Kruzifix!

Foto: J. J. Ostalowski

Von Irén Rab *

Vor einem Vier­tel­jahr­hun­dert wandten sich progres­sive Eltern ans deut­sche Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt. Sie bean­tragten, dass das Gremium der roten Talare prüfen möge, ob es den Behörden erlaubt sei, das Aufhängen von Kreuzen in den Bildungs­ein­rich­tungen verbind­lich vorzu­schreiben. Damals hing nämlich das Kreuz in den Schulen über der Tafel, in vielen Fällen sogar ein Kruzifix. Ich selbst habe es bei meinen Schul­be­su­chen in Deutsch­land gesehen und dabei daran gedacht, dass wir früher während des Unter­richts auf das Weizen­kranz­wappen der Unga­ri­schen Volks­re­pu­blik starren durften. In höher­ge­stellten Insti­tu­tionen lächelte uns das Bild des Genossen Lenin an, ergänzt von seinen Zitaten, welche für die Erzie­hung des sozia­lis­ti­schen Menschen­typus uner­läss­lich waren. Hätte jemand nur versucht, sich darüber zu beschweren! Wir lernten lieber die Technik, nichts zu bemerken, obwohl die Symbole ständig dort hingen.

In Deutsch­land geriet das Kreuz 1995 ins Kreuz­feuer, und in seinem fast einstim­migen “Kruzifix”-Urteil erklärte das Verfas­sungs­ge­richt, dass das Aufhängen des Kreuzes gegen Artikel 4 des Grund­ge­setzes, also die Reli­gi­ons­frei­heit, verstoße. Öffent­liche Schulen können nicht zum Kreuz verpflichtet werden. Die progres­siven Eltern waren beru­higt, dass die christ­liche Kirche ihre Kinder nicht umgarnen wird! Damals waren die Progres­siven noch in der Minder­heit und unter den Bayern zum Beispiel gab es kaum jemand von ihnen. In Bayern war es für die Schule legal, den Reli­gi­ons­un­ter­richt von Kindern in Form von Semi­naren sogar Gebeten, Gottes­diensten und christ­li­chen Symbolen zu unter­stützen, das Kreuz sollte an den Wänden jedes Klas­sen­zim­mers hängen.

Das Kruzifix-Urteil löste einen großen Aufschrei aus. Die Bayern sahen darin einen Angriff auf ihr tradi­tio­nelles Welt­bild, inter­pre­tierten das Urteil so, dass Kreuze ab sofort überall verboten und sie damit ihrer Iden­tität geraubt werden. Solche Einschrän­kungen gab es das letzte Mal während der Nazi-Diktatur! Sie gingen auf die Straße, forderten die Aufhe­bung des Urteils und sammelten mehrere Hundert­tau­send Unter­schriften. Die baye­ri­sche Partei, die CSU, ermun­terte den Wider­stand und ihr dama­liger Minis­ter­prä­si­dent Edmund Stoiber stellte sogar fest, dass die Rechte von Minder­heiten zu sehr tole­riert würden, obwohl es eher aufs Lebens­ge­fühl der schwei­genden Mehr­heit wirk­lich ankomme, darauf, dass sie sich in ihrem eigenen Land heimisch fühlen sollten. Im selben Jahr stellte der baye­ri­sche Gesetz­geber fest, dass “der histo­ri­sche und kultu­relle Charakter Bayerns erfor­dert, dass das Kreuz in jedem Klas­sen­zimmer hängt. Der Wille der Mehr­heit muss berück­sich­tigt werden.” So ist es geschehen. Der Schul­leiter muss das Kreuz nur dann entfernen, wenn es das Empfinden von Eltern, Schü­lern oder Lehrern verletzt und Protest dagegen ange­meldet wird. In letzter Zeit übri­gens immer häufiger.

Nun, wenn es kein Kruzifix wäre, sondern bloss ein einfa­ches Kreuz, dann sollte es kein Problem darstellen, dann haben wir es mit einer Art kultu­rellem Symbol zu tun. Schließ­lich sei das Kreuz ebenso Teil der baye­ri­schen Iden­tität wie das Bier oder das Dirndl, es habe keine reli­giösen Inhalte, behaupten die Poli­tiker. Auch Minis­ter­prä­si­dent Markus Söder hängte in München in seinem Amt persön­lich ein großes Kreuz auf, um zu zeigen, dass dort kein reli­giöses Symbol, sondern eine Art baye­ri­sche Iden­tität an der Wand hängt. Reli­giöse Menschen sehen das anders. Das Kreuz ist für sie reli­giöses Symbol, eine Darstel­lung des Leidens und der Macht Christi und muss daher geschützt werden. Nach Ansicht der Gläu­bigen degra­diert das poli­ti­sche Narrativ das Kreuz zum Volks­tracht, als gehörte es zu den anderen Reli­quien ins Museum.

