Wie werden Chris­tentum und die Christen von morgen aussehen?

Milan Gregorič · Bildquelle: Demokracija

Von Milan Gregorič

Säku­la­ri­sie­rung, der Nieder­gang des Chris­ten­tums und das Aufkommen der Spiri­tua­lität außer­halb der Kirchen?

In einem Inter­view mit dem L’Os­ser­va­tore Romano wies der kana­di­sche Philo­soph Charles Taylor auf die aggressiv einset­zende Säku­la­ri­sie­rung (Tren­nung von Kirche und Staat) in den ersten Jahr­zehnten nach dem Zweiten Welt­krieg als eine Tendenz zur Abkehr von der Reli­gion oder zum Ende der Reli­gion hin. Dies ist zwar nicht geschehen, denn „die Spiri­tua­lität ist nicht verschwunden, auch nicht die Sehn­sucht nach etwas Ewigem…, sondern sie hat nur neue Ausdrucks­formen ange­nommen“. Es ist jedoch unbe­streitbar, dass das Chris­tentum im entwi­ckelten Westen im Nieder­gang begriffen ist, dass sich die Kirchen leeren, dass es immer weniger Priester, Ordens­männer und ‑frauen gibt, dass die Zahl der christ­li­chen Eheschlie­ßungen und Taufen zurück­geht usw. Taylor fuhr fort, dass „die über­mä­ßige Vertei­di­gung der Tradi­tion und die funda­men­ta­lis­ti­schen Strö­mungen des Chris­ten­tums viele Menschen aus der Kirche vertrieben haben und sie dadurch ihren Glauben verloren haben. Die Kirche sollte aner­kennen und akzep­tieren, dass es eine Plura­lität in der Spiri­tua­lität gibt. Denn wenn das Chris­tentum für die einen der Weg ist, so ist es das für die anderen nicht“. Die Lösung liegt in einer offenen Iden­tität, in einer gewissen Demut und im Zulassen, dass auch Christen Fehler machen können. Die Tatsache, dass die Menschen in der west­li­chen Welt heute auf der Suche nach ihrer persön­li­chen spiri­tu­ellen Iden­tität sind, so Taylor, „ist etwas, das der christ­li­chen Tradi­tion sehr nahe steht“. Es kann also eine Spiri­tua­lität ohne das Chris­tentum kommen, von der wir noch nicht wissen, was sie sein wird, ebenso wie wir nicht wissen, wie das Verhältnis zwischen der christ­li­chen und der neuen Spiri­tua­lität sein wird oder ob die Kirche in der Lage sein wird, die neue Spiri­tua­lität zu akzep­tieren, zu unter­stützen oder sogar zu umarmen, und auf welche Weise.

