Viel­falt – mit zwei­erlei Maß

Denkmal der nationalen Zusammengehörigkeit, Budapest. Imre-Steindl-Programm

Von Martin Josef Böhm
 

Nehmen wir das Wort „Viel­falt“ in den Mund und denken indes an Deutsch­land. Uns kommt das bunte Berlin in den Sinn, das inter­na­tio­nale HamburgMenschen jeder Kultur, jeder Haut­farbe, ein wildes Sprach­ge­misch in den Stra­ßen­schluchten der Großstädte.

An zweiter Stelle mag uns das Geschenk unseres föde­ralen Hinter­grundes dämmern: Hanse­städte, Frei­staaten – ein inner­deut­sches Allerlei zwischen Weiß­wurst und Bismarck­he­ring, zwischen nüch­terner nord­deut­scher Back­stein­gotik und bayri­schem Barockprunk.

Globa­li­sierte und euro­päi­sche Multikulturalität

Deutsch­land ist nicht allein durch seine Einwan­de­rung multi­kul­tu­rell, viel­mehr war es schon seit jeher ein poly­mor­phes Gebilde seiner deut­schen Kulturen. Aber wohl nur Wenigen fallen die auto­chthonen Minder­heiten der Bundes­re­pu­blik ein, so etwa die Sorben, die Südschles­wiger Dänen, die deut­schen Sinti und Roma oder auch die Friesen. Über diese seit Jahr­hun­derten hier lebenden Völker wird wenig gespro­chen, auch weil sie zahlen­mäßig deut­lich kleiner sind, als die Minder­heiten, die sich durch die Zuwan­de­rung der letzten Jahre und Jahr­zehnte in Deutsch­land ansie­delten. Allein die in Berlin lebenden Türken, mehr als 200.000, sind so zahl­reich wie die vier genannten natio­nalen Minder­heiten zusammen. Deutsch­land ist mitt­ler­weile ein Land der modernen, globa­li­sierten Multikulturalität.

Wenden wir unseren Blick dahin­gegen gen Osten, in die Nach­fol­ge­länder des Habs­burg-Viel­völ­ker­staates, ergibt sich ein anderes Bild – das eines herkömm­li­chen, euro­päi­schen Multikulturalismus.

Die größte in Mittel­eu­ropa lebende Minder­heit – neben den Roma – bilden die seit rund tausend­ein­hun­dert Jahren dort siedelnden Ungarn.

Die Auslandsun­garn

Infolge des Trianon-Vertrages vom 4. Juni 1920 war Ungarn gezwungen, nicht nur mehr als zwei Drittel seines Terri­to­riums abzu­treten, sondern verlor auch einen beträcht­li­chen Teil seiner magya­ri­schen Bevöl­ke­rung. Fortan lebten mehr als drei Millionen Ungarn in Rumä­nienin der Sowjet­union (heute in der Ukraine), in der Tsche­cho­slo­wakei (später in der Slowakei) sowie im König­reich Jugo­sla­wien (heute in erster Linie in Serbien, aber auch in Kroa­tien und Slowenien).

101 Jahre später ist die Zahl der in den jewei­ligen Staaten lebenden Ungarn – trotz des allge­meinen Bevöl­ke­rungs­an­stieges im 20. Jahr­hun­dert – um etwa eine Million auf zwischen zwei und zwei­ein­halb Millionen geschrumpft, die Tendenz ist weiterhin fallend. Mehr als die Hälfte der Auslandsun­garn lebt in Rumä­nien, knapp eine halbe Million in der Slowakei, etwa 250.000 in der serbi­schen Wojwo­dina sowie um die 150.000 in der Karpatenukraine.

Reist man etwa in das ziem­lich homogen unga­ri­sche Szekler­land in Sieben­bürgen oder in das an Ungarn gren­zende Gebiet in der Ukraine, empfangen einen zwei­spra­chige Orts­schilder und römisch-katho­li­sche, protes­tan­ti­sche oder unita­ri­sche Kirchen­türme – weniger, wie viel­leicht von vielen west­eu­ro­päi­schen Touristen erwartet, Zwie­bel­türme ortho­doxer Kathedralen.

Fried­li­ches Neben­ein­ander in Gefahr

Durch die Ungarn lebt Mittel­eu­ropa in den sonst ost- und südost­eu­ro­pä­isch geprägten Kulturen Serbiens, Rumä­niens und der Ukraine weiter.

Zugleich gefährden die wieder­keh­renden antimagya­ri­schen Äuße­rungen vonseiten hoher Amts­träger – wie etwa die Worte des rumä­ni­schen Präsi­denten Klaus Johannis, der im Mai 2020 die Ungarn Rumä­niens der Bestre­bung nach Sezes­sion bezich­tigte – das fried­liche Neben­ein­ander der Völker Mitteleuropas.

Zudem offen­bart sich gerade in der Ukraine, wo der Bevöl­ke­rungs­schwund der Ungarn dras­ti­scher als in den anderen genannten Staaten erfolgt ist,

die Lage der Ungarn seit einigen Jahren als tatsäch­lich besorgniserregend.

Die poli­ti­sche Atmo­sphäre des Landes schafft eine den Minder­heiten gegen­über feind­liche Stim­mung: Im Januar dieses Jahres, kurz vor dem Besuch des unga­ri­schen Außen­mi­nis­ters Péter Szij­jártó in Kiew, drohten ukrai­ni­sche Rechts­ex­tre­misten den trans­kar­pa­ti­schen Ungarn mit einem Blutbad.

