Weist das mittel­eu­ro­päi­sche Gedächtnis spezi­fi­sche Merk­male auf?

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Von Prof. Csaba György Kiss

„Unser histo­ri­sches Gedächtnis unter­scheidet sich in einem wich­tigen Punkt von dem West­eu­ropas: Wir haben es mit dem schweren Erbe nicht nur eines, sondern zweier Tota­li­ta­rismen zu tun“, schreibt der unga­ri­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaftler und Kultur­his­to­riker Prof. Csaba György Kiss.

Diese Worte stammen von Czesław Miłosz aus seiner Rede bei der Verlei­hung des Nobel­preises im Jahr 1980: „Das Gedächtnis also ist diese Stärke von uns, von uns allen aus dem ‚anderen Europa‘, es ist das, was uns davor schützt, dass die Sprache sich um sich selbst wickelt, wie der Efeu sich um sich selbst wickelt, wenn er keinen Halt in einer Wand oder einem Baum­stamm findet.“ Es ist kein Zufall, dass ein polni­scher Dichter, noch vor der großen Welle der Gedächt­nis­for­schung, die Bedeu­tung des Gedächt­nisses für unser Europa hervorhob. (Erst 1984 veröf­fent­lichte Pierre Nora den ersten Band der Reihe Les Lieux de mémoire, die den ganzen Trend einlei­tete.) Orte der Erin­ne­rung. Nicht in Form einer anderen Vergan­gen­heit, von Geschichten, die im Gegen­satz zuein­ander stehen, sondern als ein Faktor, der eine Gemein­schaft schafft. In diesem Sinne, wie Anthony D. Smith, ein Gelehrter der Natio­na­lismen, defi­niert: „Keine Erin­ne­rung, keine Iden­tität – keine Iden­tität, keine Nation“.

In diesem Teil des Konti­nents haben wir die Gele­gen­heit gehabt, die keines­wegs zum Schei­tern verur­teilten Versuche einer groß ange­legten Umar­bei­tung des kollek­tiven Gedächt­nisses zu erleben. Die Vergan­gen­heit und die Ausprä­gung des kollek­tiven Gedächt­nisses der Region Mittel- und Osteu­ropas wurde durch den kolo­nia­lis­ti­schen Drang einer tota­li­tären, vom Ausland gesteu­erten Staats­macht geschaffen, die eine völlige Verän­de­rung des kollek­tiven Bewusst­seins im Sinne ihrer Inter­essen anstrebte. In dieser Diktatur wurde jedem klar, dass das Gedächtnis ein Faktor der Macht ist. Mit brutaler Gewalt, Mani­pu­la­tion und modernen Massen­me­dien wurde der Kampf gegen das tradi­tio­nelle kollek­tive Gedächtnis geführt, mit den Fahnen der Moderne schwen­kend, unter der Parole „die Spur der Vergan­gen­heit wird von unserer Hand wegge­fegt“. Diese Bemü­hungen hatten in jedem Land einige unter­schied­liche Elemente, aber ihr zentraler Punkt war der Kampf gegen den lokalen Natio­na­lismus, im Namen eines „supra­na­tio­nalen“ Inter­na­tio­na­lismus, was in Wirk­lich­keit bedeu­tete, die sowje­ti­sche Über­le­gen­heit zu akzeptieren.

Betrachtet man die Welt der Symbole, so musste man z. B. bei den National- und Staats­fei­er­tagen den Tag wählen, an dem die sowje­ti­schen Truppen die Grenzen des jewei­ligen Landes erreichten, wodurch das bishe­rige poli­ti­sche System gestürzt wurde. Bei genauerer Analyse wurde sogar unter­schieden, welches Land als Verbün­deter des Dritten Reiches am Krieg teil­nahm. Ungarn und Rumä­nien zum Beispiel erhielten natio­nale Embleme, die an die Mitglieds­staaten der Sowjet­union erinnerten.

Ein wich­tiger Wende­punkt in unserem kollek­tiven Gedächtnis ist die Zeit des Zweiten Welt­kriegs. Die meisten Länder in unserem Gebiet – Slowakei, Ungarn, Rumä­nien, Kroa­tien – gehörten zum Einfluss­be­reich des Dritten Reiches oder waren dessen Verbün­dete. Die Zerstö­rungen des Krieges, die mili­tä­ri­schen und zivilen Opfer, darunter die Depor­ta­tion und Liqui­die­rung von Millionen von Juden, die Vernich­tungs­lager, der Gulag, die Vertrei­bung von Millionen aus ihrer Heimat – all das traf Mittel- und Osteu­ropa viel stärker als den west­li­chen Teil unseres Konti­nents. Timothy Snyders exzel­lentes Buch vermit­telt ein hervor­ra­gendes Bild dieser Zeit. Außerdem bedeu­tete das Ende des Krieges sowohl die „Befreiung“ als auch den Eintritt in den Einfluss­be­reich eines anderen tota­li­tären Staates. Aus diesem Grund konnte es keine Revi­sion des natio­nalen Gedächt­nisses geben, die ein wich­tiges Element ist, um der eigenen Verant­wor­tung ins Auge zu sehen.