Zu den Denkern, die nach einer Antwort auf diese Fragen suchen, gehört Mag. Vinko Ošlak, der ange­sichts der Krise in der Kirche auch das Problem der kirch­li­chen Dogmen oder unum­stöß­li­chen Wahr­heiten scharf anpran­gert. So schrieb er zum Beispiel bei der Lektüre von Rebulas Kolumnen in der Družina (Reporter, 29. April 2017), dass „jede zweite Kolumne aus seiner Feder bril­lant und jede zweite völlig passabel ist. Wenn er von den charak­te­ris­ti­schen Irrtü­mern des Katho­li­zismus, wie dem Marien‑, Heiligen- und Engels­kult, den Erschei­nungen, kurz dem Okkul­tismus (der Lehre von geheimen, unbe­kannten Kräften), die sich in der katho­li­schen Kirche verbergen, in die Irre geführt wird, fällt er sogar sehr tief. Aber wenn er über Christus schreibt, ist er wie unser Bruder. Hier sehe ich keinen großen Unter­schied zwischen meinen und seinen Ansichten. So betet er angeb­lich für mich, dass ich nach Rom zurück­kehre, und ich bete für ihn, dass er sich in Rich­tung des ewigen Jeru­salem wendet…“ Bogdan Vidmar, Priester und Kolum­nist, räumt ein, dass wir Zeugen einer immer schär­feren Spal­tung inner­halb der Kirche selbst sind, nämlich „zwischen den so genannten konser­va­tiven und libe­ralen Strö­mungen. Diese Spal­tungen sind jedoch nicht neu… und die Kirche hat sich im Laufe der Geschichte immer wieder erneuert und ihre Posi­tionen geän­dert, wenn wir zum Beispiel ihre Haltung gegen­über den Juden, die Frage der Reli­gi­ons­frei­heit, die Bestat­tung von Selbst­mord­op­fern, totge­bo­renen Kindern usw. betrachten…“ Er fragt sich, wie die zukünf­tige Entwick­lung der katho­li­schen Kirche aussehen könnte. Neue und schwer­wie­gende Themen klopfen an ihre Tür, wie „die Unauf­lös­lich­keit der Ehe, das Kommu­ni­on­verbot für Menschen, die in einer zivilen Lebens­ge­mein­schaft leben, das Problem des Geschlechts­ver­kehrs vor der Ehe, die Einstel­lung zu gleich­ge­schlecht­li­chen Part­ner­schaften…“. Hinzu käme die Frage der Abschaf­fung des Zöli­bats für Priester, des Frau­en­pries­ter­tums und vieler anderer Dinge, die einige christ­liche Kirchen längst als normal akzep­tiert haben. Der kürz­lich verstor­bene Dr. Marko Kremžar, Poli­tiker, Wirt­schafts­wis­sen­schaftler, Schrift­steller und Jour­na­list und eine der zentralen Figuren der slowe­ni­schen Diaspora in Argen­ti­nien, sagte in einem Inter­view in der letzten Ausgabe der Domo­vina in seinem unzer­stör­baren Glauben an den Menschen und das Leben, dass das Boot der katho­li­schen Kirche nicht sinken wird, „solange wenigs­tens ein paar Paar Hände das Wasser über Bord werfen, und sei es nur mit den Fingern“. Auch Dr. Alek­sander Erniša, das Ober­haupt der Evan­ge­li­schen Kirche in Slowe­nien, räumt ein (Novi glas, 7.11.2019), dass die Kirche in Bedrängnis ist, und zwar vor allem deshalb, weil sie sich in der Vergan­gen­heit von der Nächs­ten­liebe, ihrer ursprüng­li­chen Aufgabe, abge­wandt und sich dem Eigentum zuge­wandt hat und auf diese Weise ihr Vertrauen verspielt hat, und der Weg zurück wird schmerz­haft und lang sein. Davor hat schließ­lich auch Papst Fran­ziskus immer wieder gewarnt. Nicht zuletzt schwebt über dem Chris­tentum neben diesen Problemen und Dilem­mata auch die Gefahr des Terro­rismus. So wurden im vergan­genen Jahr laut Medi­en­be­richten etwa 10 000 christ­liche Kirchen ange­griffen, die meisten davon von Dschi­ha­disten, auch in Europa, mit Schwer­punkt in Frank­reich. Dabei sagen immer mehr isla­mi­sche Geist­liche den Unter­gang der christ­li­chen Zivi­li­sa­tion voraus, und die Christen scheinen nicht über­mäßig besorgt zu sein. Der briti­sche Histo­riker, Schrift­steller und Kolum­nist Keith Miles weist darauf hin, dass die Zivi­li­sa­tion, wie wir sie in Europa kennen, weit­ge­hend aus dem Chris­tentum hervor­ge­gangen ist und sich in der ganzen Welt ausge­breitet hat, in letzter Zeit aber neben den Drohungen und dem Terror der Dschi­ha­disten unter starken Druck von Athe­isten und Säku­la­risten geraten ist und dass sich der Westen stärker auf „diesen Angriff auf Europas Erbe“ konzen­trieren sollte.

