Die Spiel­arten des Konser­va­tismus in Mittel­eu­ropa aus tsche­chi­scher Perspektive

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Von Dr. Roman Joch *

Die tsche­chi­schen Konser­va­tiven sehen ihre unga­ri­schen und polni­schen Amts­kol­legen zuneh­mend als Verbün­dete, die vertei­digt werden müssen, schreibt Dr. Roman Joch.

Der Konser­va­tismus in Mittel­eu­ropa ist nicht mono­li­thisch, sondern reprä­sen­tiert eine Viel­zahl von Denk­schulen und unter­schied­li­chen Werten.

Mein Eindruck ist, dass der polni­sche Konser­va­tismus eher reli­giös geprägt ist, während der unga­ri­sche Konser­va­tismus eher national geprägt ist, der tsche­chi­sche Konser­va­tismus eher bürger­lich und klas­sisch, rechts­li­beral und der slowa­ki­sche Zweig im Zentrum aller drei vorher­ge­henden steht.

In den letzten 30 Jahren gab es zwischen einigen Tsche­chen und einigen Polen zwei „Liebes­af­fären“, aber diese beiden Liebes­af­fären wurden nicht gegen­seitig gewür­digt. Es gab eine Diskre­panz zwischen tsche­chi­schen „Polono­philen“ und polni­schen „Tsche­cho­philen“. Die Tsche­chen, die Polen und seine Geschichte bewun­dert haben, bewun­dern vor allem jene Merk­male, die dem tsche­chi­schen Natio­nal­cha­rakter etwas fehlen: polni­schen Mut, Ehre, Ritter­lich­keit, die Bereit­schaft, gegen alle Widrig­keiten zu kämpfen und niemals aufzu­geben (und viel­leicht ist es wahr, dass die Tsche­chen im 20. Jahr­hun­dert zu oft kapi­tu­liert haben).

Ande­rer­seits schätzen Polen, die die Tsche­chen, die tsche­chi­sche Gesell­schaft und die tsche­chi­sche Lite­ratur bewun­dern, beson­ders den tsche­chi­schen Prag­ma­tismus, Säku­la­rismus und Libe­ra­lismus – sowohl intel­lek­tuell wie auch mora­lisch. Mit anderen Worten: Tsche­chen, die Polen bewun­dern, sind tsche­chi­sche Konser­va­tive, und Polen, die Tsche­chen bewun­dern, sind eher polni­sche Liberale.

Das ist eine Ironie der Zeit­ge­schichte, nicht wahr?

Was die tsche­chi­schen Konser­va­tiven von den tsche­chi­schen Libe­ralen und Sozia­listen unter­scheidet, ist neben vielen anderen Unter­schieden ihre jewei­lige Haltung gegen­über Polen und Ungarn und ihren amtie­renden Regie­rungen. Tsche­chi­sche Libe­rale und Sozia­listen neigen, wie alle euro­päi­schen (und ameri­ka­ni­schen) Libe­ralen und Sozia­listen, dazu, die konser­va­tiven Regie­rungen Polens und Ungarns kritisch zu betrachten. Nach Ansicht der tsche­chi­schen Konser­va­tiven wirkt die Haltung der tsche­chi­schen Libe­ralen gegen­über Ungarn und Polen zuneh­mend hyste­risch, unaus­ge­wogen und aus den Angeln gehoben. Die tsche­chi­schen Linken sind jedoch auch gegen­über der Regie­rung Tsipras in Grie­chen­land oder gegen­über den sozia­lis­ti­schen Regie­rungen in Spanien härter als früher. Die tsche­chi­schen Sozia­listen (im Gegen­satz zu den Libe­ralen – das muss man ihnen zugute halten) sind gegen­über Ungarn und Polen härter als je zuvor gegen­über latein­ame­ri­ka­ni­schen linken auto­ri­tären Regimen und Dikta­toren wie Hugo Chávez.

