Die neue Bedeu­tung des GULAG

Bildquelle: El Correo de España

Von Álvaro Peñas
 
Russ­lands Politik der histo­ri­schen Erin­ne­rung hat allmäh­lich zur Reha­bi­li­tie­rung des Sowjet­kom­mu­nismus geführt. Moti­viert durch die Schaf­fung der Idee eines starken Russ­lands wurde die Rolle der Sowjet­union als Welt­macht und Sieger über den Faschismus reha­bi­li­tiert, wobei all das Leid der Völker, die im realen Sozia­lismus lebten, einschließ­lich Russ­lands, beiseite gelassen wurde. Dieses histo­ri­sche Gedächtnis hat verhin­dert, dass die Tausenden von Namen von Straßen und Plätzen, die den sowje­ti­schen Führern oder Statuen von Lenin gewidmet waren, verschwunden sind. In der Folge wurden sogar Statuen und Büsten von Stalin aufge­stellt und Gedenk­ta­feln oder Denk­mäler für seine Opfer verschwanden. Statuen wurden, zumin­dest vorüber­ge­hend, auch für Stalins fins­tersten Lakaien Lavrenty Beria errichtet. Wenn Stalin ein großer Moder­ni­sierer und Staats­mann war, der Holo­domor die Schuld einer schlechten Ernte war und die Rote Armee während des Zweiten Welt­kriegs keine Verbre­chen beging, war es nur eine Frage der Zeit, bis auch die im GULAG began­genen Verbre­chen in Frage gestellt wurden. Und dieser Zeit­punkt ist nun gekommen.

Seit dem 1. Januar ist ein neues, von Präsi­dent Wladimir Putin geneh­migtes russi­sches Gesetz in Kraft getreten, das den Einsatz von Häft­lingen als Arbeits­kräfte erlaubt und die Einrich­tung von zwei Arten von Arbeits­la­gern vorsieht: ganze Kolo­nien, in denen Häft­linge für den Staat oder für Vertrags­firmen arbeiten, und spezi­elle „Straf­voll­zugs­zen­tren“, die an kommer­zi­elle Stand­orte ange­schlossen sind. Vorher­sehbar hat Putins Oppo­si­tion diese Maßnahme kriti­siert und dieses Gefäng­nis­system mit dem GULAG vergli­chen. Dies hat natür­lich die logi­sche Empö­rung der Anhänger des Kremls hervor­ge­rufen, aber auch einige Medien haben diese Behaup­tungen als über­trieben bezeichnet, sondern gekon­tert, indem sie darauf hinwiesen, dass das von Stalin erdachte GULAG-System gar nicht so war, wie es uns erzählt wurde.

So schreibt beispiels­weise Vikto­riya Niki­fo­rova von der staat­li­chen Nach­rich­ten­agentur Novosti, veröf­fent­licht auf Nach­rich­ten­por­talen wie ria.ru und newizv.ru: „Die Initia­tive des Bundes­kri­mi­nal­amtes, die Arbeits­kraft von inhaf­tierten Bürgern auf Baustellen einzu­setzen, hat einen vorher­seh­baren Hass­aus­bruch der ‚demo­kra­ti­schen Gesell­schaft‘ provo­ziert. Ihrer Meinung nach wird dies ein neuer GULAG oder sogar noch schlimmer“ sein. Die Jour­na­listin meint, die Russen sollten sich, bevor sie diesen Hass­pre­di­gern Glauben schenken, über die realen Bedin­gungen solcher Lager infor­mieren und nicht die weit­ver­brei­teten Mythen über Stalins Lager akzep­tieren, die von Russo­phoben inner­halb und außer­halb Russ­lands verbreitet werden, sondern viel­mehr die realen Bedin­gungen der Lager zu jener Zeit betrachten.

„Der ‚Archipel Gulag‘ war, trotz der Mythen, weit­läufig und viel­fältig. Es gab Lager mit schreck­li­chen Bedin­gungen, aber es gab auch „vorbild­liche“ Lager, wenn man die Zeit und den Ort bedenkt. Man sollte nicht vergessen, wie hoch der allge­meine Lebens­stan­dard in Sowjet­russ­land nach dem Bürger­krieg war. Für die Intel­lek­tu­ellen der Haupt­stadt, für die alten Kauf­leute und für die Kulaken waren die Verhält­nisse auf dem Lande oft ein Alptraum. Aber für den armen Bauern, für den städ­ti­schen Ange­hö­rigen des Lumpen­pro­le­ta­riats und für obdach­lose Kinder, Menschen, die buch­stäb­lich ihr ganzes Leben lang gehun­gert hatten, bot das Arbeits­lager drei Mahl­zeiten am Tag, eine warme Unter­kunft und etwas medi­zi­ni­sche Hilfe.“ Mit anderen Worten, die nega­tive Wahr­neh­mung des Lagers wurde nur von den „Reichen“ vertreten, den Feinden des Volkes, die gezwungen waren, wie die zu leben, die sie zuvor „unter­drückt“ hatten.

„Es war ein mehr oder weniger normales Leben, vergli­chen mit den schwie­ri­geren Umständen der Armen zu dieser Zeit. Ein wich­tiger Teil davon war die Arbeit. Die Skla­ven­ar­beit, der die Häft­linge unter­worfen waren, sei eigent­lich eine Ausbil­dung gewesen, die ihnen in Zukunft einen wirt­schaft­li­chen Aufstieg ermög­lichte, so die Jour­na­listin. „Das Haupt­mittel der Sozia­li­sie­rung nach dem Ende der Strafe war die Spezia­li­sie­rung der Arbeiter. Dies war ein echter „Lebensweg“. Es erlaubte dem ehema­ligen krimi­nellen Element, sich in die Reihen der geset­zes­treuen Bürger einzu­reihen.“ Ja, es gab Exzesse, aber „das Land musste sich um seine Bürger kümmern“.

Diese Aussagen haben bei vielen Russen, vor allem anderen Jour­na­listen, Empö­rung ausge­löst, werden aber auch von breiten Bevöl­ke­rungs­schichten, die sich an die Mytho­lo­gi­sie­rung der Sowjet­dik­tatur gewöhnt haben, zuneh­mend akzep­tiert. Wenn Stalin in Schul­bü­chern gepriesen wird, ist es logisch, seine Gegner als „Volks­feinde“ zu betrachten und die Repres­sionen zu recht­fer­tigen, denen sie ausge­setzt waren. Von dort aus ist es nur noch eine Frage der Zeit und der Enthül­lung weiterer Museen, Statuen und Gedenk­ta­feln, bevor Stalin und seine ganze Verbre­cher­bande auf den Altar gehoben werden und die Millionen von Toten nur noch eine Statistik in irgend­einem Geschichts­buch sind. Niki­fo­rovas Ansichten sind auf dem Weg, offi­zi­elle Wahr­heit zu werden.

 

Álvaro Peñas
Als leiden­schaft­li­cher Geschichts­in­ter­es­sierter und einge­fleischter Reisender kennt er die Länder des Ostens, die er häufig bereist, gut und versteht deren poli­ti­sche Situa­tion dank seiner Freund­schaften mit Jour­na­listen und Poli­ti­kern der patrio­ti­schen Parteien vieler dieser Länder.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei EL CORREO DE ESPAÑA, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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