Vor drei Jahren wurde sogar ein unga­ri­sches Kultur­haus in Brand gesetzt.

Antimagya­ri­sche Schmie­re­reien, Pöbe­leien und Droh­briefe kommen regel­mäßig vor.

Zudem lastet vonseiten der ukrai­ni­schen Politik mindes­tens seit dem Krieg im Osten des Landes ein erhöhter Druck auf allen Nicht-Ukrai­nern. In diesem Zeichen steht neben dem Bildungs­ge­setz, welches die Margi­na­li­sie­rung anderer Spra­chen neben dem Ukrai­ni­schen im Bildungs­wesen vorsieht, auch eine jüngere konkret diskri­mi­nie­rende Maßnahme: Einer Verord­nung aus dem März 2021 gemäß dürfen Personen mit doppelter Staats­bür­ger­schaft – was auf die Mehr­heit der Ungarn der Karpa­ten­ukraine zutrifft – keine öffent­li­chen Ämter mehr bekleiden.

Bei aller Aner­ken­nung der deut­schen Presse für den Souve­rä­ni­täts­kampf der Ukrainer und der damit verbun­denen Hinwen­dung gen Westen verkennt man die natio­na­lis­ti­schen, den euro­päi­schen Werten diame­tral entge­gen­ste­henden Fahr­wasser, in denen die ukrai­ni­sche Minder­hei­ten­po­litik derzeit rudert. Auch in Rumä­nien ist das Verhältnis zur unga­ri­schen Minder­heit bisweilen ange­spannt, doch – da sind sich die Auslandsun­garn meis­tens einig – gestaltet sich ihre Situa­tion in der Ukraine am schwierigsten.

Part­ner­schaft­li­ches Mitteleuropa

Während­dessen tut die unga­ri­sche Regie­rung ihr Bestes, um die Auslandsun­garn durch finan­zi­elle und ideelle Zuwen­dungen beim Erhalt ihrer Kultur zu unter­stützen – und bis zum heutigen Tage ist mir kein Ungar fernab der Grenze begegnet, der diese Unter­stüt­zung nicht befür­worten würde.

Eine Viel­zahl verschie­dener Hoch­schulen, Museen und Kultur­ein­rich­tungen wird mit Geldern aus Buda­pest betrieben. Baudenk­mäler werden reno­viert, die ohne diese Mittel dem Verfall preis­ge­geben wären. Mehr als 30 Jahre nach der Besei­ti­gung des Kommu­nismus ist das insti­tu­tio­nelle Leben der Ungarn jenseits der Schengen-Grenze wieder aufge­blüht, trotz der von Jahr zu Jahr abneh­menden Bevölkerung.

Im Sinne dieses Mitein­an­ders der Ungarn stand 2020 – 100 Jahre nach Trianon – auch das von der Regie­rung so bezeich­nete „Jahr des Zusam­men­haltes“. In diesem sollte aber nicht bloß die Schick­sals­ge­mein­schaft der Ungarn im In- und Ausland bekräf­tigt werden.

Nach Ansicht von Minis­ter­prä­si­dent Viktor Orbán fanden „100 Jahre Einsam­keit Ungarns“ ein Ende.

Ungarn ist 30 Jahre nach der Wende einer der Motoren eines neuen, part­ner­schaft­li­chen Mitteleuropas.

Vor diesem Hinter­grund mag es jedem, der in Buda­pest zugegen ist, nahe­ge­legt werden, einen wahr­lich mittel­eu­ro­päi­schen Spazier­gang um das Unga­ri­sche Natio­nal­mu­seum zu unter­nehmen.

Dutzende Tafeln stellen dort die nach dem Ersten Welt­krieg abge­trennten Gebiete mit ihren Denk­mä­lern, ihren Trachten und der jewei­ligen Mehr­spra­chig­keit vor – eine Ausstel­lung der nicht nur unga­ri­schen Viel­falt jenseits der eigenen Landes­grenzen. Und ist „in Viel­falt geeint“ nicht auch das Motto der Euro­päi­schen Union?

Viel­falt wird im gegen­wär­tigen Diskurs der Iden­ti­täts­po­litik jedoch vor allem auf sexu­elle Orien­tie­rung, die Reli­gion oder die Haut­farbe bezogen, wohingegen

die Kate­gorie Ethnie – insbe­son­dere wenn es sich um euro­päi­sche Ethnien handelt – mit Argwohn betrachtet wird.

Die histo­risch gewach­sene kultu­relle Viel­falt Europas ist aber nicht in erster Linie Produkt indi­vi­du­eller Bekennt­nisse oder Zuge­hö­rig­keiten, sondern wurzelt gesamt­heit­lich in seinen Land­stri­chen und seinen Völkern, die Stile, Tradi­tionen, Kultur­re­gionen hervorbrachten.

Die Auto­nomie oder ein verstärkter Regio­na­lismus für die unga­ri­schen Gebiete nach dem Vorbild von Åland, Südtirol oder zumin­dest dem Basken­land wäre letzt­lich ein durchaus euro­päi­sches Anliegen. Multi­kul­tu­ra­lismus auf mittel­eu­ro­pä­isch also.

Der Autor, Martin Joseph Böhm ist Forschungs­as­sis­tent am Deutsch-Unga­ri­schen Institut für Euro­päi­sche Zusam­men­ar­beit am Mathias Corvinus Colle­gium in Budapest.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der BUDAPESTER ZEITUNG, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


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