Trans­na­tio­nale Impfhysterie

Foto: Ungarnreal.de

Von Irén Rab *

Das Gute an der Coro­na­virus-Epidemie ist, dass sie den Oppo­si­ti­ons­par­teien poli­ti­sche Muni­tion und ein stän­diges Thema für die Medien sichert. Sobald die Epidemie vorüber ist, werden die Pres­se­mit­ar­beiter genü­gend Zeit haben, die seit dem Ausbruch gemachten sowohl profes­sio­nellen als auch poli­ti­schen, mani­pu­lie­renden, unan­fecht­baren Urteile, Behaup­tungen von Millionen von Viren­ex­perten und die Theo­rien der Virus­leugner in chro­no­lo­gi­scher Reihen­folge aufzu­listen: Wir werden mächtig über­rascht werden.

Vor einem Jahr, zum Zeit­punkt des Pande­mie­aus­bruchs, empfahlen Viro­logen – besseres hatten sie nicht im Köcher – gründ­li­ches Hände­wa­schen und Distanz. Maske brauche man nicht, sie helfe nichts, sagten damals auch die seriösen Profis im deut­schen Fern­sehen, weil die Maske Mangel­ware war, man konnte sie nur zum Gold­preis erwerben.

Auf den inter­na­tio­nalen Märkten brach der Kampf aus. Ich erin­nere mich, dass eine chine­si­sche Ladung in die Schweiz vom deut­schen Zoll in Hamburg beschlag­nahmt wurde, sie benö­tigten die Schutz­aus­rüs­tung auch. Unsere unga­ri­schen Aufklärer­truppen nutzten unsere guten Bezie­hungen im Osten und mit der Hilfe des Turkrates, lieferten sie Tausende Beatmungs­ge­räte, die welt­weit ausver­kauft waren. Die Panik­mache mit Hilfe der Medien hat ihren Eifer verstärkt, und natür­lich der Wunsch, zu beweisen, dass der Schutz des unga­ri­schen Lebens an erster Stelle steht. Die Entschei­dungs­träger wurden auch von der Oppo­si­tion gejagt, da die medi­zi­ni­sche Ausrüs­tung ohnehin schon vor der Pandemie eine feste Devise war, worin die neue links­li­be­rale Führung in der Haupt­stadt den Wert staat­li­cher Inves­ti­tionen jedesmal aufrech­nete. Wir erin­nern uns viel­leicht, wie viele Compu­ter­to­mo­grafen oder Beatmungs­ge­räte Orbán von seinem Stadt­wäld­chen-Projekt oder vom Fußball­sta­dion hätte kaufen können. Das Projekt schreitet voran, das Stadion wird gebaut und die Beatmungs­ge­räte wurden gekauft (woher hat die Regie­rung, die angeb­lich vom Dieb­stahl lebt, nur so viel Geld?).

Die Beschimp­fung der Regie­rung schrei­tete wegen der Einschrän­kungen im Früh­jahr voran, obwohl die Schlie­ßung der Schulen einst von der Oppo­si­tion gefor­dert wurde. Dann wollten sie die Abhal­tung des Abiturs verhin­dern, stachelten die Lehrer dagegen auf, und dann sahen wir, dass das Abitur gut orga­ni­siert und ohne jegliche Probleme ablief. Der wirt­schaft­liche Rettungs­schirm ist nicht adäquat! – sagten dieje­nigen, die in ihrer Regie­rungs­zeit den Haus­halt des Landes immer in letzter Minute mit Blei­stift und Papier hastig zusam­men­stellten. Wir testen nicht genug, diese Thematik domi­niert seit Monaten jede Platt­form, es gibt Beispiele dafür, wie viel mehr der fort­schritt­liche Westen und sogar auch der Osten testen (weil sie uns inzwi­schen alle angeb­lich über­holt haben)! Obwohl sich die Test­ex­perten im Dickicht der verschie­denen Tests über­haupt nicht auskannten, beharrten sie ohne Möglich­keit der Wider­rede auf ihrer jewei­ligen Wahr­heit. Die sorg­fältig geführten offi­zi­ellen Daten der Regie­rung wurden als Fälschung diffa­miert und die tägli­chen Berichte der WHO wurden nur dann akzep­tiert, wenn die Vergleichs­daten mit anderen Ländern für uns ungünstig ausfielen. Ich habe noch nie in meinem Leben so viel Miss­gunst gesehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein FC-Bayern-Fan auf einmal Anhänger von Borussia Dort­mund wird, weil ihm Uli Hoeness nicht gefällt. Und jetzt, ange­sichts der Epidemie, sollte man unser Team, das Land, gemeinsam bejubeln.