Und der Unter­schied in poli­ti­scher, ideo­lo­gi­scher und sozialer Hinsicht war funda­mental. Offen­sicht­lich auch im Sinne des kollek­tiven Gedächtnisses.

Der Eiserne Vorhang unter den euro­päi­schen Erinnerungen?

Nach dem „großen“ Beitritt gab es im Euro­päi­schen Parla­ment eine bedeu­tende Debatte über die Politik der Erin­ne­rung. Vor drei­zehn Jahren versuchte Emma­nuel Droit, ein junger fran­zö­si­scher Histo­riker, dieses Dilemma in seiner Publi­ka­tion mit dem Titel Le Goulag contre la Shoah (Der Gulag gegen die Shoah) zu unter­su­chen. Denn mit der Erwei­te­rung der Euro­päi­schen Union wurde deut­lich, dass die Erin­ne­rungs­kultur in den „alten“ und in den „neuen“ Mitglieds­staaten unter­schied­lich geprägt ist. Seiner Analyse zufolge hat im Westen in den 1990er Jahren eine gewisse Dekon­struk­tion der natio­nalen Geschichte stattgefunden.

Im Osten (der Autor spricht konse­quent von zwei Teilen des Konti­nents) hingegen wurde die Geschichte gerade verstaat­licht und es fand eine Art ideo­lo­gi­sche Deko­lo­ni­sie­rung statt. Wir wissen, dass das nur zum Teil stimmt; schließ­lich herrschten in Rumä­nien unter Ceaușescu ebenso chau­vi­nis­ti­sche Geschichts­auf­fas­sungen wie in Bulga­rien unter Schiwkow. In der west­li­chen Welt rückte der Holo­caust allmäh­lich fast ausschließ­lich in den Mittel­punkt, die östli­chen Länder hingegen wiesen immer wieder darauf hin, dass das Leid unter den Sowjets aus dem kollek­tiven Gedächtnis Europas verschwunden sei. Eine der Schluss­fol­ge­rungen der in dieser Studie durch­ge­führten verglei­chenden Analyse ist, dass unab­hängig davon, welche poli­ti­schen oder wissen­schaft­li­chen Über­le­gungen hinter dieser asym­me­tri­schen Situa­tion stehen, die Tatsache bestehen bleibt, dass die spezi­fi­sche Erin­ne­rungs­kultur der „östli­chen“ Länder im Westen nicht berück­sich­tigt wurde. Natür­lich ist es richtig anzu­nehmen, dass es keine gute Idee ist, eine Hier­ar­chie zwischen den Leiden der Nazi­zeit und der Sowjet­zeit zu suchen, zu über­legen, was schreck­li­cher gewesen wäre und damit die eine oder andere Zeit zu rela­ti­vieren. Fazit: Es ist zu erwarten, dass der Dialog zwischen diesen Erin­ne­rungen noch einige Zeit andauern wird. Andrzej Nowak, ein polni­scher Histo­riker, stellte in seiner Studie von 2015 die Frage: Ist es über­haupt möglich, einen Konsens zwischen verschie­denen Erin­ne­rungen herbei­zu­führen? Ein wich­tiger Punkt seiner Analyse war, dass man nicht umhin kommt, darüber nach­zu­denken, welche Schwie­rig­keiten entstehen können, wenn sich die west­liche Sicht­weise als Inhaber der Wahr­heit vorstellt.

Im Jahr 2005 erklärte die UN-Gene­ral­ver­samm­lung den 27. Januar (den Jahrestag der Befreiung von Ausch­witz) zum Inter­na­tio­nalen Holo­caust-Gedenktag. Seit 2008 gibt es in der Euro­päi­schen Union Initia­tiven, einen Tag des Geden­kens an zwei tota­li­täre Systeme einzu­führen. Im Jahr 2009 beschloss das Euro­päi­sche Parla­ment schließ­lich, dass der 23. August der Tag des Geden­kens sein soll. An diesem Tag im Jahr 1939 unter­zeich­neten der natio­nal­so­zia­lis­ti­sche und der sowje­ti­sche Außen­mi­nister ein Abkommen, in dessen Anhang fest­ge­legt wurde, wie die beiden Staaten Mittel- und Osteu­ropa in Inter­es­sen­zonen aufteilen würden, wobei Polen elimi­niert wurde.

Nach dem Zweiten Welt­krieg ging die west­liche intel­lek­tu­elle Elite sukzes­sive diesen Weg in die Tragödie, aber es gab keine Diskus­sion über die Konse­quenzen der Tatsache, dass das Nazi­reich nur im Bündnis mit einem anderen tota­li­tären Reich besiegt werden konnte. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Sowjet­union mit dem Fall Berlins (obwohl Stalin bei der Entge­gen­nahme von Glück­wün­schen bemerkt haben soll, dass die Kosaken von Zar Alex­ander ihre Pferde an den Ufern der Seine getränkt hatten) einen beacht­li­chen Erfolg im Sprach­ge­brauch erzielen konnte, der bis zum Atlantik reichte. Die west­eu­ro­päi­sche Linke benutzte die Sprache in demselben Sinne wie sie selbst. In diesem Verständnis war es das Schema des manichäi­schen Gut und Böse, das am ehesten einem Gegen­satz­paar wie progressiv und reak­tionär oder anti­fa­schis­tisch und faschis­tisch entsprach. So gab es in den west­li­chen poli­ti­schen und intel­lek­tu­ellen Eliten wenig Bereit­schaft, natio­nal­so­zia­lis­ti­sche und kommu­nis­ti­sche Symbole glei­cher­maßen als Symbole gegen die Mensch­lich­keit zu behandeln.