Einige Gedanken über Gott und wer ein Christ sein kann

Papst Fran­ziskus hat bei einer Gele­gen­heit gesagt, dass es nicht notwendig ist, an Gott zu glauben, um ein guter Mensch zu sein. Auch der tradi­tio­nelle Glaube an Gott ist ein wenig veraltet. Für viele kann die Kirche auch Natur sein… Einige der besten Menschen der Geschichte haben nicht an Gott geglaubt, während viele, die es taten, in seinem Namen die schlimmsten Dinge getan haben“. Gedanken, die mehr als ein Beweis dafür sind, dass auch die katho­li­sche Kirche sich ändern kann, denn zur Zeit der Inqui­si­tion wäre er für diese Worte wahr­schein­lich auf den Schei­ter­haufen gebracht worden. Dr. Tine Hribar, der öffent­lich zugibt, dass er nicht an Gott glaubt, behauptet gleich­zeitig (Reporter, 15.1.2018), dass er ihn nicht leugnet. Er ist der Ansicht, dass „wir Erben der großen onto­lo­gi­schen Naivität der Aufklä­rungs­tra­di­tion sind, die die Wahr­heit auf das redu­ziert, was in den Natur­wis­sen­schaften bewiesen werden kann“. Aber es gibt Dinge, die unser Leben bestimmen, die wir nicht beweisen können, so wie die Wissen­schaftler ihre natu­ra­lis­ti­schen Annahmen. Daher „ist es heute, wo der Begriff Gott so viele Leben bestimmt, sogar im Westen, wo so viele Schlachten in seinem Namen geschlagen werden, schwierig zu sagen, dass er nicht exis­tiert“. Der Philo­soph, Dichter und Über­setzer Gorazd Kocjančič sagte in einem Inter­view für die Sams­tags­bei­lage von Dela, dass „eine der schlimmsten mögli­chen Tragö­dien in Europa statt­ge­funden hat, nämlich der Verlust Gottes… Denn in diesen rassis­tisch geprägten Zeiten denken nur wenige Menschen an Gott, und mit dem Verschwinden der Ethik und dem Verfall der Einstel­lung zu Werten verarmt die Gesell­schaft“. Bei einer Präsen­ta­tion meines auto­bio­gra­fi­schen Buches „In der Arena stehen“ wurden mir auch einige sehr persön­liche Fragen zu meiner Reli­gio­sität, meiner Bezie­hung zu Gott usw. gestellt. Ich erin­nerte die Zuhörer an eine Aussage von Dr. Andre Capudre, dass Europa in den letzten zwei Jahr­hun­derten einen Menschen hervor­ge­bracht hat, der Gott in sich selbst gefunden hat und sich ohne Vermittler und ohne die Kirche mit ihm arran­giert, und dass man solche Menschen nicht einfach für gottlos erklären kann und dass die Kirche dem zu wenig Rech­nung trägt. Ich habe gesagt, dass ich mich selbst irgendwo da drin sehe. Ich habe meinen Gott in meiner inneren Stimme gefunden, die mir sagt, was ich tun kann und was nicht, und auch, was ich tun muss und was ich nicht aufgeben darf, weil auch das eine Sünde sein kann, sowie in meinem Gewissen, das mich bestraft, wenn ich etwas falsch mache. Und das ist mir in meinem Leben schon passiert, und ich bin dafür hart bestraft worden. Ich habe schon auf der Erde eine echte Hölle erlebt, und ich musste nicht einmal sterben.

Milan Gregorič ist Schrift­steller und Autor mehrerer Bücher.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei DEMOKRACIJA, unserem Parter in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


3 Kommentare

  1. Habe mal gelesen, dass es in der Schweiz und Deutsch­land nur ca.3% wieder­ge­bo­rene Christen gäbe…Jesus selber fragte: “ meinst du wenn des Menschen Sohn kommen wird , wird er wohl Glauben finden auf Erden?“ Lukas 18.8
    Sehr, sehr traurig!

  2. Das Papstum mit dem Jesuiten Papst Fran­ziskus an der Spitze ist der bibli­sche Anti­christ, dies ist so klar in der Bibel beschrieben, diese Aussage sprigt einen buch­stäb­lich an, nur muss man eben das ganze Buch mal lesen und sich nicht nur irgend welchen Mist erzählen lassen.

    Wenn man die gesamte bibli­sche Zeit einmal in der Bibel betrachtet und danach die wahren christ­li­chen Akti­vi­täten bis in die heutige Zeit verfolgt erkennt man, das es leider welt­weit nur ein paar wenige Millionen Menschen geben wird, welche wahre Christen sind. Die Anfor­de­rungen sind da nämlich sehr, sehr hoch. Wir spre­chen hier von einem Promillewert !

  3. Ich glaube eher, dass die Anbie­de­rung der Kirche an die links­grüne Agenda ihr Unter­gang darstellen wird. Wo Priester gegen dieje­nigen pole­mi­sieren, die sich nicht impfen lassen wollen, wo die Kirche Schlep­per­boote stellt, um ille­gale Migranten nach Deutsch­land zu bringen, wo Kirchen­fürsten ihr Kreuz ablegen, wenn sie auf den Tempel­berg gehen, dort ist keine Kirche mehr zu Hause. Die Kirche sollte sich eher um Spiri­tua­lität kümmern als ums Vaginamalen.

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