Zum Beispiel dadurch, dass man der Pande­mie­be­kämp­fung der Regie­rung vertraut und sie sogar ermäch­tigt, die notwen­digen Schritte zu tun. Zum dritten Mal haben sich die Oppo­si­ti­ons­par­teien gewei­gert, dies­be­züg­liche Gesetze im Parla­ment zu befür­worten, sie gene­rieren im In- und Ausland Stim­mung gegen die Regie­rung und sie visio­nieren ständig irgend­eine Diktatur. Obwohl gerade die Verfas­sung garan­tiert, dass das nicht passieren kann, die außer­or­dent­li­chen Befug­nisse der Regie­rung gelten nur für einen bestimmten Zeit­raum und nur für die epide­mio­lo­gi­schen Entschei­dungen. Das Parla­ment tagt fröh­lich weiter, erlässt Gesetze, und die Oppo­si­tion ruft Zeter und Mordio, bringt Kartof­feln ins Parla­ment zum Minis­ter­prä­si­denten, während die falsch infor­mierte auslän­di­sche Presse über die Ausset­zung der Rechts­staat­lich­keit doziert.

Was würde geschehen, wenn die unga­ri­sche Regie­rung nach fran­zö­si­schem, öster­rei­chi­schem oder gar deut­schem Vorbild keine zeit­lich begrenzten Befug­nisse hätte? Und was wäre, wenn die Gemein­de­ver­samm­lungen ausnahmslos von Bürger­meis­tern mit außer­ge­wöhn­li­chen Befug­nissen nach dem Gesetz und zu wich­tigen Themen wie dem jähr­li­chen Budget der Haupt­stadt in Höhe von 400 Milli­arden Forint regulär abge­halten würden und der Ober­bür­ger­meister aufgrund der Epidemie nicht alleine entscheiden würde. Ich möchte Ihnen nicht über die anderen Entschei­dungen berichten, die er mutter­see­len­al­leine getroffen hat, ohne die Gene­ral­ver­samm­lung des Stadt­par­la­ments einzuberufen.

Und jetzt gibt es die Impf­hys­terie. Es ist seit langem bekannt, dass die natür­liche Herdenim­mu­nität, welche Schweden lange prokla­mierte und probierte, nicht funk­tio­niert, sie ist langsam und bringt zahl­reiche Opfer mit sich. Man muss die  künst­lich hervor­ge­ru­fene Immu­nität errei­chen, also das Durch­impfen der Bevöl­ke­rung. Endlich ein Thema, worauf sich die Mitglied­staaten der Euro­päi­schen Union einigen könnten! Gemeinsam sind wir ein größerer Markt, wir haben bessere Chancen, sagte die Kommis­sion, dann begann sie, wie üblich, die Papiere hin und her zu schieben, damit die Vertei­lung, die Geld­mittel, also die Entschei­dung, wenn auch langsam, aber in einem demo­kra­ti­schen Super­rechts­pro­zess getroffen werden kann.

Die Gesund­heits­kom­mis­sarin der Kommis­sion ist die zypri­sche Psycho­login Stella Kyria­kides. Es ist nicht ihre Schuld, dass ihr dieser Bereich deswegen zuge­teilt wurde, weil das Gebiet der Gesund­heits­ver­sor­gung 2019 nicht beson­ders wichtig schien, es gehörte nicht zu den sechs Prio­ri­täten der gewählten Kommis­sion für diese Amts­zeit. Vor andert­halb Jahren waren die grüne Politik, die Digi­ta­li­sie­rung, die Rechts­staat­lich­keit und die Demo­kratie um jeden Preis noch wich­tiger. Na ja, den Kampf für die Rechts­staat­lich­keit haben sie auch während der Pandemie nicht aufge­geben, für sein Weiter­leben ist Ungarn das Virus. Die Kommis­si­ons­mit­glieder sind in der Regel Spezia­listen in ihrem “Fach­ge­biet”, wie Völker­kund­lerin Jourova als die oberste Rechts­staat­lich­keits­be­auf­tragte, sowie Kyria­kides für das Gesund­heits­wesen. Inkom­pe­tenz ist überall ausge­spro­chen modisch: bei uns ist ein vom Werk­zeug­ma­cher zum Sozio­logen avan­cierter Lajos Kórozs Vorsit­zender des Ausschusses für Wohl­fahrt (d.h. Gesundheit).

Komis­si­ons­prä­si­dentin von der Leyen glaubt, dass das trans­na­tio­nale Pande­mie­ma­nage­ment uns helfen kann, aus der Krise heraus­zu­kommen: Wir werden die Grund­lagen für eine stär­kere euro­päi­sche Gesund­heits­union schaffen, in der 27 Länder zusam­men­ar­beiten, um Krisen zu verhin­dern, uns auf sie  vorzu­be­reiten und zu reagieren”, sagte sie und übergab diese Aufgabe der armen Kyria­kides. Die wenige hundert­tau­send Seelen zählende Repu­blik der grie­chi­schen Zyprioten wurde sehr aufge­wertet, seitdem ihre EU-Kommis­sarin mit solch wich­tigen orga­ni­sa­to­ri­schen und entschei­dungs­po­li­ti­schen Aufgaben betraut ist. In Bezug auf die Reak­ti­ons­zeit ist sie südlich langsam, es ist wahr­schein­lich das Gewicht der Verant­wor­tung, das auf ihren Schul­tern lastet. Aus diesem Grund wurde wohl der Kauf des Impf­stoffs lange über­legt, während die Hersteller die Vakzine an dieje­nigen verkauft haben, die zuerst bezahlten.