Im Jahr 2005 sagte der spani­sche Schrift­steller und dama­lige Häft­ling des Konzen­tra­ti­ons­la­gers Buchen­wald, Jorge Semprun, während seiner Rede zum Jahrestag der Befreiung des Lagers, dass bei seinen Erin­ne­rungen in zehn Jahren auch die Erfah­rungen des Gulag in das gemein­same euro­päi­sche Gedächtnis aufge­nommen werden würden. Doch auch fünf­zehn Jahre später können wir auf diese Frage keine klare Antwort geben.

Wie lang ist der Schatten der kommu­nis­ti­schen Vergangenheit?

Drei Jahr­zehnte nach der „Großen Trans­for­ma­tion“ (die sog. „Wende“) stellen sich viele Menschen immer wieder diese Frage. Und doch sind sehr seriöse Studien geschrieben worden, sowohl von inter­es­sierten Ländern als auch von auslän­di­schen Beob­ach­tern. Kenn­zeich­nend für diese poli­ti­schen Verän­de­rungen war – mit Ausnahme Rumä­niens – ein „samtener“ Charakter, und zwar nicht nur in dieser Hinsicht, dass es keine blutigen Ausein­an­der­set­zungen gab, sondern auch darin, dass die demo­kra­ti­schen poli­ti­schen Kräfte, die die Behörden über­nahmen, auch auf eine Abrech­nung in der Sache verzich­teten. Premier­mi­nister Tadeusz Mazowiecki sagte am 24. August 1989 in seiner Rede im Sejm, dass: „Lasst uns mit einer dicken Linie abschneiden, was war.“ Diese Worte könnten auch so inter­pre­tiert werden, dass wir mit einem Schleier des Verges­sens zude­cken, was während der kommu­nis­ti­schen Zeit geschehen ist. Man sollte jedoch wissen, dass in jenem histo­ri­schen Sommer die Verän­de­rungen in Polen noch nicht als unum­kehrbar ange­sehen werden konnten. Es gab eine Verän­de­rung in der Art der Eini­gung, und die Abrech­nung der Vergan­gen­heit gehörte nicht zu den Themen, die verhan­delt wurden. In dieser Hinsicht kamen auch aus Rich­tung der west­li­chen Welt beru­hi­gende Meinungen, darunter auch die Verant­wor­tung der Sowjet­union. Schließ­lich dürfen wir nicht vergessen, dass diese Verän­de­rungen gleich­zeitig die Abschaf­fung einer Diktatur sowie die Befreiung von fremder Besat­zung bedeu­teten. So wurde der symbo­li­sche Abschied vom kommu­nis­ti­schen System, die Verur­tei­lung der Diktatur, in unseren Ländern oft über­sehen, und viele Figuren der alten Herr­schafts- und Wirt­schafts­eliten konnten ihre Posi­tionen in der neuen, demo­kra­ti­schen poli­ti­schen Ordnung behalten.

Es war sehr aufschluss­reich, dass die Mono­par­teien, die während der Diktatur geherrscht hatten und in sozia­lis­tisch umbe­nannt worden waren, von den sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Parteien in West­eu­ropa ohne Vorbe­halte als Vertreter demo­kra­ti­scher poli­ti­scher Kräfte aner­kannt wurden. Diese „post­kom­mu­nis­ti­schen“ Gruppen schafften es mehr als einmal, in Polen und Ungarn an die Macht zurück­zu­kehren. Es stimmt, dass in Ungarn 1991 das Parla­ment mit einer Zwei­drit­tel­mehr­heit das so genannte Wieder­gut­ma­chungs­ge­setz verab­schiedet hat, das eine Abrech­nung von Verbre­chen, die aus poli­ti­schen Gründen begangen wurden, hätte ermög­li­chen können, aber das Verfas­sungs­ge­richt hat diese Bestim­mung ange­fochten. In der Tsche­cho­slo­wakei wurde die Rück­kehr von Mitglie­dern der kommu­nis­ti­schen Nomen­kla­tura in das poli­ti­sche Leben durch die soge­nannte Lustra­tion (Hinter­grund­über­prü­fung) verhin­dert. Die 1993 in der Tsche­chi­schen Repu­blik und der Slowakei verab­schie­deten Verfas­sungen erklärten das poli­ti­sche System der tota­li­tären Diktatur unmiss­ver­ständ­lich für unmensch­lich und illegal. Gleich­zeitig nahmen die Diskus­sionen über die jüngste Vergan­gen­heit einen öffent­li­chen Charakter an und wurden vor einem breiten Publikum geführt. Das Schreiben der Geschichte „neu“ begann. Das Para­doxe dieser Situa­tion wird auch dadurch ange­deutet, dass nicht selten dieselben Autoren von Lehr­bü­chern Personen, die bis vor kurzem noch als „Konter­re­vo­lu­tio­näre“ galten, als Helden bezeichneten.