Die Premier­mi­nister Ungarns Viktor Orbán, rechts, Polens Mateusz Mora­wi­ecki, links, und der Tsche­chi­schen Repu­blik Andrej Babis, Mitte, wenden sich während ihrer gemein­samen Pres­se­kon­fe­renz während eines V4-Gipfels in Prag, Tsche­chien, an die Medien.

Wie stehen die tsche­chi­schen Konser­va­tiven zu den polni­schen und unga­ri­schen Regie­rungen und ihrer Politik? Natür­lich kann es sein, dass Konser­va­tive mit bestimmten Poli­tiken jeder Regie­rung, einschließ­lich ihrer eigenen, nicht einver­standen sind. Man kann unter­schied­liche Meinungen zu Fragen haben wie die, welche Rolle der Staat in der Wirt­schaft spielen sollte oder welche Rolle eine Regie­rungs­partei in den natio­nalen öffent­li­chen Medien spielen sollte. Verschie­dene Gesell­schaften und Nationen haben unter­schied­liche Traditionen.

Was den tsche­chi­schen Konser­va­tiven jedoch am meisten auffällt, ist die totale Heuchelei der euro­päi­schen Libe­ralen und Sozia­listen gegen­über Polen und Ungarn. Wäre etwa die Politik der amtie­renden konser­va­tiven polni­schen und unga­ri­schen Regie­rungen gegen­über der Justiz und den Medien von den einhei­mi­schen polni­schen und unga­ri­schen Genossen der euro­päi­schen Libe­ralen und Sozia­listen umge­setzt worden, würden die euro­päi­sche Linke und die linke Mitte völlig schweigen und über­haupt keinen Grund zur Kritik sehen.

Daher ist der Eindruck und die Über­zeu­gung der tsche­chi­schen Konser­va­tiven, dass die polni­schen und unga­ri­schen Regie­rungen nicht für das kriti­siert werden, was sie tun, sondern für das, woran sie glauben und welche poli­ti­schen Meinungen ihnen wichtig sind. Die Regie­rungen Ungarns und Polens sind im wesent­li­chen Opfer der poli­ti­schen Intoleranz.

Aus diesem Grund weigern sich die tsche­chi­schen Konser­va­tiven, sich dem mora­lis­ti­schen Dschihad der Linken – sowohl des sozia­lis­ti­schen als auch des libe­ralen Flügels – gegen Ungarn und Polen anzuschließen.

Und nicht nur das, sondern die tsche­chi­schen Konser­va­tiven betrachten Ungarn, Polen, Slowaken, Ameri­kaner und andere Konser­va­tive als wich­tige Verbün­dete in wich­ti­geren – sogar grund­le­genden – Kämpfen, die bereits statt­finden und die in abseh­barer Zukunft an Inten­sität zunehmen dürften.

Die Unter­stüt­zung der tsche­chi­schen Konser­va­tiven bezieht sich auf die grund­le­genden Aufgaben und die Bedeu­tung des Konser­va­tismus. Welche sind das?

Sie sind die glei­chen, wie sie es in den letzten 230 Jahren, also bis zur Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion zurück­rei­chend, immer waren: unsere west­liche (christ­liche) Zivi­li­sa­tion und ihre Werte gegen ihre Feinde im In- und Ausland zu vertei­digen und zu schützen.

Was sind diese Werte? Sie beruhen auf den jüdi­schen Zehn Geboten, der grie­chi­schen Demo­kratie und Philo­so­phie, dem römi­schen Recht und dem Sinn für das Bürger­recht sowie dem christ­li­chen Verständnis von Wesen und Schicksal der Mensch­heit, das von der Mensch­wer­dung und Selbst­auf­op­fe­rung des Gottes­sohnes zum Wohle der gesamten Mensch­heit geprägt ist, was die ange­bo­rene Würde aller Menschen impliziert.

Kirche der Sieg­rei­chen Mutter­gottes mit dem Heiligtum des Jesus­kindes von Prag, der ersten Station auf der Apos­to­li­schen Straße in der Tsche­chi­schen Republik.

