Wir sollen schweigen, doch die Blume der Frei­heit blüht

Jacques Durocher / shutterstock

Wir sollen schweigen, doch die Blume der Frei­heit blüht

Von MARIA SCHNEIDER | Heute wollte ich wieder einmal einen Artikel schreiben. Themen gibt es genug: „Black Lives Matter“ Demos, an denen fast nur Weiße teil­nehmen; der gebro­chen deutsch spre­chende Afri­kaner, der in einem der teuersten und sichersten Stadt­teile lebt und den ich heute mit einem T‑Shirt sah, auf dem weiß auf schwarz „I can’t breath“ stand. Oder die stän­digen Ermah­nungen der Verkäu­fe­rinnen an Deut­sche, die Maske rundum abschlie­ßend um Nase und Mund zu tragen und ihr Wegschauen, wenn besagter Afri­kaner sich notdürftig einen Stoff­fetzen vor den Mund hält.

Oder die Frage, wer eigent­lich eine Minder­heit ist: Der Anteil von 9 % Euro­päern (Tendenz: schrump­fend) oder von 16,97 % Afri­ka­nern (Tendenz stei­gend) an der Welt­be­völ­ke­rung. Die schwarze „Minder­heit“ in Deutsch­land ist, welt­weit gesehen, in der über­wäl­ti­genden Mehr­heit und hat seit Ende der Kolo­ni­al­zeit mannig­fache Möglich­keiten und endlose Geld­ströme für den Aufbau ihres riesigen, afri­ka­ni­schen Konti­nents unge­nutzt verstrei­chen lassen.

Kampf gegen Rassismus, ja! Aber bitte nur dort, wo etwas zu holen ist

Die wohl­ge­nährten afri­ka­ni­schen Flücht­linge in Deutsch­land und sons­tigen west­li­chen Ländern – deren Marken­klei­dung und ‑schuhe immer wieder ins Auge stechen – begnügen sich mit dröh­nendem Schweigen, wenn es um den Einsatz für ihre verhun­gernden Brüder und Schwes­tern in Afrika geht. Glei­ches gilt für schon länger hier lebende Afri­kaner. Beispiel­haft nenne ich den wohl­si­tu­ierten, aus Ghana stam­menden Koch Nelson Nukator (heute: Müller), der meinte, den Schalke-Aufsichts­rats­chef Clemens Tönnies wegen seiner unge­schickten Afrika-Aussagen anpran­gern zu müssen. Setzt Nelson Nukator (Orwell’sche Sprach­re­ge­lung: „Stutt­garter Jung“) sich für seine Ghanai­schen Lands­leute ein oder kocht er lieber eigene Süpp­chen? Wir wissen es nicht.

Die Mittags­ma­gazin-Mode­ra­torin Jana Pareigis und die Jour­na­listin Alice Hasters (Orwell’sche Sprach­re­ge­lung: Kölsches Mädel) beklagen trotz lukra­tiver Jobs bei den öffent­lich-recht­li­chen Medien – nach denen sich so manche deut­sche Dauer­prak­ti­kantin die Finger lecken würde – einen Alltags­ras­sismus in Deutschland.

Frau Hasters hat sogar eine ausführ­liche Gebrauchs­an­lei­tung darüber erstellt, wie sie als Afro­deut­sche behan­delt zu werden wünscht. Die Jammer­ti­rade bean­sprucht beim Deutsch­land­funk gleich mehrere Seiten und lässt nichts unver­sucht, Deut­schen zu beweisen, dass sie keinerlei Recht darauf hätten, sich jemals auch nur im geringsten benach­tei­ligt zu fühlen und statt­dessen im Vergleich zu Frau Hasters uner­mess­liche Privi­le­gien genießen würden, die ihnen – wie man zwischen den neid­vollen Zeilen liest – wegen ihrer weißen Täter­schaft nicht einmal mehr in ihrer eigenen Heimat Deutsch­land zustünden.