Mögli­cher­weise müsste man sich über den kultu­rell begrün­deten, nach­gie­bi­geren Ansatz freuen. In den aufge­klär­teren nörd­li­chen oder östli­chen Bundes­län­dern sieht es nämlich ganz anders aus. In Berlin zum Beispiel verbannte die rot-rote Stadt­ver­wal­tung 2005 sämt­liche reli­giösen Symbole nicht nur aus den Schulen, sondern für immer aus allen Berei­chen des öffent­li­chen Dienstes. Nicht nur die Darstel­lung des Kreuzes, sondern auch die Verwen­dung eines reli­giösen Symbols bei den Mitar­bei­tern wurden verboten. “Im Dienst dürfen reli­giöse oder welt­an­schau­liche Symbole und Klei­dungs­stücke nicht getragen werden”, so der Berliner Senat. Es ist nun verständ­lich, warum die sog. objektiv-unab­hän­gige unga­ri­sche Presse, welche streng dem west­li­chen Muster folgt, Chef­amts­ärztin Müller für ihr Kreuz am Hals kriti­siert und die Reli­gionen diffa­mie­renden Kari­ka­tu­risten hoch­leben ließ.

Denken wir nicht eine Sekunde, dass dieses so genannte Neutra­li­täts­ge­setz die sich ausbrei­tenden Muslime in güns­ti­gere Lage brächte. Das Gesetz wurde von Athe­isten formu­liert, von denen wir wissen, dass sie gar keinen Gott aner­kennen. Die Verban­nung der Reli­gion aus dem öffent­li­chen Leben bringt sie in eine güns­ti­gere Lage, und natio­nale Statis­tiken zeigen ihren Aufstieg. Vor 75 Jahren erklärten sich 95 Prozent der Bevöl­ke­rung des Nach­kriegs­deutsch­lands christ­lich, 2019 nur noch 52 Prozent. Der stetige Rück­gang beschleu­nigt sich stetig, sogar in der Größen­ord­nung von einer Million pro Jahr. Noch depri­mie­render ist die Zahl der aktiv reli­giös Prak­ti­zie­renden, da nur ein Bruch­teil der Christen regel­mäßig in die Kirche geht. Die Einwan­de­rung erhöht zwar den Anteil der Muslime in der Gesell­schaft, aber die Bedro­hung fürs Chris­tentum bedeuten eher dieje­nigen, die den Glauben verlassen. Sie treten aus der Kirche aus, taufen ihre Kinder nicht, und dann entscheidet das Kind, wenn er aufwächst, welche Reli­gion und welches Geschlecht es haben will. Heute sind 39 Prozent der deut­schen Bevöl­ke­rung reli­gi­onslos, etwa 30 Millionen Menschen, und die Zahl steigt jedes Jahr um die Zahl der Menschen, welche die christ­li­chen Kirchen verlassen. Muslime verlassen den Islam nämlich nicht.

Erst zehn Jahre ist es her, dass Kanz­lerin Merkel das Recht auf Multi­kul­tu­ra­lismus vor der deut­schen Jugend in Frage stellte. Die poli­ti­sche Botschaft ist jetzt eine ganz andere, weil die deut­sche Gesell­schaft multi­kul­tu­rell geworden ist, mit einer Viel­zahl von Reli­gionen und plura­lis­ti­scher Welt­sicht. Die Viel­falt ist schön, – sagen sie – , wenn sich verschie­dene Kulturen gegen­seitig berei­chern. Ja, ich würde zustimmen, aber nicht mit Selbst­auf­gabe von der einen Seite und into­le­ranter Aggres­sion von der anderen. Dass dieje­nigen, die nicht mit uns, gleich gegen uns sind.

Die deut­sche Wieder­ver­ei­ni­gung war vom Stand­punkt der Reli­gion aus betrachtet schäd­lich. Zwei Drittel der Menschen ohne Glauben sind Ostdeut­sche, dort wurde die Ausrot­tung der Reli­gion bereits von den Kommu­nisten voran­ge­trieben. Für die Westler ist diese Erfah­rung unbe­kannt, sie steigen frei­willig in den Zug des progres­siven Libe­ra­lismus ein. Sie erkennen nicht, dass das Ziel das gleiche ist: weg von den tradi­tio­nellen Werten, Glauben, Nation, iden­ti­täts­wah­renden Bräuchen. 

Über­setzt von Andrea Martin  

Quelle: Magyar Hírlap / Ungarn Real


*) Irén Rab ist promo­vierte Kultur­his­to­ri­kerin und studierte unga­ri­sche Philo­logie, Biblio­the­k­wis­sen­schaft und Geschichte sowie Euro­pa­stu­dien an unga­ri­schen Univer­si­täten. 2003–2014 war sie als Dozentin für Hunga­ro­logie an der Univer­sität Göttingen tätig. Bis  2017 lebte sie in Deutsch­land. Seit ihrer Heim­kehr nach Buda­pest beschäf­tigt sie sich weiterhin mit wissen­schaft­li­chen Forschungen und publi­ziert in verschie­denen Zeitungen in Ungarn zum Themen­be­reich Gesell­schafts­po­litik. Sie postet auf ihrem Blog Ungarn-Real regel­mäßig Pro-Ungarn-Artikel aus dem konser­va­tiven Lager.