Die Haupt­feinde sind dieje­nigen Linken, die unsere Zivi­li­sa­tion hassen und sie als unge­recht empfinden. Diese „erwachten“ Neo-Jako­biner und Neo-Puri­taner, die glauben, dass Gerech­tig­keit mit ihnen beginnt und endet. Es sind into­le­rante Radi­kale und Fana­tiker, die die „fort­schritt­liche“ Bewe­gung dominieren.

Zusätz­lich zu diesen Haupt­auf­gaben des Konser­va­tismus gibt es mehrere Anliegen, die uns nicht entgehen sollten:

Das russi­sche Ordnungs­kon­zept basiert nicht auf Gerech­tig­keit, sondern auf Macht. Wir können von Zeit zu Zeit Verbün­dete Russ­lands sein, aber Russ­land ist nicht Teil unserer Zivi­li­sa­tion und es kommt von dort auch oft nichts Gutes.

Wir sollten uns um die Aufrecht­erhal­tung der trans­at­lan­ti­schen Bezie­hungen und der Allianz mit Nord­ame­rika bemühen. Sie sind Teil unserer Zivi­li­sa­tion und bleiben unsere Verbün­deten. Die Konser­va­tiven mögen auf der anderen Seite des Atlan­tiks sein, aber sie kämpfen die glei­chen Kämpfe wie wir in Europa.

China ist geogra­phisch weit von uns entfernt, aber die Pläne und Pläne des Landes, unsere Wirt­schaft, Politik und Medien zu kontrol­lieren und eine Fünfte Kolonne bei uns zu schaffen, sind unverkennbar.

Muslime haben schon immer in Europa gelebt. Wenn sie unseren Gesell­schaften gegen­über loyal sind – und das sind viele – heißen wir sie als unsere Mitbürger will­kommen. Aber einige von ihnen sind es nicht, und unter ihnen sind dieje­nigen, die uns hassen und uns töten möchten. Es wäre Wahn­sinn, eine massive musli­mi­sche Einwan­de­rung nach Europa zuzu­lassen. Aber trotz Schät­zungen von Pew Rese­arch, wonach sich ihre Bevöl­ke­rung in Europa bis 2050 auf 75 Millionen Menschen verdrei­fa­chen könnte, fördert die Linke uner­bitt­lich mehr Migra­tion aus Nord­afrika und dem Nahen Osten.

In diesen lebens­wich­tigen, kultu­rellen und zivi­li­sa­to­ri­schen Kämpfen sind alle Konser­va­tiven aus allen Nationen natür­liche Verbün­dete, und so denken auch die meisten tsche­chi­schen Konser­va­tiven. Und die klas­si­schen tsche­chi­schen Liber­tären, die dazu neigen, auf ähnliche Weise zu denken, werden immer konser­va­tiver. Es gibt aber auch jene klas­si­schen Libe­ralen, die diese Sicht­weise ablehnen und immer mehr nach links abdriften.

Ich prophe­zeie, dass es am Ende des Tages nur noch sehr wenige tsche­chi­sche klas­si­sche Libe­rale geben wird; die Kultur­kriege werden einige nach rechts drängen, und sie werden konser­vativ werden, während sich andere ihrem Schicksal mit der Linken anschließen werden.

C’est la vie.

Quelle: rmx.news


*) Dr. Roman Joch ist Direktor und Vize­prä­si­dent des Bürger­li­chen Insti­tuts in Prag. Er ist Kommen­tator und Dozent für poli­ti­sche Philo­so­phie und inter­na­tio­nale Bezie­hungen mit Schwer­punkt USA. Er ist Autor mehrerer Mono­gra­phien und Exper­ten­stu­dien, darunter American Foreign Poli­cies and the Role of the US in the World (Studies OI, Prag 2000), Rebel­lion against the Revo­lu­tion of the 20th Century (Academia, Prag 2003) und The Future of Conser­va­tism – a Trans­at­lantic Perspec­tive (New Direc­tion, Brüssel 2020).

 

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