In Polen und Ungarn flammten zwei Jahr­zehnte lang nach der Wende immer wieder die poli­ti­schen Diskus­sionen über die Veröf­fent­li­chung der Daten der kommu­nis­ti­schen Geheim­po­lizei und die von der Mehr­heit der Bevöl­ke­rung erwar­tete Abschaf­fung der Rechen­schafts­pflicht auf. Wie eine Bombe explo­dierte die so genannte Wild­stein-Liste im Februar 2005 in Warschau, als ein Jour­na­list eine umfang­reiche Liste von Personen, die mit den Sicher­heits­diensten zusam­men­ar­beiten, im Internet veröf­fent­lichte. Diese Agen­ten­listen wurden oft zu Werk­zeugen der Erpres­sung und bestimmte Mate­ria­lien wurden lange Zeit nicht veröf­fent­licht. Und die metho­di­sche Geschichts­auf­ar­bei­tung der neueren Zeit begann erst viel später. Nach einiger Zeit erhielten Bürger und Forscher Zugang zu den von den kommu­nis­ti­schen Diensten gesam­melten Daten in eigens dafür ange­legten Archiven. Als erste eigen­stän­dige Insti­tu­tion, die sich mit der Erfor­schung der jüngeren Vergan­gen­heit befasst, wurde in Polen das Institut des Natio­nalen Geden­kens gegründet (Instytut Pamięci Narodowej, 1999), gefolgt von der Slowakei (Ústav památi národa, 2003) und der Tsche­chi­schen Repu­blik (Ústav pro studium tota­lit­ních rezimű, 2007). In Ungarn wurde eine ähnliche Insti­tu­tion erst 2014 gegründet (Nemzeti Emlé­kezet Bizottsága).

Auf eine deutsch-polni­sche Initia­tive hin wurde 2008 eine sehr wich­tige inter­na­tio­nale Insti­tu­tion (Euro­päi­sches Netz­werk Erin­ne­rung und Soli­da­rität) gegründet, die gemeinsam mit Ungarn und der Slowakei die tragi­sche Vergan­gen­heit des 20. Jahr­hun­derts unter­su­chen will. Dieses Netz­werk, das dank der mate­ri­ellen Unter­stüt­zung der inter­es­sierten Länder entstanden ist, unter­stützt die komplexe wissen­schaft­liche Entde­ckung der Epoche und unter­nimmt die Verbrei­tung der Forschungs­er­geb­nisse in der Bildung sowie in den Kreisen der jüngeren Genera­tionen. In den letzten Jahren hat das Netz­werk – erwei­tert um Rumä­nien – wert­volle thema­ti­sche Konfe­renzen orga­ni­siert und wissen­schaft­liche und popu­la­ri­sie­rende Publi­ka­tionen erstellt.

Exis­tiert Mittel­eu­ropa als Erin­ne­rungs­ge­mein­schaft? Was sind wir, die „Visegráder“?

Zwei­fellos gibt es eine charak­te­ris­ti­sche Gemein­schaft gemein­samer geis­tiger Züge, in der wir die Züge von Rebellen und Räubern, die für soziale Gerech­tig­keit kämpfen, ebenso finden wie Exilanten, Frei­heits­helden und solche, die sich kopf­über in die Sonne stürzen. Wir haben mehr als einmal die Erfah­rung gemacht, dass wir uns, wenn wir unsere Visegrád-„Landsleute“ in einer größeren inter­na­tio­nalen Gruppe treffen, viel schneller verstehen als mit Menschen aus anderen Teilen der Welt. In der Regel genügen ein paar Ober­töne, um sich in einer Atmo­sphäre wie zu Hause wieder­zu­finden. Die Ähnlich­keit des Denkens, der Menta­lität, wird recht schnell deut­lich. Vor allem der charak­te­ris­ti­sche Witz und die Selbst­ironie. In dieser eigen­tüm­li­chen Mischung finden sich natür­lich die Tradi­tionen der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Monar­chie, des deut­schen oder jüdi­schen Bürger­tums, aber auch des Land­adels und der Bauern­schaft, dazu die mittel­eu­ro­päi­sche Erin­ne­rung an die natio­nale Vergan­gen­heit, garniert mit einer eigen­tüm­li­chen Mischung aus Stolz und Unter­be­wer­tung. Viele Menschen charak­te­ri­sieren uns gerne so, dass unser vorherr­schendes Merkmal die ewige Iden­ti­fi­ka­tion mit Opfern ist. Auf der Grund­lage unserer Geschichte der Moderne kann man zwei­fellos sagen, dass wir eher zu den Verlie­rern als zu den Gewin­nern gehören

„So haben wir uns ange­wöhnt, allein unsere Verluste der großen Schlachten zu feiern, die wir ertragen haben. Viel­leicht haben wir uns sogar daran gewöhnt, die Nieder­lage als etwas Aufre­gen­deres, aus dich­terem Mate­rial Gefer­tigtes und Wich­ti­geres zu betrachten als den Sieg – auf jeden Fall hielten wir ihn für wahr­haf­tiger“, können wir in der Geschichte „Gézy Ottlik“ lesen („Schule an der Grenze“).