Viktor Orbán hat unter­dessen erneut die euro­päi­sche Soli­da­rität umgangen und ein Abkommen mit den Russen und den Chinesen geschlossen, damit die unga­ri­sche Bevöl­ke­rung so schnell wie möglich, vorzugs­weise bis Ostern, durch­ge­impft werden kann. Das Impfen ist keine Pflicht, nur wer will, wer regis­triert oder sich betroffen fühlt, kann sich impfen lassen. Ich habe mich auch ange­meldet, und ich habe meine erste Spritze bekommen, den Sputnik, den ich haben wollte. Laut meinen Bekannten habe ich die Anwei­sungen des Minis­ter­prä­si­denten befolgt und sie haben mir eine gute Reise auf der Lenin-Putin-Route gewünscht. Als ich von der Impfung zurück­kehrte, hörte ich im Fern­sehen, dass die Demo­kra­ti­sche Koali­tion (eine post­kom­mu­nis­ti­sche Oppo­si­ti­ons­partei) den russi­schen Impf­stoff nicht zulassen würde, um ihre Wähler zu schützen, zumin­dest dort, wo sie kommu­nale Befug­nisse hat. Unter­dessen drängen Merkel, Macron und wer auch sonst immer die verant­wort­liche Zyprerin, sie solle endlich mit Putin, mit den russi­schen Herstel­lern, mit irgend­je­mandem verhan­deln, weil der Impf­stoff auf dem EU-Markt Mangel­ware ist.

Ich sehe, dass wir der Welt wieder einen Schritt voraus sind. Auch wenn viele Leute es zu Hause nicht mögen, sollten sie ruhig in der Welt herum­schauen, wie es dort um den Gesund­heits­schutz steht? Wie über­be­lastet das Gesund­heits­system vieler­orts ist, an manchen Stellen sogar funk­ti­ons­un­fähig, die Impfungen stocken, es gibt keine rich­tigen Infor­ma­tionen. Das Geld geht aus, die gesell­schaft­liche Akzep­tanz sinkt, die Menschen sind undis­zi­pli­niert, epide­mio­lo­gi­sche Vorschriften werden nicht einge­halten, Proteste werden orga­ni­siert. Die Regie­rungen sind machtlos und ergreifen unter dem Druck der Bevöl­ke­rung wider­sprüch­liche und halb­her­zige Maßnahmen. Wenn die Berufs­wie­der­ständler hier zu Hause das alles sehen und wissen könnten, wären sie glück­lich, hier zu leben. In Ungarn, wo bis auf einige pseu­do­linke Auftritte Ruhe herrscht, die Mehr­heit der Bevöl­ke­rung sich  koope­rativ und diszi­pli­niert verhält, weil wir gelernt haben, dass das die einzige Lösung in einer Kata­strophe ist.

Ich wage gar nicht daran zu denken, was passieren würde, wenn plötz­lich die über Gebühr kriti­sche Oppo­si­tion sich mit der Epidemie selbst ausein­an­der­setzen und das Schicksal des Landes und dessen Bürger im Wohn­zimmer der Gyurcsánys entschieden werden müsste?

 

Der hier wieder­ge­ge­bene Meinungs­bei­trag erschien am 19. Februar auf dem Online-Portal der konser­va­tiven Tages­zei­tung Magyar Hírlap. Eine deut­sche Über­set­zung von Dr. Andrea Martin erschien zuerst bei Ungarn Real, unserem Partner in der EUROPÄISCHEN MEDIENKOOPERATION.


*) Irén Rab ist promo­vierte Kultur­his­to­ri­kerin und studierte unga­ri­sche Philo­logie, Biblio­the­k­wis­sen­schaft und Geschichte sowie Euro­pa­stu­dien an unga­ri­schen Univer­si­täten. 2003–2014 war sie als Dozentin für Hunga­ro­logie an der Univer­sität Göttingen tätig. Bis  2017 lebte sie in Deutsch­land. Seit ihrer Heim­kehr nach Buda­pest beschäf­tigt sie sich weiterhin mit wissen­schaft­li­chen Forschungen und publi­ziert in verschie­denen Zeitungen in Ungarn zum Themen­be­reich Gesell­schafts­po­litik. Sie postet auf ihrem Blog Ungarn-Real regel­mäßig Pro-Ungarn-Artikel aus dem konser­va­tiven Lager.


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