer päpst­li­chen Entschei­dung hervor­ge­rufen hätte, gegen die es in der Kirche keinen Raum und keine Chance auf Beru­fung gibt. Er sah auch, dass seine beson­dere öffent­liche Posi­tion von den vati­ka­ni­schen Behörden sicher nicht verstanden oder geschätzt werden würde. Noch weniger konnte er eine öffent­lich-recht­liche Lösung dieser Situa­tion in Ungarn erwarten, da diese bis heute nicht möglich ist. Denn dies hätte die Wieder­her­stel­lung der suspen­dierten formalen (insti­tu­tio­nellen) Konti­nuität des Rechts voraus­ge­setzt. Dieser Brief ist ein wich­tiger Beitrag zum besseren Verständnis des Schick­sals von Minds­zenty, der Schwie­rig­keiten seiner Heilig­spre­chung und seiner Wahr­neh­mung durch die unga­ri­sche Kirche und die Histo­riker.… Es ist ein Beweis für seine uner­schüt­ter­liche Loya­lität zur katho­li­schen Kirche und zu seinem Heimat­land Ungarn. Wenn es ein Geheimnis um Minds­zenty gibt, dann ist der Schlüssel dazu diese felsen­feste, für ihn in ihren Elementen unauf­lös­liche Loya­lität, die sich am besten in seiner beson­deren Bezie­hung zur Heiligen Krone zeigt.

Kardinal József Minds­zenty · Foto vom MKPK-Pressedienst

Während des rechts­wid­rigen Verfah­rens gegen ihn in den Jahren 1948–49 hatte der Fürst­primas auch nach den erzwun­genen Evoka­tionen noch die Kraft, gegen den Vorwurf des Umsturzes zu protes­tieren. Er behaup­tete, dass er ein König­reich weder für zeit­gemäß noch für durch­führbar hielt, und machte dieselbe Aussage gegen­über seinem ameri­ka­ni­schen Kardi­nal­ge­fährten Spellman. Minds­zenty zeich­nete sich immer durch seine realis­ti­schen Urteile aus. Er kannte das Gesetz zur Vertei­di­gung der Repu­blik sehr gut. Der Heilige Stuhl hielt es auch für notwendig, im Januar 1949, vor dem Prozess gegen Minds­zenty, als Tatsache fest­zu­stellen, dass der Erzbi­schof zusammen mit dem Episkopat die Demo­kratie wieder­holt akzep­tiert hatte und sie sogar von ganzem Herzen wünschte. Darin steht auch, dass die unga­ri­schen Katho­liken im König­reich tausend Jahre lang gute Katho­liken waren und dass sie auch in der Repu­blik gute Katho­liken bleiben wollen. Er zitiert das Rund­schreiben von Leo XIII. von 1883 (die Libertá): „Die Kirche lehnt keine der verschie­denen Regie­rungs­formen ab, wenn sie an sich geeignet sind, dem Wohl der Bürger zu dienen.

Die Lehre von der Heiligen Krone, ausge­dehnt auf alle Nationen und Bürger, könnte jedoch seiner Ansicht nach den inneren Frieden der christ­li­chen Bruder­völker sichern, den mora­li­schen Inhalt des Zusam­men­le­bens und den gemein­samen Nenner der christ­li­chen Demo­kratie liefern.

József Minds­zenty protes­tierte gegen den ‚Import‘ der Repu­blik In zwei verfas­sungs- und öffent­lich-recht­lich bedeut­samen Briefen legte er sein Veto gegen die Ausru­fung der Repu­blik in der Silves­ter­nacht 1945 und bei der eigent­li­chen Prokla­ma­tion im Jahr 1946 ein. Die Briefe sind die juris­ti­schen Proteste des letzten verfas­sungs­mä­ßigen, öffent­li­chen Reprä­sen­tanten des König­reichs Ungarn gegen die Einfüh­rung der Repu­blik (wie Minds­zenty es ausdrückt, um das rich­tige Bild zu verwenden: „Import“). Er handelte in diesem Fall als öffent­li­cher Würden­träger, da er diese Rolle durch­ge­hend, im Wesent­li­chen bis zu seinem Todestag, beibe­hielt. Dieses öffent­liche Amt war – nach der deut­schen Besat­zung, nach dem Pfeil­kreuz­ler­putsch, während der sowje­ti­schen Besat­zung, in Abwe­sen­heit des Reichs­ver­we­sers, wenn der Erbkönig hand­lungs­un­fähig war – das höchste histo­ri­sche öffent­liche Amt im König­reich Ungarn, gemäß der histo­ri­schen unga­ri­schen Verfassung.

Als Homo regius hätte er theo­re­tisch die Rolle des Staats­ober­hauptes inne­haben können, aber in der Praxis hatte er keine Chance, was er sehr wohl wusste, und sein doppelter Reali­täts­sinn und sein Sendungs­be­wusst­sein machten seine Rolle drama­tisch. Er steht für Lega­lität, verfas­sungs­mä­ßige Konti­nuität und natio­nale Unab­hän­gig­keit – klar auf der Seite des König­tums. Sein Legi­ti­mismus war sozial, national und demo­kra­tisch, auf der Linie von Albert Apponyi, Gyula Andrássy Jr. und Pál Teleki. Später beschrieb ihn Sándor Pető so: „Der Sieg des Legi­ti­mismus würde die alte Verfas­sung wieder­her­stellen, sie vor der germa­ni­schen und pansla­wi­schen Bedro­hung, vor der Errich­tung eines faschis­ti­schen Befehls- und Kontroll­sys­tems schützen und sicher­stellen, dass das unga­ri­sche Volk seine histo­ri­sche Beru­fung erfüllt. Die Essenz dieser Beru­fung ist die poli­ti­sche Orga­ni­sa­tion und der Ausgleich der Völker des Donau­raums für den Frieden Europas.“

„Denn im Falle von József Minds­zenty sind die Unab­hän­gig­keit des König­reichs und die Unab­hän­gig­keit der Nation ein und dasselbe, sie können nicht getrennt werden. Der Fürst­primas war eine Person von vorbild­li­cher Treue zur Dynastie (Haus Habs­burg-Loth­ringen), aber gleich­zeitig ein großer Patriot, der alle Formen von Revo­lu­tion und Diktatur (Kommu­nisten, Pfeil­kreuzler, Nazis) ablehnte. Seine Argu­men­ta­tion, in der er die Repu­blik der fremden Besat­zung und den kolla­bo­rie­renden (in den Worten des Fürst­primas: kolla­bo­rie­renden) demo­kra­ti­schen und linken Regie­rungen ausge­lie­fert und vor das Tribunal der Nation gestellt hat, kann bis heute allen unga­ri­schen Roya­listen als Muni­tion für weitere Über­le­gungen dienen. “

Die Empfänger der Briefe (Zoltán Tildy, damals Minis­ter­prä­si­dent, später Präsi­dent der Ersten Unga­ri­schen Repu­blik; Béla Varga – Mitglied des Natio­nalen Hohen Rates, später Präsi­dent der Natio­nal­ver­samm­lung) antwor­teten dem Fürst­primas nicht; die Ausru­fung der Repu­blik hatte bdereits statt­ge­funden und die voll­stän­dige Aufhe­bung der 1944 suspen­dierten Rechts­kon­ti­nuität war bereits 1946 erfolgt.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei 2022 PLUSZ, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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