Zwar unter­scheiden sich die Natio­nal­hymnen der Visegrád-Länder in Bezug auf Genre und Stil, aber jede dieser Hymnen enthält auf ihre Weise die Erin­ne­rung an tragi­sche natio­nale Schick­sale, eine Vision der mögli­chen Zerstö­rung. Zum Beispiel finden wir das Thema eines Wirbel­sturms in der slowa­ki­schen Hymne und in der unga­ri­schen Hymne. „Es blitzt über der Tatra, der Himmel donnert scharf“, so beginnt das Gedicht von Janko Matúski (1844). In der „Hymne“ (1823) von Ferenc Kölcsey wird in der vierten Strophe das nahe Ende der stolzen unga­ri­schen Geschichte durch die gött­liche Antwort „Du hast deine Blitze / In deinen donnernden Wolken verschüttet.“ Die tsche­chi­sche Hymne von Josef Kajetan (1834) beschwört nur durch sanfte Sugges­tion eine gewisse Kraft, die der Zerstö­rung zu wider­stehen vermag. Die polni­sche Hymne aus der Feder von Józef Wybicki wurde 1797 geschrieben, als sein Heimat­land bereits seit zwei Jahren von der poli­ti­schen Land­karte Europas getilgt worden war.

Es ist kein Zufall, dass Milan Kundera in seiner berühmten Lektion über Mittel­eu­ropa darauf Bezug nimmt: „Die Fran­zosen, Russen oder Engländer fragen sich nicht, ob ihre Nation über­leben wird. Ihre Hymnen spre­chen von Größe und Ewig­keit. Die polni­sche Hymne hingegen beginnt mit den Worten: Noch ist Polen nicht verloren…“. Teil unserer Denk­weise ist das „Trotzdem“-Syndrom. Hoff­nung, die in den Tiefen der Hoff­nungs­lo­sig­keit leuchtet.

Ein charak­te­ris­ti­sches Merkmal unserer Geschichte – eben unserer Geschichten – wenn wir an solche ähnli­chen Erzäh­lungen denken: Es fehlt an Konti­nuität, das heißt, es ist unmög­lich, von ihr als Geschichte entlang einer geraden Linie zu spre­chen. Immer wieder ist diese Geschichte von Kata­stro­phen durch­zogen: Wir haben unsere Unab­hän­gig­keit verloren, wir haben erlebt, wie unsere Revo­lu­tionen, unsere Frei­heits­kämpfe in den Dreck getreten wurden. Die Erin­ne­rung an den Kampf gegen über­le­gene Kräfte bleibt. In unserem Land gibt es gleich­zeitig eine Tradi­tion der Rebel­lion und die Menta­lität der resi­gnierten Knecht­schaft verbunden mit der Fähig­keit, unter allen Bedin­gungen zu über­leben. Hinzu kommt die Erfah­rung der oft wech­selnden histo­ri­schen Situa­tion. Gemäß der wesent­li­chen Formel des polni­schen Schrift­stel­lers Stanisław Jerzy Lec: „Der Westen behan­delt uns wie den Osten, und der Osten behan­delt uns wie den Westen“.

Laut dem unga­ri­schen Dichter, Endre Ada ist Ungarn „ein Fähr­staat“, als ob unsere Geschichte eine stän­dige Reise von einem Ufer zum anderen – und wieder zurück – wäre. Irgendwo, im Raum zwischen dem Zentrum und der Peri­pherie. Es ist kein Zufall, dass sich hier auch im 21. Jahr­hun­dert ein Geschichts­be­wusst­sein erhalten hat, das viel stärker ist als der euro­päi­sche Durch­schnitt. Und dahinter stand noch lange Zeit eine tradi­tio­nelle lite­ra­ri­sche Bildung.

Wir haben so emble­ma­ti­sche Helden wie den slowa­ki­schen Räuber­haupt­mann Juraj Jánošík, der die Reichen beraubt, um seine Schätze den Armen zu geben, oder Lúdas Matyi, den unga­ri­schen Gänse­hirten, der seinen Herrn mit Einfalls­reichtum über­listet. Oder Tadeusz Rejtan, das Symbol des aussichts­losen Wider­stands, der sich während der ersten Teilung Polens aus Protest vor dem Eingang zum Parla­ments­saal auf den Boden warf. In einem Panorama stehen unsere Helden für die Frei­heit und dieje­nigen, die der Sonne mit der Hacke zuwinken, Seite an Seite. Nicht zuletzt ist unser gemein­samer Held der tapfere Soldat Schwejk, dem es gelang, selbst Tyrannen zu über­winden, die unmensch­liche Einschrän­kungen auferlegten.