„Rasse“ ersetzt „Klasse“ beim Beutezug

„Klasse“ scheint also durch das neue Code­wort „Rasse“ ersetzt worden zu sein, um als schwarzes Top-Opfer jede Art verbaler und – im Extrem­fall – körper­li­cher Gewalt gegen Weiße zu recht­fer­tigen, die gleichsam mit Täter- und Rassis­musgen schuld­haft geboren werden. Die Verein­nah­mung ihres Besitzes und Landes ist daher nur die gerechte Strafe für ihr Weiß­sein. Ja, das Weiß­sein allein ist schon ein rassis­ti­scher Affront für zahl­reiche Afri­kaner. Auch Frau Hasters scheint als geknech­tete Afro­deut­sche durch Fragen nach ihrer „eigent­li­chen Herkunft“ ein dauer­haftes Trauma davon­ge­tragen zu haben.

Dass solche Rassis­mus­de­batten und „Black Lives Matter“ Proteste vor allem in Ländern mit einer noch bestehenden Mehr­heit an Weißen statt­finden, wo Beute zu machen ist – und nicht in den homo­genen Herkunfts­län­dern, wo man sich mit echtem Hunger und wirk­li­cher Not ausein­an­der­setzen müsste – wirft jedoch die Frage auf, ob es wirk­lich um Rassismus geht.

Welcher Afri­kaner inter­es­siert sich schon für Afrika, wenn er im Westen leben kann?

Die Ände­rung der Situa­tion in Afrika oder gar ein Vor-Ort-Einsatz scheint weder die Akti­visten noch die dauer­jam­mernden Afro­deut­schen wirk­lich zu inter­es­sieren – dies scheint wohl zu anstren­gend zu sein und bringt so unan­ge­nehme Begleit­erschei­nungen wie geni­tale Verstüm­me­lung von Frauen, hohe Krimi­na­lität, die tradi­tio­nelle gegen­sei­tige Verskla­vung afri­ka­ni­scher Stämme und miss­lie­bige Wohn­ver­hält­nisse – wie Hütten und Wasser­mangel – mit sich.

Da ist es schon viel ange­nehmer, in Deutsch­land auf dem Sarotti-Mohr herum­zu­reiten und Berliner Straßen umzu­be­nennen, statt „gegen Chris­to­phobie aufzu­stehen“ und für die entführten Boko-Haram Schwes­tern zu demons­trieren. Was meinen Sie dazu, Frau Pareigis und Frau Hasters, oder fühlen Sie sich durch dies Frage wie der „alte, weiße Mann“ auf ihre Haut­farbe reduziert?

Ich vermute, dass Sie – wie die meisten „unter­drückten, hungernden“ Afri­kaner in den wenigen, verblei­benden weißen Ländern – das Einfor­dern weiterer Vorrechte in Deutsch­land vorziehen, indem Sie als welt­weite Mehr­heit einen vermeint­li­chen „Minder­hei­ten­status“ als Mons­tranz vor sich her tragen. Das macht mehr Spaß und bringt mehr Geld, als sich mit den Sünden Ihrer Vorfahren in Afrika sowie den derzei­tigen Problemen wie Über­be­völ­ke­rung, Miss­wirt­schaft und Korrup­tion auseinanderzusetzen.

Es macht also durchaus Sinn, wenn man sich zur Gewinn­ma­xi­mie­rung auf die vergan­genen „Sünden“ toter Euro­päer konzen­triert. Aber recht­fer­tigt dies wirk­lich Gewalt und Plün­de­rungen? Wie lange darf man sich auf dem Opfer­status ausruhen und wann greift eigent­lich die Eigen­ver­ant­wor­tung? Letzt­lich scheint es bei den Protesten also wieder einmal nur um Vorteils­nahme zu gehen, einfach weil die Gele­gen­heit günstig ist und man gerade auf der Welle der Macht reiten kann. Ein weißes Opfer scheint also derzeit, wie an der Börse, weniger wert zu sein als ein Schwarzes. Und daher wird mit Feuer­eifer gehandelt.

Das Halt­bar­keits­datum von Begriffen

Über­haupt – „Schwarz“, „Weiß“, „Asia­tisch“, „Afri­ka­nisch“ usw. Die Gedan­ken­po­lizei will immer stärker in das Gehirn der Euro­päer eindringen, Synapsen umpolen und neue Schalt­kreise setzen. Ich spüre jeden Tag stärker die Zange der Zensoren. Will ich nun einen Text schreiben, so ist dies wie ein Irrweg durch ein sich ständig änderndes Laby­rinth, aus dem es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Täglich, fast stünd­lich, wird eine neue Sprach­re­ge­lung erlassen – als ob man so Ungleich­heit auf der Welt besei­tigen könnte.