8 Kommentare

  1. Naja und für den Minis­ter­prä­si­denten von Bayern, Herrn Söder gehört ja der Islam sowieso zu Bayern, also müste man noch einen Halb­mond aufhängen.

  2. Wird gern übersehen:
    Eine Bayri­sche Sonder­re­ge­lung, die von den meisten verschlafen wurde, die per Volks­ent­scheid einge­führte Christ­liche Gemein­schafts­schule. Daß in eine solche Kreuze gehören wie in ein Kran­ken­haus Betten, sollte eigent­lich klar sein. Aber die Progres­siven sind eher von einem revo­lu­tio­nären Geist geprägt mit seinen unan­ge­nehmen Seiten wie Unduld­sam­keit, Recht­ha­berei usw. Modérn hat viel von módern. Alles infrage stellen und Ramsch einführen.

  3. Wenn in einigen Jahren von vielen Moscheen das Gebrüll der diversen Gebete an die Ohren der deut­schen Bevöl­ke­rung dringt, könnte der Wunsch nach den Glocken der Kirchen wieder deut­li­cher werden.

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  4. Wenn man im Dienst kein Kreuz tragen darf, wieso dürfen dann die Muslima Kopf­tuch tragen? Ist das kein reli­giöses Kleidungsstück?

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    • Sie sollten Wissen, dass die weib­li­chen Stein­zeit­gläu­bigen lange für das Grund­recht kämpfen mussten, um einen Stoff­lappen tragen zu dürfen. Zudem hält das Untensil die fettigen Haare und Kopf­läuse von uns fern.

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      • Und eben, die Euro­päer kämpfen nicht für das Chris­tentum, das Europa zu dem gemacht hat, was es vor ca. 20 Jahren einmal war.
        Wenn die Menschen keine persön­liche Liebe zu Jesus ihrem Erlöser mehr haben, werden sie Ihm zuliebe auch keine Tugenden mehr leben, denn das ist anstren­gend und das machen nur sehr wenige aus Einsicht, die meisten können das nur aus Liebe zu einer Person.
        Europa aber ist aufge­baut mit Tugenden und wird rasant abge­rissen ohne Tugenden, dafür mit Laster.
        Als Atheist oder als Moham­me­daner lässt es sich gut im Chris­tentum leben, aber als Moham­me­daner unter Moham­me­daner kommt es zu einer Gesell­schaft, von der selbst die Moham­me­daner wegrennen und als Atheist unter Moham­me­da­nern – das möchte ich mir nicht ausmalen.

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  5. Wer w i r k l i c h reli­giiös ist, tritt sofort aus der Kirche aus – denn Letz­tere steht dafür, den Islam zu verherr­li­chen, obwohl dieser unver­hohlen seine Mord­ab­sichten gegen soge­nannte „Ungläu­bige“ propa­giert. Außerdem decken die Kirchen ihre Kinder­schänder und unter­stützen somit Kindes­miss­brauch und sorgen zudem dafür, dass Deutsch­land mit Ille­galen über­flutet wird. Das Kreuz hat sich leider dahin­ge­hend etabliert, nicht mehr für Jesus, sondern für reine Volks­un­ter­drü­ckung durch die Kirche zu stehen. Ich bin sicher, Jesus würde heut­zu­tage selbst so schnell wie möglich aus der Kirche austreten, wenn er auf diese wider­liche, abseits jeder Reli­gion stehende Macht­zen­trale blicken würde. Wenn er es noch machen würde wie damals, würde er diese Pfaffen und den Papst persön­lich aus ihren Kirchen hinaus­peit­schen. Jeder, der ein Gewissen hat und reli­giös ist, kann die Kirchen nur noch verachten für ihre Schandtaten.
    Die Autorin geht mit Ihrer Sicht sehr an der Realität vorbei – sie kann Reli­gion und Verbre­cher­or­ga­ni­sa­tionen, die auch vor Kindes­miss­brauch und Verrat am eigenen Volk nicht zurück­schre­cken, nicht ausein­an­der­halten. Sie muss endlich einmal zur Kenntnis nehmen: Wo „Gott“ drauf­steht, ist Gott noch lange nicht drin – dessen Name wird nur für alle mögli­chen Schand­taten miss­braucht von Verbre­chern an der Menschheit.

  6. Frau Rab sagt, dass niemand den Islam verlasse. Geht nicht, den ein Hadith (Bukari) sagt: Wer den Glauben verlässt, ist zu töten. Man könnte sagen, dass das wohl die stärkste Säule des Islams ist und den Laden zusammenhält.

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