Die Moder­ni­sie­rungs­welle des 19. Jahr­hun­derts, die man auch als bürger­liche Trans­for­ma­tion bezeichnen kann, erreichte in unserer Region vor allem provin­zi­elle Gesell­schaften. Daher hatte dieser Prozess andere Kompo­nenten als in West­eu­ropa, wo die Bauern­schaft die abso­lute Mehr­heit bildete und die Adels­schichten aus der feudalen Welt beerbt hatte. Es ist kein Zufall, dass das große Epos der euro­päi­schen Bauern­welt, die Erzäh­lung „Die Bauern“ (1904–1909), von dem Polen und Nobel­preis­träger Stanis­laus Wladyslaw Reymont geschrieben wurde. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass die gesell­schaft­li­chen Verän­de­rungen, die Schaf­fung einer Markt­wirt­schaft und die Entwick­lung einer modernen bürger­li­chen Kultur zu einem nicht geringen Teil dem Beitrag von zwei natio­nalen Gruppen zu verdanken sind, die verstreut in fast jedem Winkel unserer Region leben. Seit mehreren hundert Jahren kamen deut­sche Siedler zu uns, seit langem lebte hier eine jüdi­sche Diaspora – und sie genoss unter der öster­rei­chisch-unga­ri­schen Monar­chie den Schutz der libe­ralen Verfas­sungs­ord­nung. Es ist unsere gemein­same Tragödie, dass wir zu Beginn des 21. Jahr­hun­derts aufgrund der Verbre­chen des Holo­causts und der Nach­wir­kungen des Endes des Zweiten Welt­kriegs heute nur noch von den beschei­denen Resten dieser natio­nalen Gruppen spre­chen können.

Ähnliche histo­ri­sche und kultu­relle Erfah­rungen führten zu ähnli­chen Über­le­gungen. Hinzu kommt die oft gemein­same staat­liche Auto­rität der Völker unserer Region, die Gemein­sam­keiten unserer sozialen Struk­turen, die Gemein­sam­keit unserer Schicksale.

All dies kombi­niert mit der stän­digen gegen­sei­tigen ethni­schen und sprach­li­chen Assi­mi­la­tion und Dissi­mi­la­tion. In der Tat, wir können fest­stellen: „In Mittel­eu­ropa sind wir von glei­chem Blut“. Mit Kulturen, die mitein­ander verwoben sind. Das viel­leicht beste Beispiel dafür ist ein Aufsatz des öster­rei­chi­schen (und unga­ri­schen!) Kunst­his­to­ri­kers Móric Csáky über den großen Kompo­nisten Bartók, in dem er das stän­dige Zusam­men­spiel von unga­ri­scher und slowa­ki­scher Musik­folk­lore darstellt. Auf diese Weise wurden gemein­same virtu­elle Räume geschaffen, die wir oft gar nicht kennen. Darüber hinaus – und nicht zuletzt – könnten wir von unserer Lite­ratur des 20. Jahr­hun­derts mit ihrer mittel­eu­ro­päi­schen Vari­ante des Absurden lernen. Ange­fangen bei Sławomir Mrożek, über Václav Havel, bis hin zu István Örkény. Erwähnt sei auch der slowa­ki­sche Schrift­steller Stanislav Stepka, der mit großem Humor und Selbst­ironie die Tradi­tionen alter Volks­büh­nen­werke in seine Werke einwebt und das bittere Lächeln der mittel­eu­ro­päi­schen Menschen zeigt.

In der euro­päi­schen Kultur war es, viel­leicht durch glück­liche Umstände der Vermitt­lung, die Musik, die der ganzen Welt unser unver­wech­sel­bares Gesicht zeigen konnte. Dank solcher moderner klas­si­scher Musiker, die ihre origi­nellen Werke aus der Volks­kultur schöpfen konnten, deren Quellen sich in unserer Region bis ins 20. Es genügt, den Tsche­chen Leos Janacek, den Ungarn Béla Bartók, den Rumänen George Enescu oder den Slowaken Eugen Sukhout zu nennen.

Wir alle sind uns dessen bewusst, eine Reihe von Ansätzen, Verbin­dungen und Ähnlich­keiten dieses kollek­tiven Gedächt­nisses wurden bereits von Histo­ri­kern, Sozio­logen und Lite­ra­tur­his­to­ri­kern disku­tiert, und dies wird durch unsere alltäg­liche Erfah­rung verstärkt, aber diese mentale Affi­nität ist nicht mit ausrei­chendem Gewicht Teil unseres Wissens oder unserer Ansichten geworden.

Gibt es gemein­same Visegrád-Denkmäler?

Unser histo­ri­sches Gedächtnis unter­scheidet sich, wie bereits erwähnt, in einem wich­tigen Punkt von dem West­eu­ropas: Wir haben es mit dem schweren Erbe von nicht nur einem, sondern zwei Tota­li­ta­rismen zu tun. Gleich­zeitig haben die großen demo­kra­ti­schen und natio­nalen Bewe­gungen – von 1956 über 1968 bis 1980 – deut­lich gezeigt, dass wir durch ein gemein­sames Schicksal und gemein­same Inter­essen verbunden sind. Es ist lehr­reich zu sehen, wie sich in diesen drei Ländern allmäh­lich ein Gefühl der Soli­da­rität heraus­bil­dete. Während die tsche­chi­sche und slowa­ki­sche Intel­li­genz noch 1956 die Ereig­nisse in Polen und Ungarn entweder passiv oder in Über­ein­stim­mung mit den Erwar­tungen der offi­zi­ellen Stellen behan­delte, sympa­thi­sierte 1968 die große Mehr­heit der unga­ri­schen und polni­schen Intel­lek­tu­ellen mit dem Prager Früh­ling, und nach der Aggres­sion der Truppen des Warschauer Paktes verlor die jüngere Genera­tion die Reste ihrer Illu­sion über die Reform des Systems.