Schauen wir uns den Werde­gang folgender Begriffs­ver­wen­dung an: Vom „N‑Wort“, zu „Farbiger“, zu „Schwarzer“, „Afro­ame­ri­kaner“, „Afro­deut­scher“ oder neuer­dings „People of Colour“, um eine noch stär­kere Front aller Nicht­weißen gegen die tatsäch­liche, mit Zahlen beleg­bare Minder­heit der Weißen zu schaffen.

Wird die Umeti­ket­tie­rung etwas bewirken? Nein, denn die Sprach­wis­sen­schaft weiß, dass ein neuer, frischer Begriff wie „People of Colour“, der einen alten, „verbrannten“ Begriff wie „Farbiger“ ersetzen soll, mit der Zeit auch seine Jung­fräu­lich­keit verlieren wird. Denn solange man mehr­mals nega­tive Erfah­rungen mit Menschen einer bestimmten Ethnie macht, solange wird der neue Begriff nach einer Weile wieder die gleiche emotio­nale Ladung und Asso­zia­tion haben wie der alte Begriff. Auch „Ethnie“ hört sich noch (!) neutraler als „Rasse“ an, wird jedoch früher oder später das gleiche Schicksal wie „Rasse“ erleiden, da die Sprache die Gedanken der Menschen wiederspiegelt.

Man mag einwenden, dass die engen Meinungs­kor­ri­dore, das Einimpfen neuer Sprach­re­ge­lungen und seiden­weiche Aussagen zur Schaf­fung einer Schein­har­monie, den soge­nannten „Rassismus“ und die Ungleich­heit der Welt ausmerzen werden. Dies mag scheinbar der Fall sein, weil einige Autoren sich entweder in den Sprach­la­by­rin­then verirren, von der Sprach­po­lizei als Gedan­ken­ver­bre­cher verwarnt oder selbst entnervt aufgeben werden.

Mit der Unter­drü­ckung wächst der Widerstand

Einige Autoren und immer mehr Menschen werden also lieber – symbo­li­siert durch den Masken­maul­korb – schweigen. Andere wiederum werden sich gerade mit zuneh­mender Unter­drü­ckung, Gänge­lung und Gedan­ken­kon­trolle immer stärker an ihre Essenz als fühlende, denkende, tran­szen­dente Wesen erin­nern, die zur Frei­heit geboren sind. Wesen, die das Leben in Fülle haben sollen.

Diese Menschen werden sich aus dem Laby­rinth erheben, viel­leicht eine Leiter nehmen, um über die Hecken zu steigen. Einige werden sich einen Tunnel unter dem Laby­rinth graben oder sie richten ihre Uhr als Kompass ein und schneiden sich strikt gen Norden mit einer Hecken­schere einen Weg aus dem Irrgarten.

Manche stellen sich viel­leicht auf die Schul­tern hilf­rei­cher Freunde. Von dort oben haben sie den Über­blick und werden erkennen, dass das Laby­rinth klein und abge­grenzt ist. Dass dahinter – soweit das Auge reicht – die Blume der Frei­heit blüht. Sie können von oben jedem, der es will, den Weg aus dem Laby­rinth weisen.

Wer einmal Frei­heit gekostet hat, kann nicht mehr zurück. Wer einmal den Duft der Frei­heit gewit­tert hat, wird sich fragen, „Was ist das?“ und seine Suche beginnen. Das ist auch der Grund, warum die Unter­drü­ckung jeden Tag zunimmt. Die Frei­heit gewinnt an Macht.

Daher ist eines so sicher wie der Sonnen­auf­gang am Morgen: Mögen die Masken noch allge­gen­wärtig sein und indi­gene Deut­sche noch so einge­schüch­tert werden. Mögen unsere Intel­li­genz und unser gesunder Menschen­ver­stand noch so sehr durch unlau­tere, kalt­her­zige Menschen an den Schalt­stellen der Macht belei­digt werden – die Frei­heit bahnt sich immer ihren Weg.

Zur Autorin: Maria Schneider ist freie Autorin und Essay­istin. In ihren Essays beschreibt sie die deut­sche Gesell­schaft, die sich seit der Grenz­öff­nung 2015 in atem­be­rau­bendem Tempo verän­dert. Darüber hinaus verfasst sie Reiseberichte.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here