Rück­bli­ckend scheint es, dass das kollek­tive mittel­eu­ro­päi­sche Gedächtnis zwei verschie­dene Ebenen hat. Eine Ebene ist die Samm­lung von mitein­ander verwo­benen Erin­ne­rungen, die aus großen Gebieten stammen, die von ethnisch und reli­giös gemischten Menschen bewohnt werden – mit unter­schied­lich geschätzten gemein­samen Tradi­tionen, gemein­samen Helden, mit ähnli­chen Mythen über dieselben Länder und geogra­fi­schen Phäno­mene, mit reicher Viel­falt. Und die zweite Ebene ist das kollek­tive Gedächtnis, das mit der Entste­hung der Nation zusam­men­hängt, mit ihren homo­genen Merk­malen. Es stellt sich die Frage: In welchem Verhältnis stehen die Erin­ne­rungs­orte, die zu bestimmten natio­nalen und kultu­rellen Codes gehören? Und eigent­lich, wie sehen wir uns in unserer Geschichte? Denn ohne Nach­barn, ohne die Darstel­lung gemein­samer Erfah­rungen und Wider­sprüche, ist es unmög­lich, über die Vergan­gen­heit der Nation zu spre­chen. Jahr­hun­dert versucht, ein einheit­li­ches Narrativ, das so genannte „Unsere“, aufzu­bauen. Und in Mittel­eu­ropa ist es ja prak­tisch unmög­lich, solche getrennten natio­nalen Bereiche abzu­grenzen. Es war kein Zufall, dass László Németh in seinen Aufsätzen nach der Tragödie des alten Ungarn darauf drängte, die Vergan­gen­heit der mittel­eu­ro­päi­schen Nationen in einem verglei­chenden Ansatz mitein­ander zu verbinden. Wenn es einen Ort gibt, an dem trans­na­tio­nale Geschichts­schrei­bung Sinn macht, dann ist es sicher­lich unsere Region. In dem Sinne, in dem Étienne Fran­çois (einer der Heraus­geber der drei Bände der deut­schen Gedenk­stätten) versuchte, den Begriff des Erin­ne­rungs­ortes („lieux de mémoire“) nach Pierre Nora zu erwei­tern, indem er die Bezie­hungen, Verbin­dungen, Verflech­tungen zwischen verschie­denen Kulturen berück­sich­tigte. In diesem Sinne begannen polni­sche und deut­sche Histo­riker ein großes, in fünf Bänden (2006–2013) erschie­nenes Werk über die gemein­samen Erin­ne­rungs­orte beider Nationen.

Natür­lich könnte ein großes gemein­sames Wissen­schafts­pro­gramm der Visegrád-Staa­ten­diese Denk­mäler unter Berück­sich­ti­gung der oben genannten metho­di­schen Erfah­rungen auflisten. Solche Versuche hat es schon früher gegeben und unsere weitere und jüngere Geschichte beweist an vielen Beispielen den verschlun­genen Charakter der natio­nalen Erzäh­lung unserer Region. Selbst in Fällen, in denen die glei­chen Ereig­nisse, Orte in einer anderen – und viel­leicht sogar entge­gen­ge­setzten – Weise in die Tradi­tionen einge­schrieben wurden. Eine solche Perspek­tive ist in dieser Forschung notwendig, so wie man in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft die paral­lelen und sich gegen­seitig beein­flus­senden Phäno­mene der einzelnen Natio­nal­li­te­ra­turen unter­sucht. Natür­lich kann dies bis zu einem gewissen Grad auch ein Über­denken der natio­nalen Erzäh­lung bedeuten, und dies kann auch mit einer gewissen Modi­fi­ka­tion des natio­nalen Geschichts­ka­nons einher­gehen. Dies kann dann zu inter­es­santen Ergeb­nissen führen, wenn sich sowohl natio­nale als auch mittel­eu­ro­päi­sche Iden­ti­täten gegen­seitig verstärken können.

Wir möchten hier nur in groben Zügen bzw. anhand einiger anschau­li­cher Beispiele aufzeigen, um welche Arten von gemein­samen Denk­mä­lern es sich handeln kann. Jede natio­nale Ideo­logie schätzt die „heiligen“ Berge und Gewässer ihrer Gemein­schaft. Viel­mehr handelt es sich um paral­lele Denk­mäler. Aus der Sicht von „Visegrád“ kommen vor allem die Karpaten in Betracht. Es ist eine bekannte Tatsache, dass die Karpaten reiche Tradi­tionen in der klas­si­schen Lite­ratur aller vier Nationen haben. Wir können uns aber auch eine paral­lele Behand­lung unserer „natio­nalen“ Flüsse (Weichsel, Moldau, Waag, Theiß) vorstellen. Bei der Betrach­tung histo­ri­scher Ereig­nisse kann man von Denk­mä­lern mit asym­me­tri­schen oder gegen­sätz­li­chen Inhalten spre­chen. Einer der Schlüs­sel­punkte im unga­ri­schen Gedächtnis ist die Schlacht von Mohács, 1526. Trotz der Tatsache, dass im christ­li­chen Heer neben den Ungarn auch Tsche­chen, Polen und wahr­schein­lich Slowaken waren, und dass diese Nieder­lage das Schicksal ganz Mittel­eu­ropas besie­gelte, bleibt diese Schlacht in anderen Erin­ne­rungen, außer der unga­ri­schen, marginal. Die Revo­lu­tionen von 1848–49 erschüt­terten die ganze Region, diese Zeit war geprägt vom Aufstand der Völker, aber die unga­ri­sche und slowa­ki­sche bzw. tsche­chisch-unga­ri­sche Erin­ne­rung schuf davon wider­sprüch­liche Bilder. Das Gleiche kann man über das Ende des Ersten Welt­kriegs sagen. Was die histo­ri­schen Persön­lich­keiten betrifft, so haben wir zwei­fellos gemein­same Helden, es genügt, den Heiligen Adal­bert (Szent Adal­bert, Svatý Vojtěch) zu erwähnen, der auch ein gemein­sames Symbol für die Verei­ni­gung Europas im 10. Der gemein­same mittel­eu­ro­päi­sche Mari­en­kult spricht für sich und zeugt von der Verflech­tung von natio­naler und reli­giöser Iden­tität. Die Haupt­ak­teure der natio­nalen Bewe­gungen (z.B. Kossuth, Palacky, Štúr) kann man sich jedoch im Namen konkur­rie­render Bestre­bungen als Erin­ne­rungsort nach dem Muster „unser Held – euer Feind“ vorstellen. Eine gemein­same Tradi­tion haben die bedeu­tenden Hoch­schulen unserer Region, die Prager Karls­uni­ver­sität, die Krakauer Jagiel­lonen-Univer­sität, die von 1735 bis 1777 tätige könig­liche Univer­sität Ungarns in Nagy­s­zombat (Trnava) oder der euro­päi­sche Pionier, die von 1962 bis 1919 tätige Berg­aka­demie in Selme­c­bánya (Banská Štiavnica).

Die kommu­nis­ti­sche Zeit bildet ein eigenes Kapitel in Bezug auf unsere Gedenk­stätten. Was den Wider­stand betrifft, so spielten zum Beispiel die Schrift­stel­ler­ver­bände eine wich­tige Rolle. Der Zweck dieser nach sowje­ti­schem Vorbild gegrün­deten Orga­ni­sa­tionen war eigent­lich, die Schrift­steller zu kontrol­lieren, sie an der kurzen Leine zu halten, und doch wurden diese Orga­ni­sa­tionen in Buda­pest, in Prag und in Warschau bald – im Namen der mittel­eu­ro­päi­schen Tradi­tionen – zu Foren des Austauschs freier Gedanken in jenen histo­ri­schen Jahren.

Drei Daten ragen aus dieser Zeit als wich­tige Symbole mittel­eu­ro­päi­scher Frei­heits­be­stre­bungen heraus: 1956, 1968 und 1980–1981. Über jede dieser Ereig­nis­reihen ist eine umfang­reiche histo­ri­sche Lite­ratur geschrieben worden. Es gibt eine wach­sende Zahl solcher Arbeiten, die den mittel­eu­ro­päi­schen Kontext dieser Daten, die direkte Verbin­dung zwischen den Ereig­nissen von 1956 in Polen und Ungarn betonen. Darüber hinaus können wir Kritiken von tsche­chi­schen und slowa­ki­schen Autoren über das Verhalten der tsche­chi­schen und slowa­ki­schen Intel­li­genz zu dieser Zeit lesen. Was das Jahr 1968 betrifft, so wird immer deut­li­cher, welchen Einfluss die Nieder­schla­gung der tsche­cho­slo­wa­ki­schen Reformen auf das Denken der polni­schen und unga­ri­schen Oppo­si­tion hatte. Die polni­sche Soli­dar­ność-Bewe­gung wiederum hatte eine offen­sicht­liche Botschaft für Prag, Bratis­lava und Buda­pest. In den Jahren 1988–89 schaute man in der Tsche­cho­slo­wakei auf die Befrei­ungs­be­we­gungen in Polen und Ungarn als Vorbilder.

1982 veröf­fent­lichte Gáspár Nagy ein Gedicht mit dem Titel Viel­falt (Változat), dessen Motto sich auf Milan Kundera bezieht, und die Aufzäh­lung stellt offen­sicht­lich eine Einheit dar: „Am Bahnhof stehen die Fahr­gäste schwei­gend, Jahr­gang sechs­und­fünfzig, acht­und­sechzig, sechs­und­siebzig, einundachtzig“.

Quelle: Trimarium.pl


1 Kommentar

  1. Sehr inter­es­sante, klar formu­lierte und tief­grei­fende Analyse über die Unter­schiede zwischen Ost,-und West­hälfte Europas, was die histo­ri­schen Erfah­rungen und dadurch die kollek­tive Gedächt­nisse betrifft. Danke

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